Skip to main content

Full text of "Die böhmischen Exulanten in Sachsen. Zur Beantwortung der von der fürstlich Jablonowski'schen ..."

See other formats


Google 



This is a digital copy of a book that was prcscrvod for gcncrations on library shclvcs bcforc it was carcfully scannod by Google as pari of a projcct 

to make the world's books discoverablc online. 

It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 

to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 

are our gateways to the past, representing a wealth of history, cultuie and knowledge that's often difficult to discover. 

Marks, notations and other maiginalia present in the original volume will appear in this flle - a reminder of this book's long journcy from the 

publisher to a library and finally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to 
prcvcnt abuse by commercial parties, including placing lechnical restrictions on automated querying. 
We also ask that you: 

+ Make non-commercial use ofthefiles We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for 
personal, non-commercial purposes. 

+ Refrain fivm automated querying Do not send automated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machinc 
translation, optical character recognition or other areas where access to a laige amount of text is helpful, please contact us. We encouragc the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 

+ Maintain attributionTht GoogXt "watermark" you see on each flle is essential for informingpcoplcabout this projcct and hclping them lind 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are lesponsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can'l offer guidance on whether any speciflc use of 
any speciflc book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search mcans it can bc used in any manner 
anywhere in the world. Copyright infringement liabili^ can be quite severe. 

Äbout Google Book Search 

Google's mission is to organizc the world's Information and to make it univcrsally accessible and uscful. Google Book Search hclps rcadcrs 
discover the world's books while hclping authors and publishers rcach ncw audicnccs. You can search through the füll icxi of ihis book on the web 

at |http: //books. google .com/l 



Google 



IJber dieses Buch 

Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches, das seit Generationen in den Realen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im 
Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Welt online verfugbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde. 
Das Buch hat das Uiheberrecht überdauert und kann nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch, 
das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch öffentlich zugänglich ist, kann 
von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kulturelles 
und wissenschaftliches Vermögen dar, das häufig nur schwierig zu entdecken ist. 

Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Originalband enthalten sind, finden sich auch in dieser Datei - eine Erin- 
nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat. 

Nu tzungsrichtlinien 

Google ist stolz, mit Bibliotheken in Partnerschaft lieber Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse 
zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nie htsdesto trotz ist diese 
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch 
kommerzielle Parteien zu veihindem. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen. 
Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien: 

+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche Tür Endanwender konzipiert und möchten, dass Sie diese 
Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden. 

+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sie keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen 
über maschinelle Übersetzung, optische Zeichenerkennung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen 
nützlich ist, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials fürdieseZwecke und können Ihnen 
unter Umständen helfen. 

+ Beibehaltung von Google-MarkenelementenDas "Wasserzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei finden, ist wichtig zur Information über 
dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuche zu finden. Bitte entfernen Sie das Wasserzeichen nicht. 

+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein, 
sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA 
öffentlich zugänglich ist, auch für Nutzer in anderen Ländern öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist 
von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig 
ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und überall auf der 
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben. 

Über Google Buchsuche 

Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google 
Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser We lt zu entdecken, und unterstützt Au toren und Verleger dabei, neue Zielgruppcn zu erreichen. 
Den gesamten Buchtext können Sie im Internet unter |http: //books . google .coiril durchsuchen. 



1 


r 








■ 



DIE 

BÖHMISCHEN EM LA^rrEN 

IN SACHSEN. 



Zi:it Hf.ANTWOKTUNCi 

UKU VIW DEU Ft!RK'ri,l<;H JABI.üNOWSKI'SCHRX 0K8EI.LSCHAKT 

GESTELLTEN UISI'OIUSCHBN PUEISFUAÜK: 

tVtiterstichimg der bü zur Mitte des Xfll. JahrhatderU atatigifuttdvntH 

Üi'heraiedftitiig aus Böhmen nach Sachstn und der Folgen , weiche dieee 

für Sachte»» Ouitur gehabt haben - 



CHKlSriAN ADOLPH PESCHECK, ^ 



UBl 8. HIRZRL. 



DIE 



BÖHMISCHEN EXULANTEN 



IN SACHSEN. 



ZUR BEANTWOUTUNG 

DKU VON DER FÜRSTIJCll JABl.OXÜWSKrsCHEN GESELLSCHAKI 

OESTEij;rj:N historischen Preisfrage: 

Untersuchung der bis zur Mitte des WIL Jahrhunderts stuttgefumtenen 
Uelntrsiedelung au» Böhmen naeh Sachsen und der Fo/gen, kcI ehe diese 

fih' Sarhsens i^ultur gehahl hahen* 



VON 



CHRISTIAN ADOLPH PESCHECK, 

THKOL. DK. f'ND 4BrHlDU(*0!<ira xr 4ITT«U. 




f 



LKIIV.Ki 

BKI S. HIKZKI. 

is:>7. 



^^ s^ 4 7 . / S' 



y 



HARVARD COLce-GE LIBRARY 
FBOM THt ÜbRARY OF 

|K)OOLPHE REUSS 

THE BEQUEST OF 
IICHBERT DARUNG FOSTER 

MOVEMBER 9. 1928 ^ ^ 



• 



Vorbemerkung 



der Fürstlich Jablonowski'schen Gesellschaft. 



Die vorliegende Schrift enthüll die Beaniwortun)t der von der F. J. Gesell- 
schaft im Jalire \ 854 gestellten , nach ihrem Wortlaut auf dem Titelblatt ange- 
gebenen, historischen Preisfrage. Das in ihr mit seltenem und überaus sorg- 
fältigem Flcisse zusanmiengebrachte historische Material ist der F. J. Gesellschaft 
als schUtzl>arer Beitrag zur vaterliindischen Gescbichtskunde erschienen; um 
dessetwillen hat sie der verdienstlichen Arbeit des Herrn Verfa.ssers das Ac- 
cessit zuerkannt. 

Eben dieser Reichthuin an historischem Gehalt hat sie aber auch bewogen, 
absehend von manchen, streng genommen nicht zum Thema gehörigen, oder 
der Bündigkeit und Rundung historischer Gomposition nicht ganz entsprechen- 
den Beigaben , für welche dem Herrn Verfasser allein Rechnung zu tragen ist, 
die Schrift durch den Druck zu verftflentlichen. 



Tebersicht des Inhaltes. 



Eioleitung I 

I. Untersuchung der bit lur Milte des 17. Jahrhuoderls slattgefundenen Uebersiedelungen 
aus Böhmen nach Sachsen 

1} Welches war die Ursache jener grossen L'ebersiedelungen? 

t Weiche und wie viele Böhmen sind ausgewandert? 

5) Wann haben diese Auswanderungen stattgefunden? . I 

4} Aus welchen Gegenden sind die Einwohner vornehmlich gelcommen? . . I 
5 Wie haben diese Uebersiedelungen stattgefunden? * 4 

6) Wohin in Sachsen haben die Einwanderer sic^ gewendet? 1 

Meißner Kreis 

Dresden 

Pirna 

Andre Sttfdte des nieissner Kreises und Dörfer 

Erz^ebirger Kreis 

Freiberg und Zwickau 

Annaberg 

Schneeberg 

Chemniti und andre erzgebirgische Stttdte 

Der volgtiMndische Kreis 

Der leipziger Kieis 

Oberlausllz 

OberlausilserStkdte. Zittau 

Dudissin 

Lobau 

Uberlausilzische Stfidtchen 

Dorfergruppen um Zittau 

Andre Dörfer 

II lotertuchung der Kolgen, welche die Uebersiedelungen aus Böhmen nach Sachsen 
für Sachsens Cultur gehabt hat>on 

1 Folgen für die materielle Cultur 91 

Vermehrte Bevölkerung 94 



VI 



Seile 

Neuer Anbau. 

Neue Vorstädte 99 

Neue Städtchen 1 00 

Neue Dörfer 404 

Neue Kirchen 4 07 

Bodencultur 108 

Bergbau 109 

Gewerbtbttticrkeit 109 

t) Folgen für die geistige Cultur. 

Intelligenz Uk 

Gemütbsbildung 4S0 

Nachlass von Exulanten 411 



B e I I a g e n. 

I. zu S. 9. Katastrophe einer einst hohen Exulantenfamilie , von Duba 418 

II. zttS. 45. Angesehne Ezulantenfamilien aus andern kaiserlichen Staaten nach 

Sachsen gekommen 4 35 

III. zu S. 18. Beispiel, theils von der grossen Zahl, theils von der Mannichfaltigkeit der 

Heimat und des Standes der nach. Sachsen übersiedelnden Exulanten . 4 86 

IV. V. und VI. zu S. 15 u. 54 . Landesherrliche Rescripte wegen der Aufnahme von 

Exulanten in Sachsen 488 

VII. und Vlll. zu S. 88. Bitte der böhmischen Exulanten zu Pirna an den Ghur- 
fürst von Sachsen Johann Georg um freie Ausübung des Gottes- 
dienstes in Pirna , nebst churTürsllichem Rescript 443 

IX. zu S. 64 . Zug nach dem damals auch sttchsiscben Wittenberg 4 45 

X. zu S. 65. Landesherrliches Rescript wegen Exulantenaufnahme in der Lausitz . 4 46 

XI. zu S. 81. Aufnahme in nur damals sächsischen Stttdten 4 47 

XII. zu S. 88. Desgleichen in solchen Städtchen und Dörfern 449 

XIII. zu S. 86. Der Zug der Exulanten aus der Lausitz nach Berlin 4 54 

XIV. zuS. 94. In Acten zu Löbau gefundne Familien - Namen böhmischer Exulanten 

in Dörfern der südlichen Oberlausitz 4 54 

XV. zu 8. 91. Exulanten in der Dörfergruppe im Queiaskreise , südöstlich in der 

Oberlausitz 4 56 

XVI. zu S. 94. Czechlsche Exulantennamen zu Dresden 4 59 

XVII. zu S. 4 08. Anbauung auch mährischer u. schlesischer Exulanten in der Oberlausitz 461 

XVIII. zu S. 406. Rescripte wegen des Anbaues zu Gersdorf 4 64' 

XIX. zu S. 4 08. Neue Exulantenkirchen , die einst sächsisch waren, aber nicht mehr 

sind 466 

XX. zu S. 4 4 5. Beweis der Tüchtigkeit aus Böhmen nach Sachsen verscheuchter Ge- 
lehrter 167 



Einleitung. 



In einem Zcitaller, wo es noch etwas sehr Schmerzliches i^ewesen ist , das 
Jugendland und die llcimalh verlassen und in ein andres Land , oft in weiter 
Ferne , UbersiiHleln zu niUssen , ist vielen tausenden der achtun^^swcrthesten Be- 
wohnor des herrlichen ßühnierlandes das harte Loos gefallen, ihr »süsses Vater- 
land« meiden zu mUssen, und^ von einem aufgedrungenen I.andesregenten , der 
sich von eingedrungenen Fremdlingen leiten liess, Verstössen, angstvoll ein neues 
zu suchen. Sie sind weder die ersten, noch die letzten Opfer des Religionsfana- 
tismus voriger Jahrhunderte gewesen : denn edle Söhne Frankreichs, Spaniens 
und der Niederlande haben noch \icl iirgeres, und Steyermark, I'ngarn und Salz- 
burg ähnliches, auch schlimmeres erdulden niDssen. 

Jene unfreiwilligen Uebersiedelungen aus Döhmen waren \icl anders, als in 
alten Zeiten die der Phönicier und Griechen, die in ferne ('olonieen mit Freuden 
giengeiif weil Handelsgewinn die Vaterlandsliebe Überwog : anders als in neuster 
Zeit die grossartigen und freiwilligen l'ebersiedelungen nach Amerika und Austra- 
lien, welche verstimmte oder unglückliche EuropamUde, unter viel leichteren 
l'mstjinden und bei der nunmehrigen Gleichheit fast aller Lande unternehmen. 

Sehr eigenthUmlich waren dit* Zustünde Hnhiiiens im siebzehnten Jahrhun- 
dert. Die Si^hünheit und Fruchtbarkeit des Landes fesselte die Bewohner, und 
sie lebten glücklich. Ihre eigenthümliche czechische Sprache band sie desto fester 
an ihr geliebtes Vaterland, worin sie seit ihrer alten Einwanderung .sich so wohl 
befunden hatten. Aber geboten ward ihnen seit 10^) die sclimerzliehe Au.^- 
Wanderung, doch aber auch wieder so erschwert, dass sie bei manchen nur 
eine Uflchtliche Flucht sein konnte. Da mUs.sen ganz eigenthUmliehe l'rsachen und 
Umstände obgewaltet hal»en, sonst hiUt<'n sie mit Freuden dem biblis<'hen Rathe 
gefolgt, »bleibe im Lande und n<thre dich redlich!« Das wdre ja ihr heissester 
\Vun.sch gewesen. Aber folgen mussten sie jetzt einem andern SprUchw orte, und 
»unter zwei l*e>K*ln das kleinere wählen.« (leistesdruck und Religionstyrannei 
war ihnen das grossere l'ebel. 

Prtrilffek, Dm» Mka. KaaUalM. f 



2 Einleitung. 

Jene fUr Böhmen und ebenso für Sachsen, dahin die meisten Uebersiedelun- 
gen gerichtet waren , gleich wichtigen Ereignisse , die für jenes Land so nach- 
theiiig und für dieses so heilsam wurden, gründlich darzustellen, und das An- 
denken jener schweren Zeiten und der nun fast ganz vergessenen Exulanten zu 
erneuern und zu erhalten : ist die Absicht des durch eine wichtige Preisfrage zu 
weiterer Erforschung aufgemunterten Verfassers. Es gebeut diese Aufgabe eine 
zweifache historische Untersuchung, nämlich der Uebersiedelungen selbst, und 
dann auch ihrer Folgen für Sachsens Cultur; so dass also die Arbeit in zwei 
Haupttheile zerfallen muss. 

Möge ihm das Zeugniss werden , dass er eine Lücke in der Vaterlandsge- 
schichte auszufüllen gesucht, und. nicht einen historischen Roman, sondern ein 
ganz getreues Bild jener Vergangenheit geliefert habe , und dass nun die Angele- 
genheit ausführlich und im Zusammenhange erörtert worden ist^). 



4) Schon der grosse böhmische Sprach- und Geschichtsforscher, der Abt Joseph Do - 
browsky ; sagt io einem 4826 abgefassten Briefe an Johann Borott: »Wäre eine Geschichte 
der böhmischen Emigranten nicht möglich, nicht wiinschenswerlh? Rogo, admove manum 
operil Wenigstens könnten Sie vor der Hand Data dazu sammeln.« Ein ähnliches Werk er- 
schien auch 4858 in Frankreich, nämlich von Weiss : Histoire des r6fugi^s protestans de France. 



^ 



I. 

Untersuchung 

der bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts stattgefundenen 
Uebersiedeluiigen aus Böhmen nach Sachsen. 

Da drangt sich wahrlich eine nicht geringe Anzahl Fragen auf, deren Beant- 
wortung nicht allein noth wendig sein will, sondern allerdings dein Forscher nicht 
unmöglich ist; näm|^h die Fragen : 

Warum sind solche Uehersiedelungen unternommen worden 1 

Was fUr Menschen und wie zahlreich sind sie aus- und eingewandert? 

Wann hat Böhmen so viele Bewohner verloren, Sachsen aber gewonnen? 

Aus welchen Theilen Böhmens sind sie gekommen und in welchen Theilen 
Sachsens haben sie eine neue Heimath gesucht und gefunden? 

Wie sind sie gewandert und gekommen? 

Was fUr Leute sind erst später oder gar nicht ausgewandert? 

Was für Aufnahme haben sie in Sachsen gefunden und wie ist ihre Ansie- 
delung da segensreich geworden? 

Diese Punkte scheinen dem Verfasser zu erschöpfen , was man hier zu wis- 
sen wünschen mag. Unter allen den Fragen nach dem Warum, Wer, Wann, 
Wo, Wie, mit welchen Erfolgen ? sind wohl die erste und letzte die wichtigsten. 

I. Welches war die Ursache jener grossen Uehersiedelungen? 

Es ist dieses Warum freilich eine grosse Frage, auf die sich jedoch mit Ei- 
nem Worte antworten lüsst: ReligionsbedrUckung , insbesondere Verweigerung 
der Errungenschaften der Reformation, wie solches auch in Spanien , Frankreich 
und den Niederlanden, in Oestreich und Salzburg, in T\rol und mehreren west- 
deutschen Gebieten der Fall gewesen ist und Uel)ersiedelungen nach Preussen 
und nach Amerika veranlasst hat. Es waren jedoch bei den Böhmen einige Um- 
stände von anderer Art, als in den genannten Landen ; theils w eil in Böhmen das 
Licht schon langer geschienen und fast das ganze Volk erleuchtet hatte , so dass 
die Katholiken nicht mehr tiberwiegend waren: theils weil hier der Sieg des 
Lichtes bereits Freiheit, Recht und Sicherheit gewonnen tu haben schien, indem 



4 Die böhmischen Exulanten in Sachsen 

der Utraquismus längst schon Rechtsboden besass, die Grossen Böhmens bereits 
viel Gewicht in die Wagschale des Protestantismus legen konnten und die aus 
den ungemässigten Hussilen ausscheidenden sogenannten »böhmischen BrUdera 
durch ihre ehrwürdigen Tugenden und Einrichtungen Ächtung gewonnen haben 
musstän ; theils weil die Religionsverfolgung in Böhmen , so hart und beklagens- 
werth sie auch war, doch weniger grausam als jene in den Tagen der spanischen 
Inquisition, der pariser Bluthochzeit, der Verurtheilung der Wiklefiten in Eng- 
land , und der Presbyterianer in Schottland , sowie der Strenge des Herzogs von 
Alba in den Niederlanden, gewesen ist. 

Antikatholischer Geist und Widerwille gegen römisches Joch war nämlich 
schon seit 6 Menschenaltern , und weil das Land sein Ghristenlhum ursprünglich 
von griechischer Seite empfangen hatte, in Böhmen vorherrschend, dabei auch 
Wohlstand, Bildung und Freisinnigkeit einheimisch. Wie hätte man da den römi- 
schen Zwang (in Hinsicht auf die lateinische Sprache beim Gottesdienste, den 
Kelch und den Gölibat, in welchen Stücken die Böhmen von Anfange an glück- 
licher gewesen) und jesuitischen Druck können ertragen wollen? Stolz war die 
Nation darauf , die ersten gelehrten , freimUthigen und beredten Zeugen reine- 
rer evangelischer Wahrheit in Hus und Hieronymus, ja schon vor ihnen viele 
andere noch nicht vergessene aufgeklärte Lehrer mit wikleßschem Geiste gehabt 
zu haben. Aus den Hussiten waren endlich zwei Parteien hervorgegangen , wel- 
che der reinern evangelischen Wahrheit näher standen , als die katholischen Be- 
wohner des Landes, nämlich jene schon genannten Utraquisfen und die böhmi- 
schen Brüder. Durch sie war der Boden für die Reformation schon vorbereitet 
und es war in Böhmen damals mehr Licht- und Denkfreiheit, als in andern Län- 
dern. Die Utraquisten , welche bekanntlich das heilige Abendmahl 5t/6 uiraque, 
böhmisch pod obegi d. i. unter beiderlei Gestalt, also auch mit dem Kelche, feier- 
ten, hatten einige Anerkennung und Berechtigung erlangt. Utraquistisch war 
ganz Prag, ein grosser Theil des Adels und sehr viele Städte. Die böhmischen 
Brüder aber waren der edelste und achtbarste Zweig der Hussilen , eine kennt- 
nissreiche, friedliche Partei, die ausgezeichnete Männer unter sich zählte. Grosse 
Aufmerksamkeit erregte bei ihnen, unter solchen Umständen, das Auftreten Lu- 
thers. An ihn schlössen sich sehr viele an und wurden eine Zeit lang von oben 
nicht verfolgt. Nach Erlangung des Majestälsbriefes vom Kaiser Rudolph H., 
4609, waren lutherische Kirchen in Böhmen in grosser Zahl. Auch die reformirte 
oder calvihistische Partei fand in Böhmen Anhänger. Doch giebt es fast gar keine 
Nachrichten von den Anfangen der lutherischen und schweizerischen Reforma- 
tion an den einzelnen Orten ; nur dass man viele Namen würdiger evangelischer 
Geistlichen , die in Böhmen in Aemtern gestanden, noch kennt. 

Verfolgt unter Ferdinand L, geduldet unter Maximilian H. , von Rudolph H. 
nur anfUnglich glimpflich behandelt, kamen die Evangelischen unter Ferdinand H. 
in die schrecklichen Tage der Verfolgung und der Gegenreformation. Nachdem 
sie nämlich im Jahre 1609 von Rudolph 11. einen Duldung und Rechte versichern- 
den Majestätsbrief errungen hatten, bewegten sie sich frei und veranlassten da- 
durch eine gewaltige Reaction. Die Protestanten hatten, für ihre Zukunft ernst- 
lichst besorgt, aus den edelsten Männern des Landes, Defensoren und Directoren 
zum Schutz ihrer Rechte, besonders der Universität und des Consistoriums , er- 



von Chr. Ad. Pescheck. 5 

wähll. Damals war es, wo einige leidenschaftliche Milnner unter ihnen sich lei- 
der Ihällich an hohen Beamteten des Landesherrn vergriffen und die Sache sehr 
schlimm machten. Nach Rudolphs II. und Matthias' Tode wollten die Protestan- 
ten , die durch den zu ihnen gehörenden mächtigen Adel stark und muthig ge- 
worden waren, den sich ihnen aufdringenden Nachfolger, den mit den vorigen 
Kaisern nahe verwandten Ferdinand von Sleyermark nicht annehmen. Weil er 
als ein gcschworner Feind und Verfolger der Protestanten bekannt war, wagten 
sie^ auf das vormalige Wahlrecht sich berufend, einen protestantischen Fürsten, 
den Kurfürsten Friedrich von der Pfalz zu ihrem Könige zu erwUhlen , der zwar 
in Prag gekrönt ward, aber endlich , nach der Schlacht am weissen Berge, vor 
Ferdinand II. fliehen musste. 

Es ward nun Ernst mit der Verfolgung, zumal da zu ihrer Unterdrückung 
der^ Jesuitenorden die thätigsten Dienste anbot und leistete. Halten schon seit 
1610 Zwangsmassregeln zur Ausrottung des evangelischen Kirchenthums, oder 
der bei jener Partei sogenannten Ketzerei, begonnen : so wurden sie nach dem 
Siege Ferdinands , nach seinem entschiedenen Willen und durch seine eifrigen 
Helfer, immer gewaltiger betrieben. Es gelang auch , Viele wieder zur katholi- 
schen Kirche zurückzuführen. Standhaft aber blieben besonders die Familien, 
die schon seit einigen Menschenaltern nicht mehr katholisch, sondern deren Ver- 
filtern schon eifrige Hussiten gewesen waren. 

Zum Schutze der Bekehrungsmänner musste Ferdinand Soldaten mitgeben, 
welche die Gegen reformationscommissarien begleiteten und mit , roher Barbarei 
die unglücklichen Prolestanten behandelten. Doch aber ging es milder zu als in 
Spanien , in Frankreich und in den Niederlanden , indem wohl Qualen genug, 
doch nicht Feuer- und Schwertstrafen verhängt wurden. 

Es galt als eine Müdigkeit, dass Erlaubniss zu Auswanderung gegeben ward, 
die jedoch später zurückgenommen wurde , da man sah , wie allmählig tausende 
und abertausende nach Sachsen und sonst ins Ausland sich wendeten. Sie tha- 
ten es freilich mit schwerem, aber auch mit freudigem Herzen, anfänglich immer 
mit der Hoffnung, dass die Umstände sich ändern könnten, und endlich eine 
glückliche Rückkehr ins Vaterland noch möglich werden und die wiederholte 
Fürsprache evangelischer Fürsten nicht vergeblich bleiben würde. Was alles die 
Protestanten Böhmens im Zeitalter 16S3, 1640, 1650, 1696 zu dulden hatten war 
unermesslich viel schwerer, nämlich die Wegnahme ihrer Kirchen , die scho- 
nungslose Misshandlung und Vertreibung ihrer würdigen und geliebten Geistli- 
chen , die Aufdringung unv^issender und sittenloser Mönche aus Polen an ihre 
Stelle und zahllose, schreckliche persönliche Misshandlungen. 

Das traf nach und nach alle Stände , auch den Adel. Derselbe bestand aus 
wissenschaftlichen und aufgeklärten Männern , welche auch Güterconfiscation zu 
erdulden hatten , indem sie auch als politische Verbrecher gelten konnten , weil 
sie gegen Ferdinand gewesen waren und ihre Hoffnungen der Religionsfreiheit 
auf einen fremden Fürsten gestellt gehabt hatten. 

Mit Stadibürgern und Landleuten verfuhren die Gegen reformationscommis- 
sarien und besonders die Bekehrungsdragoner am schonungslosesten. Man zwang 
die Leute mit Säbelhieben, in die Messe zu gehen , jagte sie dagegen blutig aus 
den evangelischen Gottesdiensten und zertrat ihre hölzernen Altarkelche mit den 



5 Die böhmischen Exulanten in Sachsen 

• 

Füssen. Man entzog den Protestanten, selbst eingebornen, das Bürgerrecht, un- 
tersagte ihnen, ihr Handwerk zu treiben , zwang selbst vornehme Leute von den 
Festmahlen und Hochzeiten fern zu bleiben oder wenigstens allemal als die un- 
tersten zu sitzen , man erlaubte Begräbnisse entweder nur auf die unwürdigste 
Weise oder gar nicht, man Hess die Leute grausam fesseln , wiederholt auspeit- 
schen, auf scharfe Breter setzen und mannichfallig foltern , auch quälen mit Eis 
und Lichterbrand. Man quälte die Leute mit verfilnglichen Fragen und mit Zu- 
muthung der schroffsten und verletzendsten Glaubensbekenntnisse, man legte 
Soldaten Wochen lang zur Execution in die Wohnungen. Besonders raflinirt wa- 
ren die Qualen, die man über Frauen verhing; so dass man sich wahrlich nicht 
wundern darf, wenn sie die Verlassung der Hcimath für das glücklichste hielten. 
Nicht allein, dass sie Schmerz und Kummer genug hatten über die Absetzung, 
Einkerkerung, Verfolgung und Missbandlung ihrer Männer, über den Verlust 
ihrer Habe , über das Scheiden von den Gräbern frommer Aeltern und lieber 
Kinder , über die Zudringlichkeit des Bekehrungsgeschäfts der Jesuiten und über 
die Frechheit der Dragoner : nein , sie wurden sogar angebunden ihren schreien- 
den Säuglingen gegenüber, so dass sie Tage lang ihnen die Brust nicht reichen 
konnten, wurden auch abgehalten , ihren vor Hunger brüllenden Kühen Futter 
zu bringen ; und fortwährend standen sie in Furcht vor weiteren Jammerscenen, 
vermehrton Quälereien und noch schmerzlicherer Verhöhnung. 

Mit dem Landvolke glaubte man wenig Umstände machen zu müssen. Be- 
redte Mönche und rohe Bekehrungsdragoner imponirten ihnen , bald schmeichle- 
risch, bald despotisch, so dass ganze eingeschüchterte Schaaren zur katholischen 
Kirche zurücktraten, besonders solche Familien, welche nicht schon seit dem 15. 
Jahrhundert hussitischen Häusern angehört hatten , sondern deren Mitgliedschaft 
bei der lutherischen oder reformirten Kirche nur erst ein paar Generationen alt 
war. Man drang in die Dorfkirchen , riss die Geistlichen höhnend von den Altä- 
ren hinweg, zerriss die Bücher, entblösste und hieb die Leute, man verbot das 
Heirathen , sperrte die Leute in grässliche Kerker und Abtrittsgruben , Hess sie 
Tage lang hungern und dürsten, legte die Ketten so scharf an, dass sie die Glie- 
der wund riehen, presste alles Geld ihnen ab und führte sie, bei katholischen 
Volksfesten, unter wiederholten Auspeiischungen, herum. Man behandelte sie in 
den Verhören mit heftigstem Ungestüm, wendete häufig Tortur an, schimpfte und 
drohte. Sehr schmerzlich fühlten Familien auch die Wegnahme der Kinder, die 
man mit Gewalt in Klöster sperrte, damit sie katholisch erzogen würden. 

Daneben gab es auch gleichzeitig andere allgemeine Drangsale, wie die 
wiederholte Kriegsnoth jener Zeit, der Geldmangel, die hohen Steuern u. drgl. 

Die Absichten jener Quälereien waren nicht blos Züchtigung und Zwang, 
sondern vornehmlich Abschreckung auch anderer von der sogenannten Ketzereu 
Da jener Religionszwang nicht ein nur vorübergehender Sturm war und sich im- 
mer wiederholte : so musste die Liebe zum Vaterlande aufgegeben und , in Hoff- 
nung auf Gottes Hilfe , der EntschJuss der Auswanderung und Uebersiedelung 
gefasst werden. So lange man noch zu hoffen wagte, wählten Viele, wie früher 
die böhmischen Brüder in ihrer Verfolgung, eine einstweilige Zuflucht in die da- 
mals in Böhmen noch sehr grossen und undurchdringlichen Waldungen, wo aber 
oft Hunger und andere Nolh sie marterte; denn an Zuflucht in Häuser war nicht 



von Chr. Ad. Pescbeck. 7 

ZU denken, weil die Beherbergenden grosse Strafen hätten zahlen müssen. In 
diesen Wäldern haben sie oft Predigten gehört, das heilige Abendmahl gefeiert 
und durch Gebet und Bibellesen sich gestärkt. 

Während Viele der Gewalt wichen und die Jesuiten sich rühmen konnten, 
ganze Schaaren zum katholischen Glauben zurückgebracht zu haben , waren die 
edelsten GemUther standhaft, und beschlossen lieber, diesem jetzt so unglücklich 
gewordenen Vaterlande entweder ganz oder bis auf bessere Zeiten zu entsagen. 
Während die Regierung anfänglich es als eine Gnade anbot, (statt des, nach ih- 
rem W^ahne, der sogenannten Ketzerei eigentlich gebührenden Feuertodes,) aus 
dem Lande wegziehen zu dürfen, ward , da die Zahl der Scheidenden allzugross 
wurde, diese Erlaubniss zurückgenommen und so die Flucht erschwert, dass nur 
die Muthvollsten sie wagen konnten. 

Diese Andeutungen mögen genügen , um den Entschluss und die That der 
religiösen Fremdlinge zu erklären , die in unser sächsisches Vaterland Zuflucht 
nahmen, hier mitleidige Aufnahme fanden und dem Sachsenlande manchen Se- 
gen mitbrachten^). Das Volk der Böhmen dagegen kannte man nach 400 Jahren 
nicht mehr, und erst unter Joseph II. und in der Gegenwart hat es neuen Auf- 
schwung genommen. 

2. Welche? und wie viele Böhmen sind ausgewandert? 

So gross auch der Auswanderer Zahl gewesen und nach und nach gewor- 
den ist, und so sehr man auch zu sagen berechtigt gewesen sein mag, dass die 
Auswandernden (hochgestellte Männer, geistreiche Gelehrte , gesinnungstUchtige 
Stadtbürger und Landleute,) zu dem edelsten Kern der eigentlichen Gzechen und 
auch der Böhmen aus den deutschen Kreisen des Landes gekört haben , und das 
Land, wider Erwarten, viel, sehr viel verloren hat: so ist doch nicht zu wäh- 
nen , dass Böhmen dadurch übermässig entvölkert worden^) und die Zahl der 
Uebersiedelnden die gross te geworden sei. 

Fragen wir zuerst: wer nicht auswanderte? so können wir fünferlei Men- 
schen nennen. 

4 ) Die katholisch gebliebenen Familien , welche die Religion der Väter in 
Ruhe befriedigt hatte. 

2) Viele der Utraquisten, die ja, in Hinsicht anderer Einrichtungen fast ganz 
katholisch geblieben und dem Erzbischof mit unterthan waren , und nun , beim 
Verbot des Utraquismus, sich wieder fügten, ganz katholisch zu werden. 

3) Die beim Zwange zum Katholicismus wieder zurücktretenden. Dieser 
Rücktritt geschah allerdings massenweise, bei lauer Religiosität, bei dem grossen, 



4 ) Alles was hier nnr mit kürzesten Worten angedeutet ward , ist ausfübriich erörtert in 
der Schrift: Geschichte der Gegenreformation in Böhmen. Dresden, 4 844 , 2 Binde, und in 
dem gleichfalls von mir herausgegebenen Werkchen : Die Auswanderung glaubenstreuer Pro- 
testanten aus Böhmen nach Sachsen. Allen Nachkommen von Exulanten gewidmet. Zittau, 
4857. 

2) Weit mehr durch das SOjtfbrige Kriegselend ; denn Böhmen hatte vor deoMeUb«! S Mil- 
lionen und nach demselben nur 780,000 Einwohner. 



8 Die böhmischen Exulanten in Sachsen 

imponirenden Eifer der bekehrenden Mönche und Jesuiten , bei den Hieben der 
Dragoner, bei dem Zureden der Verwandten und bei Grundbesitz , an dem ihr 
Herz und Leben hieng. 

4) Solche Protestanten , die noch eine bessere Wendung der Dinge hofiten 
und das über sich gewinnen konnten, ihre protestantischen Ueberzeugungen un- 

« 

ter dem Scheine des katholischen Kirchengehens zu verheimlichen. 

5) Diesen haben sich auch manche angeschlossen , welche den Trübsalen 
der Verbannung nicht gewachsen waren, aus dem Exil, nach gemachten be- 
kannten Anerbietungen , wiederkehrten und sich endlich unterwarfen oder ge- 
waltsam gehalten wurden. 

Fragen wir nun aber auch : Wer waren die Uebersiedelnden : so ist die all- 
gemeine Antwort: die charakterfesten und ihrem wohlbegrUndeten Glauben 
treuen Männer und Frauen, welche mit Entschiedenheit unkatholisch waren; 
vorzuglich solche, deren Stammilltem schon seit Hus von der katholischen Kirche 
abwichen *) ; Christen, welche bereit waren , um Freiheit und Lichts willen , Ir- 
disches aufzugeben; die gefasst waren, auch etwas zu dulden, in Trttbsale sich 
zu ergeben und Gott zu vertrauen. Solche Männer und Frauen waren in allen 
Ständen unter Reichen und Armen. 

Um das zu beweisen, werden wir theils über den verbannten und exiliren- 
den Adel, über die nicht bleibenden Gelehrten, über die verjagten Geistlichen, 
tlber die entschlossenen Bürger und die glaubensfesten , standhaften Landleute 
besondere Nachricht geben müssen. 

In Hinsicht des Herren- und Ritterstandes, der wegen seiner Freiheiten und 
Rechte und seiner aristokratischen Gesinnungen dem König Ferdinand H. ein 
Dorn im Auge , und dessen Entgegenstreben (zumal bei freier Wahl eines an- 
dern Landesregenten,) insofern sehr willkommen war, weil nun seine Demüthi- 
gung und Vernichtung als Strafe würde gerechtfertigt scheinen können , hätten 
wir eigentlich zwischen Verbannten und Uebersiedelnden zu unterscheiden. Sie 
fallen in vielen Fällen zusammen ; aber es sind auch edle Herren und Männer 
gewesen , die in die Empörung gegen Ferdinand nicht verwickelt gewesen , je- 
doch in dem Lande weder bleiben wollten noch durften , das nun den fremden 
Jesuiten preisgegeben war , und wo das Sinken der Geistescultur in trauriger 
Aussicht stand. Ja , diese Männer haben wohlgethan. Alte Adclsfamilien konn- 
ten nur etwa 18 in Böhmen bleiben, während 185 Geschlechter (zu 4 — 50 Per- 
sonen) also fünf Sechstheile des böhmischen Adels, ins Ausland übersiedelten. 

Die Namen der Herren und Gutsbesitzer könnten wir alle nennen , da ge- 
naue Verzeichnisse , theils von ihren Namen , theils von den Landgütern , die sie 
preisgeben und mit dem Rücken ansehen mussten, uns vorliegen'). Man weiss 
auch von den Mehrsten, wo sie hingekommen, und wie sie meist ein besseres 
Schicksal gehofll, wenige aber ein solches erlebt haben. Aber es gehen uns 
hier diejenigen allein etwas an , welche eben nach Sachsen ihre Zuflucht genom- 



4) Anders war es dagegen in Ungarn, wo nur die evangelischen Geistlichen vertrieben 
worden, das Volk aber wieder katholisch ward. 

2) Pelzeis böhmische Geschichte 11, 738. Bist, persec. 808 ff. Holyk 406. Gegenreforma> 
Uon I, 485 ff. 



von Chr. Ad. Pescheck. 9 

men und da entweder ein neues Glück gefunden haben oder auch verkümmert 
sind*]. Wir behalten uns vor, ihre Namen erst weiter unten zu nennen , wenn 
wir auf die sächsischen Ortschaften zu sprechen kommen werden, wo Exulanten 
Aufnahme fanden. 

Ein nicht minder trauriger Verlust war die Verbannung der Gelehrten , in 
so grosser Zahl, meist eben der besten Köpfe, die in das neue Pfaffenthum sich 
nicht finden wollten'). Am meisten wissen wir von Auswanderern unter Theo- 
logen , weil eben solche durch im Exil herausgegebene Schriften (wie Comenius, 
Holyk, Jacksch u. a.) viele Nachrichten auf die Nachwelt brachten. Es waren 
unter den abgesetzten und vertriebenen Geistlichen viele sehr ttlchtige und an- 
gesehene Mtfnner, ausgezeichnet theils durch ihren Rang, alsDechante und Ober- 
pferrer berühmter Städte , theils durch ihre solide Gelehrsamkeit und ihr Ge- 
liebtsein unter ihren Mitbürgern. Zusammenstellen wollen wir viele Namen, 
wenn \yr auf die Einwanderung nach Sachsen kommen werden. 

Nicht gering war bei der Uebersiedelung auch der Stand städtischer Bürger, 
Handels- und Handwerksleute, vertreten, z. B. aus Prag selbst, aus Leitmeritz, 
Kuttenb^rg, Reichenberg u. s. f., die, wie oben angedeutet, auf die inannichfal- 
tigste Weise gequält, gestört und geärgert, alles daran wagen wollten um künftig 
unter glücklichen protestantischen Büi^em in evangelischen Städten sich anzu- 
siedeln, dort sich durch ihre Gottesfurcht und ihre arbeitsamen Hände zu em- 
pfehlen und Aufnahme und Bleiben zu gewinnen. 

Auch von Landicuten , aus dem Stande der Acker- und Gartenbauer, ka- 
men, da ihnen im Vaterlande keinerlei Heil mehr blühte, viele ^ gottvertrauend, 
in evangelische Landschaften, besonders in das nahe angränzende Sachsen, an 
dessen' südlichem Rande allenthalben noch Nachkommen jener Uebergesiedelten 
leben. 

Fragen wir nach der Nationalität derer, die nach Sachsen sich über- 
siedelten : so waren sie theils aus den deutschen Kreisen ( dem Leitmeiitzer, 
Saazer, Bud weiser, Bunzlauer, Elnbogner; , theils aus den czechischen, in 
welchen nur wenige deutsch konnten, so\\ie in jenen heut noch nur einzelne 
böhmisch verstehen. Dass die Tnkunde deutscher Sprache sie keineswegs ab- 
hielt, nach Sachsen sich zu wenden, war kein Wunder, denn die slavischen Län- 
der standen zum Theil unter Ferdinand und waren also den Protestanten unzu- 
ginglich. Auch Czechen wandten sich nach Sachsen, wo z. B. in Zittau, noch 
lange Jahre nach der Einwanderung , so wenige hatten deutsch lernen wollen, 
dass sie nicht ruhton , bis sie böhmische Predigt erlangten und eine böhmische 
Schule erlaubt und errichtet war. Eben deshalb, weil in Zittau böhmische Pre- 
digten zu hören waren , zogen sich Czechen in diese Stadt. Man ersieht es ja 
schon an den .Namen damaliger Ankömmlinge, z. B. Giroschek, Kaiina, Hussek, 
Schafranek, Peschek, Picek, Kracek, Morawek, Schil)ek, Wirauskj , Namkatil, 
Klinek, Moletschky. Wnnischek, Burian. Holink, Snmask\, Brohask\, Mo(*hanzk\. 
Schemkora , G^^rmenkv, Rambuba , Hluschizka, Hortlik . Solwtka, Nadenik. 



I } In einer Beilage I Arhitdern wir den frUhern ^roti^n (<l«ni und die nftchmaliKe \er- 
«rinuog einer solchen Familie. 

i Die Namen solcher sind zufaroroeogestelU in l^eschecks Geceoreformation IL Sti. 



4 Die böhmischen Exulanten in Sachsen 

Negedly, Dolezal, Proheska, Fospiscbil, Wissopolsky, Medowesky, Gzernoborsky. 
Docb haben die meisten dieser Namen sich in Sachsen wieder verloren , weil 
viele danD ihren Namen deutsch machten, z. B. Schwarzenberg , Miethmann, 
Kurzweil, FUnfstück, Bürgermeister, Tagarbeiter, Ungevespert. Aber weit meh- 
rere czechische Namen werden genannt werden , wenn von den nach Dresden 
Uebergesiedelten die Rede sein wird. Dass besonders Czechcn ausgewandert 
sind, ist dadurch erklärlich, dass unter den czechischen Böhmen der Geist von 
Bus und des Utraquismus am meisten waltete. 

Unter den Uebersiedelnden waren ausser Männern , Jünglingen und Greisen 
auch ungemein viele Frauen, die ihren Münnern treu und standhaft ins Exil folg- 
ten, Töchter, deren ganzer Lebensgang dadurch anders ward, ja auch Witwen, 
die wenigstens einem schimpflichen Begräbniss durch die Uebersiedelung ent- 
gehen wollten. Die Frauen waren auch eifrige Bibelleserinnen und deshalb ihrer 
Sache so gewiss. 

Der Confession nach waren wohl die meisten nach Sachsen übersiedelnden 
Protestanten Lutheraner; denn Utraquisten halten jetzt mit der katholischen 
Kirche sich noch versöhnt. Böhmische Brüder waren bereits nach Osten geflüch- 
tet, und die Brüder, welche im 18. Jahrhunderte die Stiftung der Uermhuter 
Brüdergemeinde veranlassten, kamen nicht sowohl aus Böhmen, als aus Mähren. 
Calvinisten aber oder Reformirte waren in Sachseo so wenig gern geduldet*), 
dass sie für gut fanden, lieher nach Berlin sich zu wenden. 

Dass auch Kinder mit nach Sachsen übergesiedelt wurden versteht sich nicht 
allein von selbst , sondern ist auch aus vielen Biographieen alter Gelehrter aus- 
drücklich bekannt. An des Vaters Hand , an der Mutter Brust mussten sie die 
angstvolle Flucht mit wagen; und glücklich fühlten sich die Aeltern , wenn sie 
dieselben für den reinen evangelischen Glauben erziehen konnten. Aber ach, es 
ist nicht allemal gelungen ; denn viele sind den Aeltern weggenommen und zu- 
rückbehalten worden , und von manchen haben die unglücklichen Aeltern nie 
wieder etwas erfahren. 

Forscht man nach einer ungefähr zu bestimmenden Anzahl derer, die das 
schöne Böhmen mit dem Rücken anzusehen gezwungen waren, oder aus hohem 
Rücksichten das damals nicht eben schöne Land verliessen, so vermag man frei- 
lich eine bestimmteZahl nicht anzugeben, wohl aber kann wenigstens annühernd 
einige Beantwortung solcher allerdings wichtigen Frage erfolgen. Weiss man eine 
ungerdhre Zahl der Auswanderer überhaupt : so ist es ziemlich auch die der Ein* 
Wanderer in Sachsen , da vom Volke (während freilich viele Reiche weiter zogen 
und namentlich sehr viele Adlige in schwedische Kriegsdienste giengen*) fast nur 
nach dieser Richtung hin ausgewandert werden konnte. Schon am Anfange der 
Verfolgungen sind im Jahre 4623 36 angesehene Familien ausgewandert , und 
rechnet man die nächsten Jahre der llauptauswanderung hinzu : so schlägt noan 
die Zahl der Uebersiedelnden auf 36,000 Familien an, die wohl 150,000 Köpfe 
betragen haben können; und darunter wohl (wie Slawata selbst angiebt,) 30,000 



4; S. Gesch. von ZilUu I, 293. 395. Besoodert gegen calviniftische Geistliche (Thaddttus, 
Gtlli, glaubte man unfreundlich sein zu müssen, um 467i. 
i) Pelzeis böbm. Geschichte, II, 7ftft ff. 



voD Chr. Ad. Pescheck« f | 

angesessen gewesene Familien, die, wie man sich ausdrückte , »von Haus und 
Hof weichen und den Exulantenstab ergreifen a mussten. So war es in den ersten 
Auswanderungszeiten, wo manchmal 70 oder 80 reiche Familien zusammen aus- 
zogen. Nun wanderten aber auch während der folgenden 400 Jahre, von 1630 — 
1730, also noch bis ins vorige Jahrhundert, viel Personen und Familien ^ nach 
und nach, einzeln fori, namentlich allemal in solchen Jahren, wo neue Misshand- 
lung und Verfolgung begann , z. B. einst 3180 aus der Galias'schen Herrschaft 
Friedland, wo, weil an der Grunze die Unterdrückung der Lutheraner nicht so 
vollendet war, wie im Innern des Landes, neue Verfolgungsnoth begann. 

3. Wann haben diese Auswanderungen stattgefunden? 

Nach der Besiegung der aufsätzigen Böhmen in der schnell entschiedenen 
Schlacht am weissen Berge bei Prag (8. Nov. 1620) war es eine schwüle Zeit, 
voll Bangigkeit und Erwartung der Dinge , die da kommen sollten. Nicht allein 
die politische Verlegenheit , Spannung und Furcht war gross , sondern auch für 
den Protestantismus war bei des Siegers streng katholischer Gesinnung und nach 
dem politischen Wagstücke vieler angesehener Protestanten, nun das Schlimmste 
zu fürchten ; ja der Anblick der beiden ersten in Böhmen sich wieder blicken 
lassenden Jesuiten Hess unsägliches Weh abermals voraussehen. Weder die nach- 
mals erfolgte blutige Hinrichtung der protestantischen Häupter wegen ihres poli- 
tischen Wagnisses, noch die Beleidigung der übrigen Protestanten erfolgte so- 
gleich. Doch durfle man an Sicherheit und Toleranz zu denken wahrlich nicht 
wagen. 

Natürlich war nicht mit Einem Schlage das Land von der sogenannten Ketze- 
rei zu retten, oder zu reinigen , oder die da herrschende Aufklärung sogleich in 
Finstemiss und blinden Gehorsam zu verwandeln. Man wollte und konnte doch 
nicht alle Unkatholiken durch Todesstrafen vernichten , oder sich sogleich ent- 
schliessen, durch Vertreibung einer so grossen Zahl der angesehensten und besten 
Bewohner das Land zu entblössen. Aber so schwer und langwierig, wie sie 
ward, mag man ^ich wohl die Vernichtung des Protestantismus nicht vorgestellt 
haben. Man konnte ja der Liebe zum angestammten Boden und Besitzthume, 
dem Zureden der katholischen Bewohner, der Klugheit , Bercdtsamkeit und un- 
ermüdlichen Thäligkeit der Jesuiten und den Säbeln der Bekehrungsdragoner, 
die sich Seligmacher nannten, viel zutraun; wie es denn auch wirklich gelungen 
ist, viele tausende von Utraquisten , auch viele Lutheraner und Reformirte in die 
päbstliche Kirche wieder zurückzubringen ; besonders durch den imposanten Be- 
kehrer Krawarsky, der 33,000 katholisirte, sowie Andreas Metsch 10,000 u. a.^] 

Nachdem, unter höhnenden Drohungen und schweren, bangen Befürchtun- 
gen, die traurigen Jahre 1621 und 22 vergangen waren, traten viele der oben- 
genannten Befehle, Misshandlungen und Beängstigungen schon ein in dem 
Schmerzensjahre 1623. Die wichtigsten Hauptjahre der Bedrückung, Verfolgung, 
Vertreibung und Auswanderung waren 1624 — 27, auch 1651, wo durch die ent- 



4) S. die speciellen Berochnangen, die aus dem Balbinui In Peschecks Gegenreformation, 
II, HO fr., milgelhelll werden. 



42 Die böhmischen Exulanlen in Sachsen 

schiedenste Feindseligkeit und die ernstesten und strengsten Maassregeln alle 
Toleranz ein Ende fand und die Hoffnungen der Protestanten in Böhmen dahin- 
sanken. Man kann sich wohl die tiefe Bewegung denken, weiche 4623 dasEdici 
erzeugte, welches forderte, dass alle Bewohner Böhmens katholisch sein mtlss- 
ten , dass die Geistlichen der Protestanten als die Wurzel des Uebels durchaus 
nicht in den Aemtem bleiben dürften und Verräther der Widerspenstigen be- 
lohnt werden sollten. 

Obwohl 4627, wie man sich damals ausdrückte, »die letzte Handa an die 
Vertilgung der Ketzerei in Böhmen durch ein Gegenreformationsgericht gelegt 
sein sollte, erschienen doch immer wieder, auch nach 1627 — 29, mehrere scharfe 
Gesetze, besonders nach Erscheinung des kaiserlichen Restitutionsedictes *) , das, 
am 6. März 4629, auf Betrieb des Gardinalbiscbofs von Olmütz, Franz von Diet- 
richstein, zu Wien erlassen ward. Immer wiederholt wurde ausgesprochen, dass 
alle Bewohner Böhmens der römischen Kirche angehören müssten, und der Lan- 
desherr das, zu ihrem eignen Heil, entschieden verlange. Solche Jahre wurden 
auch in den Landschaften der Zuflucht bemerkt. So kamen auch 4632, nachdem 
unter dem Schutze schwedischer Waflen zu Prag die Protestanten , namentlich 
die Lutheraner, wieder freier aufzutreten gewagt hatten *) , neue Verfolgungen ; 
ebenso 4644, (wenn auch seit 1637 der Kaiser Ferdinand II. nicht mehr lebte,) 
da man, als wiederum die Schweden in Böhmen siegreich waren, von Seiten 
heimlicher Protestanten sich verrathcn hatte. Es hatten nämlich die schwedi- 
schen Heerführer Torstensohn und Wrangel mehrere lutherische Feldprediger 
mit und heimliche Protestanten erlaubten sich , von ihnen auch das Abendmahl 
mit dem Kelch zu empfangen. Da wurden die Jesuiten wieder aufmerksamer und 
wachsamer, organisirten 4645 neue Bekehrungscommissionen , sandten die be- 
redtesten ihrer Brüder umher') und quälten geistig und leiblich auf schreckliche 
Weise, wie Holyk speciell berichtet, der bei solchen » päbstlichen Missionen et na- 
her Augenzeuge gewesen ist noch im Alter mit Schaudern an das gedachte, was 
er in der Jugend gesehn. Ferdinand III. aber Hess das alles geschehn, weil er 
das Werk seines Vaters vollenden zu müssen glaubte. 

An der Vertilgung der Protestanten ward in den Jahren 4654 und 52 (zur 
Zeit des Prager Erzbischofs von Ilarrach) mit neuem Eifer gearbeitet , theils weil 
man wiederholt wahrnahm, dass viele scheinbar Bekehrte doch noch ganz pro- 
testantisch gesinnt seien ; theils weil nach dem endlichen Abschluss des west- 
phälischen Friedens 4648 die Regierung mehr Ruhe und Müsse hatte, mit innem 
Landesangelegenheiten sich zu beschäftigen ; auch weil 4 650 der redliche und 
tolerante Minister Ferdinands III., Graf Max von Trautmannsdorf, gestorben war. 

4650 ward allenthalben ein Patent publicirt, worin gesagt ist, wer nicht 
katholisch sei, werde nicht mehr in Böhmen geduldet^). Katholische Schriftstel- 



V Londorp Acta III, 4048. 

i) Nach damaliger Vertrelboag der Jesuiten blieb der grosse Bekehrer Adam Krawarsky, 
als KohJenfubrmann verkleidet, in Prag und war Zeuge des voreiligen Jubels der Lutheraner. 

S) SpeciaUa bei Holyk, 84 ff. Pescbeck II, S46 ff. 

4 Hohns Chronik von Reichenberg i5i. Daselbst werden die damals schon katholischen 
Bürger (nimlich meist die von der katholischen Herrschaft abhangigen Beamteten, 17f,) ge- 



von Chr. Ad. Pescheck. 43 

1er rühmen da den »Ernst und die Schärfe,« denn die sich der Ablegung des 
Glaubensbekenntnisses geweigert , hätten das Vaterland verlassen sollen , wel- 
ches viele »wegen ketzerischer Hartnäckigkeit wirklich gemieden hätten.« 

1654 ward daher mit sehr fühlbarem Eifer die Unterdrückung des Prote- 
stantismus fortgesetzt. Königliche Beamtete, deren lutherischer Sinn sich ver- 
rieth , wurden abgesetzt , den Kindern solcher Aeltern die Taufen verweigert, 
unkatholische Pathen abgewiesen*] , und durch solche Maassregeln die Auswan- 
derung Vieler veranlasst; so dass z. B. in Zittau am Sonntage lMisericordias1654 
hunderte böhmischer Gommunicanten das Abendmahl mitgefeiert haben, Todes- 
fölie angekommener Exulanten seit 1 651 viel häufiger als sonst in Todtenregi- 
stern vorkommen , und aus dem Friedländischen einst 3180 Personen (ebenso 
auch jetzt schon so manche aus Schlesien) in die Lausitz flüchteten. Es war auch 
ja erst in diesem Zeitalter, dass der mächtige jesuitische Bekehrer Krawarsky so 
grossartige Erfolge erzeugte^). Dass auch 1653 viel geschah, beweist z. B. der 
Umstand, dass man 1753 in der böhmischen Stadt Neustädtel (1584 erbaut, die 
Kirche 4 607, also wohl von Anfang an lutherisch , w egen der Nähe des lutheri- 
schen Reichenberg und der lutherischen Herrschaft) ein festliches Jubiläum we- 
gen der vor 100 Jahren bezwungenen Ketzerei feierte. 

1 655 erschien abermals ein Edict , das Nichtduldung der Protestanten ent- 
schieden aussprach. War es doch sogar in Oberöstreich , wo Ferdinands II. 
Verfolgungen schon in den ersten Jahren des 17. Jahrhunderts begonnen hat- 
ten, auch so, dass noch in der Mitte des 17. Jahrhunderts neue Strenge an- 
gewendet wurde, um alles zu kathoiisiren und sogenannte »gänzliche Ausrot- 
tung der Ketzerei a zu ermöglichen. Fürbitten fremder Fürsten, z.B. von Schwe- 
den, waren natürlich, wie schon früher, vergeblich. Es waren besonders dieje- 
nigen Städte Böhmens an den sächsischen Gränzen um 1 650 noch voll Protestan- 
ten, wie man z. B. an Reichenberg bemerkt, wo ein Befehl kam, die Katholiken 
zu zählen, woraus eben ihre Minderzahl zu schliessen ist. Es ward aber nun der 
Katholicismus um so schroffer in Böhmen gehandhabt, urp desto aufHilliger, selbst 
äusserlich, Personen, Kirchen und Ortschaften zu unterscheiden. Es war der 
Zustand des herrlichen Böhmens in dem Zeitalter 1621 — 1655 sehr bemitleidens- 
werth; alles eine Frucht der fremden Jesuiten. Zugleich war alles Volk verarmt 
und in Folge des langen Krieges seine Zahl bekannthch ungeheuer gesunken. 

Noch 1669, 70 und 71 fanden Uebersiedelungen aus^ Böhmen nach Sachsen 
und besonders in die Lausitz, wegen Religionsdruckes, statt. Doch die Aufnahme 
war nicht mehr die alte, denn das frühere Mitleid war vorüber und man er- 
blickte in den Exulanten mehr nur unruhige Köpfe. Man weiss auch , dass noch 
1 683 und 1 696 an Ausrottung der Lutheraner an den nördlichen Gränzen Böh- 
mens zu arbeilen war, wie specielle Nachrichten aus den Gränzorten Fuga und 



nanni, aber binzugeselzi , die Übrigen seien mit den Ibrigen noch lutherisch, man habe aber 
Hoffnung, sie werden ohne Zwang sich bekehren lassen ; allein es werde Zeit dazu geboren, 
weil noch eine grosse Zahl lutherisch und die Lausitz so nahe sei. 

4) Carpxov Analecta fastorum Zittav. III, HO. 

5) Gegenreformation II, 415. 



1 4 Die böhroisohen ExnlantaD in Sachsen ' 

Schluckenaa beweisen*), wo Zwang zur Auswanderung wieder viele Uebersie-* 
delungen nach Sachsen veranlasste. 

Im 48. Jahrhunderte war weniger Anlass zu Vertreibung und Auswanderuiig, 
und es gieng den Protestanten in den Ostreichischen Staaten besser als ehedem ; 
denn Leopold I. Nachfolger waren nicht so grosse Jesuitengönner, wie die Lan- 
desherren des 47. Jahrhunderts. Joseph L 4705 — 4T4 4 war vom Feldmarsdiall 
Fürst von Salm gebildet und hatte nicht zum Beichtvater einen Jesuiten, und 
Schlesien erlangte durch ihn (obwohl mit grossen Opfern) seine 9 Gnadenkirchen,« 
Karl VL aber, auch nicht jesuitisch , gewahrte Protestanten mandie Gunst (4744 
— 4740). 

Doch aber war Bedrücken der Unkatholischen, Flüchten und Ankommen 
von Exulanten in Sachsen noch keineswegs zu Ende. 4 74 und 4 720 wanderten 
wieder viele, mittelbar oder auch unmittelbar gezwungen*), besonders auch 4 74 7 
aus, sowie 4 7S2 und 4732 noch. Noch 4727 kamen 4 7 Familien aus dem Bauern- 
stände, aus der Gegend von Königingräz nach Sachsen'). 4728 war die Verfol- 
gung zu Zinnwald an der Gränze des Erzgebirges. 4732 wurden viele heimge- 
lockt durch Vorspiegelung noch eines Antheils an den verlassenen Gütern , oder 
auch durch Hoffnung der Erzwingung von Beligionsfreiheit in Böhmen durch pro- 
testantische Machte^); doch sie wurden in Böhmen nur in Kerker gethan , na- 
mentlich bei katholischen Pfarrern in Keller gesperrt , wie Familientraditionen 
berichten. Ja noch 4735 erregte das Dasein von Protestanten in Böhmen neue 
feindselige Aufmerksamkeit '^). Besonders zu Zittau sind mehrere Exulantenfa- 
milien nicht vor 4700 gekommen. 

4. Aus welchen Gegenden sind die Einwanderer vornehmlich ge- 
kommen ? 

Auf diese Frage muss wohl geantwortet werden : aus allen Kreisen Böhmens, 
weniger aber aus den südlichen Gegenden, wo überhaupt weniger Unkatholische 
gewesen sein mögen, als in den nördlichen. Deutschböhmen kamen nach Sach- 
sen aus dem leitmeritzer , bunzlauer, saazer^ elbogner Kreise ^ czechische Böh- 
men*) aus der Gegend von Königingräz, wo die Zahl eifriger Utraquisten immer 



4) Peschecks Gegenreformation 884 ff. Laositzer Magazin, 4 781, tS. 4840, 876 ff. 

2) Das. 4702, 48. 34. 

3) Moraweks Geschichte der Zittaaer Exulanten , 4 35 ff. 

4; S. Acta hist. eccl. XVU, 059. XL, No. 4. I, 468 ff. II, 4 87 ff. Mosers Berichte von re- 
ligiösen Sachen. XIII, 877. 

5) In Sleyermark and Kttrnthen wurden besonders seit 4789 und noch 4 758 die Evangeli- 
schen mit Schlugen, Kerker, Wegnahme der Kinder, Begrfibnissversagung und'dergl. gestraft. 
S. das. XVII, 4 ff. 228 ff. 

Gleichzeitig mit den böhmischen Verfolgungen waren die schlesisdien, unter Lichtenstein 
z.B. 4622 in der Grafschaft Glatz, 4626 in Oberschlesien, 4628 in Glogau und Sagen, in 
Schweidnitz und Jauer, In welchen beiden Kreisen 440 von den Evangelischen erbaute Kir- 
chen von den Katholiken weggenommen wurden. Dort pflegte man die Angelegenheit die Re- 
conciliation zu nennen. 

6) Welche Gegenden deutsch und welche czechisch sind , s. tebersicht in Pelzeis Gesch. 
von Böhmen II , 887. 



von Chr. Ad. PeselMSCk. 4 5 

gross war, auch böhmische Brüder in Menge gewesen waren, die in den vielen 
Gilrten dort ihre Versammlungen hieilcn*). Aus Böhmens Hauptstadt kamen 
Deutsche und Czechen ; viele von beiden Volksstämmen verliessen schöne Ritter- 
schlösser, andre die Stätten ihres Gewerbes zu Stadt und Land, und der Land- 
mann gewiss mit schwerstem Herzen seinen Acker. Woher die einzelnen Fami- 
lien kamen, ersieht man zum Theil in alten Todtenregistem , wo gewöhnlich da- 
beisteht, woher sie exilirt gewesen. So ist z. B. im nordöstlichen Böhmen wohl 
keine Stadt, aus der nicht Protestanten nach Zittau geflüchtet wären. 

Beiläufig bemerken wir noch Folgendes. Wenn wir von Ausgewanderten 
hören und die um der Religionsfreiheit willen das Vaterland verlassenden Prote- 
stanten mit dem Namen Exulanten') benannt finden, dürfen wir freilich nicht 
blos an Familien aus Böhmen denken ; es kamen auch andre , die uns aber hier 
nichts angehen, nämlich aus Schlesien'), Mähren, Oestreich, Polen und Ungarn. 
Bei der Aehnlichkeit des in a4(en diesen Ländern geübten katholischen , päbsi- 
licben und jesuitischen Verfahrens gegen die sogenannten Ketzer sind uns, zur 
Erläuterung böhmischer Zustände, Vorgänge und Leiden, auch die reichlich vor- 
handenen Nachrichten aus der Verfolgungszeit , die uns aus Schlesien , Ungarn 
und Oestreich zu Gebote stehen, willkommen und lehrreich^). 



4 ) BMotnberp Geiehichte von KöolgiDgriz I, S64 . 

ü) Dagegen oannten ticb im 4 8. Jahrb. die Saliburger: Emigraoteo, die fraDiötiacbao aber 
Mfugüs, 

3) Nämlich aus dea Tbeilen Schlesiens » welche kaiserlich bis zu Friedrichs des Grossen 
Siegen waren, wtthrend die Kreise, welche im 17. Jahrhunderle noch proieslantische Herzoge 
halten (wie z. B. Liegnitz 8), gar oft auch bühmischen Flüchtlingen zur Zuflucht dienten. 

4} Schlesien. Walchs Geschichte der lutherischen Religion 488 ff. Fibiger, das in Schle- 
sien eingerissene LutheHhum, 8 Thie. Bucklschs Rel. Acten, handschriflllch auf Bibliotheken. 
Pescbecks Lausitzer llonatsscbrill, 4781, 488 ff. 488 ff. Zscheckwitz , schlesische Kirchenhl- 
stohe. Rosenbergs Reformationsgeschicfate Schlesiens. Hensels protestantische Kirchenge- 
schicbte der Gemeinden in Schlesien. Fuchs Materialien zur evangelischen Religionsgeschichts 
in Schlesien. Breslau 78, und vieles einzelne, besonders aus Erhards Presby tereologie , nach- 
gewiesen in Pescbecks Gegenreformation II, 566 und in Thomas schlesischer Literaturge- 
schichte. Wuttke, Entwicklelung der öffentlichen Yerhtfitnisse In Schlesien bis 4 748 8 Binde. 
Worbt, Rechte der ETangelischen In Schlesien. 

Ungarn. Pikitik da parsacmton« vHerU acdaitaa, WütelmrgQS 4878. HibinU manonaMte 
4787. S. Worba, Rechte der Evangelischen in Schlesien 4 78. Sehnoei ni^no« Paiiiie«ieo8 
Ubri IV, fmport Jo, Zapoluae, H^iUa^eryoa 4 584 . Schrückhs Kirchengeschichte seit der Refor- 
maUon III, 788 ff. Geschichte der lutherischen Kirche in Ungarn, GöU. 4785. Henke's Kirchen- 
geschichle V, 180 ff. Zustand der Evangelischen in Ungarn, Leipzig 4888. Friedrich, hisl. ecci, 
er. ädiietormm im Humgarinf 4588. Mailath, die Religionswirren in Ungarn, 4 848, 1 Binde. 
SUudlins kirchenhistorisches Archiv, 1818, 48 ff. und viele Berichte in den bekannten ild. 
kist. tfcW. Redenbachers geschichtliche Zeugniste Tür den Glaut>en 4846. Bersenicky Nach- 
richten über die Verfolgungen im 48. Jahrhunderte, s. Aci. ki$i. eccl. um 4748 in allen Jahr- 
gingen. 

Oestreich fSteyermark , Kimthen, Krain\ Raupachs evangelisches Oestreich 4786. Hen- 
ke's Kirchengeschichte V , 814. Üelatio perttcuiimis graectmii 4 680. SlicharU Paul Odontioa 
(dessen Bild noch an der Kirche zu Oederan zu schauen i»l,. 4848. Vieles einzelne In den Aci 
Aul. 9ccL CaroU mfmoraMia eccUs. I. 85. Namen einiger ausgezeichneten Ostreichlsehen Ein- 
lanteo s. in Beilage 11. 

Selbst aus norddeutschen iJindem gab es Exulanten , nimlich aus den kleinen Gebfelen 



45 Dfe böhroisciMn Exulanten in Sachsen 

5. Wie haben diese Uebersiedelungen stattgefunden? 

Die Sorge und Angst, die Verlegenheiten, Befürchtungen und Hoffnungen zu 
schildern , mit denen jene Auswanderungen geschehen sind , würde überflüssig 
sein, da theils jeder Leser selbst, der sich in ihre Lage theilnehmend hineinden- 
ken will, sie ermessen kann ; theils, weil spater in einzelnen Beispielen gar man- 
ches Bild jenes Elends vorkommen wird. Man hat noch reiche Notizen von be- 
sonderen Umstanden der Auswanderung und Flucht der treuen protestantischen 
Familien. Noch vorhandene Abschiedsreden und Gorrespondenzen , gedruckte 
Lebenslaufe, Stammbuchinschriften der Exulanten selbst und da und dort noch 
vorhandene Grabschriften bezeichnen uns noch mit rührenden Worten den Jam- 
mer jener Leute, die eines bessern Schicksals werth gewesen waren. 

Wir bemerken hier nur noch , dass anfangs , als noch das Fortziehen der 
Protestanten gern gesehen ward und die Scheidenden häuflg höheren Standen 
angehörten, sie nicht immer ganz leer ausziehen und nicht arm ankommen muss- 
ten, in den spateren Zeiten aber nichts als der Wanderstab mitgenommen wer- 
den durfte und die Obrigkeiten die Flucht auf alle Weise erschwerten. 

6. Wohin in Sachsen haben die Einwanderer sich gesendet? 

Wir haben die Aufgabe, die Uebersiedelung der verwiesenen und auswan- 
dernden Böhmen eben nach Sachsen und ihre vielfältigen für Sachsen segensrei- 
chen und lohnenden Folgen zu schildern , schicken aber sogleich die Bemerkung 
voraus , dass Sachsen zwar die nächste , nicht aber die einzige Zuflucht gewesen 
Ist. Muthige , junge und gebildete Leute wagten sich auch weiter in die Welt, 
um eine neue Heimath zu finden , ein neues Lebensglück zu begründen und er- 
freuliche Wendungen ihres Geschickes womöglich zu erwarten. Natürlich musste 
die Richtung fast nur nach Norden , in protestantische Gebiete gehen , also nach 
Norddeutsehland ; aber das nicht allein , denn viele wendeten sich auch nach 
Holland, England, Danemark und Schweden *). In Deutschland (besonders nach 
Nürnberg, wohin reiche Kaufmannsfamilien wie die Tieferer, Camp und Wem- 
berger, auch viele Geistliche zogen,) hatten sie, ausser Sachsen'), die protestan- 
tischen Reichsstädte, das Brandenburgische und die damals noch nicht unmittel- 
bar kaiserlichen Theile Schlesiens, besonders das Fürstenthum Liegnitz , zur Zu- 
flucht, wo spater auch Joseph I. einige Milde walten liess, nach 4709 und 1747, 
bei deren Aufhören auch viele nach Sachsen sich wendeten. Lassen wir das alles 
jetzt aus den Gedanken , da wir nur über die Uebersiedelung nach Sachsen Be- 
richt erstatten sollen'). Am nächsten lag wohl bei denen unter den Emigranten, 
die lutherisch waren, der Wunsch , in diejenige zu Böhmen gehörige Provinz zu 

katholischer Bischöfe, z. B. aus Hildesheim, wo der General Pappenheiro wieder einen solchen 
hingebracht hatte. Da exilirte z. B. nach Sachsen die noch blühende Familie Oldecop. 

4) Verzeichnisse s. in Pelzeis böhmischer Geschichte, 11, 754 ff. 

1) Zwar nahm aach der l^ndgraf Moritz In Cassel protestanUsche Exulanten gerne anf, 
doch Lutheraner mieden die calvinischen Einrichtungen dasellMt. 

5) S. Fragen und Antworten wegen Annahme in Frankens Schrift über Johann Georgen- 
Stadt p. f. 



von Chr. Ad. Pescheok. 47 

flüchten, die schon langst fnst ganz lutherisch war^ und wohin auch jetzt keine 
Jesuiten, keine Bekehrungscommissionen und keine seligmachenden Executions- 
dragoner kommen durften , weil diese zu beneidende Provinz (die Lausitz) jetzt 
des grossen Glückes theilhadig war, unter besonderem protestantischen Schulze 
zu stehn. Weil nämlich der Kurfürst Johann Georg I. von Sachsen dem Kaiser 
Ferdinand II. (nach Versicherung, dass man nicht einen Religionskrieg be- 
absichtigte und dass für die Kosten entschädigt werden sollte) geholfen hatte, den 
politischen Aufstand in Bühmen zu bewältigen , der Kaiser aber nicht im Stande 
war, seinen Kostenaufwand haar wiederzuerstatten^), so hatte er bekanntlich im 
Jahre 4623 die Lausitz als Unterpfand an Sachsen überlassen und sie ihm, da die 
Einlösung unmöglich blieb, endlich 4635 sogar ganz übergeben müssen. Da ward 
nun besonders die Oberiausitz die nächste Zuflucht der Exulanten. Jedoch ganz 
sorgenfrei blieb man auch hier nicht ; denn es erhob sich in der Lausitz ebenfalls 
4 629 Geschrei genug (nach einem kaiseriichen Befehl vom 28. Aug. 4628, welcher 
die Exilirten auch aus den incorporirten Landschaften forthaben wollte) , weil 
sich die Gegenreformationscommission auch bis hieben erstrecken zu wollen schien, 
so dass der Kurfürst von Sachsen, unterm 7. Febr. 4629, an den oberlausitzer 
Amtshauptroann und Oberamtsverwalter einen beruhigenden Rrlass ergehen las- 
sen musste. Aus den beiden der Oberlausitz benachbarten Kreisen, dem leit- 
meritzer und bunzlauer, siedelten Unzählige namentlich in die Gegend von Zittau 
übeV, das ja, gleich einer Halbinsel, auf 3 Seiten vom böhmischen Gebiet umge- 
ben ist. Dass etwa in der Oberlausitz der wendische Landstrich vorzugsweise 
wäre aufgesucht worden, wegen seiner Sprachverwandtschaft : ist nicht zu be- 
merken gewesen. Es kamen aber doch nun die neuen Slaven neben uralte. Der 
meissnische Kreis, d«is Erzgebirge, das Voigtland und der neustädter Kreis liegeo 
ja ebenfalls unmittelbar neben Böhmen, nur durch Gränzgebirge geschieden. 

Ehe wir die Städte und Dörfer einzeln namentlich bezeichnen, wo die An- 
kunft der Exulanten erfolgte und eine Ansiedelung zu Stande kam , oder wo sie 
wenigstens nach und nach sich heimisch machten , in Aemter kamen , Geschäfte 
begannen , wenn sie auch nicht förmlich und bleibend sich anbauten, haben wir 
erst im Allgemeinen davon zu sprechen , wie denn Sachsen die unglücklichen, 
veririebnen Glaubensbrüder und neuen Anbauer oder Mitbürger hat aufnehmen 
wollen ; und wie der Kurfürst auf des Oberhofpredigers Dr. Hoe von Hoenagg 
Betrieb den böhmischen (auch mährischen und schlesiscben) Exulanten Beligions- 
freiheit, böhmischen Bücherdruck , Ausübung ihrer Handwerke, Handelsschaft, 
Bürgerrecht und Bitten um Almosen an den Kirchthüren erlaubte. 

Man kennt noch Fragen und Antworten über die Aufnahme. So schrieb der 
Rath von Annaberg unterm H. Nov. 4622 an den Kurfürsten: ,,Dieweil ihrer 
viele sich zum Pabstthum nicht verstehen wollen, besonders ganz gerne exuiet 
ChrisU werden und sich unter Kurf. Gnaden Schutz zu begeben gesinnet seien : 
als haben wir vor eine hohe unterthenigste Notturfft erachtet, hierüber E. Kurf, 
Gn. austrückliche gnedigste meinung unterthenigst zu vornehmen, ob wir solche 
ea:ules von Herrn, Adell und Bürgerstandes ohn unterscheidt allhier recipiren 



1) S. die ActenttUcke aus dem stfcbs. geheimen SUaUarchive. in Müllers Werk vom 
bohmiscben Kriege (4 841) p. 318 ff. 

P •• c li e e k , Di« Ukm. KjiaUalM. ^ 



I ^ Die böhmischen Exulanten in Sachsoii 

sollen oder nicht ?^' Darauf erfolgte der Bescheid d. d. Snngerhaiisen, 49. Nov. 
1622: ,,.... So viel nun die Geistlichen, welche deswegen, dass sie ihrer 
Diensie erlassen, berausweichen , betriflt, Seind wir zufrieden, dass mann die- 
selben uff eine Zeitlang mit den Ihrigen einnehme, Was aber ander Personen, sie 
haben nahmen wie sie wollen und was Standes dieselbe seind anlangt, soll sich 
der Bath erstlich und vor der cinnehmung eines jedweden conäilion , vorhaltens, 
lebens und wandeis und worumb er aus Böhmen weichet, wohl erkundigen, wie 
sich's be6ndet unterthenigst berichten und doruff , der einnehmung halben Un— 

sers bescheids erwartten '' 

Mit Bewunderung ihrer Glaubensfe^tigkeit , mit hoher Achtung ihrer Ent- 
schiedenheit und Entschlossenheit wurden die zuerst verfolgten Männer und 
Frauen aus den gebildeten Ständen aufgenommen, wohl auch auf dem Lande die 
kommenden Laodkmtei welche jedoch eine seltnere Erscheinung waren, weil 
solche sich eher halten einschüchtern lassen, wenige Mittel zur Auswanderung 
hatten und massenweise von den Jesuiten waren wieder katholisch gemacht 
worden. Der Unglückliche, zumal der so unschuldig Verfolgte, bat ja allezeit die 
gefühlvollen Herzen auf seiner Seite. Daher kam allerdings den Exulanten Sym- 
pathie« Theilnahme, Mitleid und Beistand entgegen. 

' Man kann sich denken, welche Aufmerksamkeit es auch in den lutherischen 
Kirchen erregt haben mag, wenn man Exulanten in der fremdartigen Tracht, mit 
halb frohen, halb traurigen Angesichtern eintreten sah, und wie dann die Prediger 
an sie besonders manches biblische Trostwort richteten. 

Folgendes Beispiel, obwohl nicht eben aus Sachsen, sondern aus der Reichs- 
stadt Nördlingen , kann zeigen , was damalige Prediger zu sagen pflegten : a Es 
finden sich auch Exulanten in dieser Versammlung, die entweder durch die 
Feinde des Evangeliums oder durch das blutige Kriegs^chwert von Haus und Hof 
sind vertrieben worden. Die sind unsre Mitglieder, MitbrUder undMitschwestem. 
Sollten wir deren vergessen: so würde unsre Missethat funden werden. Wir 
wollen denselben in ihrem betrübten Exilio auch einen Denkpfennig darreichen. 
Ihr armen Exulanten seid getrost! Haus und Hof zu verlassen thut zwar schmerz- 
lich weh. Das heisst wohl Elend I Aber wisset, dass es euch keine Schande, 
sondern eine grosse Ehre ist. Ihr leidet nicht als Mörder oder Diebe, oder Uebel- 
thäter, sondern als Christen. Darum schämet euch dessen nicht I Matth. 19, 29. 
Was die Welt verwirft utid ausstösst : das nimmt Gott. Darum seid fröhlich und 
getrost l Es wird euch im Himmel wohl belohnet werden. Matth. 5, 42. Das 
Exilium wird nicht ewig währen. Es wird endlich Botschaft kommen: ,Stehe 
auf und gehe in dein VateriandM Mt. 2, 20. Und wenn wir schon unser Leben 
lang müssten im Elend bleiben , so wird*s doch hoissen : Stehe auf und gehe in 
dein himmlisches Vaterland, da wir air unsres Elends reichlich sollen ergötzt 
werden in Ewigkeit. Wenn jetzo in eine vornehme Stadt Engel kämen und thä- 
ten anzeigen und sprächen : Stehet auf, ihr lieben Freunde! ,Sie sind gestorben*, 
Matth. 2, 20; kehret wieder um in euer Vaterland, eure Kirchen sind geöffnet! 
Eure Prediger sind euch wieder zugestellt I Die armen Leute werden vor Freuden 
nicht wissen was sie ihun sollen. Ach, wie würden sie zusammen singen: 
,Herr Gott, dich loben wir*. Ach, wenn Gott allen Exulanten diese fröhliche 
Botschaft zum neuen Jahr schenkte: das würde ihnen lieber sein, denn Gut und 



von Chr. Ad. Pemsheck. |9 

Geld. yStehe auf, nimm dein Weib und Kind zu dir und gehe wieder in dein 
Vaterland' I Gott kann'sbald thun , wenn er will und wir mit unsem Gebeten 
anhalten Ihaien«'). Aehnlichcs mögen xu Zittau die Prediger gesprochen haben, 
als 4628 und 1654 mehrere hundert Exulanten das h. Abendmahl in derllaupi- 
kirche empfiengen. 

Doch ist manchmal auch die Theilnahme nicht so gross gewesen, wenn im*- 
mer wiederholt neue Exulanten ankamen , durch Zudringlichkeiten manche Be- 
lästigung entstand und manches Opfer nOthig sein wollte. Die beste Aubiahmf 
haben freilich die zuerst erschienenen Exulanten gefunden, weil damals die 
Sache noch neu und ihre Mehrzahl gebildet und achtungswerth war ; am meisten 
dann, wenn sie, wie die frtlhesten, als Ferdinand II. noch milder war, Vermitg^ 
mitbrachten und die BUrger z. B. von Dresden und Pirna, von Freiberg und 
Annaberg, von Zwickau und Zittau viele Vortheile von solcher Auswanderung 
hatten, daher man sie, gleichwie in den BeichsstJidten begttterle Flüchtlinge der 
ersten Zeit, mit »offnen Armen« aufnahm. Joh. Georgs Huld gegen die ersten 
Exulanten rühmt der vormalige prager Geistliche Veit Jacksch mit folgenden 
Worten: »Der erlauchte Kurfürst von Sachsen, Johann Georg, lud die ai|fnchti- 
gen Exuln Christi, welche durch die Harte der Verfolger der Kirche hinaus ge- 
worfen wurden aus ihrer Heimath, nach treuer Ermahnung iwd den Ratbscblttgen 
und Bemühungen des Dr. Hoe von Hoenegg, (1624) freundlich in sein Kurfürsten* 
thum ein. Als nun die Geladnen aus dem Königreiche Böhmen , dem Markgraf* 
thum Mahren, dem Erzherzogthum Oesterreich und den schlesischen Herzog- 
thüroem bei ihm zusaormienkamen : so nahm er sie huldreichst in seinen SchuU 
und erquickte ihnen Leib und Seele durch seine Huld und sein Wohlwollen. 
Was die Seele anlangt : so gewährte er ihnen freie Religionsübung, erlaubte ihnen 
zu Pirna eine Kirche zu ihrem Gottesdienste und gab ihnen Erlaubniss böhmische 
Bücher drucken zu lassen. Was das leibliche betrifft : wi erhielten sie Vergünsti- 
gung, ihre Handwerke zu treiben, und die Reichen mochten Geldgeschäfte machen. 
Wer um das Bürgerrecht anhielt, empfieng es. Besonders erlaubte er den Bedürf- 
tigen, geistlichen und weltlichen Standes, auf l)esondre Consistorialzeugnisse, 
an den Kirchthttren sich Almosen zu erbitten. Für manche erlangteer, durch 
nachdrückliche Fürbitten beim Kaiser und König Auslieferung ihres Erbgutes und 
wirkte ihnen Passe zu sichren Reisen nach Böhmen aus»'). 

Da aber auch viele Aermere, ja erst nur arm gewordne erschienen : so war 
der christlichen Milde ein allzugrosses Feld geboten. Es musste viel für die bra- 
ven Unglücklichen gegeben w erden ; aber dessen konnte* nicht dauernd so viel 
sein, dass nicht arme, atigesetzte Prediger und Schullehrer, sowie Witwen und 
Waisen, oft in die sorgenvollsten Tage und hilflosesten Lagen kamen. Jener ersten 
nahmen sich liesonders geistliche Amtsbrüder in Sachsen an, die dann dafür in 
lateinischen Versen von jenen gefeiert zu werden pflegten*). Auch halfen sie 
(z. B. Felmer, Laurentius, Keimann, Schurich u. A.) in Amtshandlungen, und 
vielen gab man Pfarramter in Sachsen. Allgemeine Kirchencollecten pflegten 



\) Aus (■ Albrechls Prcdi|{ton. nach MiDem To<lo beraofgegeben IC<4. 

i Götze K K&ul«nlenreKi»ter 99. 

3 Rjuhi anchora dukis war da der Name det Archidiacooua Wiaziger in ZttUu. 



20 I)io böhmischen Exulanten in Sachsen 

auch manchmal , namentlich an den Busstagen y für arme Exulanten gesammelt 
zu werden, und eine Exulantencasse war schon 4620 angelegt worden. 

Von Seiten der sächsischen Regierung bewies man, auch später, zumal ehe 
ein missbräuchliches Exiliren eintrat, zuvorkommende Milde gegen sie*). So be- 
fahl der Landesherr unterm 23. Febr. 1654, am Fastenberge (bei Johanngeorgen- 
stadt) den Exulanten, gegen einen nur massigen Erbzins, Baustellen und Bauholz 
unentgeltlich anzuweisen'), und schon unterm 18. Jan. 1623 erliess der ober- 
lausitzische Amtsverwalter, Adolph v. Gersdorf, ein Patent wegen der Exulanten*), 
worin gesagt wird , dass man mit ihnen billig Mitleid tragen müsse und dass es 
unchristlich wäre , wenn man ihnen das Unterkommen verweigern wollte. Die 
Exulanten aber sollten angehalten werden, »sich anzugeben und anzugeloben, 
hoher und niedrer Obrigkeit sich jederzeit gehorsam, auch sonst still und einge- 
zogen zu haltena^). Nach Rescripten auch vom 31. Dec. 1627 und 25. Juli 1629 
erschien wieder ein solches am 14. März 1650, alle mit Bedingungen. Ersteres 
sagte , dass die der Religion wegen aus Böhmen Vertnebenen in der Oberlausitz 
aufgenommen wtlrden, doch dass die Obrigkeiten, wo sie aufgenommen würden, 
sie dahin bescheiden sollten , den Inwohnern keinen Verdruss zu machen , und 
wenn was zu klagen vorkäme, sich mit ihnen gleiches Rechtes begnügen zu las- 
sen, auch den Pfarrern aufzulegen, auf sie fleissig Achtung zu geben, ob sich die 
Eingenommenen ärgerlich verhielten, die Predigten fleissig besuchten und zum 
Abendmahl giengen, und wo man was Widriges befinden würde, sogleich Bericht 
zu erstatten ; weil er keine fremden Religionen im Lande sich wolle einmischen 
lassen"). Das Rescnpt vom 14. März 1650 lautet also: »Wir werden von denen 
der Religion halber von Reichenberg und benachbarten Orthen aus der Gron 
Boheimb entwichnen Handwerkern umb Aufnehmung und Schutz, in unsem 
Landen zu wohnen, auch sich w irklich niederzulassen, unterthänigst angelanget. 
Wie wir nun nicht gemeint, diesen armen Leuthen, wenn sie sonst ehrlich, und 
blos umb der Religion, nicht aber etwan andrer Verwirkung willen, (worauf 
denn sonderlich und mit Fleiss Acht zu haben sein will) ausgewichen, das Unter- 



4) Besonders hatte Johann Georg I., den die Vertreibung der luther. Geistlichen tief 
schmerzte, angelegentlich beim kaiserlichen Hof intercedirt, doch vergeblich. Einmal über 
das andre wendeten sich besonders die böhmischen Bergsttfdte um Intercession an den sttchs. 
Kurfürsten, am 4. Dec. 4648, 91. April, 99. u. 27. Oct. 4649, 28. Febr. u. 28. Sept. 4650, 
98. Oct. 4 652, 9. Dec. 4653. So auch im Oct. 4649 das Oberconsistorium (mit Unterzeichnung 
von Friedr. Metzsch, Aegidius Strauch, Dr. Weller, Dr. Kuppel), und der Kurfürst intercedirle 
wirklich einmal über das andre, immer nur mit Gewinn eini^ser Schonung und einigen Auf- 
schubes. Am 29. Oct. 4 649, 94. März u. 4. Nov. 4650, mit Recommandalionsbriefen vom 
Secretär Berlich und Alex. Ttftzler, bei trostlosen Ergebnissen , so dass es endlich hiess, dass 
man sich solcher Sopplicaliunen ganz enthalten solle. Nur in einzelnen Fällen haben kurfürstl. 
Intercessionen etwas geholfen z. B. wegen Auslieferung von Erbgut in manchen Fttllen oder 
wegen Vergünstigung einmal nach Böhmen zu reisen. 

2) S. das Rescnpt in Herings Geschichte des sllchs. Hochlandes, I, 385. Ueber des Kur- 
fürsten Johann Georg Benehmen in diesen böhmischen Angelegenheiten s. Gretschels Ge- 
schichte von Sachsen, II, 4 65 ff. 

3) S. Handbuch der Geschichte von Zittau I, 292. 

4) S. den Exulanteneid in Franke's Schrift über Johanngeorgenstadt, 6. 

5) Ktfnffers oberlausitzische Geschichte, IV, 490. 



von Cbr. Ad. Pescheck. 21 

kommen in unsern Landen zu verweigern : als lassen wir geschehen und seyn 
gnädigst zufrieden, dass beide, sie und andre, se sich dessfalls ferner angeben 
möchten , zu Zittaw , auch andrer Orihen unsres Markgrafthumbs Oberlausitz, 
auf- und eingenommen und ihnen, allda wesentlich zu wohnen, verstattet werde ; 
jedoch, dass sie nicht allzunahe an die Gränze sich setzen, sondern etwas weiter 
hinein ins Land wenden , auch nicht allzuviel an Einem Orthe beysammen ver- 
bleiben, und sich im übrigen der schuldigen Gebühr bezeigen ; und begehren 
hiermit gnädigst, ihr wollet dessen sowohl sie, als andre Exulanten, auf ihr An- 
suchen bescheiden, auch, dero Aufnehmung halber, bei jedes Orthes Unterobrig- 
keit, wo es nöthig, gebührende Verordnung thun* '). 

Am 22. Juni 1652 noch schrieb der Landvoigt von Gallenberg an die Stadt 
Zittau: »es wolle der Landesherr, dass man bei der Aufnahme von Exulanten 
nicht nach der Strenge der Statuten , sondern nach Billigkeit und Mitleid ver- 
fahren möge; da sie um des standhaften Bekenntnisses der Beligion willen das 
Ihrige verlassen hätten; man sollte nicht diese armen Leute beschweren«'). 
Verboten aber ward, »zurückgebliebne Böhmen bewaffnet nachzuholen, oder 
nicht folgen wollende mit Brand und Mord zu bedrohen und Insolenzien zu üben.« 
Mehrere sächsische Beamtete verdienen als Beschützer der Exulanten hier ehren- 
voll erwähnt zu werden. Im Obererzgebirge waren es: der hochverdiente Amt- 
mann von Schwarzenberg , Veit Dietrich Wagner (»ein lieber Erbarmer armer 
Exulanten«), und die Amtsschösser, die dort den Unglücklichen wesentliche 
Dienste leisteten , Christian Personn und Johann Budolph Personn , auch Johann 
Bachhals im Zeitalter 1650 — 1660'). Eine wohlthätige Fürsprecherin war be- 
sonders des Johann Georg L Gemahlin, die Kurfürstin Magdalena Sibylla^). 

Minder gütig war man gegen Beformirte, damals unter dem Namen Calvinisten 
von den lutherischen Theologen gehasst. In dem Bescripte vom 15. Mai 1650, 
darin der Kurfürst Johann Georg dem Superintend. Strauch die Aufsicht über 
den Exulanten - Gottesdienst aufträgt, heisst es: »er solle fleissige und genaue 
Aufsicht haben, damit nicht Calvinisten oder andre Secten sich einmischen, son- 
dern ein reiner unverdächtiger, lutherischer Prediger gebraucht werde«*). Aus 
Furcht Calvinismus zu bekommen, versagte man gewissen Exulanten das Bleiben 
in Sachsen und war über ihr Weiterziehn sehr erfreut. So zogen die zuerst in 
Zittau erschienenen Beformirten, geführt von dem einst berühmten Arzte Dr. 
Borbonius, nach Thorn, wo ein Fürst Badzivil ihnen einen von den Croaten 
verwüsteten Ort einräumen wollte. Von ihnen sagt der Historiker Pelzel*), er habe 
damals die Stadt Zittau so voll von Exulanten gefunden, dass er kaum zu einem 
Nachtquartier Baum bekommen. Der exilirte Geistliche Thaddeus aber ward in 



i) Pescbecks GegenreformatioD II, 467. S. die reichen Nachrichten in den Exulanienacien 
des geheim. Staalsarchivs zu Dresden, z. B. No. 772t, Blatt 4, 6, 8, 24, 25, 87 ; vieles ist mit- 
getbeilt in Franke's Gründungsgeschichte von Johanngeorgenstadt 4 8, 21, 88, 87, 54, 55. 

2) S. Corpus juris Lusat. 329. 

8) S. Schreiben in den Exulantenacten des geheimen Staatsarchivs No. 7724, Blatt 4, 6, 8. 

4) S. Müllers Forschungen aus der neueren Geschichte. 

5) Grossers Lausitzer Merkwürdigkeiten II, 64. Gegenreformation U, 284 ff. 

6) Böhmische Geschichte II, 764. (Jeher Borbonius' Persönlichkeit s. hisL persec. 281 
Tenzels monatliche Unterredungen, 1693, 181. Hormayrs Taschenbuch, 4886, 282. 



22 I^ic böhmischen Exulanten in Sachsen 

Zittau wegen Verdacht des Galvinismus vielfältig gekränkt *) , und es Hessen die 
Stadtgeistlichen , besonders auf Betrieb des unruhigen Diaconus M. Janke , von 
Leipzig eine »theologische Gensur wider Joh. Thaddei einst böhaimbschen Exu- 
lanten irriges Büchleinxx (H50, für \ Thlr. 46 gr.) kommen. 

Da sich, wider Erwarten, um 4780 die Zahl der Reformirten so gross offen- 
barte : so befremdet es allerdings , dass in Sachsen so wenig von reformirten 
Exulanten zu merken ist. Diesen Umstand erklärt jener vom Hofprediger Hoe in 
Sachsen genährte Hass gegen Galvinisten. So mögen sie nach Holland und Preus- 
sen geflohen sein. 

Wir haben bereits kurz angedeutet, wie bei dem spätem Exiliren viel Un- 
reines sich einmischte') und nicht selten die Religion unruhigen Köpfen und 
straffälligen Menschen nur zum Verwand diente, sich ihren Obrigkeiten zu ent- 
ziehen ; so dass das Urtheil über die Emigranten sich ändern und an die Stelle 
der Milde Vorsicht treten musste. Wir ersehen das aus den Reclamationen böh- 
mischer Obrigkeiten, die ohnehin durch das Elend des 30jährigen Krieges sehen 
80 viel Unterthanen verloren hatten, wie wir in sächsischen Archiven sie finden. 
Aus einem Erlass des oberlausitzer Landvoigtes Kurt Reinike Graf v. Gallenberg 
an den Amtshauptmann, d. d. 13. Jan. 4653, sehen wir, dass viele nur wegen 
verübten Frevels und mit zurückgelassenen Schulden entwichen waren. Sie 
beriefen sich, heisst es darin , zwar auf jene frühere kaiserliche Emigrations- 
gestattung, aber es sei wohl zu bedenken, dass »unter dem Prätext der Religion 
manche Bübereien mitunterliefen o. Ihr Bleiben an der Gränze müsse der Herrschaft 
ein Dorn im Auge sein, und sie wollten nur desshalb so nahe bleiben, um allmäh- 
lig Sachen nachzuholen. Man könne daher nicht die Leute n indifferenter aufneh- 
men und hegen«, sondern müsse per individua nach Leben , Wandel und Grund 
der Auswanderung inquiriren, auch Verdächtige festnehmen. 

Es kamen vor und nach h 700 auch manche Exulanten , die man bald als 
unruhige und schwärmerische Köpfe erkannte, über die Gränze nach Sachsen. 
Da sie nun allerlei Störungen verursachten und mancherlei Besorgnisse erregten, 
suchte man sich ihrer möglichst wieder zu entledigen') . Ja es drängten sich audi 
mancherlei Vagabonden auf, die, unter dem Verwände erlittner Religionsver- 
folgung, nur Unterstützungen erpressen wollten. Ja, allerdings mögen Manche 
gar lästige Gäste gewesen, auch das Eindringen einer fremden Sprache nicht 
erwünscht gewesen sein. Da nun ohnehin der Landesherr von Böhmen und die 
dasigen Dorfbesitzer die Aufnahme in Sachsen übel nahmen und sich darüber 
beschwerten , so kamen endlich auch in Sachsen Gesetze , welche Vorsicht bei 
der Aufnahme solcher Fremdlinge empfahlen^). 



4} Carpzov, fasti Zittav. III, 44 f. Moraweks Exulanten, 494. 4 8S. 

2) Vergl. über Exulanten-Unwesen zu Adelsdorrin Schlesien Laus. Magazin 4 779, 44t ff. 
4S4 ff. 4 780, 855 ff. 

8) Vergl. die im laus. Magazin 4 779, 4 45 ff. 4 84 ff. 4 780, 855 ff. niedergelegten Er- 
fahrungen. 

4) Man s. solche Heimcitationen in die böhmischen BergstUdte in den Exulantenacten des 
sfichs. geheim. Staatsarchivs No. 7724 Blatt 55 o. vergl. auch Nicol. v. Schönfelds Citationen 
in Franke's Werke über Johanngeorgenstadt. 



von Chr. Ad. Peschock. 23 

Wenn wir von den redlichem Exulanten nun wissen wollen , w ie es ihnen 
in Sachsen, nach ihrer Uebersiedolung, erg«nngen : so werden wir freilich zu l>e- 
denken hal)en, dass hier die Antworten sehr verschieden ausfallen müssen; denn 
es ist alles auf die Uinstiinde, «luch auf den verschiedenen Chanikter angekommen. 
Fragen wir: haben sie sich glücklich oder unglücklich gefühlt: so ist gewiss 
beiderlei Antwort möglich. Viele müssen bekannt haben, dass Gott alles zu ihrem 
Besten lenke und Vieler jetzt glückliche Nachkommen in Sachsen danken's heut 
noch ihren Yorttltem , dass sie nach Sachsen übergesiedelt sind. Es mag aber 
auch manche Reue sich eingefunden, und manche Kinder und Enkel, wenn sie 
Böhmen sahen, mit Wehmuth erfüllt haben, die Schlösser und BauergOter der 
Vorältern zu erblicken. Dass sie bei der genauen Kenntniss der Psalmen die 
Verse Ps. 407 sehr beachtet haben mögen, kann man denken. 

Dass gar viele, nach so viel Angst, Gram und Noth, in den nächsten Jahren 
ins Grab gesunken, ist kein Wunder. SUcbsische Todtenregister an Grtfnzorten 
sind voll solcher Namen. Aber der Umstand ist doch schwer zu erklären, wie es 
kommt, dass so gar viele der Exulanten ein ausgezeichnet hohes Alter erlangten, 
wovon wir die zahlreichsten Beispiele anführen könnten. 

Wahrend viele nur zeitweilig in Sachsen sich aufhielten, endlich aber weiter 
zogen ! so haben doch auch viele tausende sich bleibend und gar wohl einge- 
bürgert, Häuser gekauft oder erbaut, durch Thätigkeit , Gottesfurcht und Recht- 
schaffenheit sich empfohlen und so durch die Auswanderung ihrer Kinder und 
Nachkommen Glück auf Jahrhunderte begründet. Besonders wurden viele blei- 
bend heimisch durch geschlossene Heirathen. Man kann wohl denken , dass die 
mitgekommenen fremdartigeren Jungfrauen und ihr Aus- und Eingang auf den 
Gassen , wo sie ihr Unterkommen bei menschenfreundlichen Leuten gefunden, 
die Aufmerksamkeit der Jünglinge besonders, wenn auch ungesucht, erregt 
haben'). 

Auf die Frage: wohin? haben wir nun bei diesem Versuche einer Erlüu- 
terung jener Verhältnisse , vor der Hand nur im allgemeinen und in Bezug auf 
Sachsen überhaupt geantwortet. Es ist aber auch hier von besonderem Interesse, 
die Orte der neuen Ansiedelung speciell anzugeben. So werden wir dann in die 
KriMse und Ortschaflon schauen, welche die Emigranten zu weiterem Aufenthalte 
gesucht, gefunden und gewählt haben. 

Um uns anschauliche Vorstellungen von der Mannichfaltigkeit und der gros- 
sen Anzahl der nach Sachsen kommenden und da verbleibenden Exulanten und 
von ihrem Einfluss auf das Familienleben an llauptorten zu machen, können wir 
Spuren der Exulanten in den kirchlichen Registern jener Zeiten fmden. Um Bei- 
spiele zu gel)en , wählen wir den llauptzufluchtsort Zittau und können grosse 
Reihen zus^immenstellen'). 



I S. Beispiele in PefK-liccks (•egenreformatioii II. 460. l'el*«r li;\ul«iiteii!«chick^k ». auch 
Ad Aäl eccl. XVII, i6i IT. 
i) S. Beilage III 



24 Die böhmtscheD Exulanteo ia Sachsen 



Im Meissner Kreise. 
Dresden. 

Die Elbschifferei von Leitmcriiz nach Dresden bot den böhmischen Flücht- 
lingen eine schnelle Gelegenheit , sich nach Sachsen , nach Schandau und Pirna, 
besonders aber auch nach Dresden (wo schon 1600 der Kurfürst Christian viele 
steyermfirker Exulanten aufgenommen hatte, ) zu retten , und zwar schon 4622, 
freilich damals nur, um eine zeitweilige Zuflucht zu finden. Die ersten Nachrich- 
ien finden wir in einer rührenden Schrift des aus Prag vertriebenen Geistlichen 
Siegmund Schererz ^). Die Reise war voll Angst und Gefahr, die Aufnahme in 
Dresden aber »sehr freundlich «. Eine Nachricht von 1628 sagt, dass Dresden 
von vertriebenen Böhmen noch sehr angefüllt sei und eine von 1639 , dass auch 
von den jüngst in Pirna gebliebnen Exulanten viele , aus Furcht vor den Schwe- 
den, nach Dresden gegangen seien. Dass unter letztern auch angesehne Personen 
gewesen, beweist der Umstand, dass nach des Dresdner Historikers Weck Ver- 
sicherung viele derselben in der Frauenkirche begraben worden sind. Schon vor 
Pima^s Zerstörung waren Reiche nach Dresden gezogen, wo sie von ihrem geret- 
teten Vermögen lebten, auch manche sich ankauften. 

Geblieben sind so viel zu Dresden, dass der Name »böhmische Gemeinde, 
Gasse und Kirche a heut noch nicht verschollen sind. Sie bekamen Erlaubniss 
sich anzusiedeln und »auf dem Sande tt, in der jetzigen Antonstadt , sich anzu- 
bauen, wie weiter unten bei der Darstellung der Folgen der Einwanderung er- 
örtert werden soll. Sehr lebhaft war die Erinnerung an sie beim Kirchenjubiläum 
derJohanniskirche (die zwar eigentlich eine Begrabnisskirche, aber den Exulanten 
zum Mitgebrauch erlaubt worden war,) 1850 am grünen Donnerstage, der festlich 
in geschmückter Kirche begangen ward. Aus den dazu gedruckten Liedern heben 
wir folgenden Vers hervor : 

Trotz Fürsten- und trotz Priesterwuth, 

Sie waDken nicht im Glauben. 

Das theuerste, das heH'ge Gut, 

Sie lassen sichs nicht raul>en. 

Gefichtet und verkannt 

Im theuern Vaterland, 

Von Haus und Hof sie ziehn, 

Mit Weib und Kind sie Hiebn 

Und weichen nicht vom Glauben. 

Nachdem die Anzahl der Exulanten durch die aus Pirna nach Dresden ge- 
flüchteten im Juli 1639 grösser geworden war, wurde in der Wohnung eines 



4) S. s. V<Ue Pragense, vom Abzüge der vier deutschen evangelischen Prediger zu Prag, 
46ii. und Auszüge daraus in Götze's Exulantenregister HU, f55 fT. u. Peschecks Gegen- 
ref. II, 40 ff. 



von Chr. Ad. Pesoheck. 25 

czechischen Geistlichen M. Matthias Georgines und einer angesehnen Exalaniin, 
Frau V. Wrssowiz, mit Genehmigung des Kurfürsten Johann Georg H. Sonn- 
tagsfeier, als Privatgottesdienst') gehalten, für welche Vergtlnstigung den 23. 
Aug. \ r>39 ein Dankschreiben an den Landesherm erlassen ward ; aber, nachdon 
jener Prediger gestorben war und der westphalische Friedensschluss von 4618 
gelehrt hatte , dass die Exulanten nichts mehr im Vaterlande zu hoffen hätten, 
am 23. Aug. 4649 und am 29. Mtfrz 4650, um Vergünstigung öffentlichen Gottes- 
dienstes, Anstellung eines böhmischen Pfarrers und Mitgebrauch einer Kirche 
gebeten. Man gewährte 4650, 4 5. Mai, die 4549 erbaute Begräbnisskircbe 
St. Johannis und erlaubte zu den Kosten neuer Einriditung 4654 eine Landes- 
collecte'). In dieser Kirche, von jetzt an die böhmische genannt, wurde fortaD| 
nach dem früh gehaltnen deutschen Gottesdienste, böhmisch gepredigt. Man 
liest noch die Bittschriften an den Kurfürsten') und weiss von dem Ansuchen 
um Fürsprache, welche eine angesehne* Exulantin, Fr. Barbara von Kolowral, 
dem Kurprinzen Johann Georg und dem Hofprediger Jac. Weller tiberreicht hat. 
4649 hatte man die Bittschrift dem Kurfürsten noch nicht vorzulegen gewagt und 
es bewilligte damals nur das Oberconsistorium die Fortsetzung des Hausgottes- 
dionstes bei der Fr. Barbara von Wrssowiz. Nachdem endlich die Kirche bau*- 
fällig geworden, ward sie 4794 schöner aufgebaut, wahrend die Gemeinde bis 
4796 ihren Gottesdienst in der Waisenkirche hielt. Eine Schulanstalt hat die Ge- 
meinde schon seit 4 622. Die Begierung gewahrte zur Besoldung des Predigers 
einige Geldunterstützung, einiges (nämlich alljährlich 4 6Thlr.)emp6eng er durch 
die aus Kirehenbei trägen und Geschenken entstandene und von Frau v. Wrssowii, 
Albrecht Slawata von Ghlum und Kossenberg und Wenzlaw Swatkowsky von 
Dobrohostie (und gewöhnlich von 7 Curatoren, unter AuDsicht des Consistoriums 
und später auch des Bathes) verwaltete Exulant engemeindecasse , welche jetzt 
auch ein Geschenk von 400 Thlr. empfiong, die Gurt von Einsicdel, im Namen 
Herzog Augusts von Sachsen, Administrators zu Magdeburg, einsandte. Es ward 
am grünen Donnerstage 4650 mit diesem Gottesdienste begonnen. Zur An- 
schaffung der Kirchengeräthe empfiengen sie Wohlthaten, namentlich von dem 
kaiserlichen Obrist Wchinsky und dem Obrist Sigmund von Rosengrün, welcher 
den Kelch anschaflle, ferner vom oborlausitzer Landvoigt v. Callenberg und den 
Städten Bauzen und Zittau. Cantor ward Joh. Lunatius, der monatlich 40 Thlr., 
sowie der deutsche Kirchendiener jährlich 8 Thlr. emp6eng. Communicanten 
waren 424 im Jahre 4650. Nachher kamen wieder neue Wohlthaten z. B. 4654 
ein Vermächtniss von 400 Thlr. durch Georg Müller, zwar schon 4639 den 
Pimaschen vermacht und nun erst in Dresden ausgezahlt. Heinrich Misky legirle 



I) Aher aoch nach Gewihrong der Kirche hestanden za P. Petarmanns u. Stephane Zail 
Erbaounguloiideii ausaer dar Kircha im PCirrhaiiaa. S. Staphana Glauhenahakanotiiiaa, 
Dreaden I88t, 74 ff. 

9/ Daher BiorliumaDg der Johaonitkirche s. Gretacbala Geach. Yon Sacbaan II, t%% o. 
dla LaodUgaaclao von 4 889, I, 868. S. K. Galerie voo Sachaen 4, 74 , wo aber die Nachricht 
voo .\hbraaoung dar Kirche 1760 blach Ist. Saionia 4, 89 (mit mahram unrichUean Aiiiahea). 
Schiffnara Sachaan. H. 58. 

8} 8. Beila^D 111. V. VI. Retcripte vom SS Aug. «848. vom 88. Man u. 15 Mai 1880 
nehst Rcverf vom 14. Juli 1654. 



%^ Die böbmischen Euilanten in Sachsen 

4651 50 Thlr.j Rirchmeyers Erben schenkten ein Leichentuch, Hr. v. Stubenberg 
iO Thlr. Auch aus Pressburg kamen Gelder u. s. f. Am 27. April gab das Gon- 
sisiorium Vollmacht zum Gollectiren in fremden Landen^ mit Empfehlung des 
Oberhofprediger Dr. Weller. Doch hatte solches schlechten Erfolg und sie baten 
am 17. Sept. 4653 um Verlängerung des Zuschusses von jährlich 400 Thlr., 
welcher ihnen nur auf 3 Jahr zugesichert gewesen war , sandten auch Samniel— 
boten aus. In der Gemeinde selbst waren immer viel Hilfsbedürftige zu unter- 
stützen , denn auch Wohlhabende waren verarmt , besonders in den Processen^ 
in weichen sie von ihrem Eigenthum in Böhmen noch etwas zu erringen suchteOi 
4670 betrug das Vermögen der Gemeinde 689 Thlr. Nach 4670 ward das Ebel- 
sehe Haus in der pimaschen Vorstadt zu Dresden für 800 Thlr. zu einem Pfarr- 
hause gekauft und gebessert (4 694 ), besonders durch Unterstützung von Dor. 
Bergholdin , welche auch eine Patena schenkte. Aus der Exulantencasse beim 
Gonsistorio flössen der Gemeinde regelmässige Wohlthaten zu, besonders durch 
P. Petermanns Vermittelung. Zu einem Schul- und Armenhause legirte ein 
wohlthätiger Mann, Hofrath Neid, einen grossen Garten, ein Haus und eini- 
ges Gapital , bei welcher Angelegenheit sich wieder Petermann sehr verdient 
machte *) . 

Viel gelitten liat die Gemeinde im siebenjährigen Kriege, durch preussische 
und östreichische Truppen. Nicht allein brannte das Pfarrhaus ab, sondern die 
Kirchengeräthe und Ornate, die man zur Sicherung in der Kreuzkirche gdmrgen 
hatte, giengen mit dieser am 9. Juli 4760 nebst fast 900 Thlr. baaren Geldes, 
welches Hamburg zum Neubau des Pfarr- und Schulhauses gesendet hatte, so su 
Grunde, dass nur für 751 Thlr. geschmolzenes Silber blieb. Doch neue CoUecien 
in Regensburg und Lübeck und Beiträge des Oberconsistoriums aus der Exulan— 



4) In den urohergesendeten Bittschriften unterzeichnen sich die Bittenden immer : Sämmt- 
liehe, Herrn-, Ritter- und Bürgerstandes, wegen der reinen evangel. Religion, unter Ihrer 
kurfürstl. Durchlaucht zu Sachsen gnädigster Protection , exulirende Personen. Im geasDiitefi 
Actenslück befinden sich zahlreiche Bittgesuche, 1650 u. 54 erlassen, namentlich von Herrn 
Jaroslaw Wchinsky , Freiherrn von Wchinitz und Tettau, Obrist oder General bei der schwe- 
dischen Cavallerie, an den Obrist Siegmund v. Rosengrün, der durch Nie. Ostromirsky voo 
Rokytnik einen Kelch zusicherte, wofür auch das Dankschreiben vorliegt. Bitte an die Re- 
gie rungsräthe , den Generalsuperintendent und den Obrist Anton SchlicfT zu Stettin. Dank für 
einen Kelch an Swertosch von Ryzenthal. An den Magdeburger Administrator Prinz Aagost 
von Sachsen zu Halle und dessen Geheimrath Curt von Einsiedet, nebst dessen Antwort, mit 
Wechsel auf 4 00 Thlr. Durch den Goldschmidt Georg Oppiuger in Leipzig, worüber Wenael 
Swatkowsky von Dobrohusst quiltirt. Dank an Einsiedel. Bitte an Super. Strauch von 4654 
um einen Krankenkeich , nebst Dankschreiben. Bitte um Beisteuer an Hrn. Freiherrn Wilh. 
V. Stut>eDberg, nebst Dank. Bitte an den oberlausitzer Landvoigt v. Callenberg vom 4. Dec. 
4550 um eine Kirchencollecte in der Oberlausitx, welche derselbe unterm 29. Apr. 4554 eos- 
schrieb, nebst Antwort und Dankschreil)en an die oberl. Stadträlhe. Ueber Vennäohtmseo 
von Georg Müller von Komniotau, Mischke, Rumpel, Kippelia. Bitten an die ungarischen 
Städte Pressburg, Oedenburg, Komom, Modern vom 91. Nov. 4 654 u. Danksobreibea. BÜl- 
8chreit>en each Denzig, Quedlinburg, Ulm, Nürnberg u.a. Reichsstödle. Bitte an den Karfllralefli 
um Autorisirung zu auswärtigen Collecten. S. Wellers Fürsprache u. kurf. Patent, S7. April 
465S. Bitten nach Altenburg, Jena, Eisenach, Weimar, Eisieben u an d. schlesischen Herzöge 
von Licgnitz, Brieg, Oels, Breslau, an Graf v. Promnitz. 



von Chr. Ad. PeHcheck. 27 

tencasse, auch Gaben der deutschen ZiihOrer des beliebten P. Petermann, machten 
den Wiederaufbau des Pfarrhauses um 4770 möglich. 

Wahl von Predigern ward der Gemeinde zuweilen schwer, da spiter lu- 
therische Theologen, die böhmisch konnten, eine grosse Seltenheit waren. Ihre 
Geistlichen waren anfangs aus Prag verbannte Münner, nach dem genannten 
Georgines Johann Hertwiz, früher Prediger zu St. Stephan in Prag, wo er 4620 
das Buch herausgegeben hatte Wdowstwi kreftanske, ein ausgezeichneter Redner 
bis 4 657. 4658 M. Georg Jacobäus. Dann 4 670 Benjamin Martini, Sohn des prager 
Gonsislorial-Ässessors Martini , der bei Pirna nüher besprochen werden wird. 
4 680 Peter Gallus. Dann Franz Rühr von Gitschin , in der Jugend Zögling der 
Jesuiten (von denen auch seine Gewandheit in lateinischen Versen stammen 
mochte) , dann nach Zittau gefltlchtet , ein gelehrter Mann und Urheber des Ge- 
denkbuchs seiner Kirche mit den Actenstücken tiber die Einrichtung'). Einen 
schönen F^eichenstein f\)r ihn sieht man noch in der Johanniskirche*). Er war 
48 Jahr im Amte, zugleich auch vom Stadtrathe vocirter deutscher Prediger an 
dieser Kirche, und hatte zuletzt seinen Sohn Joh. Jak. Rühr zum AmtsgehUlfeii. 
4732 — 46 fungirte Wenzel Balthasar. 4747 folgte M. Georg Petermann, der 4763 
8tarb,und 4748 ein böhmisches Gesangbuch, auch 4753 eine böhmische Gram- 
matik, Postillen u. a. böhmische Erbauungsbücher herausgegeben, sowie die 
hallische böhmische Bibelausgabe mit besorgt hatte. Dieser Petermann, ein Ungar, 
von Pukanz t)ei Schemnitz (früher Lehrer zu Berlin und Pf. zu Uhyst — ordinirt 
zu Leipzig — und Archidiaconus ra Netschau, in Dresden seit 1747, und unge- 
mein lange im Amte) war ein Äusserst thatiger und verdienter Mann. Doch aki 
Zögling der Frankischen Anstalten in Halle war er allzu pietistisch; daher seine 
Predigten nicht allen zusagten , so dass manche ihr Band mit dieser Gemeinde 
lösten und sie sehr geschwächt ward , manche aber Frömmigkeit nur heuchel-r 
ten, den Pastor vielfllltig täuschten und seine Güte missbrauchten. Doch sehr 
vielen Grossen gefiel seine Predigt so , dass der Yorhof der Kirche schon an den 
Kutschen zeigte, dass die vornehme Welt diese Kirche suchte. Er starb 4792. 
Im 58. Lebensjahre'). Ihm folgte M. Joh. Czaplowics, ein Ungar, 4793, der erst 
böhm. Pastor in Zittau war und d. 44. Nov. 4 809 starb. Der letzte böhm. Pastor 



4) In dem, im böhm Pfarrhaase zu Dresden aoCbewabrten Manoscripte : KnUMato Cnyr- 
ktumy laiozena gest leia od Narozei^ tyna Bojfho tityciiho tsestisteho padejaieho eic. , aiaem vom 
P. Rühr l<8$ angelegten Gedenkbucbe ist folgendes xusammengelragen : BitlachrHI an den 
Kurfllrt ten , vom SS. Aug. 4649, und unter gleichem Dat. Bitte bei dem Kurprinzen um Für- 
sprache, elMsnao an den Ot)erholpred. Dr. Weller. Bitte an denKurf., ausser dem PrivatKoUes- 
diensto, eine vorstadUscbe Kirche zu erlautien, vom 99. Mttrz 1650. Rescript vom f S. Mai 1650 
an den Superint. Strauch , mit Meldung der Erlaubnist der Johanniskirche und Auftrag lur 
BeauCalcbUguog l>ann auch viele BiUschriAan am Beiträge an auswärtige SUidte uod GOnner. 
Ein langes Dankachreiben an den Kurf., 41. Juni 4 «S«. Schreiben d. Gemeinde an d. theol. Fe- 
culiat EU Wittenberg wegi>n M. Ilertwig. Verzeichniss der Geschenke «nd der Geber bei Ein- 
richtung der Kirche. Kircheuinventar. üeber Einräumung der Joh.-K. s. Gretschela Geschichte 
V. Sechaen II. i6%. Landtagsacteo 4«I9, 868. 

i) Rühr hat auch einen bohm. Katechismus herausgegeben. Ueber Jacobtoa, PeteroMMUi 
«Kl Rtthr s. Jungmanns bOhm. Ijteraturptcsobichle «99, 849, 919. 

8, S. Otto s oberluus. Schrinstellerle\icon. II. 779. 



28 Die böbmischoD Eiulanlen io Sachsen 

war Martin Stephan; zwar ein Mann ohne Gelehrtenbildung, aber doch von vie- 
lem Einfluss, da er auch in deutschen Predigten von vielen Bewohnern Dresdens 
eifrig angehört ward, weil er biblischer predigte als viele andre, sank aber mo- 
ralisch , veranlasste eine Auswanderung vieler Sachsen nach Amerika und ist 
dort, wie man sagt, in Verachtung gestorben*). Vom 49. Nov. 4837 bis 2. Juli 
4845 hielt der Diac. Steinert hier deutschen Gottesdienst für die Bewohner der 
pirnaischen Vorstadt , und der Gantor Marks las böhmische Predigten vor. Eine 
neue Predigerwahl ward allerdings erlaubt, aber eines deutschen Pastors. Als 
solcher hat am 42. Jan. 4845 P. Kummer seine Antrittspredigt gehalten, der 
auch 4 850 das Jubiläum der Gemeinde feierlich zu liegehen hatte , das durch 
Kränze, Musik und Inschriften verherrlicht war. 

Es ist nun ebensowenig wie in Zittau böhmischer Gottesdienst noch nöthig, 
daher die Kanzel , welche jetzt die Portrails von Luther und Hus neben sich hat, 
auch zu englischen Predigten gegeben worden ist. Dennoch aber ist es nicht 
gleichgültig, zur böhmischen Gemeinde, für deren Bleiben man sich am 23. Mai 
4844 an den König gewandt hatte, zu gehören, weil sie gewisse Anrechte auf 
Stiftungsgelder hat. Nämlich zur Unterstützung armer, um der Wahrheit des 
Evangeliums willen vertriebner, Leute (auch derer, die sich von andrer Beligion 
abwenden und zur luther. Kirche treten) entstand 4744 die klengelsche Gasse 
in Dresden , die vom Gultusministerium verwaltet wird. Die Stifterin^ ( von 
40000 Thlr. dazu) ist Fr. Marie geb. von Rex, Witwe des Generalmajor von 
Kiengel, nach dem Testament vom 2. Jan. 4744. Da die Zinsen oft nicht ver- 
braucht wurden^ sondern zum Gapital geschlagen werden konnten - so hatte die 
Gasse 4844 schon 27984 Thlr.') Gapital. Zu dem auf 55000 Thlr. angewachsenen 
Stiftungsvermögen der böhm. Gemeinde in Dresden brachte 4620 Dav. Lippaeh, 
Prediger in Prag, denBaarstamm von 42000fl. Reichscollectengeldern nach Dresden 
und übergab ihn an den Kurf. Johann Georg L zur Verzinsung, welche seit 4 665 
aus der Rentkammer wieder regelmässig erfolgte'). Nachkommen von Exulanten 
bekommen daraus Unterstützungen. Aufforderungen zu Ausmittelung berechtigter 
Familien ergiengen jüngst (Dec. 4844) in der leipziger Zeitung und im dresdner 
Anzeiger. Da ward gesagt , dass man bereits folgende Familien als Exulanten- 
familien kenne: Poschersky, Gallus, Berthel, Flurtmann, Kank, Scheibe, Simger, 
Hennisch, Sänger, Marks, Felix, Strumpfwirker, Löwe, Gabriel, Geier, Vogel, 
Wend, Tunke, Woschaz, Schiedler; also wenigere mit czechischen Namen als 
in Zittau. 

Wohl mögen anfangs viele vom Adel und von Geistlichen gekommen , aber 
nicht hier geblieben sein. 



4) Hasse's sflcbs. Kirchengeschichte, II, 887. 44 0. Zwischen dem 28. und 80. Nov. 4888 
ist in einem Seesturro das Schiff mit Stepbans Sachen untergegangen, so dass wohl die von ihm 
geraubten Icirchlichen Papiere und jener Kelch , den er einst vom Rathhause sich hat geben 
lassen, im Meeresgrunde liegen mögen. 

8} Nach andrer Nachricht 49075 Thlr. Wilb. Casp. von Klengel war Oberlandbaumeister, 
und Christian von Klengel Geheimrath, 4676. Seit 4 854 konnte die klengelsche Gasse 400 Thlr. 
zur Gust.-Ad.-SUflung beitragen. 

8) S. Ackermanns Werk über die sächsisch. Stiftungen, I, 76, wo aber die Zahl 45S0 
unrichtig ist. 



von Cbr. Ad. PMoheck. 29 

4633 lebte als Exulant in Dresden ein Graf Kinsky, sonst Erbjager- 
nieister in Böhmen, Schwager des Generals von Terzky und persönlicher Freund 
Wallensteins. 

Stephan Olomuczansky , vormals Assessor des protestantischen Gonsisto- 
riums in Prag, 4634 nach 4 5 jähr. Exil in Dresden gestorben. 

Viele Namen der angesehensten Exulanten aus einem Verzeichniss der Ga- 
ben an die Kirche zusammenzustellen und folgende Kirchen wohlthäter und Ge- 
berinnen , nebst ihren Gaben zu nennen , ist uns möglich geworden. So gab Fr. 
Barbara Wrssowiz nebst zwei Söhnen einen vergoldeten Kelch mit Patena, Altar- 
tttcher, Chorhemd und rothsammtnes Messgewand. Anna Barbara von Kolowral, 
Magdalena von Slawata , Anna Doroth. Romhapzowa, Sibylla Judith Rutowa, 
Barbara Magdalena Wostromirska, Lydmilla Pessikowa gaben Tücher, Stickereien; 
Sanduhr, Gitter. Wenzel Swatkowsky, Karl Pfefferkorn , Wenzel Prsnik , Nie. 
Wostromirsky , Wilh. Haugwitz, BUrgermstr. Heymann, Joh. Heinrich Wyschka 
von Zlunin gaben TUcher, Kissen, Gitter. Der schwedische Obrist Siegmund 
Rosengrün') von GrUnlust bei der Cavallerie (auch RUsengrttn und Roysengrttn 
genannt) gab einen vergoldeten Kelch (mit seinem Namen) und Patena. Wilh. 
Haugwitz eine zinnerne Flasche , Georg Rolle ein blau und gelbes Messgewand. 
Karl Kirchmeyer nebst seiner Schwester ein Leichentuch , Alex. Dttgler nebst 
seiner Gattin gab Altarleuchter, Kniebanke, Joh. Czizek von Budissin ein Chor- 
hemd und eine Pultdecke, Kath. Wodrianska eine zinnerne Kanne, Elisab. 
Knauroma ein weisses Altartuch , Dor. Slatirska zinnerne Altarleuchter , Kath. 
Karbonoma ein weisses Altartuch, Kath. Wessinka ein Blech. Anna Marg. Rom- 
pohoma von Gersdorf und Malschwitz eine Altardecke, Lydmila Lynkoma von 
Sulewitz, Lydmila Audrizka von Audritz, Karl Pfefferkorn von Ottopach, Wenzel 
Prsnik von Klein-Winmitz gaben einen Vorhang und eine hölzerne Altardecke ; 
Johann Lyen, Kfm. u. Bürger in Dresden eine Kelchdecke, die Consistoriairflthin 
Anna Ktfppel einen Altarvorhang, Jgfr. Judith Trinsky ein Polster, Joh . Jenkowsky 
nebst Gattin Lydmila geb. Wlk und Kwitkowa ein Leichentuch. (Bei der Bela- 
gerung von Dresden im Juli 4760 verbarg man die Sachen in der Kreuzkirche, 
wo alles mit zu Grunde gieng. Nur blieb der grösste Kelch in einem kleinen Ge- 
wölbe bei der böhm. Kirche*). 

Ferner sind zu nennen die vier zuerst vertriebnen Geistlichen von Prag, 
nämlich M. Dav. Lippach, M. Fabian Nathusius, zuvor seit 4 586 Cantor und 
Schulcollege in Torgau [Natus, Natusch) die an der Sa Iva torschule in der Altstadt 
angestellt gewesen waren, und von der Dreifaltigkeitskirche auf der Kleinseite 
M. Caspar Wagner und Siegmund Schererz , der dann Past. in Lüneburg war 
und die dresdner freundliche Aufnahme sehr rühmt. 

Martin Felmer, Past. in Leippa gewesen, der dann in der Lausitz weiter 
angestellt ward. 

Veit Jacksch , vormals Past. an der Galluskirche in der Altstadt Prag , der 



«) Dau diese Familie Kirchen tu beacheaken pflegte ersieht mao aot dem Lebeo des Kö- 
Difs Wenzel bei Pelzet I. 4 5i 

Sj Der jeUige Aliartchmuck Ist vom JtibeQalir 4 8« 7. 



30 ^^^ böhmischen Exulanten in Sachsen 

sieb 4642 einen zwanzigjährigen Exul selbst nennt und dessen Schriften uns zu 
dieser Arbeit gute Dienste geleistet haben *). 

4653 starb zu Dresden im Exil Joh. Theod. Sixt von Ottersdorf, einst an* 
gesehner Bdrger von Prag, der am 2 1 . Juni 4 624 die Todesangst auf dein Schaffot 
zu Prag mit ausgestanden, aber noch Begnadigung erlangt hat. 

Johann Jahn, 4634 als Past. yon Platten exilirt. 

Mehrere Exulanten konnten als Landprediger bei Dresden ein Unterkommen 
finden. 

Nach Meissen wendeten sich unstreitig auch mehrere, unter andern M. 
Georg Kozeiius von Jungbunzlau und lebte dort in Dürftigkeit, nachdem er durch 
die Soldaten in den Jahren 4620 — 27 4382 fl. verloren hatte'). Er war Bürger- 
meister gewesen und war Chronist, so dass man wttnschen m()chte, dass inlfeiss^i 
Papiere von ihm aufgefunden würden'). Der Past. in Schönfeld bei Meissen, M. 
Peter Äilber war von Prag gekommen und daselbst bei der luther. Salvatorkircbe 
Rector gewesen. Er war lateinischer Dichter und starb 4 648. 

Pirna 

war der Hauptschauplatz des böhmischen Exulanten wesens , denn in diese, 
so leicht mit der Eibschiffahrt zu erreichende, schöne Stadt haben sich, der 
Zahl nach die meisten, und dem Stande nach die angesehensten Flüchtlinge 
anfänglich hingezogen (vom Grafen- und Herrenstande 50, vom Ritterstande 200, 
Stadtbürger 250) ; Pirna wählten sie zu einer , wie 3ie wähnten , einstweiligen 
Zuflucht, in der Hoffnung, nach beendigtem Kriegswesen und nach ausgleichender 
Beruhigung, ins Vaterland heimkehren zu können. 

Wir können hier reichen Bericht erstatten , weil es darüber an historischen 
Quellen nicht fehlt , denn man hat im pirnaischen Rathsarchiv ein werthvoUes, 
unter dem Namen des » Lufft'schen Repertoriums a bekanntes reichhaltiges Manu*- 
script, in dem einRathsherr Samuel Lufft um 4700 vieles aus alten Acten gesam- 
melt und aufgezeichnet hat , auch in Hinsicht auf die Exulanten. Sodann hat ein 
dasiger Geschichtsfreund , Zaake , ein Buch Über die Leiden Pirna^s im dreissig- 
jährigen Kriege, als Stahlhans, Bauer und Wrangel dort zu gebieten gehabt, 4 774 
herausgegeben. Zaake war reich mit Quellen versehen , da er mehrere Hand- 
schriften von gelehrten Exulanten besass. Viele specicUe Nachrichten haben wir 
auch dem jüngst verstorbenen Diac. Pillwitz zu Pirna zu verdanken. 

Die Zeit, wo der Strom der Exulanten besonders auch nach Pirna gieng, 
fallt in die bekannten Hauptemigrantenjahre 4623, 4 626, 4634. Es waren früher 
glückliche Bewohner der böhmischen Eibstädte Leitmeritz , Tetschen , Melnik 
und Aussig, doch auch viel aus der Hauptstadt Prag, von Leippa, Schlan u. a., 
auch manche aus Dörfern , wie Pcterswald, Sulowitz u. a. , wie aus den pirnai- 



i] Aus seinem Prognosticon in tempora hujus saecuU stebn Auszüge in Gütze's Eiulaoten- 
register. 

S) lieber solche juogbunzlauer Verhältnisse s. Mattel im Laus. Mag. 4845, 4 77 f., wo 
dessen Verdienste ausfuhrlicher gewürdigt werden. 

8) Domus exulum in Meisseu war schon 4507, also ohne Bezug auf die jetzigen Exulanten. 



von Cbr. Ad. Pescheck. 3| 

sehen Sierberegisiern zu ersehen ist. Mehr Orte wird man aus den mitzutheilen* 
den Namenverzeichnissen ersehen. 

Es waren die nach Pirna übersiedelnden Exulanten grossentheils Personen 
höhrer Stände , viele nflmlich aus dem Herren*- und Adelsstande , ja die BIttthe 
der böhmischen Grafen, Freiherren und Edelleute in grosser Zahl, viele Gelehrte, 
besonders Geistliche, zahlreiche Bürger, besonders von Leitmeritz , nicht allein 
der lutherischen Gonfession zugethan , sondern auch von der Parthei der »böh- 
mischen Brüder«. Letzteres ersieht man aus der Geschichte der Streitigkeit des 
pimaschen Exulanten - Pastors Samuel Martini, welcher den »Brttdem« nicht 
günstig war, von denen manche vor ihm schon nach Pirna eingewandert waren. 
Er wünschte, dass sie, ihre Gonfession aufgebend, mit der lutherschen Gemeinde 
sich vereinigen möchten. Sie aber vertheidigten sich gegen ihn in einer Apologia. 
Da er mit Streitschriften gegen sie nichts ausrichten konnte, bewirkte er, durch 
den bekannten damals übernU eingreifenden Hofprediger Dr. Uoe , einen landes- 
herriichen Befehl, dass diese böhmischen Brüder entweder zur lutherischen 
Gonfession sich halten oder wo anders hin ziehen sollten* Manche wtfhlten jenes; 
aber die standhaftem zogen andern Brüdern nach Polen nach , wo bekanntlich 
Lissa ihr Zufluchtsort war'). 

Was die Zahl anlangt : so ist solche in Pirna sehr bedeutend gewesen ; so 
dass a)so solche Einwanderung nicht geringen Einfluss auf Verkehr und Leben 
in Pirna gehabt haben muss. Ja man hat einmal dem Eindringen allzuvieler 
Böhmen durch eine Reiterschaar wehren müssen. Man berichtet, dass leitmeritzer 
Bürger schaarenweise kamen ( denn es war dort der Lutheraner Zahl gross und 
deren Verfolgung durch Truppen des Maradas sehr streng'). Einmal sind gleich* 
zeitig an 3000 Exulanten in Pirna gewesen , manche freilich nur kürzere Zeit. 
4628 zählte man, zufolge der von Lufit mitgetheilten Berechnung, 21 \ (?), im 
Febr. 4629 2425, 4634 2256. Wurde jedoch ihre Zahl bedenklich gross, und 
wollte allerlei Gesindel sich mit einschleichen : so erschienen nicht allein kur* 
fürstliche Rescripte zur Regulirung dieser Angelegenheit, sondern auch jene 
Reiterbesetzung zur Abwehr. 

Anfangs freilich hatten sie sich einer würdigen , theilnehmenden Aufnahme 
bei Magistrat und Bürgerschaft zu erfreuen , theils als unschuldig Verfolgte und 
achtungswerthe Bekenner, theils als angesehne und damals zum Theil noch be- 
güterte Familien'), die viel Gold unter die Leute brachten. Man pflegte sie in 
Pirna die »Böhmen« zu heissen , während man sie in Zittau die t Exulanten t 
nannte. Hier ist nun des pirna'schen § Exulantenbuchs« nochmals zu gedenken. 
Darin haben sich 300 Familienhäupter, als Wohlthäter zur Gründung der pima**- 
schen Exulantengemeinde eigenhändig eingeschrieben. Die vielen Adligen darun- 
ter haben auch ihre Wappen eingezeichnet. Dies wichtige Buch ist dann mit 
nach Dresden gekommen , vor kurzem noch da gewesen, aber leider durch Pastor 
Stephan zur höchsten Ungebühr mitfortgenommen worden. Doch haben wir 



I) S. Granu, Brüderhistorie 100. 

i) S. das Specielle in l>eüchecks Gegenrerormatioo, 11. i04 fT. 

S) So freute sich auch KümberK solcher reichen Ktulanlenfamllleii . welche Schulxfwld 
l^ahen. die Wohnungen bezahlten u. t. w. S. Auümm Aiitel|$er 40SS No. 8f . 



32 Die b(lhiDi8cben Exuli^nten ia Sachsen 

Namen der erst in Pirna gewesnen angesehensten Exulantenfiamilien bei Er- 
wähnung der dresdner Rircheneinrichtung kennen gelernt. 

4639 ward für sehr viele ein Jahr des Scheidens. Hatten schon 1623 bis 
29 so manche ihr Glttck weiter hin versucht, hatten auch viele, und unter ihnen 
mehrere Geistliche , aufgemuntert durch den in Dresden befindlichen Grafen von 
Thum, mit dem die angesehensten Exulanten in Pirna Umgang hatten, 4631 den 
siegreichen Zug des Kurfürsten von Sachsen von Dresden und Pirna nadi Leii- 
roeritz benutzt , um sich anzuschliessen und dann , zu Prag selbst , in der Tein- 
kirche kurze Zeit an evangelischer Herrschaft mit Theil gekommen : ^o kam 4639 
ein Umstand, der die Unglücklichen meist von Pirna verdrängte. 

Es kam nämlich im dreissigjährigen Kriege die nach Pommern zurückge- 
drängt gewesene schwedische Armee 4 639 mit frischer Kraft nach Sachsen wieder 
und nahm mit stürmender Hand die Stadt Pirna , bei welcher Gelegenheit audi 
zwölf Exulanten mit niedergehauen und fünf verwundet wurden. Einmal war 
ein exilirter Böhme, Matthias Gisbizky, in schwedischem Kriegsdienst, Gomman- 
dant von Pirna. Viele Böhmen fanden damals Zuflucht und Bettung im beutei- 
schen Hause , wo der exiiirte Graf von Hoditz wohnte. Als bei dieser Noth in 
Pirna die Exulanten theils wegen der täglich grösser werdenden Theurung der 
Lebensmittel hinweggewünscht , sie auch, da vom Sonnenstein herab immer 
Schüsse fielen, täglicher Lebensgefahr ausgesetzt wurden, ja da man sie in Ver- 
dacht von Verrätherei zog und meinte, ihr Dasein sei Schuld an der Stadt Unglück 
und an dem Blute so vieler Erschlagnen und Verwundeten : so fassten die mei- 
sten den Entschluss, hier, wo der Aufenthalt ihnen so verleidet war, nicht länger 
zu bleiben. Sie sandten daher in ihrer Verlegenheit eine Deputation an den alten 
schwedischen, trunkenen Heerführer Staalhandske (insgemein Stahlhans genannt) 
und Hessen ihn ersuchen , ihnen zur Auswanderung an einen sichern Ort zu 
rathen und zu helfen. Ja, sie hatten sogar die eitle und nichtige Hoffnung, wenn 
sie an das eben nach Böhmen ziehende stahlhansische Heer sich anschlössen 
und unter dessen Waffen fortzögen (was freilich Pirna gern sah, weil sie so viel 
Sympathie für die jetzt in Sachsen feindlichen Schweden zeigten ^) : so würden 
sie vielleicht ihre vor 1 2 Jahren verlassnen Grundstücke wiedemehmen können. 
Dieser Gedanke verleitete sie zu einem sehr voreiligen und leider auch sehr 
unglücklichen Auszuge von wohl i 500 Personen , begleitet vom Archid. Abr. 
Winkler. Ihren Zweck zu erreichen, war unmöglich und viele kamen dabei um '). 
Die nicht nach Pirna zurück wollten , wagten sich doch nach Böhmen , weil in 
diesen Tagen nicht das kaiserliche Heer, sondern ein schwedisches unter Banner 
zu gebieten hatte. Sie giengen an dieGränzstadtSchluckenau, rasteten dort, er- 
warteten die Verspäteten und zogen wirklich böhmischen Städten zu, namentlich 
nach Tetschen, Leitmeritz, Brandeis, Leippa, Kamnitz, wo sie wohl ihre ehema- 
ligen Häuser wiedersehen mochten. Andre, die dort nichts hoffen durften, flüch- 
teten sich einstweilen in die Felsenthäler und Bergschluchten bei Hohenstein, wo 
sie die jetzt sogenannte Bastei (Neu-Bathen} befestigten, und zur Stadt Seb- 



i] S. BItttter aus der sächsischen Schweiz 89 — 47. 448 — 59. 64 — 72. 

S) S. ausführiiche Erztthlung in Zaake's Schrift iUier Piroa's Kriegsootb, 44 —iO. 



von Cbr. Ad. Pescheck. * 33 

nitz ') , nuch nach Grossenhain und Bischofswerdn , und in die Lausitz , nach 
Bauzen. Den besten Entscbluss fassten wohl die, welche sich denjenigen Städten 
in die Arme werfen wollten , wo bereits bühinische Gemeinden angesiedelt und 
anerkannt waren. Viele nXmlich nahmen ihre Zuflucht nach Dresden , vermuth- 
lich die Wohlhabenden, wofür der schon erwähnte Umstand zeugt, dass mehrere, 
nachdem Sorge und Gram sie j^etödtct, in die Frauenkirche haben begraben 
werden dürfen. Andre wendeten sich gegen Zittau. Namentlich weiss man von 
9 adeligen Familien , dass sie beim Magistrat um Aufnahme , unter Beibringung 
guter Zeugnisse , baten und am 28. August ankamen; wie daselbst noch Rath- 
hausacten beweisen. Sie brachten auch den verwundeten schwedischen Officier 
Kienemund mit. 

Als zu Pirna die Exulantenzahl noch gross war, baten sie auch, durch ihren 
Geistlichen Sam. Martini, beim Kurfürsten Jobann Georg, besondem Gottesdienst 
einrichten zu dürfen und erlangten durch ein kurfürstliches Rescript vom 7. 
April \6%H die Genehmigung (vorerst auf ein Jahr, dann auch weiter) dazu'), 
dass sie von Zeit zu Zeit in der Nicolaikirche vor dem dohnaschen Thore (welche 
spttter, als Bauer') kam und der sächsische Obrist v. Liebenau die dohnasche 
Vorstadt vernichten Hess, abbrannte) böhmischen Gottesdienst (12 Jahre lang) 
halten durften. Ja es ward ihnen (vermuthlich den deutschen Exulanten) 4639 
einmal auch die schöne llauptkirche geliehen. Martini war auch darauf bedacht, 
einen Fonds zusammenzubringen, der das Bestehen dieser Kirchgemeinde sichern 
möchte. Da ward das schon erwähnte Album angelegt und mit zierlich gemalten 
Wappen der Adligen geschmückt. Darin sind die dargebotnen Beiträge verzeich- 
net, wozu allerdings nur jene ersten Auswandrer befähigt waren , welche ihre 
Guter hatten selbst verkaufen dürfen. So war es jedoch nicht bei den spätem 
btirgeriicben Emigranten z. B. bei den nach Pirna konmienden Kuttenbergem. 

Da unter den nach Pirna übersiedelnden Böhmen so viele Männer höhrer 
Sittode gewesen sind und unter ihnen namhafte Persönlichkeiten : so wird es 
auch der Mühe lohnen, diesen Punkt ausführlicher zu besprechen. 

Ab einen ausgezeichneten Mann müssen wir zuerst den M. Paul Stransky 
nennen, welcher Stadtschreiber und Schulrector zu Leitmeritz war, zur Brüder- 
gemeinde gehörte, und vom böhmischen Historiker .Martin Pelzel, der in s<*inen 
l.ebensbi'schreibungen böhmischer Gelehrten nicht nur seine Biographie, .sondern 
auch sein Bildniss mittheilt^), ein »berühmter Geschichtsschreiber <« genannt 
^inl. Er war aus Zapa bei Altbunzlau, hatte zu Prag die Rechte studiert und 
uar glücklich in Leitmeritz, bis er (weil er zweien Katholiken in dieser Stadt 
das Bürgerrecht verweigern wollte,) in Prag eingekerkert ward. Er sollte von 
den Capuzinern Magni und Rozdrapow katholisirt wenien und verliess nun lieber 
.sein Vaterland, als seinen Glauben. Weil er die Frohnleichnamsproce.<isi(»n nicht 



I S. Heckel und Süss in ihren Schriflen über Konigstoin und was GOUlnger in Minero 
Buch über die surli<iisclio Srh>%eiz benclitet. 

t S. die llitteii im ^eiiiiiniUMi l.uflfliM^hen Manuscri|>le und hier in den dilagen VII. u. VIII 

3; In einem KxulaiitenKedichl heilst e« ^onllaner: i prjcui ej^lttms Uma gm fldem^ne 
negastt. Ein M-hwedi^ her Oflicier rauhte ihnen auch die Kelche u. Kirchennrnale 

4 Band II, r>3« Penchecks GegeoreforfnalioQ II. iOH 

Petebeck, Die bftba. E&ilaalra. 3 



34 Die böhmischen Exulanten in Sachsen 

mitgemacht hatte, ward sein Haus sogFeich von Soldaten überfallen und geplun* 
dert, sowie seine Frau gemisshandelt , während er sich hatte verbergen müssen. 
4627 verHess er das schöne Leitmeritz mit Herzeleid, zog nach Pirna und andern 
sächsischen Studien , endlich nach Thorn , wo er von einem kleinen Landgute 
sich nährte, aber 1647 Lehrer am Gymnasium ward und unter grossem BeiCall 
daran wirkte. Wöhrend seiner Müsse arbeitete er ein wichtiges Werk de repu^ 
blica hqjema aus , das zuerst in der berühmten Elzevirschen Officin zu Leiden 
1634 und 1643 erschien, sowie zu Amsterdam 1713 und dann als Anhang lu 
Goldasts regnum Bohemiae 1719*). 

Nicol. Troilus, Hagiochoranus (d. i von Heiligenfeld), war auch Schrift- 
steller, 1603 Professor der Beredtsamkeit am Karolin zu Prag, 1614 Assessor des 
evangelischen Gonsistoriums , 1619 Decemvir und Kanzler im Rathe zu Prag und 
mit in jene Religionskämpfe verwickelt, so dass er auch in der 2. Apologie vor— 
kommt. Er ward nicht allein gefangen gesetzt und vom Amte gestossen, sondern 
verlor auch Weib und Kind zur Pestzeit. Im Jahr 1 628 war es , wo er gebrcN^h- 
nen Herzens nach Pirna zog und auch den Fürsprecher und Bevollmächtigten der 
andern Unglücklichen machte, als es darauf ankam , beim sächsischen Landes^ 
herrn und dem dresdner Consistorium die Erlaubniss zu böhmischem Gottes- 
dienste zu erbitten. Er ruht seit 1631 auf dem Gottesacker zu Pirna ^). 

In Job. Bleyssa sahen damals die Bürger von Pirna auch einen ehrwürdigen 
Märtyrer seines Glaubens. Er lebte zu Schlan, in welcher Stadt, weil sie dem be- 
kannten Martiniz gehörte, desto grössre Strenge gegen die Protestanten herrschte. 
Bleyssa litt erst, wegen beharrlicher Verweigerung der Theilnahme an der Frohn- 
leichnamsprocession, Einkerkerung, dann wegen Taufe eines neugebornen Tdch- 
terleins durch einen evangelischen Geistlichen abermalige Gefangenschaft und 
noch dazu mit der Kindbetterin , in einem unsaubern Gemach, Verweisung und 
Vermögensconfiscation ^). 

Ein zu seiner Zeit bedeutender Mann war M. Samuel Martini^), mit dem 
Beinamen : von Dragowa. Dass sein Vater M. Peter Martini Pfarrer zu HorzowiU 
im berauner Kreise und seine Mutter Anna eine Tochter des Dechants Matth. 
Fradelius zu Beraun war, wird deswegen hier erwähnt, um den Leser in die 
Zeit zu versetzen, wo es noch Ehestand bei den böhmischen Geistlichen gab. Er 
war 1593 geboren, ward im väterlichen Pfarrhause, wie sonst auch in Böhmen 
möglich , in Saaz , Laun und auf der protestantischen Universität zu Prag wissen- 
schaftlich gebildet und fungirte in seiner Jugend als Rector zu Wodnian. Dann 
ward er Adjunct zu St. Nicolai auf der Kleinseite, und zwar bei dem P. Rosacius« 
der 1621 bei den grossen Hinrichtungen jene Grossen hatte zum Tode bereiten 
müssen. Nach vielen wissenschaftlichen Leistungen ward er Pfarrer an der Ga- 



\) Doch scheiDt er gegen die Deutschen, Oestreich, die Katholiken und besonders die Je- 
suiten allzu parteiisch zu sein. Den Aufenthalt in Pirna mag ihm wohl Martini verleidet haben. 
S) S. auch Schröters Exulantenhistorie, 97 ff. 

3) Pescbeck» Gegenreformation II, 24 8. 

4) In Peizels Werk II, 75 hat man Biographie und Bildniss. Sein Leichenstein zu Pirna 
nennt ihn : theologum inier Bohemos ejccdlentissimum. Uebers. grosse Descendenz s. p. 488. lie- 
ber seine Verdienste als czechischer Schriftsteller s. Jungmanns Gesch. der böhm. Literatur 
i64. 277 ff. 283. 293. 318. 674. 548. 



von Chr. Ad. PeMheek. 35 

Biuluskirche (in der Altstadt Prag) und Consistorialnssessor bei den Utraquisten 
und musste unter Ferdinand IL, mitten im Winter, fort, zog mit Weib und Kind 
zunächst in die von Teplitz nicht ferne Stadt Allenberg, (wo er seine Familie er* 
wartete , die noch in Prag hatte bleiben dürfen , um ihre Habseligkeiten zu ver- 
kaufen) und nach Wittenberg (nebst seinem Vater, dem Senior von Horzowitz), 
begleitete die jungen Freiherren Kaplirz Wostersky von Sulowitz durch Frankreich 
und England und gewann viele literarische Bekanntschaft in den Städten , Höfen 
und Universitäten. Auch in den Jahren der TrUbsale zeigte er sich als ein ge- 
lehrter, einsichtsvoller, kluger, standh.ifter und muthiger Mann. In England 
ward er in den Adelstand erhoben *) und überall geehrt. Nach Wittenberg heim- 
gekehrt, (wo er seine an den Folgen des Kummers sterbende Gattin verlor) em- 
pfieng er den Ruf zum böhmischen Predigtamte in Pirna 4628 und ward vom 
Kurfürst Johann Georg bestätigt. Dabei war das Eigne , dass zugleich sein alter 
Vater sein Diaconus oder Adjunct wurde. Höchst merkwürdig ward für ihn das 
Jahr 4631. Der Kurfürst von Sachsen hatte, nach Tilly*s Besie^ung b^i Leipzig, 
wie Aussig und Lowositz, auch Prag eingenommen, wo Arn heim am 41. Nov. 
einrückte, und unter dem Schulze der sachsischen Waffen wagten , wahrend die 
Jesuiten binnen 21 Stunden fortgemusst, 30 evangelische Geistliche und Andre, 
geführt von einem Grafen von Turnov, besonders aus Pirna, nicht allein wieder 
nach Prag zu gchn , sondern sopar wieder in Aemter sich einsetzen zu lassen, 
unter andern auch unser Martini. Er ward, nach Vertreibung des Katholiken 
Joh. Peter Czechiades von Plottenstein , Pfarrer an der sogenannten Teinkirche, 
der Hauptkirche in der Altstadt Prag, Director des protestantischen Gonsistoriums 
und Curator der evangelischen Universität. Hier hatte er eine der denkwürdig- 
sten Gasualreden zu halten, bei Beerdigung der 40 Köpfe der 16il hingerichteten 
Herren, die der Kurfürst von Sachsen hatte vom Brückenthurm abnehmen lassen. 
Natürlich dauerte diese Herrlichkeit nicht lange, obwohl 5000 wieder protestan- 
tisch sein wollten') ; denn das Jahr d.nniiif wurden die Geistlichen, zumal da sie 
allzu herausfordernd verfuhren*), von den Kaiserlichen nach 7 Monaten, nach- 
dem am 24. Mai 4 633 die Sachsen dem Wallenstein gewichen, wieder vertrieben, 
und auch Martini zog in sein Amt nach Pirna zurück, yso man ihn freudig wieder 
annahm. Er starb 4 639 und heisst auf seinem Leichenstein an der xNicolaikirche, 
wie schon angedeutet, Theoiogus inter Bohemos excelLentissimus ^ exilüs, belUs^ 
rapinis aßictissimiis. Er ward nur 46 Jahr alt. Wohl hatte er Streit mit andern 
vertriebnen Geistlichen und zwar eher dagewesenen, und mit Gemeindegliedem, 
weil er ein ganzer Lutheraner war, viele andre und zwar eher dagewesene Exu- 
lanten aber mehr die Ansichten der »böhmischen Brüder« hatten: aber er hatte 
doch gutes Lob bei der Gemeinde , wie es auch der oft genannte Paul Cruppius- 
Pakowsky, böhmischer Prediger in Zittau, in seiner Gedächtnissrede freudig aus- 



4) S. den Adels- u. Wappenbrief vom H. Mul 4616 bei Schröter p. iS« 

S| Ceber wiedcriwrufene Exulanten t. Jami Gmteri BiblMkeca 0XMlum u Anioldt K. 0. 

KetzerhiMorte IM, 8. 4 6 4. 

I Man niu*» mtrolicb auch die katholiacheii Zeuireo boren. S. ZiinmennanM GMchlcbte 

der prager kirchen iu den Irkundeobcilagen, p. 16, eine Ralbforkuode von IUI. 

:«• 



36 Die böhmischen Exulanten in Sachsen 

spricht*). Die Elemente zu jenem Zwiespalt hatten die Exulanten schon aus 
Böhmen mitgebracht und derselbe war fast bis ans Ende des 18. Jahrhunderts 
in Dresden noch merklich. Anstoss gab besonders das von Martini herausgege- 
bene Gesangbuch unter dem Titel Enchiridion , wogegen andre exilirte Gelehrte 
bitter schrieben. Viele tadelten, dass die Gemeinde die alte Denk ungsart und 
Disciplin verliesse , hielten sogenannte Gonventikel , dtlnkten sich besser zu sein 
als die andern und beurtheilten diese lieblos, bis das Oberconsistorium den Par- 
teien Stillschweigen auferlegte. Ausserdem war damals viel Streit mit den nach 
Polnisch Lissn ausgewanderten Böhmen (an 4 00 Geistliche und 4000 Gemeinde- 
glieder) , welche denen zürnten , die nicht mit ihnen , sondern mit den Luthera- 
nern in Sachsen zusammenhielten , auch an in Deutschland und Holland gesam- 
melten Gollectengeldern allein Antheil haben wollten. Jenes ersieht man aus 
Martini's Schriften von 1636 u. 38. Da Martini wollte, dass die BrUder ihre Con- 
fession und Kirchenordnung fahren lassen und sich ganz mit den Lutherischen 
vereinigen sollten : so fassten sie eine Apologie gegen ihn ab. Er aber, da er sah, 
dass er mit Streitschriften nichts ausrichtete, bewirkte durch Dr. Hoe einen lan- 
desherrlichen Befehl, dass sie sich entweder zur lutherischen Liturgie halten, 
oder fortgehn sollten. Manche thaten jenes, aber viele zogen nach Lissa'). Es 
pflanzten sich die Streitigkeiten auch nach Dresden fort. Nach Martini's Tode 
ward kein Geistlicher mehr für die Exulanten Pirna^s angestellt; Martini's ihn 
überlebender Vater und andre exilirte Geistliche z. B. M. Tobias Adalbert, waren 
thätig, bis nach der Invasion der Schweden 1639 Pirna von den Exulanten ver- 
lassen ward, die nun nach Dresden und Zittau zogen. Seine Witwe verlor alles 
bei der Plünderung in Pirna , wo auch sein Bild zerstört ward , und zog nach 
Zittau. Von seinen zwölf Kindern erwuchsen mehrere. Ein Sohn , M. Samuel 
Martini, ward Archidiaconus in Hoyerswerde, ein zweiter, M. Benjamin Martini, 
Pastor in Langenbrück, ein Enkel Pastor prim. in Zittau. Seine Schriften , ver- 
zeichnet bei Pelzel , sind theils lateinische , theils böhmische (diese zum Theil bei 
ihm selbst in Pirna gedruckt), unter ihnen: Ancora exulantium , Oratio de con- 
cordia ecclesiae^ Comparatio Hussi et Lutheri, Confessio bohemica, Reformatio Hussi, 
Vindiciae Ziskianae. Ferner Streitschriften gegen die böhmischen BrUder und 
Leichenrede auf den schon genannten M. Nie. Troilus. In der That musste das 
Dasein solcher Münner, wie die genannten, in Pirna von grossem Interesse sein. 
Der Victorin Facilides, mit dem Beinamen Mezerizky , Pfarrer von Jechonitz, 
Exul, Privatlehrer, dann vierter Söhulcollege und Hospitalprediger in Pirna, gesl. 
1634, verdient hervorgehoben zu werden als Stammvater der in Sachsen ge- 
bliebnen und beglückten Familie Facilides, welche ihm zu Ehren den Namen 
Victorin nicht fallen lässt'j. 



4) S. Cruppius Induciae Martinianae in postremo luctu 4639. 

2) S. auch das Buch von Netolizky, Peta Tridceti (in der zittauer Ratbsbibliothek zu fin- 
den). Dabei ist eine merk>vürdige Abbildung: Diejenigen Brüder, welche das Buch MartinKs : 
»Ursachen, warum die Böhmen zur Augspurg. Confesslon treten sollen,« beherzigt hatten, 
kommen feierlich vor Martmi. Aus diesem Bilde kann man sich auch die äusserliche Erschei- 
nung und die Trachten der Ausgewanderten recht anschaulich machen. 

3) Curiosa saxon. 4 762, 63 fT. Ueber s. grosse Descendenz in Sachsen folgt später eine 
Zusammenstellung. 



von Chr. x\d. Pescbeck. 3*^ 

Wenzel Nosydio , Syndicus von Leitmeritz , Exul in Pirna , bleibt desv\ egen 
unvergessen, weil man daselbst noch einen Band handschriftliche Memoiren 
von ihm über seine Zeit besitzt; auch sollen noch 3 Bünde über leitnieritzer 
Angelegenheiten, vermuthlich von hohem Werthe, da sein. 

Verzeichnisse tlber Alle möchten wohl noch in den Uathsarchiven zu Pirna 
zu finden sein. 

Viele ihrer Namen sind wir im Stande zu nennen , nämlich von Geistlichen 
folgende: Peter Martini, Pfarrer und Senior von llorzowitz, des vielbesprochnen 
Samuel Marlini alter Vater und auch Adjunct im Amte zu Pirna. Matthias Ge- 
orgines, Pfarrer von TepHtz, 1636 Hilfsprediger in Pirna. Johann Krenich oder 
Krenitz von Hollach, 1624 exilirt , als Pfarrer von Berschkowitz. M. Christoph 
Megander, Pfarrer zu Bensen. M. Johann Langcnberger von Aussig. Paul Kan- 
nenberger von Hefflitz. Wenzel Jacksch von Chninitz, Georg Schlechta von Saditz. 
Andreas Stemberg von Malmilz. Matthias Jandau von Prag. Johann Burda, Jo- 
hann Becker von Schwaden. 1626 George Dohnert von Leitmeritz. 1627 Wenzel 
Nissel , Pfarrer von St. Adalbert in Prag. Michael Macht von Sehst. Ambrosius 
Pauli von Schönwalde. Martin Tornicius von Lindenau. Adam Zchacki. Wenzel 
Gottschald von Leitmeritz. 1628 Jacob Grundmann von Sandau. 1630 M. Jo- 
hann Chocholius aus Prag. Georg Sequenides aus Chotiebor , Dechant von Leit- 
meritz. 1631 M. Paul Stransky (s. oben). M. Florian Wernel von Strakonitz. M. 
Daniel Algin. 1633 Peter von Geissing. 1634 Peter Marlinowski , Pfarrer von 
Gitschin. Daniel Hubel von Tabor. Auch ist Martin Dornicius zu nennen. 

Wir wollen auch einmal auf unglückliche exilirte Kinder unser Augenmerk 
richten, und nennen mehrere, die uns in den pirnaischen Todtenregistern begeg- 
nen, niimlich Kinder böhmischer Pastoren : des Pfarrers Moller von Boswitz, des 
Pfarrers Megander, des Wenzel Nissolius von Prag, Hartmanns von Zeto, Bowalla^s 
von Wellwarn, des M. Chocholius, des Pfarrers Mattheus ßironeus, des M. Ko- 
chalka von Leitmeritz, des Pfarrers Marti r von Laba, des M. Georg Gottschick von 
Prag, M. Samuel Martini's, des M. Daniel Alginus, des M. Johann Kleydowsky, 
des M. Aldrovinus. Ferner des Apothekers Barthel Wagner von Prag, des Joseph 
von Bechtwitz, des Budolph von Loben, des Dr. Stephani. 

So finden sich auch geflüchtete Frauen in den pirnaischen Todtenregistern, 
z. B Fr. P. Grundmann von Sandau, 1625 in Kindcsnöthen gestorben. Fr. Lud- 
mila von Lubensky. Die verwitw. Fr; P. Ottwald von Sehst. Die Fr. M. Ziadezki 
von Neustadt in Prag, Fr. P. Möller von Bosewitz. ¥r, P. Sequenides von Leit- 
meritz. Katharina Smolinsky, Fr* P. Nosan. Fr. Kirchner Niesner von Prag. Fr. 
Slawockin. Fr. P. Manitius. Fr. Koranda von Prag. Fr. P. Origines. Die Pfarre- 
rin von Peterswalde. 

Ueberdioss : der Maler Barthel Weissinann von Leitmeritz , Adam Hermann, 
Organist von Prag, Simon Cölestin von Slan , Lucas Hippius, Präceptor; übri- 
gens auch Wilh. Siegismund, Frhr. von Litzeck aus Mahren. Zu 

Hohnstein 

bei Stolpen die Kxulantenzeit erforschend, findet man auch da einige Spuren. 
Michael Bichler, ein Leinweber von Schluckenau, war dahin gewichen und wurde 



3g Die böhmischen Exulanten in Sachsen 

4633 Bürger und Meisler. Der Weber Jacob Richter, ebenfalls Bttrger zu 
Schluckenau gewesen, kam mit Weib und Kind und starb schon 1629. Fr. 
Dorothea Krause, Witwe des Rathsältesten zu Densen, starb 4649 nach neun-' 
zehnjährigem Exil. 4 653 starb Michael Schneider, vertriebner Schmidt von 
Nixdorf. 4 660 der Exulant Meister Georg Ebert , welcher Brauer und Mälzer an 
seinem Zufluchtsorte wurde. Hans Marschner, Exulant von Heinspach, zog nach 
Cunnersdorf bei Hohnstein, sowie die "d böhmische Casparin a d. i. Caspar Schin- 
deis Witwe. Nach Gossdorf aber Chr. SUssigk aus Mörsdorf bei Kemnitz gebür- 
tig, von Ansehe gekommen, »der geschwinden Verfolgung und Reformation we- 
gen. «In I 

Radeberg 

durfte vielleicht die Familie Rumpelt abstammen von den zu Prachatiz 4624 mit 
umgekommnen Rathsherren Alex, und Max Rumpel. 

Es mag vielleicht keine Stadt im Süden des meissner Kreises sein , wohin 
nicht eine oder die andre, einzele böhmische Familie gezogen ist. 

Grossenhain wählte mancher, der 4 639 Pirna wieder verlassen hätte, auch 
4726 mancher, der erst nach Schlesien exilirt war, aber endlich auch dort nicht 
geduldet wurde; ebenso Bischofswerda , und auch Sebnitz. In 

Stolpen 

erinnert noch ein alter Leichenstein an jene traurigen Zeiten , an den unglück- 
lichen Flüchtling Jak. Mönch. Er war ein sehr angesehner Mann , als Pfarrer in 
Kuttenberg , Neustadt Prag und Leippa , auch Schlossprediger bei der GräGn 
von Slawata , also wahrscheinlich ein ausgezeichneter Mann gewesen. Die Ver- 
folgung in Leippa traf ihn in Krankheit; dennoch musste er fort und im Win- 
ter I Nach Stolpen liess er sich bringen, wo er schon am 7. Jan. 4 623^ in tiefem 

Grame verstarb. Von 

Lauenstein 

weiss man z. B. die damalige Uebersiedelung der Familie Neumann von Teplitz, 
die einen Knaben mitbrachte, der dann Pfarrer in FUrstenwalde wurde. Man 
findet unter den sächsischen Gelehrten des Zeitalters 4 660 sehr viele aus Böh- 
men gebürtige, während jetzt das wohl bei keinem einzigen der Fall ist. Von 

Altenberg 

weiss man auch dio schon 4 624 erfolgte Ankunft prager Exulanten, z. B. des 
berühmten Geistlichen Samuel Martini , der dann nach Pirna kam. Auch lebte 
hier David Wangenheim, ein Schriftsteller Über jene Verhallnisse. ZuPallig 
entdeckte man 4 854 ein alles Stammbuch dieses genannten Exulanten -Gön- 
ners Pastor Wangenheim. Daraus lenit man, dass schon am 29. Januar 4 622 
viqr der namhaftesten prager Geistlichen nach Altenberg geflüchtet waren. Mit 
Rührung sieht r:iiin diese würdigen UnglUcksgerahrten beisammenstehn mit fol- 
genden Unterschriften: Admn Clemens, Pilsenus, nitper ad divum Wenzeslaumj 
stiper Zderas Neopragae ecclesiastes ac Consistoni ordinum regni Bohemiae asses- 
sor ; nu7w propter evangelii Christi confessionem exul. Er schrieb Jesu Wort : Si 
me persectUi sunl^ aus Jqh. XV, und Nemo coronaturj quinon certaverii rede. So- 



von Chr. All. Pe»cheok. 39 

gleich hinter ihn schrieb sich der oft genannte Samuel Martini mit netter iJand, 
Martinius Bohemus, nuper ad St. Castuli ac SL crucis majoris Palaeopragae eccle^ 
siastcs ac cotisistorii ordinum retpii Bohemiae assessor^ tu pathmo AUehberyico. 
Er schrieb : Exiä erat Christus^ comites nos exulis hujus esse decetj cujus nos quo^ 
que membra sumus. Daneben steht Johann llertwitz y nuiyer ad d. Stephatii mqj» 
Pragae ecdesiastes und bekannt durch : Jova pios omnes proprio bonitate tuetur. 
Der vierte UnglUcksgefcihrte war St. IJolomuczansky, Gurinensis, sc, aus Kaur- 
ziD , non ila pridem ad aedem d, Petri Neopragae Pastor , Altenbergae , ubi Je-- 
sus Sareptam monstravit. Er nennt den Wangenlieim Maecetiatem exulum und 
schrieb kalligraphisch. Charakteristisch sind auch die Worte , welche Wilhelm 
Tuppau 1629 schrieb : Sey getreu bis in den Tod etc. Auch findet sich hier Üo- 
huslaw Karl von Tuppau. Vorzüglich aber ist die rührende Inschrift eines al- 
ten Exulanten, Wenzels von Stampach zu erwähnen, aus einer begüterten Fa- 
milie, von welcher auch Heinrich, Matthias und Leonhard proscribirt wurden. 
Jener zeichnete sein Wappen ein und schrieb: »Gleich als ich meines Altera war 
61 Jahre, weil ich hab Gottes Wort geliebt und mich in reiner Lehr geübt, der 
evangelischen Wahrheit klar, solche bekennet offenbar; hat man mich unschul- 
dig vertrieben aus Böhmen meinem Vaterland und ein Ketzer gleich genannt 
und nahmen alF mein Hab und Gut. Doch trug ich unvei^zagten Muth. Ich 
weiss, dass mein Herr Jesus Christ für mich mein Heiland worden ist. Er wird, 
als wahrer Gottessohn, mir dafür geben himmlischen Lohn. Wenn ich ihn hab, 
so hab ich wohl , was mich ewig erfreuen soll. « Dann empfiehlt er sich dem 
christlichen Gebet seines treuen Seelsorgers Wangenheim. 

Das bei Geismg liegende und zum Theil in Geising, zum andern Theil in 
Fürstenau eingepfarrte Dorf Zinnwald, bekannt unter dem Namen eines Berg- 
Heckens, kam auch in Verfulgungsnoth : denn es war grOsslentheils i>öhmisch, 
den Herrschaften von Tc()litz und ßilin (den Clary und den Lobkowitz) gehörig, 
sowie die Stadt Graupen ; doch war ein Theil (Georgenfeld) sachsisch und daher 
eine Zuflucht zu gewahren geeignet. Es fehlt über Zinnwald nicht an Nachrich- 
ten'). Man hatte hier in dem böhmischen Anlheil des Zinnwalds im 17. Jahr- 
hundert, theits weil es so nahe an Sachsen tag, theils weil es von unentbehr- 
lichen Bergleuten bewohnt war, mit den l'nkatholischen noch Nachsicht ge- 
habt, sogar bis über 1700 hinaus: so dass die Leute Sicherheit hofllen und sich 
staatlicher einrichteten. Zwar hatte man den Protestanten daselbst schon 1652, 
4666, 1694 und 1700, gewaltig zugesetzt; jedoch Fürbitten hatten noch Nach- 
sicht errungen. Aber 1728 wendeten die katholischen Herrschaften ,Gewalt an 
und vertrieben den evangelischen Prediger Kauderbach , verboten natürlich auch 
die Schule. Es entstanden eine katholische Kirche und Schule und das Gchn in 
die Messe ward eingeführt. Die durch St^honung verwöhnten Berghauer ergaben 



l; MeiMner» Nachricht von AllenberK t>re»deii 1747 p 641 (T Loschem un»chuldii« 
Nachrichten von t730 p H81. Dielmann«» nurhs. rriosterüchaft I. HOd und ein Maauacript 
voo Kreynigft Hand in der leipziger Ralhi^bihluitliek . uiil «ler l>lK*r>i hrifl Auszug einiger 
Nachhcblen vom Zinnwalde. DaMelbe betrifft besoodera die VorK^nKe von 1717 Lindau't 
Rundgemilde der Gegend voo Dretden. Gautsch. Archiv für üchs. Ge«ch I . ••# . Geadi. dtr 
(•egeareform. II , 5i ff 



40 Die böbmischen Exulanten in Sachsen 

• 

sich 80 schwer, dass man 4738 sogar Jesuiten herbeiholen musste, während 
die bisherigen Seelsorger, bei denen jene eingepfarrt gewesen (in Geising und in 
Fttrstenau) nicht mehr kommen durften. Keine Fürbitte half; aber es converiirie 
auch kein Zinnwalder. Man sammelte Collecten fUr sie im Lande*) und sie wen- 
deten sich auf sächsischen Boden. Die Qesäiichte solcher Uebersiedelung und 
der Erbauung eines neuen Dorfes haben wir für den 2. Theil zu versparen. 

Das Städtchen Sebni tz auch wurde, besonders 4639, als so viele Exulan- 
ten Pirna wieder verliessen , für so Manche ein Zufluchtsort und gewann nebst 
den umliegenden Dörfern viel an Bevölkerung. Da lebte 1637 z. B. ein »Herr 
Valentin Ziegenbalg von Röhrsdorf,« vielleicht der Stammvater des zu Puls- 
nitz gebomen berühmten Missionars Bartholomäus Ziegenbalg. Im Todtenre- 
gister von Sebnitz 1639 steht: «Christoph llänel, Kürschner, so sich 13 Jahre 
in exilio während der Persecution in Böhmen aufgehalten. « Erwähnt ist da auch 
1 653 Jakob Wähner, Exul von Nixdorf und Michael Schmidt , deren Töchter hier 
starben. Ein Exulant war auch der Hammerherr Johann Joachim Mttnnich. Ei- 
nem historischen Werke*) entnehmen wir noch folgende Nachrichten : »Es wuchs 
die Zahl der Einwohner von Sebnitz von Jahr zu Jahr. Das vorzüglichste , was 
die Volksmenge in Sebnitz und in der ganzen Umgegend vermehrte , waren die 
Auswanderungen der Evangelischen aus den kaiserlichen Landen. Schon unter 
Kaiser Ferdinand II. waren verschiedene böhmische evangelische Unterthanen, 
die grösstentheils ansehnliche Bedienungen verwaltet hatten , hierher nach Seb- 
nitz geflüchtet , als: Peter Pauser, Freiherr, ein Freiherr von Pessing, ein Frei- 
herr von Schutz, Erasmus Heugel, Pfarrer, Balthasar Opitz, gewesener Pfarrer 
zu Schönau, Johann Heiss, Bürgermeister von Leippa, Valentin Beifner, Amts- 
schreiber zu Bensen, Christoph Hänel, Zacharias Villeben u. a. , welche sämmt- 
lich mit ihren Familien hier lebten und auch zum Theil hier gestorben sind. Al- 
lein dieses betrug damals nicht viel und die wenigsten blieben auch hier; als 
sich aber unter Kaiser Ferdinand III. eine neue Verfolgung der Evangelischen 
erhob : so nahmen viele aus Böhmen und Schiesiei^ , besonders aus den benach- 
barten Herrschaften auch hieher nach Sebnitz ihre Zuflucht. Weise*) nennt ei- 
nige von ihnen, die sich seit 165^ bis 1658 hier niedergelassen , aber es sind 
deren ungleich mehr. Im Jahr 1 655 , als auf kurfürstlichen Befehl alle Exulan- 
ten , die sich im hiesigen Amte aufhielten . nach Hohenstein gefordert wurden, 
um den Unterthaneneid abzulegen, waren in Sebnitz 27 Männer, von welchen 
fast alle Familie halten , und deren einige schon angesessen waren. Im gan- 
zen Amte (Hohenstein) waren damals 105 Exulanten, zu denen aber in den fol- 
genden Jahren noch mehrere kamen. Die fortdauernden Bedrückungen zwangen 
immer noch mehrere ihr Vaterland zu verlassen; und viele wählten wieder Seb- 
nitz zur Ausübung ihrer Gewissensfreiheit. Mir sind 61 Männer vorgekommen, 
die sich hier ankauften oder als Hausgenossen hier wohnten und mehrentheils 
Familie hatten^ und 7 Wit\\en. Nehme ich also, weil einige unverheirathet wa- 
ren, nur 50 Familien ohne die Witwen an und rechne auf die Familie nur 4 Per- 



4; 8. Herzogs Gesohicbte von Zwickau, II, 598. 

Sj S. Gützingers Gesch. von Hohenstein, Lohmen und Sebnitz. 

8) Weise's Beschreibung von Hohenstein p. 40. 



:mim. 



von Cbr. Ad. Pescheck. 4I 

sonen : so ward die hiesige Volksmenge um 200 Personen durch sie vermehrt, u 
Und S. 24 heisstes: »Die Verfolgungen, welche die l^vangelischen in Böhmen 
dulden mussten, verursachten, dnss ein grosser Theil von ihnen auch ins Meiss- 
nische flüchtete. Sehr viele von ihnen wurden von den hiesigen Amtsstildten und 
Dörfern willig aufgenommen, wie sich denn nach 4 622 besonders zu Sebnitz ver- 
schiedene Freiherren, Geistliche, obrigkeitliche und andere Personen lange Zeil 
aufhiellen. Einige von ihnen kauften sich an oder liessen sich sonst auf immer 
hier nieder, a Dass in Sebnitz die Zahl der Exulanten nicht sehr gross war , ist 
dadurch zu erklären , dass in den benachbarten grossen böhmischen Dörfern 
Nixdorf und Lobendau lange Nachsicht gewesen ist, und alle Gelegenheit zum 
Flüchten da war. Nennen können wir den Richter Adam Pelzold von Schönbom 
mit Weib und 5 Kindern. 

Von Neustadt bei Stolpen berichtet der nümliche Götzinger*), dass nach 
den Verwüstungen des 30jährigen Krieges von den flüchtenden Exulanten sehr 
viele nach Neustadt sich gewendet und das damals entvölkerte Stildtchen wie- 
der volkreicher gemacht haben. 

Hof bei Oschatz kaufte um 1688 der mit seiner Gemahlin Gräfin Polyxena 
Elisabeth geb. von Folkrein von seinen Gütern in Oeslreieh der Religion wegen 
vertriebne Otto Christoph Freiherr Teufel von Gundersdorf , der in Sachsen Ge- 
heimerath wurde. Am Bau einer neuen evangelischen Kirche in Hof hinderte ihn 
nur sein schon 1693 zu Dresden erfolgter Tod. Seine Tochter ward Gemahlin 
des geheimen Raths Grafen Georg Ludwig von Zinzendorf , des Vaters des Be- 
gründers von Herrnhut. Dieser halle nebst seinem Bruder Otto Christian »in noch 
sehr zarler Jugend , um in der reinen evangelischen Lehre erzöge^ zu werden, 
das flebiie emiyrandi heneficium^ mit Verlassung unterschiedner Herrschaften, 
nicht sonder grosse Gefahr ergriflcn und sich in sächsische Lande retiriren müs- 
sen.« Er und seine Gemahlin haben, n nachdem ihre nach Gottes Wort begierigen 
Seelen Erquiokung und ihr Fuss in diesen evangelischen Landen Ruhe gefunden, 
sich wohlbedäclitig entschlossen dem Allerhöchsten zu Ehren das Gotteshaus zu 
Hof von Grund ganz neu aufzubauen a'). 

Von einigen Dörfer n ist noch folgendes zu bemerken. In Callwitz bei 
Oschatz hatte man den Pastor Melchior Gerlach junior, der als Knabe mit von 
Briens exilirt war '). 

In Collm bei Oschatz war Pastor Georg Delitz aus Oeslreieh, der 1633 nach 
Rochlitz kam. 

In Wellerswalde bei Oschatz steht im Todtenregisler l>ei Erwähnung der 
1701 verstorbnen Witwe llutmann : »der Lehre halber aus Böhmen gewi- 
chen«. 

Zu Laas bei Oschatz war der Pfarrer Christian Exner, ein Sohn des drei- 
mal aus Böhmen exilirten M. Melchior Exners. 

In Wachau bei Radeberg ward 1664 M. Tobias Grolius l^arrer, welcher aus 
Joachimsthal war. 



i; Getchicht« von lloheiis^tein 378 
i) SMchNiitchc Kircheiiunlcne S, 7i 
3. s ilenftCMi (ii-ul»chna in iler »ttclii. K Galerie 3, 5« 



42 Die böhmischen Exulanten in Sachsen 

In Marbach bei Nossen ward 1636 Johann Böhme, aus Pomiskiw exihrt, Pa- 
stor, und in Ringenthal 4633 Johann Nicolaus von Teusing. 

In Topfseifersdorf bei Miiweida ward Andreas Zephei von Karlsbad 4 628 
Pfarrer. 

In den Dörfern um Sebnitz sind auch Exulanten gewesen. 

In Ilertigswalde ward Martin Meissners von Einsiedel Weib beerdigt, weil 
man sie als Unkatholische nicht auf den Kirchhof von Lobendau liess. 

In Saupsdoff war Jacob Dietrich von Nixdorf, in Hinterhermsdorf Martin 
Hohlfelds von Kamnilz Weib und Martin Pötschmann von Nixdorf. In Ottendorf 
liessen die Exulanten Andreas Kessler und Christoph Richter Kinder begraben, 
so auch Hans Weise von Rosendorf und es starb da auch Matth. Kessler von 
Sieinsdorf. In Schönbach war Georg Meissner von Wilmsdorf und Christoph 
Hase. 

lieber Neusaiza, als ein ganz neues Städtchen s. and. 0. 

In die Dörfer an der Elbe : Kopitz , Posta , Zehista mögen w ohi auch Ver- 
triebne gefluchtet sein. 

Das Eibstädtchen Schandau war einer der nächsten Zufluchtsorte der 
Lutheraner von Aussig, wo der lichtensteinsche Commissar Hieronymus Bu- 
kowsky, genannt Jaresch , die Unterdrückung derselben hatte besorgen müssen, 
und von Tetschen. Man nahm 1 622 mehrere exilirle Geistliche auf und ein Blick 
in die dortigen Kircbrechnungen versetzt uns in die Verfolgungszeiten vor und 
nach 1600. Es nennt uns nämlich ein Ausgaberegister die Groschen und Pfen* 
nige , die man aus Erbarmen vertriebnen Predigern aus Oestreich (von wo ein 
Pfarrer mit Empfehlung des Hunnius und Chyträus ankam) , Böhmen , Mähren, 
auch aus dem Würzburgschen , hat reichen müssen. Da steht z. B. 3 Groschen 
einem vertriebnen Pfarrer Heinrich Rilligius ex Bohemia (schon) i 605. Die an- 
gesehene Familie Hering in Schandau soll auch von Exulanten und zwar von 
mährischen abstammen, schon aus der Hussitenzeit, und ursprünglich Hring ge^ 
heissen haben. Man sagt, ein Mitglied dieser Familie habe über die böhmischen 
ReligionsbedrUckungen und über die Exulanten viele Nachrichten gesammelt ge- 
habt, wenigstens über die böhmische Verfolgung'). Neue Ankömmlinge aus Böh- 
men waren nach den Verwüstungen durch die Schweden nicht unwillkommen 
in dieser Gegend*). 

Der schandauer Pfarrer M. Simon Graf (ein Siebenbürge, 4 659 gestorben) 
war höchst wahrscheinlich auch ein Exulant und ist unvergesslich als Dichter 
der Kirchengesänge: Christus der ist mein Leben und Freu dich sehr o meine 
Seele. 

In Liebenau bei Schandau bekam der aus Tetschen vertriebene Pfarrer An- 
dreas Ravisius das Pastorat. 

Auch nach Reinhardsdorf bei Schandau und gewiss auch nach Krippen 
übersiedelten sich Böhmen in jener Zeit und so manche haben noch nach \ 650 
die dasige Kirche milbesucht, namentlich solche von Tetschen, Grund, Ro- 



4) S. den Anhang des Buches : Religion, ihre Erkcnntniss und ihre Offenbarung von Karl 
Gottlieb Hering, Gutsbesitzer und Holzhändler in Schandau, Pirna 1885. 

5) Götziogers Geschichte von Hobnstein , 8S8. 



von Chr. Ad. Petebeck. ^43 

sendorf ) Kreybilz , Aussig u. s. f. , besonders solche aus Hirniskretscham , von 
denen das reinhardsdorfer Kirchenbuch noch die Notiz bewahrt, sie h«IUeD sich 
hinter dem Altäre eine eigne Empore errichten dUrfen. 

WehlslHdtchen ist gewiss auch ein Zufluchtsort für Exulanten geworden und 
mag noch Nachkommen derselben haben. 

Geising bei Altenberg lag ebenfalls den armen Vertriebnen zu einer Zu- 
flucht nahe. Hier trefTen wir namentlich mehrere jener abgesetzten Geistlichen *), 
z. B. Andreas PortenwUntig , Heinrich Rothe, Michael Longelius (bei dessen Be- 
grabniss in der Kirche zu Geising eine nicht geringe Anzahl seiner vormaligen 
böhmischen AratsbrUder in ihrem Jammer zu sehen waren], Johann Beck, Joh. 
Dockens, Jacob Nessel. 

Im Stadtchen Künigstein und im Dorfe Lehmen werden sich unstreitig auch 
Exulanten niedergelassen haben. 

Pressen bei Königstein kaufte und bewohnte 23 Jahre lang Rud. v. Bü- 
nau, sonst auf Tetschen, geflüchtet zu SchiHfe 1630. Gestorben ist er 1654 und 
beerdigt in Königstein. Er kaufte Prossen, nahe an der böhmischen Grenze, von 
Leutnant Hans Ramisch. Geboren war er zu Tetschen 1605'). 

Wilschdorf bei Bischofs werda. Pastor ward 1627 Michael Röllings, II. Jul. 
1624 aus Böhmen exilirt. 

Ins Dorf Spremberg') kamen Exulanten aus Schluckenau. Namen Dahin- 
gezogner waren Rasche, Höher, Schreiber, Richter, Schule. So wohl auch in 
mehrere Dörfer. 

Erzgebirger Kreis. 

Dieser kommt, nächst Dresden, Pirna, Zittau und Neusaiza, als den Haupt- 
exulantenorten, vornehmlich in Frage. 

Es gritnzt das sächsische Erzgebirge viele Meilen weit südlich mit Böhmen 
und zwar mit dem saazer Kreise, von dem es durch rauhe Gebirge geschieden 
ist. Eben diese Gebirge gaben für die von den Bekehrungsdragonem geiing- 
stigten und verfoljiten Protestanten eine Zuflucht ab , nicht blos zu zeitweiliger 
Verbergung in die \V<ilder, sondern auch zum Anbau. Dbch sind nicht allein 
diese vielen Gebirgsculturen, sondern auch der Umstand zu erörtern, dass Stadt- 
bewohner aus Böhmen auch die Städte des Erzgebirges zur Zuflucht erkoren 
und da bleibend ihre Familien einbürgerten. Sie wurden da um so eher un- 
kenntlich, weil sie aus deulschböhmischen Gegenden kamen und also der 
Name oder die Sprache nicht Kennzeichen blieben , also auch nicht besondre 
böhmische Gemeinden entstanden. 

Wir beginnen mit 



I) Nibere Angaben in der sAcbs. K. Galerie von Pirna, p. if 

t) S. Susi Historie \un königstein (4 755) p i34, n. IS9 aein Leicbenateln mit Wappen. 
Eine Reliquie von ihm in der kinlit tat ein roibsemtoM lletacewemi. ^ 

3, L^us Mag. 1840, 177 fT 



44 ^i® böhmischen Exulauten in Sachsen 

Freiberg. 

Die Historiker dieser Stadt*) berichten, dass eine »grosse Anzahl«, denen das 
reine Wort Gotles über alles gegangen, ausgewandert sind mit Weibern und 
Kindern und viele sich in Freiberg eingemiethet haben (besonders auch die 
aus dem durch jene Streitigkeiten berühmt gewordenen Orte Klostergrab) 
und zwar 1625, dass aber auch viele zum Bürgerrecht gelangt und aufbleibende 
Uebersiedeiung bedacht gewesen sind. Zufolge einer Nachricht im pirna*schen 
Exulantenbuche sind an 86 vornehme Familien nach Freiberg geflüchtet. Namen 
solcher Familien würden in Freibergs Kirchenbüchern eingezeichnet zu finden 
sein, wenn jemand so fleissig forschte, wie es zu Pirna gescbehn. Ein Name aber 
hat bei den Historikern') einen guten Klang behalten; das ist der gelehrte und 
fleissige Paul Skala von Horcze , der eine Kirchengeschichte von i 2 Bünden , in 
böhmischer Sprache , hinterliess , woran er theils in Lübeck , theils in Freiberg 
gearbeitet hat. Unstreitig ist diess zu Dux in der Waldsteinschen Bibliothek lie- 
gende Werk noch nicht genügend ausgebeutet worden, weil das protestantischen 
Gelehrten w eder zugänglich noch verständlich , Katholiken aber missliebig ist. 
In der Gegend von Freiberg wurden auch durch ländliche Exulanten neue Dorf- 
chen angelegt, nämlich Deutscbneudorf und Obcrneuschönberg , was im zweiten 
Theile zu erörtern sein w ird. Theophiius Lehmann , \ 609 Diaconus und 1 6H 
Pastor in Leippa , der dann in Tetschen gelebt , auch in Prag für Garth vicarirt 
hatte, Pfarrer in Wischnitz gewesen war und in Kommotau dann sich aufgehal- 
ten^ ward endlich Amtsprediger in Freiberg und in Erbisdorf bei Freiberg ward 
1619 Val. Witschel, aus Niciasberg verjagt, Pfarrer. Auch ward, wie man 
aus Rechnungen im Amte Nossen ersieht, ein aus Kommotau oder Kaden exilir- 
tor Geistlicher vom Kurfürsten unterstützt. Ein Andenken an die Exulanten hat 
noch Krummhennersdorf bei Freiberg, wo in einer Thurmknopfinschrift die 
Worte vorkommen: »Gollator Moritz von Hartzsch genannt, von Mehltheuer 
vertrieben aus Böhmerland, wegen der reinen lutherschen Lehr', zu Bieberstein 
wohnet er, 1626.tt Von andern Dörfern gebricht es uns noch an Nachrichten. 
Unstreitig ist wohl keins unter den südlichsten Dörfern, das nicht Zuwachs 
der Bevölkerung damals bekommen und behalten hätte. Ueber 

Zwickau 

im Erzgebirge fehlt es uns nicht an Exulanlennachrichten. Diese Stadt war be- 
reits gewohnt, Exulanten zu sehn und zu unterstützen, denn schon bei der Ver- 
folgung zu Leipzig durch Herzog Georg 1535, und in der östreichischen Verfol- 
gung, seit 1598, kamen 1603 mehrere') dahin und fanden gute Aufnahme*). 
Z. B. Martin Kanne, ein vertriebner Geistlicher , erhielt unter erleichterten Be- 
dingungen das Bürgerrecht , und Abr. Boscher die grosse Pfarrei Bockwa , sowie 
später Georg Martins, gewesner Pfarrer in Eger, die zu Beiersdorf bei Zwickau. 

4) Mollers ChroDik derselben, 4653 gleichzeitig. Wilischs Freiberger Kircheiibislorie, 
beim Jahr 4625. * 

2) Pelzel in seiner Geschichte von Böhmen 11, 760. Palacky in seiner Würdigung böhmi- 
scher Geschichtsschreiber, Vorrede XVl. 
^ 3, Die Namen s. in Herzogs Geschichte von Zwickau, 9l, 239. 

4) Das. 859, 366, 408, 485, 495. 



von Chr. Ad. Pescbeck. 45 

Da viele Leute höhrer Stände nach Zwickau (1624, 1625, 1654) übersiedelten: 
so kennt man auch noch viele Namen, z. B. Georg Biel, Bürgermeister von 
Schlackenwerde, der in Zwickau sein Grab fand. Johann Weller von Molsdorf 
(ein Bruder des bekannten sächsischen Oberhofpredigers D. JaC. Weiler) , wel- 
cher gräflich nostitzischer Oberhauptmann zu IJeinrichsgrüfi in Böhmen gewesen 
war (ein Pathe des berühmten Grafen Joachim von Schlick) , kaufte das weiss- 
bomer Vorwerk und kam in den Bath. Der berühmte Bürgermeister Nicolaus 
Weller von Molsdorf zu Freiberg war vielleicht sein Sohn. Von Wellers Erben 
konnte jenes Vorwerk «auch w ieder in Exulantenhände gelangen , denn es kaufte 
es ein Freiherr Siegm. Ludw. von ScharfTenberg , sonst auf Hochwengen und 
Deutschbrodersdorf in Oestreich, jetzt aber w ie Graf von Tettenbach im Exulan- 
tenstande und wie eine Generalin SchifTel. 

Ein ausgezeichneter Mann war D. Paul Macasius, Stadtphysikus und Apo- 
theker, sonst glücklich zu Eger, ein Sohn bei der kärnthner Gegei^eformation 
aus Lichtenstadi (wo sein Vater Pfarrer gewesen) vertriebner Aeltern*); exilirt 
ebenfalls 4628 und hofTnungsios 1635, so dass er alles verlassen musstc. Aber 
er gewann auch in Zwickau eine gute Apotheke und erwünschte Praxis, bis 
er 1644 verstarb. Man weihe auch den unglücklichen Gattinnen ein theilneh- 
mendes Andenkon Seine Gattin war, in Folge der Drohungen der Gegenrefor- 
mationscommissarien , um ihre Gesundheit gekommen. Ausgewandert war mit 
ihnen der Sohn, der auch ein namhafter Arzt in Zwickau, sowie sein Vater auch 
Schriftsteller ward. Ein Exulant aus Schlackenwerde war 1657 Diaconus in 
Zwickau, ftine merkwürdige Persönlichkeit ist auch der vertriebne Pastor von 
Klinghard 1622 und von Eger, dann Pastor in Beiersdorf bei Zwickau gewesen, 
der Stammvater vieler Pastoren Martius, wohl auch des gegenwärtigen evange- 
lischen Pastors zu Prag, Georg Martius von Asch'j. Er hinterliess nämlich aus 
vierfacher Ehe 7 Söhne. Im Amte folgten ihm Sohn, Enkel und Urenkel. Zu 
Klinghard 1628 mit Wölb und 3 kleinen Kindern vertrieben , kam er nach Böh- 
men zurück, nämlich als sächsischer Feldprediger, nach Eger, wo er das 
Merkwürdige erlebte, in der wieder protestantischen llauptkirche eine Dankpre- 
digt, auf des sächsischen Kurfürsten Befehl, 163! über den 100. Psalm, halten 
zu können, nachdem Eger von den Sachsen erobert war. Natürlich dauerte diese 
Herrlichkeit nicht lange, denn als Eger durch den kaiserlichen General Holk wie- 
der erobert war, musste er mit den Seinen fort und lebte wieder, wie zuvor, in 
Brambach als Exulant und machte den Informator und Organisten. Er war auch 
ein guter Dichter und Disputator. In Beiersdorf starb er , gleich den meisten 
Rxulantengeistlichen , in sehr hohem Alter, da sein Sohn dritter Ehe, Johann 
Heinrich Martius sein Substitut war. .\us 4 Ehen hatte er 18 Kinder. 

Nach Gablenz bei Zwickau kam 1 633 als Pfarrer der aus Puschw itz in Böh- 
men exilirte Joh. Dresser von Strassburg und 163t nach Crinitz. Ein exilirler 
Pfarrer von Platten, .M. Georg Kretschmar, ward Pastor in Kirch1>erg. Zu Planitz 
kam ins Amt 161 1 der schon 1605 in Asch vertriebne Dan. Fugmann. 

r S. Curiosa saxon Höi. 57 ff Amalecta sarom 4 765. 96 ff. . wo feine Biographie weit- 
läufig steht. Jocher» Gelehrtenicxikoii i. v. 

i, S. sein LeUMi in m*cell. Saxom. 4 765, 4 76. Uiettnanns sächsische Pnetterscheft 111, 
4 438 Caspar Lochers Leichenpre<hßt auf ihn. Zwickau 4 679, Quart. 



46 I>i0 bähroischen CxulontAn in Sachsen 

Annaberg 

ist ein Hauptziel der böhmischen Uebersiedelungen^} gewesen, nicht allein wegen 
seiner Nähe , sondern weil der Ort den gebildeten Deutschen in Böhmen von Ju- 
gend auf schon deshalb lieb und werth war, weil die Aeitern zu Prag, Eger, Brix, 
Joachimsthal, Kaden, Falkenau, Teplitz, Rakonitz, Melnik, Saaz, Friedland, 
Petschau, Schlan, Pilsen, Klattau, Strakonitz, Prestnitz, Gilschin, Nimburg u. a. 
ihre Söhne auf den Annaberger Schulanstalten bilden liessen , wie man aus ei- 
nem Programme des Rectors Adam Daniel Richter lernen kann % Es will hier 
zweckmässig scheinen , die Resultate von auch einer andern ribhterschen For- 
schung*} dieser Schrift einzuverleiben. Das Mitleid der Bewohner von Annaberg 
war schon genügend erregt durch die Erzählungen des 1 636 dahin geflüchteten 
Bürgers von Saaz Wenzel Wisocky , der unter dem Don Martin Huerda unsäg- 
liehe Qualen gelitten^). Richter beginnt mit folgender Einleitung und theilt dann 
aus zerstreuten Blattern und von Leichenmonumenlen zahlreiche Namen jener 
Unglücklichen, unter denen nicht wenige von höherem Stande sind; sorgföl- 
lig mit. 

«Anno 1624 wurde in Oestreich und Böhmen den Evangelischen das exer- 
citivm religionis aufs Neue wieder verboten. Die Priester in Joachimsthnl wurden 
den 9. August und die schlackenwerder Geistlichen den 4. August enturlaubt. 
Sehr viele Leute flohen nach Wiesenthal ; denn im August liess der Erzbisebof 
durch Dr. Georg Landherrn und seinen Secretarium , George Stuchern , die Kir- 
chen reformiren, im elbogner, saazer und rakonitzer Kreise; in Bergstädten. 
Darauf kamen viele nach Wiesenlhal und communicirten bei dem damaligen 
Pfarrer Heinrich Rubeln, als auf welchen die Böhmen aus Kadan, Kommotau 
und andern Orten zuliefen, liessen da taufen , sich copuliren und communicirten 
manchen Sonntag in Wiesenlhal zwei, drei, iiuch mehr hundert Personen, dar- 
unter Grafen und Edelleute waren , ehe die Orte alle wieder mit Pabstlern be- 
setzt wurden. In diesem Jahr, um Pfingsten musste auch Johann Rebentrost fort, 
Pfarrer zu SchaboglUk bei Saaz , unter dem damaligen Collator Kaplirz von Su- 
lowitz, Herrn auf Schedsitz. Daraufkam Georg Landherr, reformirte Joachims- 
thal, liess eine Taufordnung hinter sich, und wie man die Todten begraben sollte 
etc. Zu Platten musste fort der schon genannte Pfarrer Kilian Rebentrost. Im 
saazer Kreise sass Dominic von Klara , der trieb gleichfalls alle lutherischen 
Priester fort. Auch wurde in diesem Jahre Daniel Rebentrost, Pfarrer zu Litzsch- 
kau, eine Meile von Saaz vertrieben ; ebenso die allen Collatores, und es kam in 
die Herrschaft Litzschkau Herr Hartwig Wratislaw, Oberster über 4000 Pferde 
zu Drohamischi, a 

»Es begaben sich sehr viele evangelische Priester nach der Pressnitz . kauf- 
ten sich zum Theil an, wurden aber von des Herzogs Franz Albrecht von Lauen- 

^) Anfrage des Rathcs in Annnberg beim Kiiifursten wegen Annahme geschah am 44 . Nov. 
46ii und Bescheid kam am 22. Nov DieWorle s. bei Franke (in seiner Schrift über Johann- 
georgensladlj. Aus dem Haupt-Slaalsarchiv, 4. Buch No. 4 0334 Bl. 4 47 f. 

2) Catalogus discipulorum Annabergensium, 4 744, 

ti Aus seiner Religionsgesch. von Annalierg 4735 u. seiner Chronik v. A. 4746, 4, 4 47 ff 

4) S. Peschecks Gegenreformation, H, 24S. 



von Chr. Ad. Pescbeck. 47 

bürg Gompagnie durch Einquartierung und ContribuUon sehr ausgemergelt. 
Endlich befahl Landherr, Inquisitor exulum evangeiicorum , dem Rathe zu Press- 
nitz , wenn sie solche nicht noch bei Sonnenschein wegschafften : so wollte er 
frt)h mit 60 Muskctirern kommen und sie exturbiren. Da musste sich denn Da- 
niel Rebentrost, der sich daselbst mit 600 fl. angekauft hatte, zu Mittemacht 
nach Annaberg salviren.a 

»Als die Verfolgung Anno ^624 in Schlackenwerd erjzieng: so inusslon sich 
die Bürger erst vor dem fUrstl. siichsischen (?) Kanzler Max. v. Endern stellen. 
Der bedrohte sie mllchtiglich, wo sie sich nicht zur wahren katholischen Religion 
begeben und solche annehmen wurden. Wo sie es aber thüton : so sollten sie 
dagegen einen gnädigen Kaiser und stattliche Privilegien haben. Vier Wochen 
vor Ostern wurden Betstunden angestellt und Patres verordnet, welche die Bür- 
gerschaft unterrichten sollten. Wer die Religion nicht andern wollte, musste 
sich bei Sonnenschein aus der Stadt und aus dem Lande machen. Viele , auch 
vom Adel, haben sich damals nach Ann.iberg, als Exulanten aus Böhmen , bege- 
ben, Vor und nach dieser Reformation.« 

»Hans Wilhelm Bohusch von Ottoschitz mit Gattin, geb. v. Stambach, und 
Familie, zog dann nach Schiettau. Heinrich Fink, 16^6 von Kadan. Adam 
Hmschka, von Briesen, auf Seletitz in Annaberg gestorben; einer seiner Söhne 
war beim Winterkönig erstochen worden, ein andrer ganz weggekommen. Jacob 
Hmschka , schon 1\ Jahre alt, nebst Gattin. Er war erst in Freiberg, sein Sohn 
aber bei den Schweden gestorben. Tob. llruschka von Briesen , mit Weib, Söh- 
nen und Töchtern , zuerst nach Buchholz exilirt. Felix Kaplirz von Sulowitz mit 
Gattin und unerzogenen Kindern ; ein Sohn blieb im Kriege bei Eger, drei Töch- 
ter starben in Freiberg, eine in Buchholz, andere in Annaberg. Peter Kautsch, 
schwedischer Generalquartiermeister. Adam Kelbel von Geissing und Netluk, mit 
Weib und Kindern, erst zu Zöblitz. Sabina Kirbitzorin von Kadan, 1626. Ehr- 
bard Koch und ilans Kunz des^loichrn. Paul Kiszerschky von Wrzesletwitz zu 
Meielschau, der in llrna ein adeli.LMvs Früulein heiralhete. Fräulein Anna von 
Lobkowitz und Hassenstein, aus Pless. Nicodemus Me\her von Kyrberg, Haupt- 
mann in Joachimsthal, der 4624 mit 4 Sohn und 4 Töchtern nach Annaberg 
kam. MUncbmeyer, von Schlackenwerd, mit Familie, 46i4. Casp. Pretzel, von 
Pressnitz. Joh. Rosenschön, von Schlackenwerd. 10^4, nachher Amtsschreiber 
SU Wunsiedel. Dav. Seltenreich von Kadan 1626. Nicodemus Sextus mit Fami- 
lie, ebendaher 1624. Graf Joachim Schlik von Passaun, kam 1590 nach Anna- 
berg. Frau Elise v. Schlik« Burggrilfin von Dohna, Witwe, 1639 zu Annaberg 
gestorben. Jac. Schwabe von Kadan, mit Familie, 1626, ebenso Sebastian 
Schwarz, mit 4 Kindern und 2 Milgden. Martin Schwan von Kadan, 4626. 
Erasmus Stambach , der 1 658 in 92j<lhrigem Aller starb und in Schiettau be- 
graben ist. Wenzel Steinbach v. Stambach , auf Waischen , Witwer mit Söhnen 
und Töchtern, erst nach Pirna und Dresden exilirt, in Annaberg, fast 90 Jahr 
alt, gestorben. Seine herrschaftlichen (Jüler waren an seine Söhne gekommen. 
Johann Heinrich Strinbach v. Stambach, aus Wischitz , der schöne Guter (z, B. 
Kernhaus, wahrend andre Glieder der Familie Zizclitz , Koslrlitz, Felixburg und 
Eckerber«: besassrn. welche sie den Herren von Thun u. I^l)ko\\itz und Wrsche- 
sov\etz abtreten mussteu) , an Werth etliche 100,000 Thir. verlassen hatte und 



48 I)ie böhmischen Exulanten in Sachsen 

in Annaberg zwei Söhne und ebensoviel Töchter binterliess. Wenzel Steinbach 
von Stambach , unmündig , der seine Güter zum Theil verkaufen durfte und bei 
Annaberg Tanneberg und Breitenhof ankaufte. Ludwig Storch , zu Claus , aus 
Oestreich ob der Ens , und Gattin , geb. v. Röhrbach , auf Klingenbrunn. £r 
lebte auch in Buchholz und seine Witwe später in Regenshurg. David Strizka, 
von Kadan , 1 6^6. Hans Heinrich v. Utrischky auf Drachowitz , erst zu Marien- 
herg. Adam Utrischky von Utrisch. Graf Woldemar v. Hassenstein, auf Warchau 
und PlatzkaUi Andreas Zettelberger mit Familie. Thomas Zicker v. Kadan, 1626, 
mit FamiJie. Endlich nennt der annaberger Historiker den schon oben besproch- 
nen Wisozky. « 

In den Kirchen und auf den Kirchhöfen Annabergs aber stösst man auf so 
manchen Leichenstein, welcher unglücklichen Exulanten gilt; z. B. Fr. Katha- 
rina Schaftmann, geb. Kretzpitz v. Modlitschkowitz , 1629. Anna Lobkowitz v. 
Hassenstein, 1624, Sidonia Lobkowitz v. Hassenstein , 1651. Ursula, geborne 
und vermählte Lobkowitz v. Hassenstein, 1630, mit dem Beisatze: meaciUo; 
Joh. Malowitz auf Wusterna, gest. 1633 auf dem Rittergute Tanneberg, Kriega- 
mann; Frl. Marg. v. Tupau, Exulantin aus Libotitz, 1641, desgl. Elis. v. Tupau, 
beide unvermählt. Christian Stenzdörffer auf Scblenzdorf, Exulant, gest. 1640 
u. Anna Marie Stenzdörffer , geb. v. Simsdorf. Tob. Hruschka auf Wittow^ska 
undBriesen, »christlicher Exulant a, gest. 1663, igfr. Ursula Ottilie Hruschka, 
19 Jahr alt, und Adam Friedr. Hruschka, Sohn von Tob. Hruschka und Lud- 
iniia geb. von Tupau. Justina Schwabe , 1655, auf deren Grabmal steht : »In 
Kadan ward ich jung, da trat ich in die Eh', bald ins Exilium musst' ich mit 
grossem Weh, hier dieses Annaberg hat mich doch aufgenommen«. Wilh. von 
Tuppau, St. 1651 in Exilio, Christoph Weidner v. Brix, st. 1667. 

Auch exilirte nach Annaberg Joh. Andrea, seit 1617 Pastorin Kadan gewe- 
sen, 1622 vertrieben, Hess seine letzten dort gehaltnen 5 Predigten 1 630 zu 
Leipzig drucken , und kam als Pastor nach Geier. Kilian Rebentrost, Pfarrers- 
sohn und Diac. in Platten, exilirte 1627 mit Frau und 7 Kindern nach Annabei^, 
war 3 Jahr Exulant, dann Bergprediger. Gregor Beza, von Joachimsthal , war 
Pfarrer in Böhmen gewesen, ward Diaconus in Annaberg, dann Pastor in Buch- 
holz , wo 1623 auch der aus Kadan exilirte Pastor Joh. Behm lebte. Er hatte 
früher 1582 in Joachimsthal evangelisch gelehrt. Kilian Rehentrost, 1624 aus 
Platten exilirt, ward Bergprediger in Annaherg und starb als Juhelpriester. In 
Hermannsdorf bei Annaberg bekam Joh. Kirchner, Exulant von Harditz, 1624 
das Pfarramt. 

Ebenso wohiberathen sind wir mit Nachrichten von den Uebersiedelungen 
böhmischer Exulanten in der Bergstadt *) 

Schneeberg 

und haben da dem dortigen Chronisten, dem buchholzer Prediger Melzer sehr 
willkommne Nachrichten zu verdanken*) über die, wie ersieh ausdrückt, welche 



\) Nach Annaberg ist auch die Familie Schwabe von Löwenberg» in Schlesien exilirt. S. 
Schröters Bxulantenreg. 285. 

2) Chronik von Schneeberg, 4064 ff. (4684 a. 4746). Wir entlehnen das Folgende aus der 



von Chr. Ad. Pescheck. * 49 

om des Evangeliums willen das Ihre verlassen haben in ihrem Religionseifer, die 
aber Gott neu beglttckt hat. 

Durch ihn erfahren wir Folgendes. Es wird genannt: Wolfgang Hdizel, 
Sohn des kaiserlichen Raths Wolf Hölzel von Sternstein, welcher letztere in 
Budweis und in Steyermark MUnzUmler bekleidet hatte , zuletzt Hauptmann in 
Joachimsthal gewesen war und neben dem dort berühmten Johann Mathesius in 
der Pfarrkirche begraben liegt. Der Sohn Wolfgang war 1 593 in Rudolphsstadt 
in Böhmen geboren , bekleidete ebenfalls ein ansehnliches MUnzamt in Joachims- 
ihal, exilirte, nach des Vaters Tode, nach Eil>enstock und Schneeberg, empfahl 
sich durch seine Kenntnisse zum Zehndner-Amte , lebte bis 4 667 und ward dort 
der Stammvater der angesehnen hölzelischen Familie. Johann Freisteyn war 
Mtlnzwardein in Joachimsthal, verliess sein Amt, zwei Häuser und schöne Grund- 
stücke der Religion wegen, empfahl sich in Sachsen bald durch seine Kenntnisse, 
ward zu Schneeberg 1 668 Zehndner und Kobaldinspector und starb fast 83 Jahr 
alt. Barth. Pfanner, vertrieben aus Schlackenwald, ward Rathsherr und Stadt- 
schreiber in Schnceberg, wo 1609 auch der aus Augsburg des Evangeliums we- 
gen vertriebne Advoc<it Hieronymus Gentsch Zuflucht fand. Gregor Eyerer war 
Bürgermeister und Handelsmann in Schlacken wald gewesen und starb schon 
4621 im Exil zu Schneeberg, wo er in der obern Stadtkirche ruht. 4 654 starb 
daselbst Joh. Jahn, welcher evangelischer Pfarrer zu Platten in Böhmen ge- 
wesen war. 

Einen Platz verdient hier auch die Geschichte Christoph Schindlers'). Der- 
selbe war zu Schneeberg geboren, studirtc zu Altdorf, Leipzig und Prag und 
ward da von dem mehrmals genannten lutherischen Prediger Helwig Garth un- 
terstützt, 4645 — 46:20. Hier trat er oft als Redner auf und disputirte, gleich 
genanntem Garth , mit Jesuiten und Capuzinern wacker. Er studirte Jura und 
practicirte als Advocat vor den prager Ruthen und dem Appellalionsgericht. Nach 
der prager Defenestration diente er als Anwalt der Stadt Aussig und führte ihre 
Sache vor den LandsUinden und Directoren , brachte es dahin , dass jene StadI 
freie Religionsübung erhielt und durch Commissarien ein evangelischer Rath ein- 
gesetzt ward und die Evangelischen denen sub una die Stadtkirche abgewannen. 
Doch Garth redete ihm , trotz der misslichen Umstände , zur Theoiogie zu, und 
nun studirte er sie in jenes gelehrten Mannes Bibliothek. Dann ward er sechs- 
ter College an der evangelischen zur Salvatorkirche gehörigen Schule, 4620 aber 
Diaconus von Aussig , während er eine VocaUon nach Kadan ausschlug. Allein 
schon am 48. März 4624 kamen kaiserliche Commissarien nach Aussig und ver- 
trieben ihn am 24. März, worauf er selbst neben tausend Andern exiliren musste. 
Am 24 . Juni war er Augenzeuge der grossen prager Execution und gieng dann 
in seine Vaterstadt Schneeberg, wo er zuweilen die Kanzel betrat. Jetzt empfahl 
ihn 4624 der Oberhofprediger Dr. Hoe zum Diaconat nach Frauenstein, 4625 
ward er Pfarrer in Claussnitz, 4634 in Wolkenstein, endlich ward er Nachfolger 



Gesch. der Gegenreformation II, 541 u. verweisen noch, \wegen Schindler», auf Herings Getch. 
des sUchs. Hochlands, II, i88. u. Tittmanns »achs. Priesterschaft 1 v Schneeberg. 

1, (]eber Schindler s. Wiciisch. Freiberger K. Geschichte. II, SI7. Dietroanns Priester 
•chafl III, 1888. Bahns (iesch. von Frauenstein 184. 

Pe teile ck, Di« bftlia. E&aUal««. 4 



50 I)ie böhmischen Eiulanlen in Sachsen 

seines Schwiegervalers im Pastorat Schneeberg. 1616 schlug er das Superioleo- 
dentenamt zu Weida aus. In Claussnitz traf ihn harte Zeit. Die Kroaten, welche 
seinen Amtsnachbar Georg Franke in Kleinwaltersdorf in Stücke hieben und 
solche dem Kettenhunde vorwarfen , nahmen ihn bei einer Taufe gefaDgen, 
schleppten ihn nach Böhmen und Hessen ihn nur fUr eine grosse Geldsumme los. 
Er starb in hohem Alter'). 

Der RathskUmmcrer Andr. Steinniüller, ausEger, hatte mit dem sächsi- 
schen Agenten Math. Hofmann aus Prag exiliren müssen 1631. Die Familie Gö- 
schel war aus KUrnthen exilirt , die Familie Höfer von Rietau ob der Eos, Götze 
von Eger. Oestreichische Exulanten waren auch Bastian Stattelberger, Tob. 
Hübel, Tob. Herbart, Hans Freicsnmth, Hans Berger, Bathaser Heldner, Jac. 
Höfner , Martin und Hans Lichtenecker. Der Wagemeister zu Schneeberg , Paul 
Moyses von Kirberg war Stadtschreiber in Elbogen gewesen und kam 4642. Von 
Grasslitz waren nach Schneoberg exilirt : Christoph Rockstroh , Erbard Hoyer, 
Caspar Reiher. Von Joachimsthal kamen 1650 der Stadtrichter Johann Richter, 
mit seinen Söhnen y der Steiger Michael Hammer mit seinen Verwandten. Als 
sechsjiihriger Knabe kam der nachmalige Pastor von Aue , Johann Jahn , mit sei- 
nem Vater aus Platten. Als Kxulantenfrauen kamen nach Schneeberg: Katharina, 
Witwe des Pfarrers Joh. Grimm von Puschwitz in Böhmen, und Anna, Wliwe 
des Bürgermeisters Johann Felix Striez von Rokyzan. 

Beim Jahr 1600 bemerkt die Chronik von Schneeberg, dass viele Exulanten 
aus Steyermark ; Kamthen und Krain gekommen seien und das vom Pabst Cle- 
mens VHI. ausgeschriebne Jubeljahr viel Aufsehn gemacht habe; bei 1603, dass 
kurfürstliche Mandata wegen Aufnahme von Exulanten aus kaiserlichen Landen 
ergangen; bei 1624, dass der ehemalige Bürgermeister von Schlackenwerd, ' 
Andreas Meyer, QOjührig, von den kaiserlichen Soldaten zu Schneeberg ge- 
tödtet ward. 

Unter den aus Joachimslhal ausgewandei*ten Evangelischen kann besonders 
Konrad Hütter genannt werden. Er war dort Kaufmann, Bergamtsassessor, dann 
auch kaiserlicher Erzkaufamtsverwalter, Rathsherr und Stadtrichter, auch in 
mehrern Angelegenheiten Commissarius , als ein sehr angesehner Mann. 1629 
musste er, des Glaubens wegen, flüchten mit seiner Gattin, welche aus Platten 
war, und mit den Kindern. Er war der erste standhafte Auswanderer und taub 
gegen der Gegner Anerbietungen. Er gieng erst nach Schneeberg, wo er beim 
Bergwesen Anstellung suchte , dann aber kaufte er sich in Geier an. Seine Ge- 
sinnung zeigt folgender Vers, den er sich in ein Gebetbuch geschrieben hatte: 
lieh bitt, oHerr, mit Danken, ach, lass mich ja nicht wanken I Lass mich ja 
halten fort und fort an Deinem göttlich lautren Wort, das ich anizt bekenne, und 
Deinen Knecht mich nenne, dass ich dabei beständig bleib*, bis sich einst schei- 
det Seel und Leib.a In seinen Epicedien heisst es: »Herr Conrad Hütter, Exu- 
lant, eilt bald in's ew'ge Vaterland. Er v^ar der erst' aus Jochimsthal, da er wan- 
dert' über Berg und Thal von wegen der Religion. « Da seine Witwe den Pa.stor 
Johann Jahn zu Platten 1634 geheirathet hat : so ist daraus zu ersehn , dass in 

I) Wielifch, Freiber^er Kirchenhislorie 2, 117. Dietmaniis IVieslertch. 111, IS8S. Bahnt 
Gesch. voo FraucD^teio 404. S&chs. Kircheiigalerie, \1I. 4 76. 



von Cbr. Ad. Pescheck. 54 

diesen Gebirgsorten doch noch nicht alle ynkaiholischen Geistlichen verjagt wa- 
ren. Derselbe war aus Platten, hatte zu Magdeburg und Wittenberg studirt, zu 
Schneeberg gelebt, vom Rathe zu Platten einen Ruf ins Predigeramt erhalten und 
war vom Superintendenten Leyser zu Leipzig examinirt und ordinirt, und vom 
Pastor Schraiedler in Joachimslhal inveslirt worden. Aber in der Gegend von 
Platten gieng 4635 die Verfolgungstrübsal an. Am 43. Trinitatissonntage kam an 
ihn das kaiserliche Gebot zu weichen. Nun privatisirte er 2 Jahre in Dresden, 
ward aber 4637 Pastor zu Kttrbitz bei Plauen, wo er viele Kriegsdrangsale aus- 
zustehen hatte. Nach 4 640 war, auf hohe Vermittelung, in Platten wieder evan- 
gelischer Gottesdienst erlaubt, und Jahn, der in KUrbitz hatte fliehn müssen, be- 
kam die Pfarrei zu Platten wieder. ( Kein Wunder , wenn oftmals auch andre 
Exulanten Sihnliches hofiHten!) Doch 4650, nach dem westphälischen Frieden, 
gieng aufs neue die Verfolgung der evangelischen Geistlichen an, und 4654 wi- 
chen viele Bürger von Platten, und legten in Sachsen Johanngeorgenstadt an. 

Manche bequemten sich nach der Gegner Willen, und dachten nicht an Jesu 
Wort Mt. 49, 29 und Luc- 8, 43. Der exilirte Jahn gieng nach Schneeberg, wo 
er 4 654, nicht alt, verstarb. Die Gedachtnisspredigt über 2 Tim. 4, 7 f. hielt 
ihm ein andrer exilirter Prediger, Schindler, Oberpfarrer in Schneeberg, der 
4624 als Diaconus zu Aussig vertrieben worden war. Sie ward 4653 zu 
Zwickau gedruckt. In 

Chemnitz *) 

ward neuerdings durch ein Ereigniss die allgemeine Aufmerksamkeit der Stadt 
auf die Exulantenzeit gelenkt. Man hat nämlich 4 834 einen zinnernen Sarg von 
einem Exulanten aufgefunden. Dieser Exulant, Gotthard v. Welz, Freiherr von 
Eberstein und Spergelfeld in Steyermark, geht uns zwar hier nichts an, aber 
Beachtung verdienen doch die Worte der Inschrift: namore religionis sponte 
egressus etjuxta fati varie trahentis vias fixam denique mentis et tranquillam cor- 
poris sedem Chemnitii consecutusdi. 4630^). Der Schulrector Adam Andrea war 
Exulant aus Kadan und ist der Gründer der Chemnitzer Schulbibliothek. Pfarrer 
in Ebelsbrunn bei Chemnitz ward 4 639 Caspar Reinal von Eger. 

Von Johanngeorgenstadt, als einer ganz neuen Exulantenstadt, wird später 
unten berichtet werden. 

Buchholz sah ebenfalls Exulanten in seiner Mitte, denn dahin floh z. B. von 
Briesen Tob. Hruschka, mit Weib und Kind. Albert Leutenbeck, ein Annaberger, 
exilirter Pfarrer in Böhmen, ward in Buchholz 4 624 Schulmeister, 4634 aber 
Pfarrer (86 Jahr alt verstorben)'}. Da einer seiner Vorgänger 4 558 auch schon 
böhmischer Exulant war, ersieht man wieder, dass einzelne Vertreibungen auch 
schon im 46. Jahrhundert vorgekommen sind. Drei Schwestern von Tupau und 
Libotitz zu Buchholz schenkten der Kirche einen silbernen Kelch. Mehrere nach 
Annaberg fliehende haben auch in Buchholz sich aufgehalten, z. B. Hruschka 
und Stroth. Frtlher war ein buchholzer Pfarrer Gregor. Beza aus Joachimsthal. 



1) Die Todten- und Trauregister bezeugen kein Dasein von Exulanten daselbst. 

2) Chemnitzer Wochenblatt, t83t. 

3) S. Mucellanea saxon. 4 769, S76, in der Kirchen-Gesch. von Buchholz. 

4* 



52 ni<? böhmischen Exulanten in Sachsen 

Jöhsladt war auch nahe genug an derGranze, um Exulanten zu sehen. Der 
exilirte Pfarrer Daniel Rebenlrost aus Platten , Pfarrer zu Liboschitx in Böhmen 
und Exulant zu Annaberg gewesen, hatte dann 32 Jahre das Pfarramt in Jöhsladt, 
unter viel Kriegs- und Fauiilienleiden , und erreichte doch auch ein' Aller von 

^0 Jahren. 

Geier hat auch manchem unglücklichen Auswanderer Zuflucht darl)ieien 
müssen. Zu nennen ist, da es ausführliche Nachricht über ihn giebt*) , der auch 
bei Schneeberg erwähnte Conrad Ilütter, Kaufmann, Bergamtsassessor, kaiser^ 
lieber Erzkaufamtsverwalter, Bathsherr und Stadtrichter zu Joacbimsthal , ein 
hochbetrauter Mann, flüchtig 4 629 mit Weib (Bosina geb. Bahr) und Kin- 
dern , taub gegen Abreden und standhaft evangelisch. Nachdem er eine Zeil 
zu Schneeberg beim Bergwesen Anstellung gesucht, kaufte er sich in Geier an, 
wo er aber nur ein Jahr noch lebte (bis 4634). Der Pfarrer M. Job. Gotlfr. Frey 
(1748) daselbst stammte auch aus Böhmen, von wo sein Vater nach Dresden ge- 
flohen war. Ein rechtes Zeugniss für die Gesinnung glaubenstreuer Exulanten 
ist der Yers^), den sich jener in ein Gebetbuch eingezeichnet hatte. Ein Exulanl, 
schon 1627 zu Kadan vertrieben, erlangte das Pastorat zu Geier, JoJiann Andrea 
aus Waldheim. 

Oberwiesenthal ist bei jenen Uebersiedelungen auch sehr betkeiligt ge- 
wesen. Als 4 624 im saazer, elbogner und rakonitzor Kreise die Gegenrefor- 
mation kam und die lutherischen Geistlichen aus Joachimsthal und Schlacken- 
w^erde vertrieben wurden, suchten sich die Evangelischen vonKommotau, Kadan 
und an andern Orten, zu Wiesenthal Licht und Trost und Sacramente, unter 
ihnen auch mehrere Familien hühern Standes. Ihre eignen Geistlichen waren ja 
fort, z. B. Joh. B^bentrost, von Schaboglück hei Saaz, Kilian Bebentrosi von 
Platten, Daniel Bebentrost von Litschkau. lieber die Exulantenübersiedelung 
nach Wiesenthal berichet uns des scheibenberger Pfarrers Christian Lehmann 
Werk über das Erzgebirge^) Einiges. Er schreibt: »A. 4 650 ergieng eine grosse 
Verfolgung an der Gränze; also dass sich alle und jede Evangelische^ mit Hinter- 
lassung alles Vermögens , mussten fort machen und aus Böhmen weichen, a Um 
4628 waren viel exilirte Adlige in Wiesenthal. Aus der Zeit, wo die Exuiantea 
noch Vermögen mitnehmen durften, wissen wir, dass einmal ein fromnter Edel- 
mann aus Böhmen sieben sächsische arme Kinder zu Wiesenthal neu bekleidete. 

Die Gegend von Scheibenberg mochte auch viel von Exulanten zu erschien 
wissen. Der dasige Pastor Chr. Lehmann , Verfasser des ebengenannten histori- 
schen Schauplatzes des Erzgebirges, 4699, wo auch oft Exulanten erw^ähni wer- 
den, hatte einen besondern Tomus moralis^) mit vielen Nachrichten von Exulan- 
ten. In Scheibenberg starb 4 657 Ursula, von Pressnitz in Böhmen, Frau des Exu- 
lanten und Bathsherrn Cph. Langfeld. 



i) S. Curiosa saxonica 1758, 267 ff. u. Epperleins Leben, das. 4 757, 480 ff. 
1t) S. oben p. 50. 

3) Lehmanns Schauplatz des Erzgebirges, 796. 4 9. Sollte dessen Manuscript de exf«lj6iis 
Doch irgend wo aufgefunden werden, so würde solches sehr erfreulich sein. 

4) Der Superiat. Dr. Lehuiaon in Freiberg besass dieses Manuscripl. 



von Chr. Aü. Pescbeck. 53 

Aus dem lohmnnnschen Werke ist noch Folgeodes herauszuheben. S. 763 
slehn in einem Verzeichnisse sehr altgewordener Leute des Erzgebirges auch fol- 
gende: Joh. Schindler Pastor exul von Lucka , Johanns von Nosliz, eines Exu- 
lanten, Tochter zu Wiesenthal, Hans Kerndel, Exulant aus Ste>ermark, in Anna- 
berg. S. 814: A. 163i starb im Exil. M. Johann Kaupilius, ein gelehrter und 
eifriger Bekenner Christi , welcher vor 3 Jahren aus der Stadt Slan , von Georg 
Michna, kaiserlichem Reformationscomissario, vertrieben worden. S. 815 kommt 
die damals gewöhnliche Rede vor: wUrden Fürsten und Herren beim pabstlichen 
Glauben nicht verdammt: so könne er (der exiliren wollende) auch dabei selig 
werden. Ebendaselbst S. 852 steht noch folgender Bericht: 1659 verschied ein 
frommer und gelehrter Exul von Schlackenwerde, zu Neustadt- Wiesenthal , Jo- 
hann Christoph Moyses, von Kohrberg, gewesner Stadtschreiber in Zschopa und 
gewissenhafter Juris prac/icti^ in Joachimsthal. Als er 1650 nebst vielen andern 
durch kaiserliche Execution, der evangelischen Religion wegen, aus Joachimsthal 
ausgejagt worden , bemühte er sich sehr, durch Schreiben und Intercessionen, 
auf dem Conventstage zu Nürnberg, die Freiheit der Religion an besagtem Orte 
wieder zu erhalten. Da aber nichts erfolgte, grumte er sich heftig um sein verlass- 
nes Vaterland , wie er denn seine herzliche Bekümmemiss in unterschiedlichen 
schönen Carmmiöus ausgedruckt, studirte und betete fleissig in seinem ExUio, war 
fromm, still und himmelsbegierig. Hierbei verweist der Historiker Lehmann auf 
seine Collectanea und jenen » Tomus morcUis de Exulibus. « 

Es mochte wohl an dem südlichen Rande des sächsischen Erzgebirges kaum 
Eine Stadt und kaum Ein Dorf sein, besonders auch unfern von Eger, wo nicht 
irgend ein Exulant sein Unterkommen gesucht und gefunden htttte. Die Namen 
solcher Landleute sind freilich kaum mehr bekannt; aber von angesehnern Leu- 
ten und besonders von Pfarrern ist noch manche Notiz aufzufmden. 

So zog nach Schiettau Hans Wilh. Bohusch von Ottoschitz mit seiner Gattin, 
einer gebomen von Stampach, und seinen Kindern. Daselbst starb 1658 Eras- 
mus V. Stampach , fast 92 Jahr alt, dessen Familie in Böhmen ansehnliche Güter 
l>esessen hatte. 

Nach Sayda flüchtete Christoph Knorr (aus Plauen), der seit 1616 Rector in 
Brix, seit 1619 Pfarrer in EidliU gewesen und 1624 aus Böhmen exilirt wonlen 
war, der aber 1639 Pastor in Neuhausten und endlich in Sayda selbst ward'). 
Man weiss auch , dass derselbe in Wäldern die Taufen der Kinder evangelischer 
Böhmen hielt und Baumstöcke da den Tauftisch vertreten mussten. Daniel Bäss- 
1er , exilirter Pfarrer von Netzenitsch ward Diaconus in Sayda , dann Pastor in 
Dörnthal. Der Diaconus Valentin Lehmann in Sa^da (1637) war aus Joachims* 
thal geflohen*). 

Frankenberg erhielt einen Exulanten zum Pfarrer , Michael Macht , zuvor in 
Sesitz. In Ebersdorf bei Frankenberg lebte als Exulantin Sabina Löser und war 
die Gattin des exilirten Victorin Facilides, Pastors zu Frankenberg. 



I Kirchen-Citlerie von Sachten XII, 1«7 Aumillig i«l die damals groM« Zahl der in Jo- 
achimsthal gehoroen Gelehrten. 

S, Herings Hochland i. 156 Kirchen - Galerie XII. !•&. In Sayda «ard 1856, beim Gu- 
stav-Adolph- Feste der EiulantenankunA mit Rührung gedacht. 



54 I>io böhmischen Exulanten in Sachsen 

InSchwarzenberg ward der aus Böhmen vertriebne Geistliche Casp.Pistorius 
angestellt, der dann Pfarrer in Zöblitz wurde. • 

In Aue war 4 685 ein Pfarrer M. Johann Jahn aus Platten in Böhmen als 
Kind exilirt. 

Nach Marienberg ^) kam M. Joh. Kunath (aus Grimma), bisher in Böhmen, 
als Prediger. Von Marienberg weiss man auch, dass man mit Aufnahme von 
Exulanten etwas vorsichtig verfuhr und besonders den Joachimsthalem nicht so- 
gleich mit dem Bürgerrechte entgegen kam. 

Purschenstein und Pfafirode') wurden auch als freundliche Asyle betrachtet. 

In Breithof bei Schwarzenberg war Hans von Bemeck, exilirt von Joaehims- 
thaJ, Hammerherr'). 

Von Scheibenberg , Zöblitz , Wolkenstein und andern gebricht es noch an 
Nachrichten. 

Nach Eibenstock kam unter andern Wolfgang Hölzel , aus Rudolphsstadt in 
Böhmen, gewesenerMUnzbeamteter von Joachimsthal. Derselbe bekam zu Eiben- 
stock ein angesehnes Amt, dann zu Schneeberg, wo er bereits erwähnt ist. Fer- 
ner Joh. Christoph Siegel, Rathsherr von Joachimsthal. Sollte nicht das jetzt in 
Eibenstock und Kirchberg blühende Handelshaus »Dörffel und Söhnet von dem 
namhaften Exulanten Dörffel abstammen? Um 4 653 gab es viele Dörffel^). Früher, 
schon 4588, kam Wolf Mayer, Pfarrer von Meiersgrün bei Sandau, nach Eiben- 
stock, wo er sich mit einer Witwe verheirathete. Auch weiss man, dass 4655 
böhmische Exulanten eine Innung daselbst errichteten'). 

Siebenlehn nahm den in Leippa vertriebnen Pastor Theophilus Lehmann 
zum Pfarrer. 

In Lössnitz ward Bartholomäus Marscher Pastor, exilirter Pfarrer von 
Schluckenau, 4634 nach Bergau gekommen. Daselbst war auch einsl der als as- 
cetischer Schriftsteller noch berühmte Habermann (Avenarius) aus Eger Pfarrer. 

In Frauenstein und auf den benachbarten Dörfern haben sich 4625 der 
flüchtigen Böhmen viele niedergelassen^). Die Exulanten, die oben schon ge- 
nannten, Christian Schindler und M. Jac. Schilling waren Geistliche in Frau- 
enstein. 

In Rosswein ward Pastor Victorin Roland, 4627 von Eger exilirt. 

In Wolkenstein starb 4 663 als Pastor Samuel Hänel aus Schlackenwerde, 
und der Rector Johann Malsius in Wolkenstein war Pfarrer in Böhmen gewesen. 

Zu Rabenau war 4643 Elias Pistorius Pfarrer, von Joachimsthal. 

In Königswalde war Pastor Joh. Thomas Kunnenberger 4633, Pfarrer in 
Libotitz bei Saaz gewesen. 



4j Kirchen-Galerie Xll, 207. 

S) Kirchen-Galerie XU, 390. Die herrschaftlichen Archive zu Purschenstein n. Pfaffrode 
bieten noch viele specielle Nachrichten. 

3) S. Curiosa Saxon 4 760, 275. 

4] S. über diese Familie Curiosa Saxoti. 1756, p. 19S ff. 

5) Oeltels Chronik von Eibenstock, 346, 363. 

6} Bahns Geschichte von Frauenstein. 



von Cbr. Ad. Pescheck. 55 

In Cranzahl war um 1650 Casp. Prdtorius Pastor, Exulant aus Michelsdorf 
hei Chrudim. Von ihm weiss man Folgendes : Die katholischen Emissäre drängten 
Prtttorius, bald durch Vcrheissung guter geistlicher Pfründen , bald durch Dro- 
hung mit Absetzung und Einkerkerung, katholisch zu werden. Da er sich wei- 
gerte, sollte das letztere geschehen , aber Prätorius , heimlich davon unterrichtet, 
entfloh zu einem befreundeten Steiger, auf einer Zeche bei Michelsberg, der ihn 
als Bergmann verkleidete und verbai^. Auch hier suchten ihn die prager Inqui- 
sitoren auf. Der Steiger aber, ein wackerer und besonnener Mann verrielh sich 
4nit keiner Miene, keinem Worte. Da trat Prätorius, von der Inquisitoren Gregen- 
wart nicht unterrichtet, in die Stube. Schnell wandte sich der Steiger zu ihm 
und fuhr ihn, als einen Untergebenen mit harten Worten an : »Was hast du hier 
aufzuschnappen? Pack dich an deine Arbeit I» und soll ihm dazu noch eine Ohr- 
feige gegeben haben. 

Diese Behandlung Hess die Inquisitoren in dem Bergarbeiter nicht den Ver- 
folgten ahnen und sie zogen weiter. Später bat der Steiger den Pfarrer Prätorius 
um Verzeihung, dieser aber dankte ihm recht herzlich für seine Bettung und 
entfloh gltlcklich nach Sachsen, wo er hier Pfarrer wurde, aber schon nach 3 
Jahren 6 Monaten starb. Sein Bildniss befindet sich noch in hiesiger Kirche. 

Im Schönburgschen (dahin auch von Klingenthal Viele zogen als dort an der 
Gränze neue Verfolgung drohte) zu Neuhausen ward 1626 der böhmische Exu- 
lant Leonhard , von Kauz , Pfarrer. Da wirkte er 33 Jahre lang treu und ward 
1662 als Pastor nach Sayda gerufen. 

Beiläufig erwähnen wir auch Oederan, dessen Pastor Paul Odontius (1603), 
ein steyrischer Exulant, durch seine grossen Verfolgungsleiden bertihmt gewor- 
den ist'). 

ücr voiglländische Kreis. 

Dass auch das sächsische Yoiglland ein Zufluchtsort für unglückliche Exu- 
lanten aus Böhmen werden konnte, ergiebt sich schon aus seiner Lage unmittel- 
bar an Böhmens nordwestlichen Gränzen, und es wird auch von den Verfassern 
der Ilistoria persecuUonum (S. 432) ausdrücklich dieses Tmstandes gedacht. Män- 
ner, die in das Voigtland übergesiedelt sind, nennt uns das 1714 zu Altenburg 
erschienene Exulantenregister des Literators Götze zu Lübeck , aus welchem 
der erzgebirger Gelehrte P. Stichart sie neuerdings wiederholt hat*}. Es sind 
die genannten Männer evangelische Theologen, namentlich Christoph DörfTel, 
Pfarrer zu Uayde in Böhmen'}. Er war mitten in einer Predigt von den Gegen- 
reformationscommissarien und ihren Musketieren überfallen (1624 am Tage Bar- 
tboloroäi) und ihm geboten worden , binnen 6 Tagen den Ort und ganz Böhmen 
zu verlassen, wo sein Vater 40 Jahre lang Pfarrer in Schönwalde und Neudorf 
bei Tachau gewesen und 1618 gestorl^en war (einer der Unterzeichner der Con- 
cordienformel). Er floh mit seinem Bruder Friedrich, mit Weib und Kindern zu- 

l; SAchtifcbe KircbengaleHe II , 190 und SUcharU llonograpbi« über OdonUiif. 
t Im 18. Jabresb^cbl ties voigtlünditcben Allertbum»- Verein«, IM44, 7S ff. 
3 Dersell)« bat in »einem ii. Jabre zu Jena die t'ormuia Cimcord. mit unterschrieben , • 
OoUe |>. 6i u li. 



56 Die böhmischen Exulanten in Sachsen 

nächst nach Vohenstrauss und ward alsdann Diaconus und endlich Superinten- 
dent zu Oelsnitz , wo seine Nachkommen noch leben. 

Jener Bruder Friedrich war als zwölfjähriger Knabe bei ihm gewesen , und 
da er ihn in Vohenstrauss nicht mehr ernähren konnte, ward derselbe eine Zeil- 
lang Kornschreiber im Schloss zu Waldthurm. Endlich war er lange Jahre, 4638 
bis 1672, Rector und Diaconus in PJauen, woher seine Familie auch stammle. 
Sein Sohn, M. Georg Samuel DörffeP) , ward Superintendent in Weida 4684. 
Barth. Marschner, exiiirt als Diaconus in Schluckenau, ward 4 631 Pastor lu 
Berge, endlich Inspector in Lössnitz. Veit Agricola, Pfarrer in Brix, dann 40 Jahr 
Exulant, ward 1631 Diaconus und endlich Pastor in Marktneukirchen. Michael 
Neidbard , vertrieben aus Liebenstein bei Eger , 1 622 , ist Pastor in Brambach 
(mit dem böhmischen Filial Fleissen) gewesen. Johann Jahn, Pfarrer in Platten 
gewesen, erst 1631 nach Dresden geOüchtet, ward 1637 Pfarrer zu KUrbitz bei 
Plauen, wo er schreckliche Kriegsleiden zu dulden hatte. Nach w^enigen Jahren 
exilirte er abermals aus Platten, woselbst er seit 4640 wiederum gewesen'). 
M. Johann Rephuhn, Geistlicher von Carlsbad, bekam 4 625 die Pfarrei Guimitzsob 
bei Weida'). Christoph Flachs, exiiirt von Hostau, erhielt 4610 die Pfarre» 
Wolfi^amsdorf, und sein in Böhmen gebomer Sohn, Johann Wenzel Flachs, folgte 
ihm im Amte. Ein Exul ^on Elbogen, M. Andreas Morus von Qelsnitz, ward 
4624 Pastor in Marktneukirchen. Dahin waren schon 4 580 böhmische Exulan- 
ten gekommen, welche die Verfertigung musikalischer Inslrumente einfttbrten, 
welche nun durch 300 Personen betrieben wird*). 

In Reichenbach ward 4644 Balthasar Olischer Pfarrer, als Knabe aus 
Elbogen exiiirt. Der Verfasser der Chronik von Reichenbach mag sein Nach- 
komme sein (1729). 

M. Martin Löscher ward 1621 noch als Rector und Prediger nach Schla- 
ckenwalde berufen , musste exiliren , ward Diaconus in Neukirchen an seines 
Vaters Stelle, dann einige Monate lang Feldprediger und endlich Pastor zu Ra- 
benstein bei Chemnitz, wo er 1677 gestorben ist, nach 56jUhrigem Schul- und 
Kirchendienst. Sein Sohn Samuel Löscher musste als SUugling mit exiliren , war 
dann 52 Jahre lang zu HUtten im Ilerzogthum Schleswig Pfarrer und starb erst 
mit 87 Jahren. 

Vom Arbeiterstande sind ins Voigtland auch Viele übergesiedelt, namentlich 
Geigenmacher, Bergleute und Waldarbeiter, und zwar nach Klingenthal, wo 
ihre Nachkommen noch wohnen. Dort erhielten sie, nachdem sie zuvor in 
Schöneck eingepfarrt gewesen, 16^)3 eine eigne Kirche, und zwar erst als Filial-, 
4696 aber als eigne Parochiaikirche. Noch jetzt ist die dortige Kirche eine der 



4) Limmers Geschichte des Voigtlandes Hl, 4114. 

3) Cur, Sax. 1758 , S7&. Die Leichenpredigt auf ihn über S Tim. 4, 7 von Schindler, Zwi- 
ckau 1755, in 4. 

3) Ueber Fleissen und über Rephuhn s. Jahns Gesch. von Oelsnitz, 512 f., woauohlS 
evangel. Pfarrer von Carlsbad genannt sind, unler denen der schon genannte Schwarz gewe- 
sen ist. Dietmanns sttchsische Priestersch. 111,1269. Stichs. Kirchen-Galerie, Voigtiaad p.SI, 
wo bemerkt ist, dass iiach Oelsnitz besonders carlsboder Exulanten gekommen sind. Ueber 
die rephuhn'sche Familie s. Limmers Gesch. des VoigUandes, UI, 858. 

4} Limmers Geschichte des Voigtlandes 111, 1121 u. 1192. 



von Chr. Ad. Pescbeck. 57 

schönsten in Sachsen. Genaueren Bericht giebt die sächs. K. Galerie XV, 443 fol- 
gendermassen : »Ira 30jäbrigen Kriege, von 4684 an, nachdem Friedrich V. von 
der Pfalz die Schlacht auf dem weissen Berge verloren hatte, wurde KllngenthaP) 
ein Sammelplatz der unglUckHchen evangelischen Exulanten aus Böhmen. Die 
meisten kamen aus dem nttchstgelegenen elbogner Kreise, andre aber auch viel 
weiter her. Besonders viele Geistliche , wie der von Schwammberg, Bleystadt, 
fanden hier mit ihren Familien einen Zufluchtsort; spater, im October 1688, 
mussten auch Pfarrer und Diaconus des benachbarten Graslitz fliehen, verrichte« 
ten aber allhier noch lilngerc Zeit an ihren Kirchkindem die geistlichen Amtsge- 
Schäfte. Diese erzwungnen Einwanderungen hatten für den Ort und seine Um- 
gebungen ihre günstigen Folgen. Sie bewirkten den Anbau der letztern und hal- 
fen jenen bedeutend vergrössern, ihn mitgeschickten Arbeitern, besonders Hand- 
werkern, anfüllen, zu einem gewissen Wohlstande und geistigen Flore erheben, 
sowie sie denn gewiss auch die Glaubenstreue der Bewohner miichtig slUrkten 
und ihnen zu schönen Liebeswerken Anlnss gaben. Das Hanmierwerk giengnoch 
wahrend des langen Krieges ein ; und als in Böhmen der Katholicismus wieder 
völlig obgesiegt hatte, und er nun den Exulibus ChritU die Bückkehr wehrte oder 
doch erschwerte, begaben sich diese tiefer in das Binnenland Sachsen , nament- 
lich in die schönburgschen Lande; auch ursprüngliche Einwohner schlössen sich 
ihnen an , und in hiesiger Gegend blieben grösstentheils nur die Aermeren von 
beiden Theilen, welche da in Wald- oder Bergarbeit ihre gewohnte Beschäftigung 
fanden, zurück.« In kirchlicher Hinsicht hatte sich Klingenthal an das gegen 3 
Stunden entfernte Stadtchen Schöneck angeschlossen. Da aber der Weg dahin, 
vorzüglich zur W*interzeit, ungeheuer beschwerlich und überdiess jetzt , feind- 
licher Durchzüge und Streifereien w egen , sehr unsicher war : so geschah es im 
Jahr 4688, dass hier ein eigner Gottesacker angelegt wurde. Diesen haben, wie 
das schönecker Kirchenbuch berichtet, zwei Brüder, die vertriebnen Geistlichen 
Benjamin und Josua Beiche, mit ihren beiden Söhnen , welche hier starben und 
am 48. und 88. December als erste Leichen beerdigt wurden, 1 einweihen« müs- 
sen. Die l^arrstelle hatte damals inne Salonion Barth , des aus dem Oestroichi- 
schen vertriebenen und eingewanderten Pfarrers Paulus Barth einziger Sohn. Er 
wurde Anno 4 635 in das neugegrUndete Pfarramt vom Superintendent Dörfl'el in 
Oelsnitz eingewiesen, hatte in diesen Kriegszeilen viel auszustehn, in den Amts- 
angelegenheilen viel zu ordnen , und liess sich im 68. Lebensjahre seinen Sohn 
zum Substituten setzen, welcher auch sein Nachfolger wurde. Diess war Friedrich 
Barth. Er legte am 6. Mai 4666 seine Probepredigt ab und wirkte, wie sein Va- 
ter, und noch längere Zeit mit diesem sehr segensreich. Zu ihrer Zeit war noch 
ein sehr grosser Zudrang zum hiesigen evangelischen Gottesdienste , so dass sw 
in manchen Jahren 8 — 9000 Conmiunicanten halten. Das Dörfchen Zwota 
bei Schöneck, an der kjirlsbader Strasse entstand mit seinen Haiumerwcrken 
und Eisenhütten auch durch Exulanten. 

M. Christoph Fürgang war 38 Jahre lang in Böhmen Prediger •evangelischer 

I) Das ThalliaUe toiitt den Namen HollenKnind und da» EiM»owcrk Hoühaininer. Siehe 
Wölb Ge^cliiclilo \uu kiioKenÜial. 1817. Vor der .\okuiiA der iHibiniaK^lieo E&iilanteo mar 
hier (in»trcr WjUI. 



5g Die böhmischen Eiulanten in Sachsen 

Wahrheit und Klarheit« gewesen, lebte seit 4622 6 Jahre als Exul in Oelsnitz, 
ward 4629 Pfarrer in Netzschkau, wo er 4634 starb, noch geschätzt als ölsnitzer 
Historiker^). Der Exulant Christoph Feige war 1633 — 1652 Diaconus in Rei- 
chenbach. 

Im Dorfe Syrau fanden ihre Zuflucht die Exulanten Niclas von Glohm , von 
Schönlinde, nebst Gattin, aiis der angesehnen Familie von Schlick und Passaun, 
und deren Sohn Wilhelm. Jener ist 1669 in Syrau gestorben. Auch findet man 
in den alten syrauer Armenrechnungen die Rubrik : Vertriebnen Pastoren ge- 
geben. 

Unter-Kotzau bei Hof kaufte 1628 der Exulant Nicol. Ratibosky von Sech- 
zelus, dessen Geschlecht bis 1734 blühte. 

In Werdau amtirte der schon 1608 aus Steyermark vertriebne A. Röscher. 

Zu Pohl und Werth war 1624 Joh. Zimmermann Pastor, ein 9 armer alter 
Exul. a 

Einer der wichtigsten Exulanten , welche Sachsen (das Voigtland und der 
neustädter Kreis) gewann, warder Graf Albrecht von Ronow und Riberstein, 
aus dem Hause Howora^ Sohn von Joh. Albrecht Krzinezky von Ronow, auf Ros- 
dialowitz, Neuronow, Detenitz und Katzenstein, und von Reata Bodanozky, Freiin 
von Hudkowa. (Enkel war er von dem erwähnten Joh. Krzinezki, Rector der 
Universität Prag und Director der utraquistischen Stünde, dessen Gattin Jobanna 
von Budowa war und der bei seinem Sohne zu Katzenstein gestorben ist. Nach 
der Schlacht am weissen Berge soll er bei der Plünderung durch die Kroaten eine 
Tonne Goldes verloren haben und auch die alte Familienreliquie , das Jagdhorn 
seines Stammvaters Hobora , das einst dem Herzog Jaromir das Leben gerettet 
haben soll, in uralter Zeit. Von der Commission unter Lichtenstein war er frei 
gesprochen und bis 1657 auf Katzenstein geduldet worden.) Er war geboren auf 
dem Schlosse Katzenstein, den 11. Nov. 1625, getauft aber feierlich auf freiem 
Felde unter einer Buche , um nicht katholischen Priestern in die Hände zu kom- 
men. Er war gut gebildet, verlor mit 10 Jahren den Vater, und die Mutter musste 
alle Stunden des Exilirens gewärtig sein. Sie that Albrechten und seinen Bruder 
Johann Adam aufs Gymnasium zu Breslau,. 1638, unter Aufsicht Chr. Corvini. 
Hier studirten sie 4 Jahre, dann 3 Jahre in Leiden , reiseten viel in Deutschland, 
Frankreich, England und Italien, und kamen 1649 nach Böhmen heim, fanden 
aber nur Verfolgung , Druck und Noth , weil fast kein Elend war , dem man die 
Protestanten nicht ausgesetzt hätte. Eines Nachts wurden die Brüder überfallen 
und in einen Kerker nach Prag geholt , wo sie in einem unterirdischen Gefäng- 
nisse weder Sonne noch Mond sahen und mit Niemand sprechen konnten. So 
wollte man sie schrecken und ein Beispiel aufstellen. Nach Monaten erst muss- 
ten sie vor eine Commission treten , sagten aber freimüthig , nichts würde im 
Stande sein, sie von erkannten Wahrheiten abzubringen. Sie beschwerten sich 
sehr über dies Verfahren , klagten beim Kaiser und erlangten nach 4 Monden 
Freiheit Noch 1650 kam in Böhmen das Edict, dass, wer sich weigern würde, 



I) 8. Jahns Chronik von Oelsnitz (1841), in der Vorrede. Als am 48. August 468t der 
schwedische General Holk Oelsnitz verbrannte, kam der exilirte Geistliche Georg von Hof mit 
ums Leben. 



von Chr. Ad. Pescheck. 59 

katholisch zu sein, Böhmen sogleich räumen müsse. Der Obersiburggraf redete 
ihm sehr zum Katholischwerden und Bleiben im Lande zu', liess auch einen der 
verschlagensten Jesuiten ihn 4 Wochen bearbeiten. Doch er blieb standhaft und 
wollte lieber das Vaterland m'eiden. Ef gieng an den sächsischen Hof zu Johann 
Georg I. und ward 1652 Kammerherr. Als solcher vermittelte er durch den Kur- 
fürsten beim Kaiser noch eine Intcrcession / dass Protestanten in Böhmen noch 
4 % Jahr Frist bekamen. Am sächsischen Hofe verrichtete er mehrere Gesandt- 
schaften, wollte aber dann Forsta und Pforten kaufen, lebte auch selbst in der 
Nieder-Lausitz einige Jahre. Da jedoch jene Frist nicht wirklich zu Stande kam, 
so erhandelte er um 4660 von einem Grafen von Mansfeid das Amt Waldeck, wo 
er einige Jahre glücklich lebte, und 1667 die graflich brandcnsteinschen Guter 
Oppung, Crobitz, Grünau und Knau, nahm dann einen Ruf an den mecklenbur- 
gischen Hof an, ward 4675Geheimerath und Hofmarschall. Dann gewann ihn der 
Markgraf von Baireuth, er ward 1680 Geheimerath, Oberhofmarschall und Lan- 
deshauptmann, dann Oberprüsident und Premierminister. Auf einer Gesandt- 
schaft nach Dresden 1692 vermittelte er die Heirath zwischen Friedrich August 
und Christiane Eberhardine. Seine Gemahlin war Elisabeth GrflGn von Biber- 
stein seit 1656. Seine Söhne wurden grosse Kriegsmänner. 1670 gab ihm zu 
Wien der Kaiser ein Diplom , den Namen seiner Gemahlin von Biberstein (der 
sonst ausgestorben) mitführen zu dürfen. Seine zweite Gattin war Grä6n Henr. 
Jul. von Reuss. Aus dieser Ehe ward der Sohn, Johann Howora, gothaischer 
Minister. 1703 ward der alte Graf wirklicher Geheimerath und Oberhauptmann 
des neustadtör Kreises und starb zu Weida, 12. Aug. 1707, 82 Jahre alt'). Er 
war religiös, leutselig ; seine Gute ward sehr gemissbraucht. Die Mutter jenes 
Johann Albrecbt von Ronow war die Pröbstin von Quedlinburg, Erbtochter des 
1667 ausgestorbenen Hauses Baron Biberstein auf Forsta in der NiedeHausitz. 
Die Wappen wurden vereinigt und 1670 bekam die Familie den Grafentitel durch 
Leopold L Die Familie verkaufte dann Forsta an die Promnitze. Die Ronows sind 
das älteste unter den noch blühenden Geschlechtem in Sachsen , die den Gra- 
fenrang erst in neuerer Zeit empfiengen. 

Der leipziger Kreis. 

Bei der grossen Entfernung Leipzigs von Böhmen kann von Volkseinwande- 
rung nicht die Rede sein. Dass aber bei der ersten Aus\%«mderung der Gelehr- 
ten , die den Jesuiten ausweichen wollten und denen von nun an Böhmen un- 
heimlich war, femer manche der später entlassenen Theologen (besonders aus 
Sachsen gebürtige) Leipzig, wo auch das Andenken an die 1409 gekommenen 
Gelehrten noch nicht erloschen war, und man auch deren gedachte, die 1555, von 
Ferdinand L vertrieben, angekommen waren'), besucht, auch von da weiter ge- 



4) Stemmlers Pagut Orla, Leipzig 4 750, 98 fT. Uisiorye KraUnt$twi k'ryttowa oä AfiMs- 
ksko 1 IUmow€, 1831. 4 Vehjte't Geschichte der deutschen Höfe. XXIX. iS Kncfchke't deut- 
sche Grafenhliuser, II, 808 ff. — Biniige Nachkommen desselben sind der Desilier des Ritler- 
gutes AuguMusburg bei Nossen, Johann Wilhelm Graf von Ronow und dessen Soha. 

i) GeMh. der Gegen rorormaUon. 1. 55. 



50 Die böhmischen Exulanten in Sachsen 

zogen sein mögen , ist wohl zu vermuthen. Mit Namen kennen wir einen sehr 
achtbaren Mann, der als Exulant nach Leipzig kam und dort als Salomonsapo- 
theker seine Ruhe fand, nämlich Martin Schörkel , von welchem uns der Histori- 
ker Götze') die Nachricht aufliewabrt hai. Dieser Mann, der so ein merkwürdi- 
ges Beispiel der Treue gegen den evangelischen Glauben gab und gewiss unsres 
Andenkens werth ist, war Hofapotheker der drei Kaiser Rudolph H., Matthias 
und Ferdinand H. und Kirchen Vorsteher auf der Kleinseite. Schon seine Mutter 
hatte zu Graz, wo er 4586 geboren war, bei der Gegenreformation daselbst 1595 
viel zu leiden und verliess mit neun unerzognen Kindern dort ihr Eigenthum. 
Nach der Schlacht am weissen Berge verlor er Tausende und erlebte dann bald 
die Schliessung der evangelischen Kirchen und die Vertreibung der Prediger. Er 
selbst ward jedoch als Hofapotheker beibehalten und hoffte, seinen evangelischen 
Gk)ttesdienst wenigstens fortsetzen zu können , zumal da der oft genannte Statt- 
halter Fürst Karl von Lichtenstein, der mehrere lutherische Einwphner, die ihm 
persönlich werth waren , schützte , sein ganz besondrer Gönner war. Doch der 
Jesuiten Wille drang durch, dass alle Evangelische entweder katholisch werden 
oder aus Prag weichen müssten. Das ward auch dem Hofapotheker Schörkel am 
6. Juni 4627 auf dem Rathhause vorgehalten. Viele angesehne Leute wtinschten 
angelegentlich, diesen Mann nicht zu verlieren, redeten ihm daher zu, die Gon- 
fession zu w echseln , und sprachen Vcrheissungen gegen ihn aus ; Andre aber 
versuchten den Weg der Drohungen. Aber er erklärte ungescheut, er werde in 
Glaubenssachen Gott, in zeitlichen Dingen jedoch dem Kaiser gehorchen , folglich 
aus dem Lande weichen. Man setzte ihm einen Termin von 4 4 Tagen; aber er 
gieng schon mit 8 Tagen und verliess Haus und Hof, einen schönen Garten, zwei 
wohlbestellte Apotheken (eine zu Prag, die andre zu Saaz) und ansehnücbe 
Schuldforderungen. Er hatte auch zu fürchten , dass man seine Kinder wegneh- 
men und in Klöster stecken werde; darum entfernte er schnell seine Tochter 
und that seinen Sohn auf die FUrstenschuIe zu Meissen. Er selbst zog ein Jahr 
nach Dresden und erkaufte dann die Salomoapotheke in Leipzig , wo er zwar im 
Kriege Angst und Schaden genug litt, aber doch Predigt und Abendmahl nach 
seinem Wunsche hatte. Seine erste Gattin, die mit ihm in Prag Sorge genug aus- 
gestanden hatte, verlor er zu Leipzig 4632, worauf er sich daselbst noch dreimal 
verheirathet und seine Verlassung Prags zwar bedauert, aber nicht bereut hat. 

So starb auch Daniel Lehmann^) als sehr angesehner Exulant zu Leipzig. 
Ebendaselbst war Prof. Adam Scherzer aus Eger , und der Pastor Siebenhaar in 
Nitzschwitz bei Würzen war ein Pfarrsohn aus Böhmen, geb. 4 646, exilirt 4624. 

Dass auch die aus Prag selbst verlriebnen Geistlichen Siegmund Schererz 
und Fabian Ndtus sich 4 625 in Leipzig befanden , ersieht man aus einem Datum 
in einem im zittauer Alterthümermuseum be6ndlichen Stammbuche. Joh. Rie- 
del, geb. zu Eger 460J), in der Jugend exilirt, ward ein reicher Kaufmann zu 
Leipzig, that als solcher den vertriebnen egerischen Geistlichen wohl, bemühte 
sich bei den osnabrückischen Friedenstractaten für Egers Religionsfreiheit und 
Hess wöchentlich die leipziger Thomasschüler speisen^). 

D Siebes. Eiulanteorcgister, 227. Vergl. Gegenreformation II, 438. 
i) S. über ihn Götze's Exulantenregister 217. 
3) S Cur. Sax. i 762, 37 ff. 



jyl^ji 



von Chr. Ad. Pesobeck. (^4 

Wiebtiger und anziehender als Leipzig war den böhmischen lutherischen 
Theologen die Universität Wittenberg^). 

Pfarrer in Wolkenburg war 4643 M. Theophilus Rel>entrost aus Joachims- 
thal, und Pastor zu Höfgen bei Leipzig M. Joh. Corvinus, aus Leipp«'!, 1643, 

In Sachsen - Altenburg ward zu Reust der 16^4 aus Böhmen exilirte Paul 
Sidericus als Pfarrer angenommen und wirkte dort 36 Jahre bis zu seinem 80. 
Jahre. Der Pfarrer Caspar Grimm in Windischleube war von 1616 Pfarrer auf 
einem Dorfe bei Eger. 

Oberlausilz. 

Gewiss war es den Protestanten Böhmens eine gar traurige Nachricht, als es 
siel) bestätigte, dass Ferdinand 11. zur Bezwingung der politisch-unruhigen Böh- 
men den protestantischen Kurfürsten Johann Georg L zum Bundesgenossen ha- 
ben werde. Allein es hat dieser Kummer sich in Freude verwandelt. Es konn- 
ten die Evangelischen zwar erwarten, dass der KurfUrst zu einer Bedingung sei- 
ner Hülfe die Schonung der Protestanten machen und ihr kräftiger Fürsprecher 
beim Kaiser sein werde; allein bei des letztern Ueberzeugung , dass der Prote- 
stantismus in seinen Ländern durchaus nicht zu dulden sei, war jene Hoffnung 
eine vergebliche. Aber ein andres höchstglückliches Ereigniss trat ein. Der Kur- 
fürst liess sich die Erstattung seiner Kriegskoslen durch ein reelles Unterpfand, 
die Lausitz vom Kaiser verbürgen. Georg nahm sie im Jahr 16:^1 in BeschLig, 
und so ward theils in der Lausitz die Angst vor Ferdinands Gegenreformation 
gestillt und die Böhmen gewannen einen nahen (wie sie hofl\en , nur einst- 
weiligen) Zufluchtsort. Die Lausitz leuchtete ihnen als ein glückUches Land ent- 
gegen, wohin kaiserliche Befehle, Bänke der bekehrenden Jesuiten und E\ecu- 
tionen der Dragoner nicht reichten, wer sich ents<-h Hessen konnte, aus Böhmen 
zu scheiden, überschritt freudig jenes Landes nördliche und der Lausitz südliche 
Gränze. Durch die Grünzthaler, wo die Flüsse ihren Weg fanden, wanderten auch 
sie in ein Land, wo sie endlich wieder freier athmen konnten') nnd wo nun 
durch sie die Bevölkerung der Landschaft sehr bedeutend vermehrt ward. Frei- 
lich wollte die Bangigkeit wiederkehren, wenn man an eine Zeit gedachte, wo 
Ferdinand die Lausitz durch Abzahlung der Kriegskosten, welche man auf 70 
Tonnen Goldes anschlug, \\ ieder einlösen wUrde. Da wäre nun auch Über sie 



Brwihouiig von Leipzig petlenkt man ouch einer anciern Einwanderung aus Diihinen 
4 409. DAnlich der Stodenien. welche die Sliftung der l'niversiUii veranlastte. Allein bier war 
•io völlig andres Verliüllnlss ; denn die Kommenden waren nicht Böhmen . sondern nur nach 
Deotschland zurückkehrende Deutsche. Ihre schriaiichen Reliquien auf der l>ni%ersit4itiibihlio- 
thek sind durch ihr Aller um so ehrwürdiger. 

Am Schliisae des 17. Jahrhunderts lebten auch ungatiscbe K&ulauten zu Leiiuig, z B. 
Georg Zany, an der Thomasschule als Lehrer angestellt. 

1} I)a die Aufnahme dort auch eine sächsische genannt werden mus^te. so sei das wenig- 
stens in einer Heilage ' l\ : erwähnt. 

i) S.Sübnel (welches Werk jedoch der Verf. nicht znerUngenwussle : Der vnslerbliche 
Rnhm der OberlaosiU, den sie sich durch sorgOillige Aufnahne evaiig. B&ttlanlea scImmi lingtl 
erworben hat. üud. 1718. Altmanns Zittauer Kirchengescbichte. >!•. 



52 Die böhmischen Exulanten in Sachsen 

der Zwang der KatholisiruDg gekommen , die Lausitz so unglücklich trie Böhmen 
und die Exulanten zu weitrer Uebersiedelung nach Norden genöthigt gewesen. 
Zum Glück konnte Ferdinand in der Noth des 30jährigen Krieges die Einlösungs- 
summe nicht erschwingen, und seinen Wunsch, dass die Lausitz selbst sich aus- 
lösen möge, wollte natürlich diese nicht erfüllen, so dass 4635 eine förmliche 
Tradition für immer zu Stande kam , worin der Kaiser keineswegs die Katholisi- 
rung der Bewohner, sondern nur das bedingen konnte , dass die in der Lausitz 
gebliebnen kathoh'schen Institute nicht beeinträchtigt werden dürften, also der 
Kurfürst nicht gleich Ferdinand wollen sollte , alle seine Unterthanen müssten 
nach des Landesherm Confession sich richten. Als in der Lausitz das Jubiläum 
jener Tradition gefeiert ward , wurde man sich des Gllkckes wieder recht be- 
wusst, bei Sachsen zu sein ') , dessen Fürsten , selbst nach ihrem Uebertritt zur 
katholischen Kirche, dem Pabste doch die Erfüllung der Voraussetzung*) schul- 
dig bleiben, dass sie das Volk zur Nachfolge nöthigen würden. Wie also für die 
evangelischen Lausitzer jene Verpfändung und Uebergabe von den unschätzbar- 
sten Folgen war : so war sie auch für die flüchtenden Böhmen , welche jetzt ein 
Intercessionsschreiben der Landstände dem Kurfürsten empfahl , ein zuvor nicht 
zu hoffen gewesenes Glück. Doch auch das Exil ward manchmal mit Sorgen ver- 
kümmert; denn der Kaiser iiess nicht ganz davon ab, die Lausitz noch zu seinen 
ingorporirten Landen zählen zu wollen , und auch dort noch seinen Willen kund 
zu thun, z. B. am 48. August 4628, wo ein Befehl erschien, welcher kund that, 
nicht nur in Böhmen und Mähren , sondern auch in den dazu gehörigen Land- 
schaften Schlesien und Lausitz werde er die trotzigen Protestanten nicht dulden ; 
er sei damit nicht zufrieden , sie blos aus Böhmen los zu sein ; sie müssten fort 
aus der Lausitz und weiter ziehn, die Unmündigen aber, welche sie mit fort ge- 
nommen, müssten sie zurücksenden , sonsirwürde ihre Strafe der Verlust alles 
Eigenthums sein, das sie etwa aus Böhmen noch zu hoffen hätten']. 

Oberlausitzische Städte. 

Zittau. 

Es muss diese Stadt als ein Hauptort der Uebersiedelung der böhmischen 
Emigranten vorangestellt werden. Dass eben Zittau der Zufluchtsort einer sehr 
bedeutenden Menge von Exulanten ward , erklärt sich theils aus seiner unmit- 
telbaren Nähe an Böhmen , da sie die südlichste Stadt der Oberlausitz , ja sogar 
auf 3 Seiten von Böhmen eingeschlossen ist, so dass bei 3 Stadtthoren Wege von 
Böhmen kommen. Zittau würde selbst zu Böhmen unmittelbar und nicht zur 
Lausitz gehören , wenn es sich nicht 4346 dem oberlausitzer Sechsstädtebunde 



4) Daher biess es auch schon 4 755 bei der Feier des Religionsfriedensjubiläum in Zittau 
Lusatiam nisi jam Saxo ditione haberet : Zittaviae forsan jubila nuUa forent. 

5) Ausgesprochen in einem Breve aus Rom, vom 22. Juli 4 712, in den weiroarscben Actis 
hist. eccl. ], 126. 

8) S. Peschecks Gegenreformation II, 4 82. Ein wichtiges sUchsisches Rescript vom 7. 
Febr. 4 629 wegen dieser Befürchtungen auch in der Lausitz ist mitgetheilt in Küuffers oberi. 
Geschichte, IV, 4 92 ff. 



von Chr. Ad. Pescbeck. $3 

# 

angeschlossen hatte. Theils ist der Grund des zahllosen Dranges eben nach Zit- 
tau in der besonders dichten Bevölkerung derS l)enachbarten böhmischen Kreise 
(des bunzlauer und ieitnieritzer) und endlich auch in dem Umstände zu suchen, 
dass sehr viele böhmische Geistliche nach Zittau sich gewendet hatten und ihren 
Seelsorgern die besten Gemeindoglieder nachzogen. Weil nun in Zittau czechische 
Predigt und czechischer Gesang möglich war : so wUhlten besonders czechische 
Lutheraner (z. ß. aus dorn königingrüzer Kreise) diese Stadt, wenn solche auch 
nicht die unmittelbar Benachbarten gewesen waren*). 

Wie die Chronisten dieser Stadt ihre Exuhmtennachrichten einleiten , zeigt 
Folgendes: ilm Februar und Mlkn 1628 kam die Persecution der Religion ntther 
und naher auf die Städte. Graf von Kollowrath, in der Reformation (d. i. Gegen- 
reformation) Kaiserlicher Majestät Commissarius, zwang die Einwohner zu Gabel 
scharf mit Prügeln und in Eisenschlagen , verbrannte alle lutherischen Bücher, 
die ein oder der andre Evangelische noch bei sich im Hause hatte (sie mussten 
dieselben bergeben und nichts verschweigen noch hinterhalten) , an der Ilaupi- 
säule daselbst, wie Zittauischo gesehen. Nach diesem hat genannter Graf seine 
Gommission auch zu Grafenstein verführt, dahin er nun den 40. Man gekom- 
men ; welches Ankunft die Herrschaft njcht abwarten wollen , sondern hat sich 
in die Stadt begeben. Darauf der Commissarius das Schloss geöffnet und er ein- 
getogen und darauf die Reform vorgenommen , der sich die Unterthanen der 
Dörfer sehr widersetzten. Darnach im April hat die Reformation ihren Fortgang 
gehabt, die Unterthanen beichteten und communicirten sub tma. 4631 mussten 
aus dem Königreiche Böhmen Adel und Unadel sowohl , als die Beamten aus 
allen Städten und Dmem. Die der lutherischen Religion zugethan waren , wur- 
den ihrer Aemier ganz entsetzet, an ihre Stelle kamen päbst liehe Beamte und 
die Pfaffen und Jesuiten tobten sehr. In welchen Pfarrdienst die sich eingesetzt, 
verjagten sie die Unterthanen, welche sich nicht l>ald zu ihrer Religion bequem- 
ten, von ihren Gütern. Dazu wurde gebraucht einer aus Böhmen, welchen ihre 
Majestät zum Grafen gemacht, Zdenko Liebsteinsky v. Kollowrath. Es wurde 
ihm eine Compagoie Volk zugegeben , die nenneten sie , sammt ihm , die Selig- 
niacher, nahmen also die armen Leute, wie sie dieselben daheim fanden, oder 
auf der Gasse und Strasse , vom Felde und führten sie in die Kirche. Daselbst 
mussten sie. nach papi.stischer Art, beichten, wurden auch bald darauf absolvirt. 
Denn die Päbstischen meinten , wenn sie nur die Leute zur Beichte und zu einer 
Gestalt des Sacraments gezwungen hätten * so wäre der Sache genug geholfen 
und wären die Leute also päbstisch genug. Und machten hernach die Leute sicher 
wohnen, versprachen auch, denselben Aemter zu geben, wie auch (Ulter. Ilcr- 
nachmals gaben sie ihnen nichts. Also geriethen viel Leute in grossi* Zweifel und 
liefen von ihren Häusern und wandten sich wieder zur lutherischen Religion. 



4> NachricbleD über oacb Zittau ubersiedelodo Böbmeo aind rcicblicb vorbaadeo io 
Car|Hcoxf Fastit Zütav, Ul, S8. Grotten laus. Merkw. II. 37. 4». 64. Uua. Mag. 1780. S5S. 
Nacbr. von der böbmitcben Gemeinde in Zittau, l^uban 1798. I>eagl. von Borot, bandtcbritll. 
bei der Gesellscbafl der Wittentcb. zu GörliU. Handbuch der Getcb. \on ZitUu I, 186 (T. Mo- 
raweka Gescb. der böbm evangel. E&ulaoteogem. in Zittau. 1847 u. t^cba. Kircbeogalerie XI. 
4 04 (T. 



((4 1)ie böhmischen Exulanten in Sachsen 

£s wurde nach und nach zu dieser Zeit in Böhmen und Schlesien , da die Selig- 
macher Übel hauseten, ein elender Zustand. 4651 um Pfingsten und hernach hat sich 
abermals eine grosse Reformation angefangen , da die Jesuiten an etlichen Orten 
sehr Übel gehauset, worüber die guten Leute, so in der Nachbarschaft gewohnet, 
sich in der Nacht sehr weg begeben müssen ; da dann viele sich herein in die 
Stadt, auch zum Theil auf die Dörfer sich begeben haben; da dann zu solchem 
Abreisen die Reformatores Soldaten gebraucht haben, die Strassen zu bereiten. 
Wenn sie nun Jemand ertappt haben , den haben sie gebunden mitgenommen 
und ins Gefüngniss gelegt a '). 

Diejenigen Jahre , in welchen Uebersiedelungen aus Böhmen nach ZiCtaa am 
häufigsten vorkamen, beginnen mit 162SI, und 1633 war Zittau, wie eiiitl ein- 
mal Pirna, und wie 1 628 mit Exulanten überfüllt, so dass die Sache so vid Auf- 
sehen machte, wie 400 Jähre später in norddeutschen Städten die nadi Tilsit 
ziehenden salzburger Emigranten unter Scheitbergers Führung. Das wiederholte 
zahlreiche Eintreffen ereignete sich allemal , wenn die Verfolgung und der Dmck 
in Böhmen mit neuem Ernst kam. 

Anfangs flohen nur einzelne, ängstliche GemUther, und solche, die im Stande 
waren , durch einstweiligen Wegzug den Gefahren in Böhmen zu entgehn ; aber 
4623 war das erste Hauptjahr der Verweisung. Eine neue Menge kam 4634 nach 
und nach an. Nachdem kurze Zeit zu Prag, unter dem Schutze sächsischer Waf- 
fen , eine Zeit lang lutherischer Gottesdienst wieder gewesen war und man ge- 
sehen hatte, wie gross noch die Zahl heimlicher Lutheraner geblieben, kam neue 
Strenge und neuer Drang zu schleuniger Flucht^ und 4654 , nachdem der west- 
phälische Friede für Böhmen trostlos lautete und mehr Ruh# zur Verfolgung war, 
wurde das Flüchten nach Zittau wieder merklicher, auch ward insbesondere 
4 652 starke Einwanderung aus der Herrschaft des Grafen von Galla6| namentlich 
aus den Städten Friedland und Reichenberg und aus der dem Grafen von Pöting 
gehörigen Herrschaft Rumburg, merkbar. Es entstand da viel SchrUltenwechsel 
zwischen den sächsischen Obrigkeiten und den böhmischen Beamteten , wovon 
heut noch Actenstücke in den Archiven von Dresden , Pirna, Zittau ^ Löbau und 
andern Gränzstädten zeugen. Wir führen beispielsweise Reclamationen des rum- 
burger Hauptmanns Johann Georg Otho, der auch über Hainspach, Schluckenau, 
Warnsdorf und N. Leutersdorf zu gebieten hatte , an den Magistrat zu Löbau an. 
Darin wird (1653) versichert, dass er wenigstens nicht zum katholischen Glau- 
ben sie zwingen werde, später auch vorgeschlagen, dass, wenn der rumbnrger 
Herr ihnen Anbau auf der wüsten Stätte des ehemaligen Gersdorf gestatte, sie 
seine Unterthanen bleiben , aber doch im freien Sachsen sein könnten , weil der 
Graf eben dort ein Stück sächsisches Land besass, wie wir unten bei Bespredinog 
des Exulantendorfs Gersdorf näher erörtern werden. Was aber jenen ersten Punkt 
anbelangt : so schrieb jener Beamtete am 31 . März 1 653 nach Löbau : »Es dienet 
zu dienstlicher andtwordt , dass ich bemeldte Personen , wenn Sye der Gnädigen 
Obrigkeit verbleiben und dero Dienst, wass sye schuldig zu thun, fleissig nnd 
gehorsamst verrichten , für meine Person , mit Keinem Zwangk zu annehmung 



1) Aus einem handschrifll. Chronicon in dasiger Stadlbibl. 



von Chr. Ad. Pescheck. 55 

der Religion , so viel mir zustehet iindl verandlworten kann , nicht treiben 
werde. « 

Anfangs sprach für die Exulanten das Mitleid ') und die hohe Achtung, 
welche ihre entschlossne und aufopfernde Giaubenstreue verdiente; Uberdiess 
auch das Vermögen , das anfangs begüterte Familien mitbrachten und wodurch 
Geldverdienst bei den Bürgern und Hauswirthen entstand, der, nach dem Kriegs- 
elend, gar sehr erwünscht k<im. Allein später kamen auch viele Arme, deren 
Menge die Wohlthätcr ermüdete; endlich auch manche blos unruhige KOpfe, böse 
Schuldner, Religionsschwarmer welche Exulantenalmosen begehrten und die 
Stadt nur belastigten'). Ja, es entstanden auch besondre Bedenklichkeiten, in- 
dem tbeils die benachbarten böhmischen Herrschaften ( Rumburg , Grafenstoin, 
Reichenberg) die willige Annahme Ihrer Unterthanen in Ztttau und Löbau übel 
nahmen und der Kurfürst von Sachsen, wie schon am 23. März 1650 der Landvoigt 
von Callenberg den 50 aus Reichenl>erg kommenden Tuchmachern angedeutet 
hatte, befahl (1660) , dass Exulanten nicht eben an Gränzorten') aufzunehmen 
wären, theils so manche Zudringlichkeilen die Obrigkeit in Zittau unwillig mach- 
ten, theils auch viele Vorurtheile gegen Calvinische unter den Exulanten bei den 
zittauer Geistlichen herrschten. 

Man begann daher auch neuen Ankömmlingen die Aufnahme zu versagen, 
namentlich spater im Zeitalter 1670 — 1683. Doch einzelne Uebersiedelungen 
sind noch um 1679, 1690 und 1727 vorgekommen. Man sammeJt« 1683 Buss- 
tags eine Collecte für sie, vermuthlich um ihr Weiterziohu möglich zu machen 
und sie also los zu werden. 

Die Zahl der nach Zittau geflüchteten Exulanten ist, den Umständen nach, 
verschieden gewesen. In des 17. Jahrhunderts Mitte war sie am stärksten, viel- 
filltig wechselnd in der Summe. Die höchste Zahl mag wohl 1 656 dagewesen 
sein, nachdem 1651 eine Hauptflucht entstanden war; denn man Gndet, dass 
bei der Todienfeier für den Kurfürsten Johann Georg H auch ein wohl aus 1000 
Personen bestehender Exulantenzug zu einer in der Kreuzkirche zu haltenden 
böhmischen Gedächtnisspredigt stattfand. 

Im Jahr 1725 (wo viele neue Emigranten kamen) rechnete man 700 Exulan- 
langemeindeglieder, und noch 1727 kamen 17 Familien (z. B. die Morawek, 
Pollak, Thomas,) aus dem königingräzer Kreis dazu; doch 1750, nachdem 1732 
viele sich wo anders hin (nach Berlin 250) ge\\ endet hatten, nur 600; 1800 
wenig über 100 Köpfe, und 1833 Erwachsene 69, Schulkinder 19. Viele hatten 
sich (wie sie sich ausdrückten) »löschen« d. h. aus dem Register der böhmischen 



I) Ein Patent des Oberamlsverwaller» v. Gcr»dorf vom 18. Jan. 1«i3 rief zum Mitleid auf 
and tagte, es würde unchrittlich sein, den E&ulanten die Aufnahme lu versagen. Kür sie 
sprach auch ein Rescripl des LandvoigU von Callenberg, 4t. Juni 165f Kr ermahnte Zilta«. 
Jalzt nicht nach der Strenge der StadUUtuten xu verfahren, sondern mit Billigkeit und Mitleid, 
.da sie um des standhaften ÜckennUiisse« der Religion willen das Ihnge verlassen bitten . man 
•olle doch die armen Leute nicht »ehr beschweren. S auch ein landesherrliches Rescripl, 
beigefugt in Beilage X «61», 1617 u 1650 kam auch ausdrückliche landesherrliche Geneh- 
migung. S Morawek, H4 u Beilage 111 

1 Thebesiusim laus Mag 1779, tu (T Brückner das «»t6. »•» 

• ) S. KaufTert oberlaus Geschichte IV. 319 

Petckcrk, Dw bftkM E»aU«leB. ^ 



Qf>^ Die bühmischen Eiulanton in Sachsen 

Gemeinde ausstreichen lassen, um nicht mehr abgabenpflichiig an die Exulanten- 
kirche und an den Geistlichen derselben zu sein. Es war solches besondre Kir- 
chenthum in der That nicht weiter nöthig , da endlich alle deutsch verstandeti 
und die meisten mit den andern Bürgern verschmolzen , auch selbst Bttrger in 
der innern Stadt geworden waren, indem es ihnen unver wehrt war , auf der 
ihnen erst zum Anbau angewiesenen Viehweide nicht zu bleiben und in die 
Stadt selbst Überzusiedeln. 

Man darf sich unter diesen damaligen Exulanten nicht blos arme Tagarbeilcr 
und Handelsleute denken. Kommt auch in den Todtenregistem der Stadt Zittau 
im \7. Jahrhundert fast auf allen Blättern der Ausdruck vor: »ein armer Exu- 
lant«: so war es doch im Zeilalter 4 6?3 viel anders, wo, wenn auch nicht so 
zahlreich wiB zu Pirna , auch viele Gelehrte und Adlige nach Zittau ihre Zuflucht 
genommen hatten , wie die mitzutheilenden Namensverzeichnisse bald lehren 
werden und wie man aus dem Umstände erkennt, dass 4631, beim Leichenzuge 
des sehr beliebten Archidiac. Winziger, viel böhmischer Adel mitgezogen ist. 'So 
schon bei der Bestattung des P. Prim. Clemens Lehmann 4629. — Fragen wir, 
woher besonders böhmische Exulanten nach Zittau gekommen : so ist zu bemer- 
ken , dass es natürlich die beiden nüchsten Kreise waren , aus denen man nach 
Zittau fluchtend sich wendete , mithin der leitmeritzer und der bunzlauer. Aber 
auch aus andern Kreisen hatten viele sich da zusammengefunden. Es erschienen 
nicht blos Protestanten von Grottau, Kratzau, Rumburg, Georgenlhal, Reichen- 
berg, Friedland, Gabel, Nimes, llaide, Warlenberg, Neuschloss, sondern auch 
von Prag, Melnik, Schluckenau, Aicha, Turnau, Bömischbroda , ja bis von Kolin, 
Pisek, Czaslau, Rozdialowitz u. a. Die aus den deutschen Kreisen (dem bunz- 
lauer, leitmeritzer, saazer, bud weiser und elbogner) scheinen in der Minderzahl 
und besonders die zu Zittau Bleibenden Gzechen gewesen zu sein , weil ccechi- 
scher Gottesdienst eben hier ermöglicht worden war. Ganz böhmische Familien, 
wo man geflissentlich noch die Uebung in der böhmischen Sprache (wegen Han- 
deltreibens unter den Stockböhmen) trieb, waren im Jahr 4798 nur noch neun. 
Annahme deutscher Namen wurde um 1777 verboten. 

Wie nach und nach die nach Zittau gewanderten Exulanten eine Vorstadt 
südlich bei genannter Stadt angebaut haben , welche heut noch die böhmische 
Vorstadt heisst , auch vielleicht von jeher so hiess ; wie durch sie die ehemalige 
sogenannte Viehweide mit Hüusern besetzt wurde ; wie diese heute noch zum 
Theil von den Nachkommen der Exulanten , und zwar in jetzt nicht üblen UXu- 
sem, bewohnt wird: das soll weiter unten, wenn wir auf die Folgen der böh- 
mischen Uebersiedelungen zu sprechen kommen, erörtert werden. Die Exulanten 
höhrer Stände haben in der inneni Stadt bei gebildeten Familien Zuflucht oder 
Miethwohnung gefunden , sich mit der Zeit aber wieder verloren , so dass von 
lea Nachkommen solcher keine Spuren mehr da sind. 

Waren nun auch die freiwilligen und die gezwungenen Auswanderer in 
Zittau frei von dem Zwange zu katholischem Gottesdienst (und von dem leiblichen, 
und geistlichen Zwange der Jesuiten, Dominikaner, Kapuziner und Kriegsknechte) : 
80 war solches doch nur ein negativer Gewinn. Sie sehnten sich auch nach ge- 
meinschaftlicher , gewohnter Sonntagsfeier , nach Verkündigung des göttlichen 
Wortes in ihrer Muttersprache und nach böhmischem Liedergesang. Zwar warwi 



voo Chr. Ad. PeschecJc. Q7 

sie sonnUiglicher Belehrung weniger bedürftig als andre , weil sie selbst immer 
daheim in der Bil)el , eben weil sie verboten war , desto eifriger gelesen hatten, 
sie in ihr gttnziich bewandert und ihre Herzen von biblischen Sprüchen voll 
waren. Aber man denke doch ihren Schmerz, beim Eintritt in die Kirchen ihres 
neuen Wohnortes nicht mit einstimmen und von den Predigten nichts verstehen 
zu können. Das landesherrliche Patent von 1628, welches den Wunsch aus- 
sprach, dass sie an deutsche Predigt sich gewöhnen möchten, war gar nicht 
nach ihrem Sinne. Darum versammelten sie sich Sonntags unter sich , mit Rüh- 
rung bessrer Zeiten gedenkend. An Predigern fehlte es gar nicht ; denn unter 
den nach Zittau exilirten Geistlichen aus Böhmen waren ja viele czechischo. Nur 
an einem geeigneten Locale zum Gottesdienste fehlte es , sowie an williger £r- 
laubniss zum Mitgebrauch einer Kirche; wogegen man besonders deswegen 
Schwierigkeiten machte, weil man damals gegen Eindringen calvinischer Lehren 
nicht vorsichtig und wachsam genug sein zu können glaubte. Zuerst waren ihre 
sonntäglichen Versammlungen in den Wohnungen der angesehensten exilirten 
Geistlichen, z. B. bei Joh. Fleischmann, der unter den 9 jetzt hier wohnenden 
böhmischen Geistlichen als einer der vorztlglichsten galt und in den ansehnlichen 
Städten Leippa und Bunzlau Pfarrer gewesen war; ferner 1627 bei Wenzel 
Galli , sonst Di<iconus in Gitschin und Kosteletz und Pfarrer zu Tumau oder Tir- 
nowan , aber im Verdacht des Calvinismus*), der in Zittau jetzt mit Unterricht- 
geben sich nährte, bei Joh. Thaddäus, auf den wir schon oben zu sprechen ka- 
men'). Das Abendmahl aber empfiengen sie, nach czechischem Berichte, von 
ihren Geistlichen , mit in deutscher Gemeinde in der Hauptkircbe , da ja hier, 
was sie empfiengen statt der Sprache galt. Da ist manchmal die Coromunican- 
tenzahl sehr gross geworden. Seit etwa 1630 mietheten sie sich, zur Zeit ihres 
gelehrten Predigers Paul Gruppius ( des Uebersetzers von Luthers Katechismus 
ins Böhmische, Zittau 1630) einen Saal auf der sogenannten Neustadt'), den sie 
mit Altar und Kanzel versahn , in welchem jedoch Sonntags ein peinliches Ge- 
dränge war , so dass ihre Bitte , es möge ihnen wenigstens stundenweise eine 
Kirche zum Gebrauche erlaubt werden, sehr verzeihlich und gerecht war. Den- ^ 
noch mussten sie sehr lange bitten ; denn die Geistlichen der Stadt wollten nicht 
gern ein separirtes Kirchenthum aufkommen lassen und künftig unfehlbar vor- 
kommenden Gompetenzstreitigkeiten darüber, ob jemand zur deutschen oder 
zur böhmischen Gemeinde gehöre, vorbeugen*). Auch sahen sie ja voraus, dass 
die czechischen Glieder absterben und neue Generationen deutsch gelernt haben 



t; Der Zorn gegen die Calvinisten war besonders zu Prag angefacht weiden durch dat 
Variahrea des reformirten HofprMÜRers des Winlerkönigs (Abr. Sculletusi. Mao Im Oelssig In 
eiaer t>öb mischen Uebersetsung Folyc. Uysers Schrin. Diesen Hsss bezeugen noch BUcher 
ans dem E&ulantennachla!(s in Zlllau , z. B. bei den Worten: Sjtiraut vtrilaiU imäucat vo$ im 
cvrttolem. bat einer dazu geschrieben: mom im CoHnmitmum, und Cnippius bat in eins soiner 
Bücher hiiieingo^cbrieben : Qtäsquit , m« tkfumeio, hmmc Utrum Ugitimo acquinvfrü jurt , äiH- 
gwier tibi careul, ne vtmeno afßciaiw. 

tj S. OUo'soberl. Schriftstollerlex. III. Ut ito. 

•; Bio Andenken daraus i»t auch eioe ciecbiscbe Lilaneilolel . jetzt im DasiU des Altor- 

thumsmuseums in Zittau. 

4 . Ihre Grunde, nach den Acten, s. bot Murawek II tT. 

5* 



ßg Die böhmischen Exulanten in Sachsen 

würden. Man schlug ihnen Auswanderung nach Dresden oder Neusalz vor. 
Endlich Uberliess man den Exulanten das Erdgeschoss eines öflentlichen Gebäu- 
des im Bereich des ehemaligen Klosters*). Dieser Raum, vielleiclii ehemaliger 
Speisesaal der BarfUssermönche , w ard mit Altar und Kanzel , mit Sitzen , Altar- 
geräthen und Büchern von Wohlthatem (auch aus der dresdner Exuiantenge- 
meinde) versehen. Diese nunmehrige Kirche gelangte am Osterfeste 4694 zur 
Weihung durch den Prediger Johann Georg Dolansky ( von dem sich historische 
Nachrichten im prager Museum befinden sollen) einen Zögling des genannten 
Gruppius. Er hatte eine Reihe Nachfolger (nachdem vor ihm Fleischmann , Galli, 
Thaddilus, Gruppius, Milesius, Moteschizky*), welcher viel drucken Hess, gelehrt 
hatten) an Simonides, Jary, Wässerich*), Gzaplowicz, Rorott; die aber mit sehr 
ärmlichem Gehalte zufrieden sein mussten. Moteschizky, Simonides und Wodicka 
(d. i. Wasserich) gaben ascetische Schriften heraus, letzterer eine Uebersetzung 
eines deutschen Werkes von Dr. Hoffmann zu Wittenberg. Diese in Böhmen sehr 
beliebten, in Sachsen abernurinderRalhsbibliothek zu Zittau zu Ondenden Schrif- 
ten haben dort sehr viel zur Erhaltung des Protestantismus beigetragen. Boroti 
gab viele Schriften heraus*), bearbeitete auch eine Uebersicht der alten und 
neuen sla vischen Bibelübersetzungen. 

Die Gzechen hatten grosse Freude an böhmischer Gott es Verehrung , um so 
mehr, da das Local schwer errungen und die Sache nun durch landesherrliche 
Rescripte gelungen war. Joh. Myller besorgte auch 1668 ein eignes böhmisches 
Gesangbuch (in Zittau selbst gedruckt unter des Pastor Gruppius Besorgung, und 
wieder 4 685 durch den Buchdrucker Hartmann) — Pokladspewu duchownjch — 
das ziemlich reichhaltig ist, ja Lieder enthält (manche von Gruppius und Milesius, 
auch zum Theil in eignen Melodieen) die auch in katholischen Kirchen von Böh- 
men üblich sind und in vermehrter Auflage von 887 Liedern 4 710, mit Vorrede 
des gelehrten zittauer Exulantenkindes, des Mathematikers M. Ghristian Pescheck 
erschien*). Auch Zuhörer aus Böhmen benutzten diese freien evangelischen 
Predigten , weil sie daheim solche nicht mehr hatten. Das Minderöfifeniliche war 
den aus der Zeit der Verfolgung an verborgne Gottesdienste gewöhnten Böhmen 
recht und lieb. In diese Kirche kamen auch Exulanten von Ullersdorf , Pethau, 
Hörnitz, Olbersdorf, Kieinschönau , Rosenthal. Im 4 9. Jahrh. ward allmählig die 
Thcilnahme geringer und am 6. Febr. 1816 war der letzte Gottesdienst in dieser 
Kirche und zufälliger Weise war dies Aufhören ganz gleichzeitig mit, nach 325jäh- 
riger Unterhrechun;.', wiederum beginnendem römisch-katholischen Gottesdienste 
unweit davon, für nach und ntich hergezogene Katholiken. Es war keine czechi- 



1) Peschecks Gesch. von Zittau 1, 439. 800 f. 866. Moraweks (auch böhmisch gedmckte) 
Geschichte dieser Exulantengenoeinde 4 ff. Rescripte wegen Besetzung der Stelle und Raths- 
berichte sind in den carpzovschen Sammlungen. 

2) Laus. Magazin «779, 114. Jungmanns bohm. Literaturgeschichte 265, 823, 640,140. 
8) Dieser besass an 5oo Biographieen von Exulanten, deren Verlust wir ebenso bedauern 

müssen, wie den der Exulantenpapiere von Götze, Schröter und Grünwald. 

4) Otto's oberlaus. Schriflstellerlex. s. v. Ueber Simonides s. Jungmann a. a. 0. lie- 
ber Dolansky 296, 223. Wodicka 675, 298 Gruppius 294, 3H. Werlschizky 262, 299, 800 f. 
844, 849. 

5] Er gab auch Kegels 4 2 geistliche Andachten mit einer Vorrede böhmisch heraus. 



von Chr. Ad. Pescheck. 59 

sehe Predigt mehr nölhig, da sich nun ailmähiig die höh mische Gemeinde mit 
der deutschen verschmolzen hatte. Dass um 1730 auch jener czechische Gelehrte, 
der schon genannte Mathematikus M. Christian Pescheck sich zur Gemeinde hielt, 
ja auch einmal, und zwar beim Reformationsjubelfeste, die Kanzel bestieg und 
czechisch predigte, erfreute die Gemeinde nicht wenig. Die einst zahlreich in 
Zittau lebenden verjagten bühmischeo Geistlichen, d. h. solche, welche auch 
deutsch konnten, haben in den übrigen Stadtkirchen als Aushelfer mitamtirt*). 

Die in Zittau bleiben wollenden Exulanten der ersten Zeit mussten übrigens 
(wie wohl auch anderwärts geschehen sein wird) am "il. Aug. K>40 einen förm- 
lichen sächsischen Unterthaneneid schwören und (damals noch während des 
30jilhrigen Krieges ) ausdrücklich versprechen , es nicht mit ihrem vormaligen 
Herrn, dem Kaiser zu halten, üeberhaupl erschienen viele Exulantenpatente 
des Landesherrn , und zwar meist zu Gunsten der Eingewanderten , deren Auf- 
nähme jedoch unter Bedingungen genehmigt und empfohlen wird, IG27, 163!2'), 
4640 , 1650 , 4670 , daher sie auch den Tod des Kurfürsten Johann Georg durch 
jenen .solennen Aufzug und eine Gedächtnisspredigt feierten. Sie würdigten 
auch die in Zittau genossne Aufnahme und verstattete Zuflucht; denn es findet 
sich in den zittauer Exulantenacten (16i8 — 1718) folgende Stelle: »Was für 
eine unaussprechliche Wohlthat es sei , wenn , da ja um Bekenntniss der evan- 
gelischen Wahrheit willen alle seine irdische Habe und Gut im Stiche lassen 
und ins bitterschmerzliche Elend wandern müssen , dennoch unter dem S<*hutze 
einer christlichen Obrigkeit die Exulanten in der Fremde die geistlichen See- 
lengüter ohne einige Verhinderung geniessen können, wird wohl Niemand sobald 
verstelm, als der mit uns armen Leuten gleiche Verfolgung ausgestanden, u 

Womit sollten nun die .\rmen ihr Brod .sich hier verdienen? Die nicht ganz 
Armen nUhrten sich später, als man sich wieder nach Böhmen wagen konnte, 
fortwährend durch Verniittelung böhmischen Vieh- und Federhandels, Aermere 
als Musikanten, Ziegeist riMcher, Kutscher, .Maurer, Zimmerleute, und die weib- 
lichen als Wäscherinnen, Dienstmädchen , GrUnzeughändlerinnen u. dsgl. Hand- 
werke konnten sie selten lernen , weil bei den meisten Innungen das alte lland- 
werksgesetz entgegen war, dass die Lernenden nicht von slavi.scher Abkunft sein 
dürften. Viele konnten auch als Handelsleute in der Stadt sich etahliren 
oder grössere städtische Grundstücke ankaufen. Viele haben dann auch der 
Tttchmacherei und dem Gemü.segartenbau in Zittau aufgeholfen, w ie weiter unten 
berichtet werden soll. Die noch in Zittau von den Exulanten übrigen Spuren 
bestehn in manchen , jedoch sehr wenigen , böhmischen Namen und in manchen 
Denkmälern auf den Kirchhöfen, die oft in sehr rtlhrenden Ausdrücken iibgefas>t 
•iild und noch heut gelesen werden können '^ Wie wechseln da doch immer die 
Orte der Herkunft. Z. B. in den Trauregi.stern 1643 ff. wechst^ln Prag, Reichen- 
berg, Kratzau , Leippa , Friedland , Tumau , Koten , Grund , Aicha , Ringelshain, 
Grafenstein, Nimes, Chlum, Königingräz, Schluckenau , Aussig, Hrlandobrowiti, 



1 S. luus. Monal»!»chr 1795, II. i85. 

i Abgedruckt l»ei Mura^^ek. 114. 

3j S. Gesch (I. GegeDreformalion, II. 490 f. 



•^0 Die böbmischon Exulanten in Sachsen 

Gabe], Hirschilz , Wittingau, Kamnilz. Leilmeritz kommt hier nicht leicht vor, 
denn die an der Elbe in Tetschen , Aussig , Raudnitz , Leitmeritz mtfgen ihren 
Zug nur nach Dresden gehabt haben. 

Die Gemeinde besass ein Kirchen vermögen von etwa iOOO Thir., dem man, 
nach Aufhören dieses böhmischen Kirchenthums , eine andre Bestimmung geben 
wollte. Es sollten die Zinsen davon zu Geschenken an Braulleut« aus der Exo- 
lantengemeinde , zu Beiträgen zur Kinderbewahranstalt und zu Kosten beim 
Handvverkerlemen u. dsgl. verwendet werden ; allein wider Erwarten fanden 
diese guten Vorschläge bei höhern Behörden kein Gehör, und das Geld w*nrd 
zum Vermögen der Hauptkirche geschlagen. — 

Uebrigens kamen zuweilen auch Exulanten aus Ungarn (z. B. der bei Neu- 
salz zu besprechende Steph. Pilarik, der da monatelang unterstützt ward, daher 
sein Sohn Esajas dem Rathe zu Zittau eine Dissertation dedicirte und die Herren 
patronos incomparabiles et evergetas summos nennt, und ebenso Joach. Ealinka, 
Superintendent von Rosenberg, ein Slowak und einst ein sehr bedeutender Mann, 
der auch sein Grab in Zittau gefunden hat') ) und aus den östreichischen Theilen 
von Schlesien nach Zittau , und so manche hier angestellte Geistliche waren frü- 
her Exulanten von da gewesen. 

Um nun eine Vorstellung von der Menge der Angekommenen und von den 
Ständen , denen sie angehörten , zu geben , wird es nicht unzweckmässig sein, 
gesammelte Namen hier zusammenzustellen. 

Wenn man die nach Zittau geflüchteten Böhmen nach den Ständen ordnet : 
so ergiebt sich folgendes Verzeichniss. 

r Adlige*). 

Jaroslaw* Kladensky von Kladna, i>eques Bohemus , exuln^ 4636, in die zit- 
tauer Kreuzkirche mit adeligen Ceremonien begraben. 

Ritter Carl von Kapaun und Swoikovva, mit Leichenstein in der Hauptkirche, 
4629. So manche Leichensteine galten auch Kindern böhmischer Herren. 

Peter Jaroslaw v. Kautcz. 

v. Milsca, 4630. 

Familie Rasch v. Riesenburg, auf Koroliz und Schlotofl*. um 4630. Gestrzirsky 
v. Riesenburg. 

David Heinrich v. Zschirnhaus, von Grafenstein, der 4 628 noch 30 Wagen 
voll Sachen mitnehmen durfte. 
Wenzel, Ritter Letensky v. Lelna. 

Familie von Jungeofels aus Reicheuberg. Joachim Junge v. Jungenfels war 
4628 Hauptmann der Herrschaft Friodland und hat viel Nachkommen in Zittau 



4) Er war auch czechischer Schriftsteller. S. Jungmaons höhm. Liler.-Geschichle 587 .[^^ 

2) Viel böhmischer Adel war 4 639 noch hier, wie man aus der Beschreihung des Lei- 
chenzugs heim feierlichen Begräbiiiss eines Stadtgeisilichen ersieht. 

Noch 4 658 waren mehrere Exulanten böhrer Sttfnde hier, welche der Stadtbibliothek 
Bücher übergaben. 

Die Familie von Schleinitz auf Tollenstein bei Zittau war wegen Religionshedrückung 4687 
nach Sachsen gezogen. 



* von Chr. Ad. Peschock. 7 | 

noch heut. Er vvar einst von Wallonstein zum Oberhauptinann von Frieclland 
und Reichenbei^ und 1625 vom Kaiser Ferdinand geadelt und vom Heimzog bei 
AnU'gung der Neustadt in Reichenberg gebraucht worden; kam 1634 nach Zittau 
mit grosser Familie. Seine vielen T(k:hter thaten ansehnliche lleirathen und so 
ward er Stammvater vieler zitlauer Familien. Anna Maria war Gattin des Bür- 
germeisters Philipp Stolly Katharina des Fast, prim. Jodocus Willig , Eleonore des 
Bürgermeisters Möller, Anna Rosina des Senators Gottfried Rodochs. Jnngcnfels 
starb 4640. 

Georg von Nostitz aus Wolfersdorf, 1635. 

V. ilausendoff, gest. 1661. 

Albrecht Hraban von Sucha, gest. 1641. 
Die SchUrer von Waldheim waren auch eine Exulantenfamilie in Zittau. Der 
erste SchUrer daselbst war ein Kaufmann, zuvor Hüttenmeister in Krombach in 
Böhmen, noch 1719 starb ein Schürer ^Joh. Georg) als Rathsherr in Zittau. 

Familie von Luttowizky. 

Borschek Dohalsky von Dohalitz 1646. 

Hans Finger von Freienfeld, aus Bidschow. 

Adam von Berka (S. Beilage 1). 

Heinrich von Radschin auf Arnsdorf und Steina. 1629. 

Michael Slawata von Chlum und Kossumberg verpfändete 1630, gegen ein 
Darlehn , bei der Hauptkirche einen Kelch und eine Palene , die er aus seiner 
Schlosscapelle gerettet haben mag. 

Jaroslaw von Stampeel, gest. 1629, auch schwedischer Major gewesen. 

Ein Graf von Thurn*) ward 1643 in die Hauptkirche begraben, zu Brieg in 
einem Duell gefallen, nach einem gallasschen Gastmahle. 

Hans Heinrich von Oelsnitz auf Doborschanz, nach mehr als 30jührigem 
Exil hier gestorben , und 7 Söhne hinterlassend. Witwe und Tochter haben ein 
Monument auf dem Gottesacker zu Hainewalde. 

Wenzel Wilhelm von Knobloch, von Meistersdorf. 

2. Geistliche. 

Georg Dicastus (eigentlich Richter) Administrator des protestantischen Con- 
sistoriums zu Prag, der, obwohl seine Hand die Krönung des Winterkönigs ver- 
richtet hat, dennoch der Todesstrafe entgangen, nach Zittau geflüchtet und 1630 
auf dasigem Kreuzkirchhofe begraben worden ist'). Mit ihm hatten 14 andre 
evangelische Geistliche Prags fortgemusst. 

Zacharias Keymann, Pfarrer gewesen zu Pankraz und Ullersdorf) , 1633 in 



I) S. über die Familie Gesch. von Zittau 1. t41. 

t; So haben auch die meisten andern in ZitUu ihr Grab gefunden, die wenigsten aber ein 
neues Amt. Sehr viele lebten KleichieiUg zu ZiUau. meist in Armuth üebemchaun konnte man 
sie 4 €19 bei einer Procession, namitcb bei dem bereiU erwähnten feieHichen Be^raboisa des 
P. Prim. Lehmann. 

• S. sein Leben bei Schroter 11 n. Auslttbrildie Nachricht von der Procedur in Ollers- 
dorf, Müllers oberlaus. Reform. Gesch. ?•• ff. lltthr«Bd ist in seines Sohnes, des sHtsoer Reo- 
tors. CbHsUan K. berühmtem Liede : »Meinen JesiiiB lata ich nicht« die Zeile : »wo vor Jesu 
Angesicht meiner Eltern Glaube pranget.« 



72 Die böhmischen Exulanten in Sachsen 

Zittau an der Fest gestorben und auf dem Frauenkirchhofe beerdigt, wo neben 
ihm seine viel mitgeprUfte Gattin, Anna Ludwig, ruht. 

Friedrich Lindner, exilirter Pfarrer von Tetschen. 

Joseph Schmidichen, 1624 von Oschitz vertrieben. 

Caspar Kretschner, 1624 vertrieben von Wartenberg. 

Paul Cruppius, Conrector in Prag, 1627 Pfarrer zu St. Cyriak in Neustadt- 
Prag, 1631 kurze Zeit Pastor zu St. Heinrich und (nebst Rosacius, Clement und 
Herlwiz) Consistorialassessor daselbst, nach Zittau geflüchtet, bei einem Besuch 
in Turnau gefangen und auf kurfürstlich-sächsische Fürbitte losgekommen, dann 
bis 1667 Prediger der Exulantengemeinde in Zittau, ein dffrch Gelehrsamkeit 
ausgezeichneter Mann , der seine schöne Bibliothek der zittauer Rathsbibliothek 
legirte, Luthers Katechismus 1630 ins Böhmische übersetzt hat und dessen Fa- 
milienverhältnisse, z. B. eine Heirath 1657, in zittauer Kirchenbüchern oft er- 
wähnt sind. Er war zu Zittau geehrt und geliebt. In Dresden musste er einst 
vor dem Oberconsistorium seine Rechtgläubigkeit beweisen'). 

Johann Halecius 4624 von Nimburg exilirt. In Zittau liess er eine Predigt 
deutsch und böhmisch drucken. 

Thomas Keiner, Pfarrer von Drum und Gräbern. Sein Leichenstein von 1648 
zeigt noch einen Kelch. Bald folgte die Gattin ihm im Tode nach^). 

Job. Fleischmann, Pfarrer von Leippa , zuletzt von Jungbunzlau und nebst 
9 Amtsbrüdern hergekommen, ein wissenschaftlicher Mann, der 4 Jahre in Zittau 
in grosser Armuth lebte, aber endlich das Pfarramt zu Reichenau bekam'). 

Gregor Röscher, von Gabel exilirt*), 9 Jahre im Exil, laut seines von seiner 
Tochter ihm gesetzten Leichensteines. 

Thomas oder Theodor Crusius, Pfarrer von Pablowiz, starb 1 633 nach 1 0jäh- 
rigem Exil. 

Paul Winkler, Pastor und Senior im chrudimer Kreise gewesen, lebte 24 Jahr 
als Exulant. 

Joachim Sehönfelder, exilirt in Georgenthal (wo jetzt die Katholiken eine 
von Protestanten erbaute Kirche haben). 

M. Kleine, von Skri van, gest. 1632. 

Georg Profeit, exilirter Pfarrer von Kamnitz, Grossvater des einst berühm- 
ten Polyhistors Chr. Weise. 
Paul Pospischil, Pfarrer von Rozdialowiz, gest. 1633. 

Peter Skrincy, Pfarrer von Jungbunzlau. 

Paul oder Johann Mallhiades aus Königingräz, bis 1623, von Kottenberg 
vertrieben, auch Schriflstoller, und für Exulanten in Zittau geistlich thatig*^). 

Joh. Thaddüus, gestorben nach 2?j;ihr. Exil, 1652*). 



1) Gesch. von Zittau, i, 300 f. 

ij S. Schröters Exulanteugesch. 336. 

8) Rüsters Chronik von Reichenau, 46. 

4) S. Hamhurgers Geschichte der Stadt Gabel, 154 f. 

5) Ueber seinen Abschied zu Kultenbcrg s. HuH. pers. 195. 

6) Leber ihn s. Geschichte von Zittau, 1, 295. Gegenreformation II, 484. Garpsov Foiti 
Ziti. ll\, \0. 



von Chr. Ad. Pescbeck. 73 

Johann Assuiini, von Kuitcnberg, — oder Marsulini? Massalien? 

Joh. Frazy von Hostromirz. 

Jac. Wendelius, I6i8, Pfarrer von Strünow. 

Matth. Kalzian, lange Exulant in Zittau. 

Abraham Schurich. 

Mallh. Taborsky, Pfarrer von Tabor, gest. 4632. 

Johann Bezdiky, Pfarrer von Kopidlav. 

Georg Menschel vonSezenitz, Pfarrer von Hochwessely im bidschower Kreise. 

Martius, Pfarrer bei St. Adaibcrt zu Prag. 

Georg Laurenz, Pfarrer von Leippa , 1623. Er war 1625 noch da , amtirle 
mit in Zittau, bekam dann ein geistliches Ami zu Löbau, wo er 1629 schon an 
der Pest starb. 

Christoph Lichtner war auch so glücklich wieder ein Amt zu erlangen. Er 
war von Kratzau, 1621 Pfarrer in Nimes, wurde al)er 1627 mit vertrieben, weilte 
in Zittau ein paar Jahre, kam als Pastor nach Zodel, ward Diaconus, Archidiaco- 
Dus, ja sogar Pastor Primarius in der Stadt Görlitz, wo er 1603 starb. 

Wolfgang Günther, Superintendent in Friedland, dessen rührenden Ab- 
schied wir oben geschildert haben , kam als Exulant nach Zittau , kaufte sich da 
an und starb endlich als Pfarrer in Uerwigsdorf , wo er in der Kirche begra- 
ben liegt*). 

Martin Felmer, v. Backow, Geistlicher zu Prag, Choliborz, Bohdanaloh, wo 
er sehr gemisshandelt worden, und Aicha gewesen, dann Pestprediger in Zittau 
und Geistlicher in Grosshennersdorf, endlich seit 1637 Pfarrer in Seiflienners- 
dorf. Er war 62 Jahre Prediger und hat ungemein schwere amtliche und häus- 
liche Schicksale erduldet^). Seine Familie blüht noch zu Löbau*). 

Victorius Adami*), einer der prager Geistlichen und zwar zu St. AdaÜMTt, 
164.5 im zittauer Exil gestorben, in hohem Alter, gleich den Meisten, mit 80 Jah- 
ren. Der vorgenannte Felmer war Gatte seiner Tochter. Da sie als Kind 1621 
am 21. Juni die prager Blutbühne noch gesehen hatte, mag jener schreckliche 
Tag wohl manchmal der Gegenstand ihres Gesprächs gewesen sein. 

Wenzel Galli floh 1627 nach Zittau und hat da lange Jahre unter den Exu- 
lanten gelebt und ihnen mit Lehre und Trost gedient. Schon mit 21 Jahren 
war er Diaconus in Gitschin geworden, dann bis 1627 Pfarrer zu Kostelez 
und Tumau gewesen. Noch in seinem Alter ward er sehr gekränkt, in Verdacht 
des Caivinismus, wie Thaddüus. Er musste den schwersten Prüfungen sich un- 
terwerfen und seine Ankläger mussten öflentlich Abbitte thun. Er hat den ersten 
formlich berufenen Prediger für die ziltauer Exulanten , Johann Dolansk) gebil- 
det*). Bejahrt starb er am 26. Jan. 1674. 

Matthias Krocinowsky , Prediger gewesen zu Jungbunzlau, Polna, .\\mburg 
und Richnow. In Zittau lebte er bis 16i8; als Schriftsteller thätig. 



I; S. Schröters Exulantenhislorie, iiS. 

1) Das. tf ff. Gross Le&ikon evang. Jubelpretliger, Nuriib. 17t 7. 

8) S. OUo's oberlaus. Schriflslellerkiikon, s. r. Gegcnref 111. ii5 f 

4} Schröter, 158. 

5. Schröter, U ff. 



74 Die böhaiiscben Exulaoton in Sachsen 

Phil. Georg Himicenus (?). 

Joh. Spatenka, Pfarrer von Podiebrad, lange hier im Exil. 

Andreas Kulller, Pfarrer von Morgenstern. 

Sebast. N., Pfarrer von Nohenist (?). 

M. Andreas Schwarzbach, Pfarrer von Reicbenau bei Reichenberg. 

Georg Barth, Pfarrer von Wisoka. 

Siegmund Palingenius und Mölling. 

Victorin Wrbensky, Geistlicher und Consistor. -Assistent zu Prag, dessen 
Tochter Ludmila 4 631 nach seinem Tode einen Schneider, aus Tumau exilirt, 
heirathen musste. 

Jonas Scultetus, Pfarrer zu Hirschberg bei Nimes. 

Nie. Schramm von Leippa, Pfarrer von Uabichtstein. 

Döring, exilirter Pfarrer. 

Kindermann von Georgenthal, dem in Zittau ein Grabmonument su Theil 
ward. 

Joh. Nigrinus, lange im ziltauer Exil, nebst seinem Schwiegersöhne auf dem 
Frauenkirchhofe ruhend. 

Paul Czernowizky, Pfarrer von Dobrowiz, gest. 4633. 

Daniel Dentulinus, Pfarrer gewesen in Lauban oder Richnow. 

Thomas Dentulinus, Pfarrer zu oder bei Kuttenberg. Jener hat den Jammer 
der Verbannung lange getragen. 

Matth. Georgines, Pfarrer von Teplitz. 

Daniel Godebrinus, der zweimal als Bräutigam vorkommt. 

Matthias Przibislawsky, Pfarrer zu Stephan in Neustadt Prag. 

Pazenisky. 

Joseph Salesky, Pfarrer von Rozdialowiz. 

Matth. Compan, Pfarrer von Kuttenberg. 

Milesius, Geistlicher von Melnik. 

Paul Mikan, Pfarrer von Daube. 

Joh. Razgy, Pfarrer von Jasseneg. 

M. Landsmann. 

Mich. Leubner, Pfarrer von Wittige, 4624 mit Günther exilirt. 

Man gedenke nun bei diesen Namen an die ungeheure Sorgenlast, welche 
4 623 sie sämmtlicfa gedrückt hat. Sie sollten nicht allein des WinterkOnigs Krö- 
nung öffentlich widerrufen und Kriegsgeld geben , sondern auch nun von dem 
Erzbischof sich ordiniren lassen , die alten Kirchengebräuche wieder einftahreo, 
aus dem Ehestande treten oder etwa in ein Civilamt übergehen']. 

Von den in Böhmen vertriebnen Schulmeistern treffen wir auch mandie in 
Zittau z. B. Georg Libischer von Seifersdorf, der 4 634 sein Grab in Zittau fand. — 
Mich. Jüngling. Tob. Matthiades. Corona, Tochter des Lehrers Schubek von 
Friedland. Joh. Witann, Schulmeister von Tumau. Joh. Siegmann, Lehrer von 
Laun. Manche andre waren zwar nicht als Männer, doch als Kinder, etwa von 
der Mutter als einziger Schatz auf dem Rücken getragen, exilirt, daher man in 



I) S. Ruzickas Gesch. der evang. Gemeinde zu Prag. S. 27. 



von Chr. Ad. Pescheck. 75 

jener Zeit nach der Mitte des 47 Jahrb. viele Geistliche in Sachsen findet, die in 

Böhmen geboren waren , z. B. 1611 in Reichenberg der zittauer Diaconus Martin 

Hermann und der ziitauer Primarius Mich. Gli. Lehmann, der in Leippa geboren 

war. Man findet jene Geistliche meist irr den zittauer Kirchenbüchern, wenn sie 

oder ihre Witwen starben oder wenn sie oder ihre Söhne und Töchter heira- 

theten. 

3. Mancherlei Beamtete'). 

Zach. Petters, Bürgermeister von Rumburg, aufgenommen vom Bttrgemistr. 
von Hartig. Sein Leichenstein zeigt ßibelworte. 

Hans Zunser, exilirter Cantor, der dann in Zittau mit Gesänge vortra- 
gen half. 

Heinrich Richter, Amtsschreiber von Kannenberg. 

Joachim Jacobitz , Bürgermeister in Friedland und Reichenberg gewesen, 
gest. 1624 zu Radgendorf bei Zittau'). 

Kotzian, königlicher Amtmann zu Aicha und Friedstein. 

M. Melchior Yolkart, gewesener Gerichtsschreiber, 1632 begraben. 

Joseph Libnizky, kaiserlicher Schlossbeamteter in Prag gewesen , lange hier 
im Exil. 

Christoph Schief, Cantor in Wartenberg, dann 1 639 Cantor in Zittau. 

Dr. Tob. Salander, Stadtphysikus von Kuttenberg, starb 1623 in Zittau. 

Georg Rasky , oder Raky , von Prag , Gegenhändler bei der Münze in Prag, 
niihrte sich in der Buchdruckerei mit Rechenstunde. 1639. 

Lorenz Kautnis, Registrator bei der Landtafel zu Prag, gest. 1629. 

Hin Verwalter der gräflich schlikschen Güter, dem hier 1 678 eine Toch- 
ter starb. 

KyfTenhauser, Sladtrichter von Prag, gest. 16i4. 

Lorenz Stieber, Adv. von Prag, gest. 1643. 

Joach. Siegmann, deutscher Schulhalter von Laun, gest. 4644. 

Adam Kastner, Cantor von Reichenberg, gest. 1656. 

Jac. Schulze, Bürgermeister von Grottau. 

Martin Wegner, Cantor von Kuttenberg. 

Hans Hauschka, Amtsschreiber von Dobraniz. 

Christoph Klösel, Rentschreiber von Reichenberg. 

Dr. Reuter. 

Rozian. 

4. Bürger und Landleute, z. B. 

1651 Joachim Möller, Jonas Junge, Matth. Niederle, Matth. Prade, von Reichenberg. 

In den Kirchenbüchern seit 1675 : 

Wenzel Scholze, Ludmila Leschke, Job. Tobiades (aus Schlesien), Matth. 
Pilz, Wenzel Spatzler , Wenzel Thomas , Ga II us Schübler (Bauer) . Hans Kohl 
(desgl.), Job. Yorrath (Fürber aus Turnau) , Matth. Niemssner (Richter aus einem 



I) Ihre Verfolgung begann za Prag I6tf mit Abaelzung der liathe. melcbe der proleat. 
ConfBaaioo angehörten ; im übrigen Böhmen wenigstens teil Uli. 

t/ 8. die gedruckten Epicedien auf denselben. Auf Leicbenateineu findet man luweilen 
die Worte : «jeUo in «xt<io. • 



76 Die böhmischen Exulanten in Sachsen 

Dorfe bei Turaau], Georg Wenzel (Bäcker von Kratzau) , Matih. Ziegier (Schoei- 
der), Mart. Eiselt (Gärtner). 

1702: Stransky, Sabik, Kolnezky, Panek, Pisecky. Secura PathdDig. Mo- 
teschizky, Ronspersky. 

Der Tuchmacher Seidemann, Pabst, Tedel, Knobloch, Möller, Böttner, Kra- 
tzer, Harke, Kirchhof, Hofmann, Junge, Gdrtner, Ernst, Zacharias, Lehmann, 
Pfeiffer, Rumpier, Paul, 3 Scholze, Schröter, Grüner, Ehrlich, Ebermann, Wen- 
zel, Prediger, Scheller, Kleinmass, Pilz. 

Die um 1800 zur böhmischen Gemeinde gehörenden Namen der Familien 
von Handelsleuten , Zimmerleulen, Maurern und Tagarbeitem waren folgende : 
Störche! (Czepek), Richter, Malthes, Warlenberger , Schwarzenberger (Czemo- 
horsky) , BUttner, Gelink, Kracek, Klopsch, Ulrich, Unger, Grosser, Kaspar, 
Beilager, Becker (Pekarek), Reichelt, Gerisch, Jäkel, Bitner, Tröplein, Bebscb, 
Frey, Wunsche, Beier, Damm, Exner, Gunde, Pizek, Michek, Grttnwald, Freund, 
Spitzig, Seh reer, Scheffel, Kintscher, Hebel, Proksch, Bendak, Hutmacher'}. 
Böhmische Namen im Tuchmachermeisterbuch sind häufig. 

5. Frauen und Jungfrauen 

halten sich sehr zahlreich nach Zittau geflüchtet. Ohne Verzeichnisse zu besitzen, 
kann man doch die Namen Vieler nun zusammenstellen, die in kirchlichen Nach- 
richten erwähnt werden. Wir heben die aus gebildeten Ständen aus, erinnern 
aber, dass natürlich weit mehrere aus niedern Ständen gekommen sind. 

Marianne v. Gestrzibsky, geb. Kulin von Ketsch, gest. 1632. 

Frau von Ghastale und von Andrizky, Schwestern. Sie sollen bei der wan- 
kischen Plünderung 1640 an Gold, Silber und Perlen gegen 3000 Thir. verloren 
haben, woraus man sieht, dass anfänglich die Auswanderer ihr Vermögen retten 
durften. Andre Exulantenschätze, die in einem Gewölbe vermauert gewesen, 
wurden bei der golzischen Plünderung geraubt. 

Dorolh. Magd. Raschin von Riesenburg heirathete den RathshermThum'). 

Eine Gräfin von Hohenlohe , geb. von Kaunitz , unglücklich verheirathet an 
einen Grafen von Hohenlohe auf Neuschloss, ward in Zittau feierlichst in der 
Klosterkirche beerdigt (1675). Ihr verdankt man einen schönen Altarbau (für 
1000 fl.)'), und die Stadtbibliothek 44 Bücher. 

Dorothea von Mitrovsky, ihr Kammerfräulein. 

Mehrere Fräuleins von Oelsnitz*). 

Ludmilla Libnizky von Wrzibinsky, aus Prag, 1650. Tochter eines Beamte- 
ten bei der Landtafel. 

Witwe Anna Maria Libnitzky von Sbribanizky, gest. 1636. 

Eine Tochter Borscheks von Dohaliz. 



1) Mehrere s. in Beilage II. Ausser jenen sind viele genannt ohne Angabe des Skandei, 
z. B. Matthäus Taborsky, Exul aus Tabor. Matthias Kieino aus Skrivian u. drgl. 

2} Die böhmischen Müdchen handelten anders, als die ungarischen. Letxtre weigerten 
sich, Deutsche zu heirathen und bofllen noch Rückkehr nach Ungarn. (Jerem. 4S, 12.) 

3/ Geschichte von Zittau, A, 91. Kneschke's Geschichte der Bibl. in Zittau, 30. 

4) Carpzov Pasti Zillav. I, 123. V. 184. 



von Chr. Ad. Pescheck. 77 

Kunigunde, verw. von Srhiiissky, geb. Berhisdorf. Gest. 4 647 laut ihres 
l.eichensteins. 

Anna Dohalsky von Porruhla, 1631 in der Kreuzkirche l)eerdigt. 

Judith von Turkelstein , welche hier Herrn von Freienfeld , von Bidschow 
heirathete. 

Jgfr. Eh*s. Wachtelin von Panthenau, jung gestorben bei der Familie Kodox. 

Ludmilla Woizky von Neuendorf, gest. 1631 in der Familie Nesen. 

Fr. von Wartenberg, geb. Gräfin von Mansfeld, in die llauptkirchc begraben, 
weshalb ihre Tochter Dor. Kath. von Warlenberg einen Altarschmuck schenkte. 

Fr. Crescentia Maria , geb. von Lottilz , aus Markersdorf , aus dem Hause 
Wolfersdorf, gest. 1663, nach 26jährigem Exil. 

Maria Blektin von Audisshorn, geb. Mehl von Ströhlitz ^) 

Sabina, Gnifm von Berka, auf Leippa, vermJlhlte GrUßn von Waldstein, 
1637 in Zittau begraben. 

Fr. Evo Wostromirsky von Biesenburg. 

Jos. Schreibers von Schreibersthal Witwe, aus Kuttenberg. 

Helene Sasedkv von Gemsendorf. 

Kaiharine, Wilwe des P. Johannides. 

Witwe des neustadt- prager BUrgermstr. SchaboglUck, gest. 1646. 

Der Alzbeta Bankedal Name steht gedruckt in der Vorrede eines böhmischen 
Andachtsbuches, 1715 zu Zittau erschienen. Zuvor steht eine andre Vorrede von 
dem Exulantensohn M. Chr. Pescheck. 

Dem ofterwahnten Wolfgang Gtlnther, Super. , starb in Zittau 1637 seine 
Tochter als Braut des Bathsherrn Tirich. 

Mehrere waren als kleine Müdchen mitgekommen und machten dann in 
Zittau ansehnliche Heirathen, wie die Friiuleins von Jungenfels. 

Besonders auch viele Pfarrersfrauen und -Töchter (weiche in ihrer Armuth 
nun meist geringe Heirathen thun mussten) sind nach Zittau geflüchtet, erstere 
zum Theil mit ihren Münnern , manche wohl auch als Witwen. Unstreitig hat 
das Leos des Exils Pfarrersfrauen eher als andre getroflen und sie zu Seufzern 
genOthigiy wie sie im Buche Hiob VI. gesehrieben stehen. 

Katharina, Gattin des Consist. -Assessors und Predigers Victorin Wrbensky, 
gest. 4632. 

Witwe Helene, des Pfarrers Leubner von Wittige, gest. 1633, und 1634 
ihre Tochter Anna Maria. 

Sibylla, P. Martin Felmers Ehefrau, gest. 1633. 

Marie , Gattin des Predigers Thadel (Thadditus) , und bei diesem Auguste, 
Wilwe des Pfarrers Wenzel Machaun, auch s. Witwe Elisabeth. 

Eine Tochter des Pfarrers von Backow. 

Samuel Martini's , prager Consistorial- Administrators Witwe, die in Pirna 
Alles verloren hatte, von 12 Kindern 4 behielt, eine Tochter und drei wohlgera- 
thene Söhne. Ihr Enkel war der P. Prim. in Zittau. Ihrer Urenkelin Bild sieht 
man in der Klosterkirche. 

I, Gattin des Pfarrers Thomas Kellner. 



4) Getchichte von ZiUau II, t69. 187. Ihr Kpitapbium t Carpt. Fasti Zillotv I. €9. 



78 Die böhmischen Exulanten in Sachsen 

Anna, Witwe eines P. Winkler. 

Dorothea, Witwe des Pastor Kultier von Morgenstern. 

Michael Lindners, Pfarrers von BUrgslein Tochter. 

Marie, Witwe des Bürgermslr. Vogt von Turnau. 

Katharina, Gattin des P. Barth von Wisoka. 

Anna, Gattin des oftgenannten P. Cruppius. 

Katharina, Gattin des Pfarrers Johannides, gest. 4 665. 

Anna, Witwe des Pfarrers Krocinowsky, gest. 4667. 

Elis., Witwe des Rector Kutnaur von Slan, gest. 4637. 

Justina , Witwe des Cantors Wagner von Kuttenberg und seine Schwieger- 
mutter. 

Marie, Witwe des Cantors Kartno von Reichenberg. 

Eine Tochter des prager Geistlichen Adami. 

Die Witwe des Pfarrers Nigrinus, gestorben 4 670. 

Elisabeth, Witwe des P. Thaddllus. 

Die Witwe des Pfarrers Röscher von Gabel, ihrem Manne bald im Tode 
folgend. 

Die Schwester des Rector Keimann von Pankraz , Gattin des Beckers Neu- 
mann von Kratzau. 

Maria , Tochter des prager Consistorial-Assessors und Pfarrers an der Tein- 
kirche, Sigm. Crinitus und Gattin eines Paul Czaslawsky. 

Was die Exulanten aus niedern Stiinden betrifft, so wollen wir, wie bei 
Dresden , ihre Namen nicht ungenannt lassen , theils dass man von der Menge 
der Exulanten sich überzeuge, theils dass manche jetzige Familie an ihren cie- 
chischen Ursprung erinnert werde, theils damit man sehe, wie die anfangs vor- 
handenen rein czechischen Namen immer mehr verschwinden. Allmtthlige Ue- 
bersetzung der Namen ins Deutsche erklitren das nicht genug, wohl aber die vor 
mehr als 4 00 Jahren erfolgte Uebersiedelung sehr vieler Exulanten von Zitlan 
und Grosshennersdorf nach Berlin. Wir entlehnen diese Namen theils aus alten 
Bittschriften, theils aus kirchlichen Sterberegistern (von 4624 bis 1709 [und 
Trauregistern] von 4 643 bis 4659], theils aus der Obrigkeit auf Erfordern ^Ofjb^ 
reichten Verzeichnissen. 

Von 4624 kommen etwa folgende Namen vor: Bornezky, Borschek, Benesky, 
Buschek, Bartauschky. Czernowiz, Chrudimsky, Czermak, Chudy, Gsermenky, 
Gzernohorsky. Durca, Dohalsky, DIeck, Delka , Dworzak , Dolezal. Erben« Ge- 
mizky, Gistola, Gebasch, Gimuska. Hlubatschek, Hrzan, Flauschka, Horak, Hos- 
sak, iluschek , Haschek, Haspil, Holink, Hluschizka , Hartlik. Jacobiz , Jandur, 
Jandischka. Krzian, Kladensky, Kauzky, Krzowsky, Kaplan, Kalesky, Kohaliiky, 
Kohaut, Kadelsky, Kaudelky, Kovaczky, Kohaly, Kadasch, Ku^ascb, Kochal, 
Kanizky, Kaudek, Kulsanek, Kornicz, Kirschusky, Kraschowsky, Kracek, KUnek. 
Littezansky, Libnizky, Liboschek, Lusizky, Liboschky, Luzischar. Milazek, Mal- 
tauschek, Miloschky, Metabik, Morawck , Masur, Maruschka, Moleischky, Mo- 
chansky, Madov\esky. Nosazal , Nowaczky, Namketil, Nadenil, Negedly, Najem- 
nik. Prochaska, Pisezky, Przibislawsky , Papasch, Poducka, Porsky, P^renin, 
Padelsky, Pabek, Podelsky, Prspischil, Pusanney, Penkey, Proseky, Prozky, Pizek. 
Haky, Roslawsky, Rambuba. Suchy, Spatenka, Strada, Sasedky, Stusek, Swoboda, 



von Chr. Ad. Pescbcck. 79 

5>«nlepin, Samhura , Scborsek, Schebek , Swaiinek , Stransky, Schischky, Seda, 
Schokala, Suldn, Schafranek, Samesky, Schemkorn, Sobodka, Thomaschek, 
Tschesley. Udipka. Woschowsky, Weslromirsky , Woditscbka, Wirstal, Wad- 
dasch, Wrlschizky, Wydra, Waltawa, Wanischka, Wirmusky, WaDischek, Wis- 
sopolsky. Zeinan, Zuschky. 

Die Namen aus deutschen Kreisen sind gewöhnliche , wie Grosser , Hase, 
Keil, Neumann, Weise, Hörn, Adler, Veit, Krciuse, Müller. Schol/.e. Mildner, 
Engler u. drgl. Die czechischen aber sind fast alle verschwunden. 

1689 Petrasek , Janecek , Peschek , Machacka , Kyza , Hausak. Schafranek, 
Gzemik, Marzicek, Zossazky, Threga, Rodes, Pulhanek, Antonin, Hostlik. Czerno- 
horsky, Gakubic, Doleyssy, Ssykola , Puta, Kowacek, Reiiiess, Kadil , Sobotka, 
Nadenik, ßures , Shalnicek , Negedly, Gahubuw, Tomas , Malowesky, Borcyczky, 
Kracek, Seyhora, Ruziczka, Ferdinand, Picek, Beran, Kopriwa, KopelL Polucka, 
Skrzyvan, Hubiczka, Kordina, Zachowal, Winklat, Kostka, Michek, Zdrinek, SstikI, 
Berka , Herzman, Sseysi, Martinek , Pech, Heymann, Dolezal, Wohaustansky, 
Rxezak, Konsky, Rybav, Piskacz, Kolarz, Morawek , Swatik , Hussek , Wlik, 
Kuczera, Kolyas, Autoss, Nagemnik , Patchan, Hrubess, Prochaska, Pospischill 
Wissopolsky, Lanausky, Wlk, Metelka, Nowak, Horak. Hierbei ist zu bemerken, 
dass diese lichten Böhmen in ihren Unterschriften auch noch die czechische 
Form ihrer Vornamen beibehielien z. B. Krystoff, Pawel, Jan, Girzik , Waziaw, 
Gakub, Wylym, Karol. 

Um noO kommen folgende Namen vor: Prade, Peschek, Schwisky, Amtage, 
Tobiades, Malucka, Spizek, Taborsky, Golas (wohl Kolacz), Luzisser, Jflkel, Lu- 
mitko, Katrau, Zimmermann, Richter, Frey, Weissmaul, Gubernak, Bodianky, 
Häriling, Peiermann, Bernd! , Pisezky, Kundorf, Secura, Pathönig, Wagner, 
Puschek, Moteschizky, Böse, Hamelka, Kintscher, Gchomel, Nadenik, Morawek, 
Podolka, Pussek, Kaudalka, Ronspersky, Men(!^hira, Gobial, Marek , Zwatschk, 
Swoboda, Kaudek , Dubrav, Prochazky, Merteika, Fröhlich, Sedlaty, Malowet, 
Graiaohnik , Wertschitzky , Petrasek , Troskowiz , Ringehahn , Pitasch , Pilasky, 
Kiselt, Chotesch, Schewek, Straka, Pladik, Czerwenka, Foluzni, Machan, Schlag- 
geiiwerder, Matthes, Jünsch, Wotak, Schudach (woraus Schida'k und Schöntag 
wurde), Kaudelky, Kaiser. 

4718 kommen in Ralhhausacten folgende Namen vor: Tobiades, Jakubiz, 
Sohimbach, Morawek, Gentsch, Seyfert, Kortinak, Weide, Czermak, Hochfelder, 
Noaek, Bryley, Wolf, Hozak , Häbel, Ungessen, Mtlller, Bergmann, StUckel, 
Mhunka, Eyleri, Wächter, Jacobi, Ktlhle, Frey, Hinke, Wiczak, Gleich, Plesky, 
Kmite, Taborsky, Weiner, Jonas, Meybicr, Willer, Haksch, Machau, Teplik, 
Wasserla, Hawelka, Kreyss, Kunz, Reychelt, Thöring, Paksch, König, Thau« 
SwoUk, Punsche, lloffmann, Fiolina, Vorrath. 

4784 ebenfalls in Ratbhausacien : Bttilner, Berger, Wartenberger , Jäkel, 
Sehwanenberger, Förster, Krazek, Gaffer, Beilager, Reichelt, Grosser, Exner, 
Micbek, Machaczek, Frey, Richter, Ullrich, Kauda, Letsch, Störchel. 

4792 folgende: Berger, Exner, Frey, Störchel, Richter, Unger, Matthes, 
FOrsler, Kratzek, Spitzig, Wartenberger, Wünsche, Letsch, Kauda, Hahn, Pe- 
schel, Pröks, Michak , Spatzicr, Paudesch, Gersch, Grosser, Bcilager, Nowak, 
Eyleri, Bekarek, Caspar, Pizek, Czazek, Gerauschnik, Buttig, Klubsch, PfeiOer, 



gO Die böhmiscben Exulanten in Sachsen 

Gelink, Leubner, Ulrich. Pendak, Laska, Pfeifer, Maithes, Hebel, Tröpflein, 
Pospischill Schiriner, Benjamin, Patek. Damals bestand die Gemeinde aus 
183 Seelen, worunter H2 Männer, Weiber und Verwitwete. Der allerletzte Com- 
municant am böhmischen Altar ist ein Pladek gewesen. 

Vorliegende Verzeichnisse von 1805, 18H und 1833 enthalten dieselben 
Namen, und nennen als Gewerbe derselben Folgendes : Viehhandel, Ziergart- 
nerei, Pachtgärtnerei, Tagarbeit. Federhandel, Zimmerarbeit, Mauerarbeii, Pa- 
piermUllerei , Stadtsoldatendienst. Viele waren »Bürger auf den Handel« gewor- 
den. Ihre Wohnungen waren meist in der böhmischen Vorstadt (am Steinwege, 
bei der Papiermühle und Ziegelscheune) , bei einigen aber auch in andern Yor- 
stadtgassen und in der Stadt selbst. 

Von der Stadt 

Budissin 

weiss man nicht , dass viele Emigranten aus Böhmen dorthin übergesiedelt hät- 
ten. Zwar sollte man denken, dass die verwandte Sprache von Wenden so 
manche Czechen eben dorthin gelockt haben könnte^), aber dass BudissiD ein 
katholisches Donicapitel hat, gegen welches damals in Folge der prager Ereig- 
nisse schon viel Missstimmung und Misstrauen rege ward'), kann sie wohl diese 
Stadt eben nicht zu wählen bewogen haben. Man findet daher auch auf den 
Gottesäckern keine Exulantenspuren ; denn eine besondere Sammlung der Grab- 
schriften jenes Zeitalters nennt uns nicht einen einzigen Exulanten'). Nur das 
wissen wir, dass, als von Pirna viele Exulanten sich wieder zerstreuten, manche 
nach Budissin giengen , dass ein exilirter Herr von Rechenberg von da einen 
Nothbrief datirt und dass die Stadt solche Bitten nicht unerhört gelassen hat. 
Es ist rührend, wenn ein nun armer Greis, sonst Besitzer mehr als Eines 
Rittergutes, also schreiben muss: »Ich soll Ihnen erzwungenermaassen nicht 
verhalten, wie dass, der reinen evangelischen Religion halber, bei vorgegangener 
undt annoch unaufhörlicher böhmischer Reformation, ich nicht allein mein eig- 
nes, sondern auch das von meinem seligen Bruder mir angestorbene Gut verlas- 
sen, mit dem Rücken ansehen und mich dergestaldt schon ins fünfte Jahr in 
Budissin aufhalten und zu Hause liegen müssen, alwo ich nebenst meinem liehen 
Weibe undt erwachsenen Kindern , die bei ziemlicher Unpässlichkeit undt Be- 
schwer kümmerlich leben undt alP das meine verzehret, da^s ich nunmehro nicht 
weiss , wo ich fernere genawe Leibesundterhaltung hernehmen soll , und gleich- 
wohl auch , von Hause zu Hause Almosen zu bitten , würde meinen uralten Ge- 
schlechtsverwandten , denen von Rechenberg , etwass nahe gehen; dahero ich 
uff Gott undt vornehme evangelische Liebhaber meine ganze Lebensrettung aetxe, 
damit ich, bei meinem hochbetagten , grawen Alter den Rest meiner noch weni* 
gen übrigen Jahre vollendts, bei dem seligmachenden Glauben und heiligen gött- 
lichen Worte, bescbliessen undt enden möge. Diesem nach ist an meine hochge- 
ehrten Patroni und grossgUnstige Herrn, mein gantz dienst- und hochfleissiges 



4) Exulanten auf wendischen Dörfern s. jedoch im görlitzer Wegweiser, 4 8S9, 9 
2, Grossers lausitzische Merkwürdigkeiten II, 87. 

3; Wagners budissin ische Grab- und Gedfichtnissmale 1697 uüd Epitaphia 
4796. 



von Chr. Ad. Pescbeck. ^| 

RieUen, dero hohen Discrelion nach, mir niil einer milden Beisteuer beizusprin- 
gen und mich in meiner grossen Nothlcidung nicht zu verlassen. Solches wirdi 
der höchste Gotl, als ein reicher Vergelter alles Guten, der auch, seinem Ver- 
sprechen nach, nicht einen Trunk Wasser unbelohnt lassen will, uf mein und der 
armen Meinen inbrünstiges Gebet, bei Ihnen und Ihren abwesenden Herrn Prln- 
cipalen, mit zeillicher und ewiger Wohlfahrt, tausendfach ersetzen.« 

In Budissin ward der ungarische Exulant Jacobiii von Modem Past, Prim. 
(zuvor P. in Dittersbach bei Dresden) — Melchior Gorlach , exilirter Pfarrer von 
Bries in Böhmen, früher in Slrawalde, mag 1624, da er Sohn des Bectoi^s in 
Bautzen war, auch seine ZuQucht zu seinen Verwandten genommen haben, bis 
er Pfarrer in ßurkersdorf (dann Archid. in Luckau] ward, und Matth . Janda, 
exilirter Pfarrer von St. Michael , liess in Budissin eine ara pietatis drucken und 
log dann nach Dresden. Hin Nachlass eines bedeutenden Exulanten ist wohl der 
in Budissin liegende merkwürdige hussilische Codex, den man früher für ein 
Auiograph von llus gehalten hat, bis der Historiker Palacky dagegen entschied*). 
(Ein Exulant zu Bautzen war auch der Bürgermeister und Liederdichter Paul 
Pfeffer, jedoch aus Schlesien). 

Von der Sladt Cimenz ist in Bönischs Geschichtswerk über dieselbe nichts 
von Exulanten orwUhnt. Von 

LObau 

weiss man, dass in den Annalen von tG8l der Exulanten mit folgenden Worten 
gedacht ist: oWeil in Böhmen und andern Ländern unter das Haus Oestreich 
gehörig die Persecution und Verfolgung wider die Evangelischen stark angegan- 
gen und man dieselben entweder zum Abfall oder Bäumen des Landes zwin- 
gen wollen , wie denn desswegen scharfe Mandate angeschlagen und sonder ei- 
nige Gnade ernstlich exequirt worden : als sind derer viele grosse Menge, die das 
reine unverßilschte Wort Gottes, um ihrer Seelen ewiges Heil und Seligkeit, vor 
deo aliertheuersten Sciiatz erkannt, mit Hinterlassung ihrer zeitlichen Glücks- 
gQler, mit Weib und Kind in das bittre Elend gegangen, u 

Aehnliche Worte bekennt der am 15. Febr. 1653 allein sich zu Löbau auf- 
haltende Exulant Adam Franz von Hennersdorf, vor den Schoppen Löbau's, dass 
•r »um keiner Schuld , viel weniger um eines Verbrechens willen, sondern ein- 
lig und allein wegen der pabstischen Beligion , dazu er sich, Gewissens hall)er, 
nicht bekennen können, sondern viel lieber das Seine um Gottes Ehre und seiner 
Seligkeit w illen und sich an einen andern Ort , da er in seinem Gewissen unge- 
krinket, wenden wollen, hoffe, dass er daran nicht unrecht gethan habe«'). 
Bine Witwe, Barbara Ohmann, mit ihren Töc*htem Anna und Maria gebraucht in 
ihrer Bittschrift an den Rath zu Löbau, 1653, die Ausdrücke, »dass sie aus 
Furcht des Religionszwangs gewichen , in Hoffnung , vennöge ausgegebner chur- 
fklrstl. gnadiger Patente in Löbau sicher zu sein und nichts andres, das Vaterland 
tu verlassen, sie bewogen habe, als die zugemuthete Religions Veränderung , tu 

I) S. BoroU in der laiisilicr .MonaUscbnU , «80«. HR - «4«. Sr<wi»ew»ky Im laofiUer 
MagasiD, ISU, ui. 

t. Laut Acten im Rathsarchiv lu Löbau. 

Fctcbvrk, Die Mb«. KiialMleii. ^ 



^2 l^io böhmischen Exulanten in Sachsen 

welcher man, wie bereils manche vom Hofgesinde , genöthigt werde; auch^ie 
hatten nur Gefangniss zu erwarten, und bäten flehentlich um Erbarmen«. In 
einem andern Briefe bittet der gallassche Hauptmann zu Reichenberg, nach 
Ebersbach ausgetretne Personen zu arretiren und auszuliefern. Ausgewanderle 
Mädchen von Rumburg dienten zu Löbau bei Georg von Heldreich , der sie gern 
vor Auslieferung geschützt hätte ; weil »ihr erbärmlich Klagen« sein Mitleid erregt 
hatte. Sic bezeugten bei Gott , dass sie blos der Religion wegen geflohen ; sie 
hätten ja vor Augen gesehen, wie man andre katholisch zu werden gezwungen, 
vorgenommen und eingekerkert habe, lleldrcich bittet nun , unterm 2. April, 
dringend , die Mädchen und ihre Mutter nicht nach Schluckenau auszuiiefem. 
Unterm 18. December 1654 lässt der Amtshauptmann von Gersdorf die iheils 
ansässig gewordnen, theiis sich nur aufballenden Exulanten im löhauer Gebiet, 
wegen ihrer obenerwähnten Schulden vors Oberanit nach Bautzen, zum 13. Jan. 
4 655, vorladen. Da in andern lausitzer Städten , die jetzt nicht niehr sächsisch 
sind, doch sächsische Freundlichkeit viele Exulanten aufnahm: so mag solches 
nicht ganz mit Stillschweigen übergangen werden*). 

Oberlausitzische Städtchen. 

Nach Bernstadt kamen 38 Familien aus der friedländischen Verfolgung, z. B. 
die Familie Martini im dasigen Todtenregisler, sehr viele von 1638 bis 1759 ver- 
storbne Exulanten, worunter Caspar Franke, gewesner Rcctor zu Graupen, 
Ursula Conradi, Pfarrerswitw^e von Neuslädtel, Anna, Witwe des BUrgermeistei*s 
von Reichenberg (wo schon 1631 ein harter Befehl Wallensteins grosse Schrecken 
verbreitet hatte ) , Joachim Zimmermanns, und dessen Tochter Dorothea, Jgfr. 
Isabella Katharina, Tochter des prager Münzmeislers Georg Reike, später Schul- 
meisters in Zittau. Frau Thamar, Tochter des reichenberger Pfarrers Jeremias 
Rudiger, und Witwe des bernstadter Diaconus Elias Wagner, Jgfr, Anna Sabina, 
Tochter des Pfarrers W. Bergmann in Gerlachsheim und eine zweite Tochter 
Anna Chrislina. Namen andrer Exulanten aus dem Bürger- und Bauerstande 
sind: xMarlin, Kretzig, Scherer^), Elssner, Rössel, Chlumezky, Hofmann, Tzerscb, 
Peutker, Koch, Richter, Seyer, Rösler, Fiedler, Schäfer, Schapach (zuvor in 
Pirna), Wagner, Skerbek, Gärtner, Paska, Frey, Malerna, Reichel, Gregor, Mes- 
ner, Staubrich, Kindscher, Florian , Zspach, Zchies, und zwar meist aus Fried- 
land, aber auch aus Kratzau , Neundorf, Raspenau , Ringenhayn, Reichenberg, 
Leippa. Zwei namhafte Familien, die Riccius upd die Reichel, waren auch Exu- 
lanten, aber ungarische. Der Stammvater Abr. Riccius, Oberältester der Tuch- 
macher, auch Rathsglied und Stadischreiber, war ein Ungar, starb 1688. Joh. 
Reichel, 1674 als Rector in Kremnitz exilirt. Er slarb als Jubelschulmeister 
in Langenau bei Görlitz. Sein Sohn , geboren in Kremnitz 1665, war Rector in 
Bernstadt und starb 1733. Sein Sohn Abr. Gottlieb war Dr. med. in Löbau und 
Bernsladt, auch medicinischer Schriftsteller, ein andrer, Johann Samuel , war 
Oberpfarrer in Bernstadt. 



<) S. Beilage XI. 

8) Einen goldnen Ring mit diesem Namen (böhmisch Scherer) bezeichnet, von 1681, hat 
man jüngst in einem Acker bei Pelhaii gefunden. 



von Chr. Ad. Pescheck. g3 

In Xeundorf bei Bernsladt. wie in Friodersdorf bei Görlitz, lebt die Exulon- 
lenfamilic llieronyinus. 

Elslra bekam einen Exulanten zum Pfarrer nach U)2i , nümlich Andreas 
Kober, von Kleinwallersdorf bei Glalz, seil 1623 in exiUo (jedoch aus Schlesien), 
(Jer endlich P, Prim. in Zittau ward, gewesnor Pastor von Racknitz. Die Wilwe 
des Hans Fabian von Ponikau, Ursula i^eb. von KiUx , auf Elslra (sie lebte bis 
idoi) war in der westlichen Lausitz eine grosse ExulantenwohllhUterin *). 

Oberlausilzische DorfcM*. 

Da exilirende Landleute wieder ländlichen Aufenthall und uirthschaftliche 
Beschäftigung, zum Theil auch Ankaufung in Dorfgemeinden suchten : so wurden 
die Uebersiedelungen auch auf unfern gelegenen Dörfern bedeutend. Es sind 
besonders zwei Dörfergruppen, wo solche Einwanderung merklich und von blei- 
benden Folgen gewesen ist , die Dörfergruppen um Zittau und um Lauban , wo 
nun reiche Bevölkerung wohnl, die in den Umgebungen der Neisse und Mandau 
und des Queisses sich mit anbauten. Uns gehl zunächst nur die Gegend von 
Zittau an, doch mögen merkwürdige Vorgänge mit Exulantentlbersiedelung in 
laubanischen Dörfern das Gemälde jener traurigen Zeit mit vervollständigen. 

Dörfergruppen um Zittau. 

Wenn man hier fragt, uarum da die Dörfer so gross und so ungemein zahl- 
reich (mehrere mit 5000] bewohnt sind: so ist diese Frage nicht lediglich dadurch 
zu beantworten , dass man solche Möglichkeit durch die fast bis zur neusten Zeit 
blühende Weberei erklärt : nein, auch die vielen Einwanderer aus Böhmen haben 
die Zahlen grösser gemacht. Unsere Nachrichten sind nicht sehr reichlich, weil 
man bisher darauf nicht sehr geachtet und wenig darüber niedergeschrieben hat, 
50 dass mitfolgende Uebersichl nur aus zerstreut gewesnen Bruchstücken besteht. 
Dass aber hier von den oberlausilzischen Grünzdörfern mehr erwUhnt werden 
kann , als von denen im silchsiscb<rn Erzgebirge und Voigllande , rührl daher, 
dass in der sächsischen Obei'i<*usilz fast über jedes Dorf eine gedruckte Orlsge- 
schichte vorhanden ist, und das hat wieder darin seinen Grund, dass in der 
Oberlausilz inmier viele historische Landgeislliche waren und überall Buchdru- 
ckereien nahe lagen. 

Aus dem Erzgebirge, dem Voigllande und dem meissner Kreise ist auch in 
den Dorfgeschichten der » Kirchengalerie a fast gar nichts zu finden gewesen. 
Scheinen auch solche Personalnachrichten zu grosse Details zu sein : so zeigen 
sie doch am anschaulichsten das Eingreifen des Exulanlenwesens. 

Bertsdorf bekam einen Exulanten in sein Pfarramt, den schon 4 629 gestor- 
benen Friedrich Lindner, der Pastor in Tetschen gewesen. Die Pfarrersfrau von 
Bertsdorf, Sabina Kübel, war schon als Kind aus Lei|)pa exilirl, wo ihr Vater, 
Job. Germin, Ralhsherr gewesen war. .Noch mehrere .Namen s. Beilage XX. 

Burkersdorf ward der Zulluchlsorl des Pfarrers Melchior Gerlach. Er war 
Sohn des gleichnamigen Keclors in Zittau; 1618 Pfarrer in Slrawalde und \6ii 



1} EtuUnten in luusiUcr nicht mehr »achsitcbeo SUdlchen t. ÜeiUfte XIL 



^4 I>ie böhinischeD Exulanlon in Sachsen 

« 

ZU ßrinnis in Bühmen , wo er 1624 fort musste. 1625 bekam er das Pfarramt in 
ßurkersdorf, 1629 zu Seifhennersdorf (wo er ein Tröster der verfolgten Luthe- 
raner aus der Gegend von Rumburg in Böhmen war, die in seine Kirche kommen 
durften, als schwedische Truppen dort stalionirt waren) und Archidiaconus in 
Luckau*]. 1643 war ein Geistlicher aus Schluckenau, Adam Kaiser, Pfarrer in 
Burkersdorf. 

Ebersbach, ganz nahe an dem böhmischen Städtchen Georgswalde, bewahrt 
die Tradition , dass von da Leute herübergezogen sind ; vielleicht auch aus cze- 
chischen Gegenden, wofür die Namen Bladek, Witschesky, Mersiovsky, Ber- 
zoDsky zu zeugen scheinen, welche in Ebersbach, Eibau, Walddorf, Kottniars- 
dorf , Beiersdorf u. a. wohnen. Die da wohnenden Werthschizky aber stammen 
von mcihrischen Brüdern. Die Familiennamen Marschner, Pohlisch, Diesner, 
Bohns hat Ebersbach mit böhmischen Orten gemein ; auch die Görner sind Exi- 
lirte. Der ebersbacher Pastor Andreas Junge war als Kind von Reichenberg mit 
ausgewandert, und aus Rumhurg war der Pastor Friedrich Klihger, der übrigens 
auch in Tauhenheim und Seifhennersdorf amtirt hat. (Mehrere Namen s. Bei- 
lage XIV.) 

Eckartsberg, liier stammen z. B. die Familien Eckhardt und Kaiser von 
Exulanten. Letztere war aus der Gegend von Ansehe gekommen und weiss noch, 
dass es den übersiedelnden Vorältern glückte, ihr Vermögen zu retlen, 1 4 Pferde 
davon zu bringen, auch ihr Federvieh geschlachtet mitzunehmen. So waren sie 
im Stande, sich in Sachsen anzukaufen, erwarben in der Vorstadt Zittau*s meh- 
rere Gürten der Obergasse und danebenliei^endes Feld , führten Hopfenbau ein 
und ihnen gilt noch der Name Kaisergüsschen , Kaiserfeld. Die Familie Mattausch 
stammt von Melnik. In Eckartsberg starb der Exulant Gregor Libischer, Schul- 
lehrer von Seiffersdorf bei Warienherg, IG3I. Anna Hühner, Witwe von Rei- 
chenberg. Elise Krause, von Kunnersdorf bei Friedland*). 

Eibau. Hier haben sich auch mehrere Exulanlenfamilien angesiedelt, z. B. 
die Korselt, die Rudolph, Werlschizky und Mersiovsky. 

Eichgraben. Iq manchen Familien ist ncK'b ein Bewusstsein böhmischen 
Ursprungs. Dorthin zog z. B. Hans Schmidt. 

Friedersdorf bei Zittau. Der Pfarrer Rudolph Ruder, Sohn des exilirten Pfar. 
Buder von Georgswalde, war 1620 daselbst geboren und als Kind mit exilirt. 
Doch nicht allein dieser, sondern es sind in den Kirchenbüchern aus jenem Zeit- 
alter überall Spuren von Exulanten.. Dahin gehören die Familien Hausmann, 
Mahn u. a. 1653 starb hier der wohlachtbare Herr Hans Apelt, aus der Herr- 
schaft Wid(iin; die Schwester des AI. Georg Straniss aus Hirschberg am Pösig, 
die Familie Kratzer aus Neudorf, Kretschmer aus Czerniloh. 

Gersdorf liegt so nahe bei Rumburg, dass hier die Uebersiedelung nach 
Sachsen sehr leicht war. Das Dorf wurde von ihnen vergrössert*, namentlich 
ward Neugersdorf von Exulanten frisch angelegt, worüber im zweiten Theil Be- 
richt XU erstatten sein wird. 



M Schröters Exulanlenhislorie, t 49 ff. OUo's oberlaiis. Schriftslellerlexicon «. r. 
8) Wohl kommt auf solche Namen wenig mehr an, über die Angaben sollen dem Verfasser 
das Zeugniss genauer Unter»uchiinß erwerben. 



\on Chr. Ad. Pcscheck. g^ 

Giessniannsclorl'). Hier fanden namentlich ihre Zuflucht Ursula von Uech- 
Iriu, vermulhlich eine Schwester von Maria Mehlin von Ströhlitz , j^est. 1642. 
Georg Ausler, Schuhmacher von Friedland, mil Tochter Katharina, «657. Caspar 
Schulze, !682. Christoph Kelschner, der IG94 starb, Wenzel Murker , Pacht- 
schmidt, 1708. Lucas Wasserlein (Woditschka), der 1691 im nahen FriwJorsdorf 
verstarb. 

Grosshennersdorf, zwischen Zittau und Löbau gelegen, hat in der Kxulan- 
tengescbichte eine Hauptrolle*;. 

Der Ort war nebst Gerlachsheim eine Zuflucht sehr vieler (spiltern) Exu- 
lanten , jedoch erst im 18. Jahrh., seit 1725, wo der Prediizer Schwedler zu 
Niederwiese zuerst 5 Familien nach Hfennersdorf, an die damalige Gutsherrschaft, 
Baronesse von Gersdorf, die schon Exulanten 1724 in Schönbrunn aufgenommen, 
empfohlen hatte, doch lebten sie, wegen Mangel an Verdienst, anHinglich in 
grosser Armuth. Diese Exulanten waren von der Tarthei der n böhmischen Brü- 
der«, die bekanntlich mit den Einrichtungen der Lutheraner (z. B. Crucifixbil- 
dern, weissen Gewändern der Geistlichen, Tuterlassung des Brotbrechens, Ge- 
brauch des Kreuzeszeichens und Abendmahlshostien, Exorcismus , Weglassung 
des Bildnissgebotes [welches bei ihnen , wie bei den Reformirten und schon bei 
Origenes als zweites eingerecjinet ward ] ) nicht einverstanden waren , ja einst 
beim Eintritt in Zittau's Hauptkirche erschraken und fürchteten , in eine katholi- 
sche Kirche gerathen zu sein, und welche lieber Einrichtungen nach ihrem Bilu» 
wünschten , jedoch auch mit den miJhrischen Exulanten , die Hermhut stifteten, 
nicht einig waren. Sie begehrten daher eignen Gottesdienst, den man ungern, 
aber doch endlich, da sie deutsch nun einmal nicht verstanden, erlaubte, in einem 
landesherrlichen Rescript vom 10. Juli 1726. Eine herrschaftliche Verordnung 
vom Tage Michaelis 1727 ordnete sehr umstdndlich den Gottesdienst und die 
übrige Verfassung der Böhmen. Sie gewannen einen jugendlichen, eifrigen und 
beredten Geistlichen , den Schlesier Johann Liberda , der seine Voration von der 
Freiin Henr. Sophie von Gersdorf am 9. Oct. 1725 empfieng, 1726 antrat, alsbald 
viel Aufsehen machte'), und dem nun auch die zillauer eifrigen Czechen, begei- 
stert, obwohl verspottet von den minder eifrigen, und vom Magistrat bei Ver- 
sammlungen nach Art der böhmischen Brüder gehindert, zuströmten, besonders ge - 
führt von einem Marl. Kopezky aus Wessely bei Königingraz, von dem man noch ein 
langes Gedicht über jene Verhüllnisse besitzt, darin ihre Religiosität und Bruder- 
liebe (in Hennersdorf, ehe spater zu Berlin viele ausarteten) sehr löblich geschil- 
dert wird. Aber in Hennersdorf begann der Zudrang so vieler bedenklich zu 

i, S. Flösseis Nachrichten von Giessniannsdorf. U. 

t) S. Ausführliche Darstellung in Peschecks GeKenreformation W, 49S AT. Ilandichriftlich« 
Nachrichten von Rösch im grosshennersdorfer Kircbenbuche und bei der Gesellscbafl der 
Wttfensch. lu Gurlilz. Brückners Beitrüge zur (ie«rh. der Exulanten in der Oberl. , ebendat 
und abgedruckt im laus. Magazin I8t6, SOO AT. Topesky höhro. Schulhaller in Grosahenners- 
doflf 4 750), Nachrichten von der böhm. Gem. zu Gr. -II M« ort Altes u Neii«a aus dem Reich 
GoUet, II. «9. Act. hist eccL t88, 958. 7« 4 Nova acta III. 714—754. Crantz . BrtidarliUlorie 
Sit ir. Geschichte von Zittau II, 991 IT. Schrautenhachs Werk über Zinzendorf. 997. Moraweka 
Gesch. der Exulanten in Zittau. 

S Moraweks Ge9ch der Exulanten io Zittau. 98 (t. Ada hai #rcl. III. 9tS. 



f^ß Die böhmischen E%ulantcn in Sachsen 

werden. Es beschwerten sich der dorlige Pfarrer Lucas Siese und auch der zil- 
tauer Ralh über Unordnungen. Sie solhen nicht bleiben , nicht immer mehrere 
unzufriedene Böhmen nachholen und nicht unkirchliche Privatgottesdienste hal- 
ten. So bedrUngl exilirten sie weiter, nach Berlin '). Doch manche blieben auch 
an ihrem bisherigen Zufluchtsorte, wo noch als ihre Nachkommen die Witaschek, 
Nepolsky, Gregor, Prokop u. a. leben. Ihre Geistlichen waren immer l>öhmische 
Katecheten, nämlich die zwei redlichen Männer Wanek und Kephalides'), 1710 
exilirt aus Siebenlinden in Ungarn, als der letzte. Vor der Auswanderung waren 
jährlich fast 2000 Abendmahlsgenossen, 4741 nur noch 128, die sich verschmol- 
zen und das deutsche Kirchensystem annahmen, nachdem 1741 Fr. von Gersdorf 
das Gut an einen Herrn von Burgsdorf verkauft hatte. 

Grossschönau ') war bedeutend betheiligl bei diesen Uebersiedelungen. |iit 
diesem Dorfe standen die benachbarten Böhmen zu Grund , Georgenthal , Kun- 
nersdorf, Kamnitz, Zwickau, Leippa und besonders in dem unmittelbar angrUn- 
zenden grossen Dorfe Warnsdorf in vielfältigster nachbarlicher, vemvandtschaft- 
lieber, gewerblicher und früher auch confessioneller Verbindung. Seit 1650 
verliessen viele ihr Böhmen , da die Quälereien des Religionsdruckes nicht auf- 
hörten. Richter hält die zahlreichen Familien Fährmann, Kittel, Konto, Marsch- 
ner, Melzer, Ritter, Stolle, Tietze, Wäntig für Exulanten, und Palm berichtet das 
von den Familien Göhle, Sieber, Linke, Schmidt, Röscher, Melzer, Wäntig, Mät- 
tig, Goldberg. Von ihnen stammen mehrere sehr angesehne Handelsleute (z. B. 
der erst jüngst verstorbne reiche Damastfabrikant Wäntig, der selbst von Königen 
besucht ward, über 100 Nachkommen hinterliess und auf seinem Grabmal im 
Bilde zu schauen ist), auch einige Männer des Gelehrtenstandes (z. B. M.Mflttig, 
nebst Söhnen, Dr. Wäntig). Ein Verzeichniss der von Warnsdorf ausgewander- 
ten Grundbesitzer steht noch im dasigen Gerichlsbuch 1649. Ihre Güter freilich 
zog der damalige Grundherr, Baron von Grünberg, ein. Erst lagen sie wüst und 
liessen sich erst 1 652 ganz wohlfeil verkaufen, oft nur gegen Uebernahroe einiger 
darauf haftenden Schuldigkeiten. Befohlen war eigentlich schon 1627, dass Aus- 
wanderer ihre Grundstücke binnen 6 Monaten an Katholiken verkaufen sollten. 
Man ersieht aus jenen Verzeichnissen noch mehrere Exulantennamen, als Prasse, 
Palm, Franze, Arloth, Nitsche, Paul, Herzog, Salomon, Zabel, May, Beulet, Käufer, 
Pitschman, Donat. Ja schon 1635 begann Warnsdorf immer menschenleerer zu 
werden, was man auch daraus ersieht, dass in den 3 Jahren 1654 — 56 zusammen 
nur 15 Menschen dort gestorben sind. (Noch mehrere Namen s. Beilage XIV.) 

Hartau liegt so unmittelbar an der Gränze , dass bis zu dem ersten böhmi- 
schen Dorfe Görsdorf nur etliche Schritte sind. Konnten auch die gequälten Lu- 
theraner sogleich den Bekehrungsmännern (Mönchen und Soldaten) entgehen: 
$0 waren sie doch später der Unsicherheil müde und kauften sich zum Theil 



4; Leber ihren Auszug s. Acta hisl. eccl. XVII, 927. u. unten, Beilage XIII. 

2) lieber Kephalides , Wanek und Liberda s. Nachrichten von Rösch , aus dessen Hand- 
schrift benutzt in der oberlausitzer Kirchengalerie, 130 fT. Liberda \var 4 701 in Teschen ge- 
boren , studirte in Halle , ward Lehrer in Teschen und Grosshen nersdorf. S. Ada kist. ecd. 
XVII, 287 f. Gegen ihn, das. 968. 

3 Richters Geschichte von Grossschunau, 85 und Palms Geschichte von Warnsdorf, 89. 



von Chr. Ad. Pescheck. 87 

endlich in llartau, z. B. die Familien Mose (böhmisch Mjes), Negedly, Wenzel, 
Przibrjiwsky, Pisacky, an. Man hal jedoch Exulantenfamilien nichl eben an cze- 
chischen Nanien zu erkennen , da auch viele Ankömmlinge Deutschböhmen wa- 
ren. In allen Slerberegistern findet man: Wenzel Matthias, Bauer, Wenzel 
Kaudelky , Jacob Seidel, Hans Leubner, Hans Brendler von Seifersdorf , Chri- 
stoph Walmann, Christoph Förster, Georg Scholzens Weib von Ringelshayn, 
Hans Scholze. 

Hainewalde. Dahin kam die Familie Menschel , welche noch besteht. Zu- 
weilen zeugen auch Inschriften auf Leichensleinen von jener Vorzeit. So ist in 
Uainewalde bei der herrschaftlichen (irufi der Denkstein fUr die 1ß77 verstor- 
bene böhmische Dame, Frau Dorothea Schlechtowa von Oelsnilz , einst auf Neu- 
Sedlau, Witwe des Hans Heinrich von Oelsnilz auf Doberschanz, und für eine 
ihrer vielen Tochter, Dorothea Rosina, geb. 1633 , gest. 1706. Dort heisst es: 
• Beide mussten wegen der Religion ins Exilium wandern und ihr Vaterland ver- 
lassen. Sie wurden Fremdlinge in Sachsen und Hainewalde ward ihr Gosen.u 
Ifarrer in Hainewalde ward der seil 1612 in Oschwitz gewesne Christoph Zieg- 
ler, 16i4. (Noch mehrere Namen s. BeiInge XIV.) 

Herwigsdorf bekam den zu Friedland exilirten Pfarrer Wolfgang Günther, 
1633'). Die Pladek müssen auch Czechen sein. 

Hörnilz bekam die dann in Wohlstand gekommenen und zahlreich gewor- 
denen Familien Hiinsel und Htirlig, Kühle. (Mehrere Namen s. Beilage XIV.) 

Johnsdurf ist so nahe an Böhmen , dass wohl einige Bedrückte hingezogen 
sein mögen, z. B. die Familie Pladek. Der erste Schulmeister daselbsl, Elias 
Rudiger, war als zwölfjüliriger Knabe von Georgenthal durch Grossschönau ge- 
flüchtet. 

Kleinschönau. Hier findet sich im Kirchenbuchc Folgendes , das von jenen 
Zeilen , besonders auch von Armulh der Exulanten zeugl. Die Witwe des Pfar- 
rers im Exil Thomaides, Anna, heirathete 1673 einen gemeinen Mann, Paul 
Hühnel. 1674 heirathete der Gilrtner Förster Ursula Aulmann, Bauerstochter, 
gebürtig von (Ihrisdorf in RUhnien. Eine bettelnde Exulantenwitwe Magdalena 
slehl im Leichenregister 1682, das hier, wie in andern Gränzdörfem, viele 
Exuiantenspuren zeigt. Ferner wurden begraben: Tveine alte böhmische Exu- 
lantin « , der Exulant Wenzel Bischof, die Exulanlenv\it\%e Lümmelin, 1678 Adam 
Fiedler, Exulant und Hausmann , 1674 Eli.sabelh Siedeschneiderin, alle Witwe 
eines böhmischen Exulanten , der Bauer Matthaus Sedlaky. Einheimisch wurden 
die Familien Katrzinckv und Morawek. 

Lichtenberg ward der Zufluchtsort des Paul Hartmann von Fürslenwalde, 
exilirten Pfarrers von Weisskirchen bei Kratzau. Hier schrieb er sich : »jeUl 
verfolgter Diener Christi , Exul Jesu , im sechsten Jahre meines Exils, uiti der 



4) S. über diesen vielpepruRcn Mann und seinen Abschied Schlüters Exul«nl«nbi»tone. 
114 ff. Eckarihs Chronik von llerwigsdorf . 56 (T. Wallcnsleins Gegenreforinationib«fehl© lie- 
gen noch im Archiv zu Friedlond. Rohns Chronik von Friedland, <51. <65 ff. Klota. Geschichte 

TOD Seiden berg, U3 ff. Neniethys Geschichte von Friedland Gegenstand eines Roma- 

nm ist jener Günther in E. Willkomms Novelle Der Pfarrer und sein Sohn, in ▼. Puttkammert 
preussischem Volksfreund. Jahrgang VI, I5< (T 



g^ Die bubmischen Exulanten tn Sacbsen 

güUlicben Wahrheit willen im Exilio.n 1630 (iah er in Zillau ein Buch (Figiina 
Sacra) heraus und dedicirte solches der Töpferinnunp; in den lausitzer Sechs- 
Städten*); denn manche exilirte Prediger mussten sich durch Schriftstelle- 
rei und Dedicationcn etwas zu erwerben suchen. Uartmann starb mit Frau 
und drei Kindern am 12. Sept. 1633 an der Pest. Nach Lichtenberg kamen auch 
die Familien Jahne , Franze (die Stammältern mehrerer jetzigen Gelehrten in der 
Oberlausitz) , Weise. Die letzlere gab der gelehrten Weit die beiden au.cgezeieh- 
netcn Pädagogen Elias und Christian Weise; wovon weiter unten. 

Lückendorf ist so nahe an Böhmen , dass auch hieher leicht Exulanten ziehn 
konnten. Ankauf war nach der Entvölkerung und den Zerrtlttungen des 30jili* 
rigen Krieges mit wenig Geld zu machen. Man nennt z. B. Dan. Scholze, 1656. 

Neundorf hat auch Exulanten empfangen. 

Oberseifersdorf bekam einen Exulanten , den Rector von Oschwitz , Joseph 
Schniidichen aus Zittau zum Schulmeister. 1636 aber ward er Pfarrer und starb 
1674 in hohem Alter. 

Oderwitz empfieng die Familien Glate und Mentschel, von denen das Beson- 
dre zu berichten ist , dnss sie beide zu grossem Wohlstand im Exil gelangt sind. 
Sie verliessen ihre Besitzungen in Warnsdorf und Übersiedelten nach Oderwitz. 
Adam Glate betrieb Leinwandfabrik, ward dadurch wohlhabend und hinterliess 
172Ö 6 Söhne im W^ohlstande. Einer seiner Nachkommen, Christoph v. Linnen- 
feld , gelangte als Besitzer von Mitteloderwitz in den Adelstand und die gegMi- 
wärlig daselbst und zu Hainewalde lebenden Herren v. Linnenfeld und von Ryaw 
sind die Nachkommen desselben. Kaspar Mentschel von Warnsdorf hatte anch 
Nachkommen, von denen einer herrliche Stiftungen fundirte und eine schöne 
Gruft in römischem Baustyl hinterlassen hat*). Glate wussle in Wamsdorf die 
Verfolger auch auf eine schon oben erwähnte Weise sicher zu machen durch 
Aussaat, durch ein Gastmahl und Trunk. Solche Traditionen haben sich in 
manchen Familien noch erhalten. (Noch mehrere Namen s. Beil. XIV.) 

Olbersdorf hat auch übersiedelte Böhmen empfangen und ihre Nachkommen 
wissen davon, z. B. die Familie Bingehahn, Gliedei^cr Familie Morawek*). 

Ostrichen beherbergte den exilirten Pfarrer von Wiesa , Matthäus Schaller, 
1624, der auch zuweilen im Schlosse predigte, sowie Joh. Majus, der dann Pfar- 
rer in Weigsdorf ward. (Zwar sollte der Diaconus Schubert in Seidenberg Wiesa 
mitverwalten, ward aber 1641 nicht eingelassen.) 

Oybin hatte im 17. Jahrhunderte einen Schulmeister, der in bessern Zeiten 
ein Pfarrer in Schlesien gewesen war. Der oybiner Bichter Paul Schicht war 
auch Exulant und Vater des verdienten Schuhneisters Christian Schiebt und 
Grossvater des Pastor Schicht in Laublingen bei Halle. 

Pethau. Hier lebte einst der exilirte Musikus Christoph Peschek aus der 
Gegend von Königingräz. Die in Pethau angesehne Familie Herberg stammt von 



4) S. den sonderbaren Titel ausfuhrlich in Moraweks Geschichte der zittauer Ezulanlen. 

2) S. oberlaus. Kirchengaierie, 404. 

3) In den Sterberegislorn findet m«n : Daniel Kirschner (von Wartenberg), Cbrhtiian 
Brendler, Barbara Brendel , Mich. Strauss. Melch. FIciaob, Holzhflndler von Holan, Georg 
Hiirlelt von Gahel, i:iis. Galler von Aicha 



von Chr. Ad. Pescheck. 89 

einem exilirlcn Siebmacber. Aucb ein Edelmann aus BObroen , der einst bier ein 
grosses Tauffest mit !tl9 Taufzeugen , nacb Adelssitte gomacbt bat, hat bier Zu- 
flucht gefunden. 

Radgendorf hat noch die angesebne Bauemiamilic Rehnold , aus Herrschdorf 
bei Gabel. Bauern konnten sich zwar schwerer, als Besitzlose, zu Auswanderung 
ontschliessen ; aber viele sind doch entschlossen genug gewesen. Daselbst wohnte 
auch nach der Rxilirung der vormalige Bürgermeister Jac. Jacobitz von Friedland 
und Reichenberg nebst Tochter ; auch mehrere andre. 

Reibersdorf hat ebenfalls nicht wenigen Exulanten Zuflucht geboten : denn 
in den dasigen Kirchenl)llchern sind folgende verzeichnet : ein vertriebner Pfar- 
rer M. Gabr. Richter und seine Gattin, welche hier ein Kind geboren hat (<f).")7), 
Christoph Gehler von Ditlersbach in Böhmen, Christoph Dressler, Bäcker aus 
Neundorf, Christoph Weise, Weber, Wenzel Wundrat, Simon Mann von Ilohen- 
walde, Georg Pelz, Hans Pfcnnigwerth aus Wüstolbersdorf, Jac. Schwarzbach 
von Proschwitz, Christoph Bernhard. Waren die Kirchenbücher von <654 noch 
vorhanden : so bekämen wir mehrere noch genannt. Im Kirchenbuch steht im- 
mer dabei : »ein exulirender Mann«'). 

Reichenau nebst Hermsdorf ward auch eine gesuchte Zuflucht, theils weil 
es nur eine Meile von Friedland entfernt ist, theils weil ein Leidensbruder, Jo- 
hann Fleischmann, ein gelehrter Pfarrer von Jungbunzlau , 1626 nun das Pfarr- 
ami zu Reichenau verwaltete. Von Friedland kam unter andern der Btlrger Jac. 
Hermann , von dem die Tochter Helene Mutter des angesehnen zittauer Bürger- 
meisters Heinrich v. HclTtor ward. So kamen auch die Familien Krause, Schulze 
u. a. Die Ankäufer katten es insofern leicht, als verheerte und verlassne Aecker 
gar wohlfeil käuflich waren. Schulze gab für das reichenauer Bauergut nur 15 
Mark, die er auch nur nach und nach zu bezahlen brauchte'). Nach den Kriegs- 
vervi'Ustungen und Entvölkerungen waren Käufer freilich sehr willkommen, die 
nun whnier Abgaben leisteten. 

Reichenbach bei Königsbrlick nahm den aus Falkenau in Rühmen gebtirtigen 
Adam Zephal 1628 als Pfarrer an. 

Rosenihal, wo seit I6.'i2 Häuser wohlfeil zu erlangen waren*). Sie giengen 
nach Zittau in die böhmische Kirche. 

Buppersdorf ist auch von manchen zur Lebersit»delung erwählt worden. 

Seifersdorf bei Zittau bekam 1636 den 1624 in Oschitz exilirtcn Cantor 
Oswald Schmiedichcn zum l'farrer. 

Seifhennersdorfs Kirche ward zu den Zeiten der ReligionslMnlrtlckung von 
den l)onachbarten Böhmen aus Rumburg und Warnsdorf, sell)st aus Leitmeritz, 
fleissig besucht : so dass m.i neben Sonntag an 400 Communic^inten und einmal 
1619 zusammen 5öl wan^n. Da in Rumburg schon 16ii zwei Pnnliger weichen 
iimssten un<l die Lutheraner :i Jahre lang jetzt nur in Sachsen das Abendmahl 
leiern konnten, so war ihnen nicht allein die Nähe von Seifhenner.sdorf, sondern 
aucb czecbischen Böhmen der Umstand sehr wUnschenswerth , dass der dortig«* 



I .Norh inehrcr© NarhiicIittMi liiMlet iiiiiii im herisch«niKlieii Anlii\ /u Reiber*tlurf 
i' Rusleix (je>rhiclite v<»ii HeirheiiHu. 10. 
a Ol>etl K. llHlerio. HO 



90 Die böhmischen Exulanten in Sachsen 

Pfarrer Martin Felnier, jener vielfach vertriebnc und schwergeprüfte Mann, böh- 
misch konnte. So kamen z. B. die Familien Richter, Jäkel, Simchen*}; auch 
andere aus Oborhennersdorf, Ehrenberg, Nixdorf, Schönlinde, SchöDbUchel, 
Niedergrund, Georgenlhal, Georgswalde, Königswalde, als nach 1648, nach dem 
westphülischen Frieden, für die Lutheraner in den kaiserlichen Erblanden nichts 
mehr zu hoden war, indem sie nun nothgedrungen ihre Güter verlassen mussten. 
Jener unglückh'che Felmer war in Prag Diaconus zu St. Stephan in Neustadt, 
dann 1618 Pfarrer zu Cholieborz in Mähren gewesen und bald verjagt worden. 
Aber 1619 ward er Pfarrer in Bohdanetsch , 1625 Pestprediger in Zittau; 1636 
einige Wochen , als einmal die Umstände gtlnstiger waren , Pfarrer in Leippa, 
1624 in Grosshennersdorf, 1637 in Seifhennersdorf, 1648 aber in Jänkendorf 
und starb 1674 im 86. Lebens- und 62. Amtsjahre. Merkwürdig war, dass er, 
als die ruinburger katholischen Geistlichen geflohen waren vor den schwedischen 
und sächsischen Soldaten, nach Bumburg gehen konnte, um Evangelischen mit 
seinem Amte zu dienen, wie auch Melchior Gerlach gethan. Er hatte 5 Söhne; 
er war viermal verheirathet*). Es blieb seine Familie im lausitzer Gelehrtenstande 
und ist heul noch darin vertreten. Sein 1648 geborner Sohn Caspar war Pfarrer 
in Jänkendorf und Collmarsdorf, und dessen Sohn, M. Thomas Siegfried Felmer, 
Pfarrer in Cottmarsdorf , Tauchritz und Königshayn. Nach Seifhennersdorf war 
auch der Lehrer von Warnsdorf, Matth. Lohse, geflüchtet. (Mehrere Namen s. 
Beil. XIV. ) 

Sommerau barg den 1624 cxilirten Pfarrer von Wetzwalde, Nie. Abrode, 
der 1625 starb und in Ullersdorf sein Grab fand. Noch in Sommerau diente er 
den Wetzwaldern mit seinem Amte. So klein auch das Dörfchen ist, finden wir 
doch laut den reibersdorfer Kirchenbüchern , so manche Exulanten da. Casp. 
Thiele von Weisskirch, Hans Löfller, Schneider, Hans Schwarzbach, Georg Luke, 
Glaser, Christoph Glaser, Bassgeiger, Hans Badazsch, Peter Hausmann. 

Türchau empfiong F.xulanlen in dem Zeitalter 1625 bis 1627*). Ein Beweis 
ihres Wohlergehens ist, dass der Schneider Heidrich ein Bauergut erwarb, auch 
seine Söhne vortheilhaft sich ansiedeln konnten und nun eine weltverzweigte 
wohlhabende Bauerfaniilie sind. 1634 war auch der Pfarrer von Türchau ein 
Exulant, der aus Chiistophsgrund in Böhmen vertriebne Abr. Schuricb , aus 
Ortrand. Bosina Augustin aus Friedland, deren Vater nach Seitendorf aasge- 
wandert war, heiralhete den Bauer Posselt in Türchau und ist die Mutter des 
badendurlachschen Kirchenrathes Gottfried Possell in Durlach und Grossmutter 
des Phil. Dan. Posselt in Durlach, des Gottfried Posselt, Super, in Pfoi*zheim und 
des Peter Posselt, Hofrathsaccessist. Wieder ein Beispiel von der Tüchtigkeit der 
exilirten Familien. 

Ullersdorf empfleng z. B. die Familien Pilz und Thomas und Glieder der Fa- 



1) Palms Geschichte von Warnsdorf, 89. Richters Nachrichten von Seifhennersdorf, tSf. 
Nachricht von der Ankunft enthält auch daselbst eine Thurmknoprinschrifl von 4 6SI. 

S) S. Cur, Saxoti. 4 758, 179, in dem Aufsatze über Theologen , welche viermal gehei- 
ralhcl haben. 

3} Hink«'s Chronik von Türchau, 11. 



von Chr. Ad. Pescbeck. 9| 

milie Norawek und den Pastor Job. Schurich, der Pfarrer in Weissbach gewesen. 
Es besuchten die czcchischen Exulanten von Ullersdorf, TUrchau, Odcrwilz u. s. f. 
die ziltauer böhmischen Gottesdienste. Der ullersdorfer Pastor Keimann w'ar aus 
Pankraz exiiirt. 

Waltcrsdorf grunzt an Lichtewalde in Böhmen und hat auch Exulanten 
empfangen , und zwar so zahlreich , dass 1 657 ein Umbau der Kirche nöthig 
ward'). (Mehrere Namen s. Beilage XIV.) 

Weigsdorf, eine grosse Parochie neben Friedland, empficng viele endlich 
übersiedelnde Gemeindeglieder aus der friedliindischen Verfolgung, wodurch die 
nach Weigsdorf eingepfarrten Dörfchen Maxdorf, Neugersdorf und Neuminkwiz 
entstanden. Freilich aber gab es dort immer Reibungen in Ansehung der Kir~ 
chenrechle zwischen Protestanten und Katholiken'), so dass die Ausgewanderten 
lange nicht zu rechtem Frieden kamen. Dass sie aber dankbar waren , zeigt Fr. 
Anna Helena von Penzig, geb. von Borau - Kessel , welche die noch bestehende 
Legateasse stiftete. Der aus Wiesa vertriebne Pfarrer Martin Schaller bekam 
zwar das Pfarramt Weigsdorf, aber es ward ihm von katholischer Seite oft ge- 
droht , ihn auf der Kanzel zu erschiessen , ihm Ohren und Nase abzuschneiden 
oder lebenslänglich einzukerkern ') . 

Wittgendorf. Hauptmann Müllers Witwe von Hirschberg in Böhmen hat hier 
Zuflucht gefunden. 

Zittel bekam die Exulantenfamilien Apelt, Heffler, Heberling. Auch lebte 
der Rittmeister Taschner daselbst. 

Will man mehre Familien mit Namen wissen, die in Dörfer im Suden der 
OberlausiU geflüchtet sind: so finden wir als Quelle die Beschwerdeschriften 
der Beamteten des Grafen von Pötting zu Rumburg, die das Ratbsarchiv zu Lö~ 
Imu aufbewahrt. Es mögen daraus (aus der Zeit des 3. Dec. 4 652) Namen in 
einer Beilage^) mitgetheilt werden, woraus viererlei zu ersehen sein wird, nJlni- 
licb weiche Dörfer der Lausitz bei Rumburg die Zufluchtsörter wurden , welche 
Familiennamen dort von Exulanten stammen, welchen Ständen sie angehörten, 
und endiich| wie so sehr viele mit zahlreicher Familie gekommen sind. 

Andre Dörfer. 

Beiersdorf und Bischdorf. Dortige Exulanten kommen in einer Beilage mit 
vor*). 

Gottmarsdorf empfieng den Exulanten Siegmund Lehmann zum Pastor. 

Crostau nahm den in Georgswalde exilirten Pfarrer Matth. Schulze an, der 
dann, nach kurzer Amtirung K)31 in Schluckenau , Pastor in Sohland ward. 
Einer der folgenden Geistlichen in Crostau war 4G4t der böhmische Exulant 
Georg Eber. 

Dittersbach bekam den M. Joh. Christoph Gervinus zum Pfarrer» auü Grot- 
lau als Kind exiiirt. 

I) Kircbengalerie der Oberlausilz 17. 

t) Das. i34. Müllers ob«rlausilzer RerorinatiMnsf:e!»cliiolile. 7 KM IT. 

S S. Müller« Kpicedlen. 

4) S. BeiUge XIV. 

5) S Beilage XIV. 



92 Die böhmischen Exulanten in Sachsen 

In Hauswalde wirkte der Exulant Georg Chladny von Kremnitx in Ungarn. 
In der dasigen Kirchenrechnung findet man noch die traurigsten Spuren von der 
Nolh exilirter Geistlichen. 1624—46 kamen jahrlich 20 bis 30 als Almosenhilter, 
\ bis 2 gr. empfangend. 

Leutersdorf , so nahe bei der böhmischen Stadt Rumburg, i^t die Zuflucht 
vieler Ausgewanderten geblieben. Es empfieng auch den exilirten Geistlichen 
Abraham Hermann zum Pfarrer. 

Lohsa bei Bautzen gab einst dem oftgenannten Holyk Zuflucht. 

Oppnchs Pfarrei bekam der bereits genannte Matthitus Schulze, der Geistlicher 
zu Schluckenau und Georgswalde gewesen. (Namen dahin Uebergesiedeller sind : 
ßerndt, Marschner, Andre, Krause, Pritsche. Die Zahl der Ansiedler ist nicht 
gering gewesen*) ). 

Radmerilz. Hier war ein Exulant Paul Mtlcke (Micanus) aus Leippa, exilirter 
Pfarrer von Deuba^ t636 Pastor, sowie 1653 sein Sohn, der als Kind mit aus 
Deuba exilirt war. 

Reichenbach bei Camenz bekam den Exulanten Adam Zephal zum Pfarrer. 

Schönbach bekam auch einen Exulanten zum Pfarrer, den gewesnen Cantor 
von Kumburg Georg Kaiser. 

Sohland nahm Schluckenauer auf*). (Namen : RUdel, und der Pfarrer Scul- 
telus, geb. in Schluckenau und Pfarrer in Georgswalde gewesen.) 

Taubenheim empfieng Exulanten ebendaher. (Namen: Gutsche, Brendler, 
Hasche, Schmer, Schreiber.) Ueberhaupt waren daselbst die Pfarrer von 1650 
fast alle geborne Böhmen. 

Wehrsdorf empfieng Exulanten aus den grossen böhmischen Nachbardörfern 
Lobendau und Hainsbach'). 

Wendischossig. Hier war 1635 — 63 Pfarrer der Exulant David Herman 
von Wiesa. 

Wohia bei Löhau kaufte von den Gersdorfen die exilirte Freiin Barbara 
von Ruppa , Gemahlin des Adam von Duba , der auch zum Tode verurtheilt ge- 
wesen und als Exulant schwedischer Offizier war und in Zittau 1642 an seiner 
Wunde starb. 

Die Duba hatten lungere Zeit Wohla. 



T) S. oberlaus. Kirchengaierie, 248. 

2j S. laus. Mag. 4 840, 879, d. Nachricht: Beitrag zur Geschichte der Bevölkerung der 
südwestl. Oberlausitz (in Oppach, Kallenberg, Taubenheim, Sohland). 

3) Preussisch gewordene, sonst sächsische Dörfer s. Beilage XV. Im Queisskreise der Ober- 
lausitz war viel Exulantenleben, das auch erwähnt zu werden verdiente. . 



IL 

U II ( c r s 11 c h 11 II g* 

der Folg:en^ welche die llebersiedeliiiig'eii aus Böhmen nach 
Sachsen für Sachsens Ciilfiir gehabt haben. 

Das Worl Cultur mag in der Hufgegcbnen Preisfrage in zweifachem Sinne 
gemeint sein, und das mit Recht : denn mögen wir an materielle Cultur im Sach- 
senlande oder auch an geistige denken: so ist^s in beider Hinsicht wahr, dass 
jene Uebersiedelungen aus Böhmen n.ich Sachsen bedeutenden Finfluss (nicht 
negativen, wie für das verlassne, unglückliche Land, sondern positiven) gehabt 
haben. Ks wird also jetzt der zweite Abschnitt in zwei llauptcapitel zerfallen. 

i . Folgen für die materielle Cultur. 

Unmöglich konnte die slichsi.sche Regierung der rel>ersiedelung so violer 
Bdhmen und darunter so vieler l'ndeutschen nur gleichgiltig zuselicn. Wurde 
auch ihre Annahme anfangs nur als ein Werk christlicher Barmherzigkeit und 
als ein einstweiliges Verhilltniss betrachtet : so war doch , da die Kinwandcrung 
imnier grossartiger ward und wenigstens zwei Menschenalter hindurch sich im- 
mer wiederholte, ernstlich zu bedenken, ob nicht durch Duldung so zahlreicher 
Uebersiedelungen *etwa Rechte der böhmischen Regierung oder wenigstens der 
einzelnen Herrschaften verletzt w ürden und unter der Firma solcher IJebersiede- 
lung militttrpnichtige Personen, oder beanspruchte Schuldner, oder in Zwist ge- 
raume Ehegatten das Böhmcrland sur Ungebühr verliessen. Daher musste so 
sahlreichc l*)inwanderung allerdings bald ein ernster (>egenstand der Grsetzge- 
hang werden. Sahen auch damals die Fürsten , zumal nach der grossen Völker- 
vtmiintlerung durch den dreissigjährigen Krieg, und da noch nicht, wie heutzu- 
tage, UeiHTvölkerung stattfand, Vermehrung ihreri'nlerthanen und also auch ihrer 
Streitkryfte und steuerpflichtigen Personen gern . so w aren doch auch so manche 
Bedenklichkeiten zu üIhtw inden ; abc»r christliches Mitleid legte ein gutes (iewicht 
in die Waagschalen. Wie schon 1603 unter Christian 11. günstige Verordnungen 
tu freundlicher Aufnahme der unglücklichen Vertriebenen aus Steiermark er- 



94 Die böhmischen Exulanten in Sachsen 

gangen waren ^) , so erschienen aucli von Zeit zu Zeit Exulantenpatente und 
obrigkeiliiche Verordnungen , welche im ganzen milde Aufnahme , aber manche 
Bedingungen und Vorsichtsregeln anordneten, z. B. in den Patenten vom 48. Jan., 
6. Febr. , 24. Juli und 25. Sept. 1623, vom 3\. Juli und 3«. Dec. 4 627, vom 
25. Juni 4 629 , vom 14. Mürz 4 650 , auch 4 640 und 4 670. Sie sind bereits oben 
bei dem Artikel Oberlausitz und Zittau naher bezeichnet*). 

Vermehrte Bevölkerung. 

Wahrend in der Gegenwart das bisher jahrliche Steigen der Volkszahl in 
deutschen Landen ein Gegenstand der Besorgniss zu werden anfangt , und die 
heutzutage sehr häufigen Uebersiedelungen nach Amerika und Australien nicht 
eben merklich jene Besorgniss mindern, war es doch im 4 7. Jahrhundert anders, 
wo Fürsten ein Wachsen ihres Volkes angelegentlich wünschten und möglichst 
förderten, Auswanderungen aber nicht gern dulden wollten , und wo , weil von 
Grund und Boden noch viel urbar zu machen war, solche vermehrte Landescul- 
tur durch neue Golonisten gefördert werden sollte. 

Um wie viel die Bevölkerung in Sachsen durch diese EinwandrerzUge und 
durch allmahlig einzeln gekommne Familien gestiegen ist (während in Böhmen 
besonders an Gränzorten z. B. Rumburg, Warnsdorf , Ehrenberg, Schönlinde, 
Georgswalde, Georgcnthal, Grund u. a. eine anfiel lige Entvölkerung entstand), 
lässt sich in bestimmten Zahlen nicht angeben. Schlägt man die Zahl der Böhmen 
verlassenden Familien auf 36000 an : so könnte wohl die Personenzahl wenigstens 
an 4 40 bis 4 50,000 gewesen sein. Wäre nun von diesen allen wenigstens, wie 
es gar nicht unwahrscheinlich ist, die grössere Hälfte den sächsischen Landen (die 
Lausitz, nun sächsisch, mit eingerechnet) zugefallen : so wäre das schon eine an- 
sehnliche Summe, an 80000 Köpfe, und zwar nicht blos gemeinen Volkes, son- 
dern unter ihnen vieler reicher und gebildeter , gelehrter und religiöser Männer, 
und vieler geschickter, thätiger, arbeitsamer Personen, auch vieler seelensiarker 
Frauen und talentvoller Kinder. Sind auch nun deren Nachkommen , nach mehr 
als 200 Jahren, oder nach 7 Menschenaltern , mit der ursächsischen Bevölkerung 
verschmolzen , sind auch die sehr vielen urböhmischen Namen czechischer Aus- 
wanderer durch Uebersetzung ins Deutsche ( z. B. Czernohorsky in Schwanen- 
berger; Kohausek in Hähnel, Sedlacek in Bauer) fast verschwunden und ver- 
schollen : so verräth sich doch immer noch mancher nun längst sächsischen Fa- 
milie czechischer Ursprung durch einen solchen böhmischen Namen*) und in der 
südlichen Hälfte Sachsens wohnen noch unzählige Familien als Nachkommen 
der im 4 7. Jahrhundert übersiedelten Böhmen. Sie wissen es auch, wenn nicht 
durch geschriebne Familienpapiere , z. B. die Duba *) , so doch durch Tradition 
uiid sind weit entfernt, ihres Ursprunges sich zu schämen, da der Grund zur 
Flucht und Uebersiedelung ihrer Vorfahren kein Verbrechen, sondern eine Thal 
ihrer religiösen Treue war. Viele Auswanderer haben in Sachsen durch eigne 



^'j Caroli memor. eccles. i, 50 f. 

2 Corp.Jur. lusat. 329. Kliuffers laus. Geschichte IV, 319. 

3) S. Beilage XVI. 

4; S. Beilage 1, nochmals. 



von Chr. Ail. Pescheck. ' 95 

Tüchtigkeit ihre Fiiinilion so emporf;ehrachl, chiss sie nirijonds zurückgesetzt 
sind , sondern in iingosehncn Aemlern schon seil niehitTn Onerationen stehn, 
wozu ihnen schon die Verdienste ihrer Vorfahren den Weg mit angebahnt haben. 

Am Nvillkomnienslen waren freilich solche Ankönunlinge , welche Vermögen 
mitbrachten. Dies war jedoch meist nur im Anfange i\ev Auswanderung der Fall, 
^ao angesehne Milnner und Frauen , sowohl deutschen als czechischen Namens, 
aus Prag, Leitmeritz und von Uitlergütern, besonders nach Pirna und Dresden, 
sowie auch in evangelische Heichsstiidtc zogen. Ks kamen ja auch Milnner aus 
Böhmens vornehmsten Geschlechtern nach Sachsen. Man findet unter ihnen die 
Herren von Kinsky, von ib'zan. Von jenen ward einer, Ullrich von Kinsky, ge- 
heimer Kriegsrath , Obrist und Kammerherr, auclu Marschall des Kurprinzen, 
und ein Herr von ibzan starb zu Dresden 1631 . Auch die Herren von Sternstein 
fanden Zutluehl in Sachsen und haben da seit 200 Jahren als Offiziere und Zoll- 
beamte gedient. Von ihrem Schlosse Sternstein an der bairischen Grenze mussten 
sie weichen und es den Lobkowitzen abtreten '). Wenzel v. llrzan halle Sowinka, 
25000 fl. werth, verlassen müssen. 

Es hat diese Zunahme der Bevölkerung durch Einwanderung böhmischer 
Familien und unter ihnen vieler tüchtiger Münner, in mehrern Studien Sachsens 
and am merklichsten in sehr vielen Dorfgemeinden stattgefunden. 

Ks wiire wohl interessant, wenn man alle die Familien aus Böhmen namenl- 
lieh anzuführen wüsste, welche sich gehallen und zahlreich verbreitet haben, 
wie z. ß. von Ronow, von Backnitz (diese jedoch nicht aus Böhmen, sondern 
aus Steyermark), Gaudich, Facilides, Manitius, Martini, Matthesius, Pescheck'), 
Chladny (dieser aus Ungarn), ilülzel, Dorffel'), Nalhusius, Nehrhof v. ilolderberg, 
Sellenrcich, auch Krutzsch, Ochernal, Flachs, deren Stammvater bei der Grund- 
legung der Salvatorkirche in Prag besonders Ihatig gewesen waren ; Nitzsch, 
Siebenhaar. 

Wir könnten einen ausgewanderten armen Musikus nennen , der !)eider 
Sprachen mUchtig war, mit Bangigkeit übers sachsische Grünzgebirge schrill, 
nichts halle als seinen Stab, sein treues Weib, seine Kunst und sein Gotlver- 
traucn, zwar bei dem Anblick der so vielen evangelischen Kirchen und Kirch- 
ibUrme der ersten Stadt sich freute, aber nicht schon wissen konnte, d«iss von 
1700 bis über 18.i0 hinaus eben seine Nachkommen in allen diesen Kirchen auf 
den evangelischen Kanzeln wirken würden. Hr ist der Stammvater des Verfas- 
sers selbst, ('hristoph Pescheck. 

Wie tief das Kommen einzelner Exulanten in sachsisches Familienleben und 
in Besetzungen von Aemtern eingegriflen hat, kann nun durch einige merkwür- 
dige Beispiele bewiesen werden, die aus vier verschiedenen Gt'genden Sachs4»ns 
genommen werden sollen. Wir wählen dazu aus dem meissner Kreise die Fanii- 



4 Ueber adelige Exulanlenfaiuilien in Sachsen t. Veh»e • Geacbicble der Hofe iu 5acb- 
•en. III, i9i. 

t, S. Gei»cbicbla vun ZilUu i, 665. 

t, In einer Beilage (II. fugen mir auch etwa» von aat üetlreich nach Sachten eingei^an- 
derlen adeligen Fanülien bei. 



96 I^io böhmischen Exulanlen in Sachsen 

lie Martini, aus dem Erzgebirge die Familie Facilides, aus der ObcrIausiU die 
Familie Pescbeck^), aus dem leipziger Kreise die Familie Nitzsch. 

Von dem bei Pirna genannten M. Samuel Martini von Drazowa , aus Prag 
exilirt, stammen viele sächsische Theologen und Familien ab. Seine Söhne wa- 
ren : M. Samuel Martini , P. Prim. in Hoyerswerda und M. Benjamin Martini, P. 
in LangebrUck und dann zu St. Johannis und zu St. Anna in Dresden, die Enkel 
aber: M. Christian Martini, ebenfalls P. Prim. in Hoyerswerda, M. Samuel Mar- 
tini 3., Pfarrer in Förslchen, M. Christoph Samuel Martini, Superint. in Lieben- 
werda, M. Gottfried Benjamin Martini, Diac. in Grossenhain und endlich P. Prim. 
in Zittau (Vater von 9 Kindern^) ). Christian Martini , Wundarzt in Bautzen und 
August Martini, Buchhändler in Leipzig. Die Urenkel: Christian Siegismund 
Martini, P. in Schönfeld, Zeiritz, Friedlaud und Luckau, 044. Die Ururenkel: 
M. Christian Friedr. Martini, Oberpfarrer in Bötha (gest. 4796), dann im 5. 
Gliede: M. Christian Friedrich Gottlob Martini, P. zu Rnobelsdorf bei Döbeln 
(gest. 4 822), Christian Gotlhelf Martini, Oberfactor bei der PorzellanmanuCaclur 
in Meissen, Christian August Martini, Bathstaxator in Leipzig, und im 6. Gliede: 
Franz Julius Martini, Uhrniacher in Dresden, Ernst Wilhelm Martini, Superint. 
in Radeberg, Friedrich Theodor Martini , Justizamtmann in Rochsburg, Hennann 
Martini, fürstl. Hofrath in Waidenburg*, Robert Martini, P. im Remse, Julius 
Martini, Rassenverwalter beim gräflich einsiedelschen Eisenwerke in Gröditz. 
Auch im 7. Gliede die jüngst in Leipzig studierenden Söhne des Hrn. Justiz- 
amtmanns Martini in Rochsburg und gewiss noch mehrere. 

Vielleicht gehört hieher auch Gl. Ernst Martini, Pfarrer in Bockwitz, 1732 
und Joh. Christ. Martini, Pfarrer in Slürza 4 742. 

Vielleicht war dessen Sohn M. Joh. Christian Martini, Diac. in RochlilZi 
f 4 732, und der Enkel Christian Benj. Gottlieb Martini , ßtlrgerm. in Pirna, der 
Urenkel aber Arzt in Putbus. 

Viclorin Facilides, exilirt von Jechonilz, dann Hospitalprediger in PimBi 
begründete in Sachsen auch eine an Gelehrten reiche Familie. Erstes Glied: 
Christoph Siegmund Facilides (aus 3. Ehe , nach früher Verwaisung erzogen auf 
Kosten der Gemahlin des Kurfürsten Johann Georg I.), P. in Possendorf, Fran- 
kenberg und Lichtenau. Zweites Glied: M. Jac. Siegmund Facilides, Diac. in 
Frankenberg (dessen Gattin eine Joachimsthalerin, Tochter eines Exulanten und 
Nichte des grossen Exulantenhelfers, des dresdner Oberhofpred. Dr. Weller war). 
Joh. Gottfr. Facilides, Pastor in Ottendorf bei Chemnitz (deren Schwestern ver- 
heirathet waren an die Theologen Schäfer, aus einer Exulantenfamilie von Uostau, 
Flachs in Berggiesshübel [ Vater des Superintend . M. Andreas Flachs in ColdiU], 
und Schumann in Pirna). Drittes Glied : Johann Siegmund Facilides, Peldprediger, 
Johann Victorin Facilides, Pastor in Ottendorf, Christoph Friedr. Facilides, Pasl. 
in ErdmannsdorL Wolfgang Heinrich Facilides, Pastor in Staucha, Gottfried 
Siegnmnd Facilides, Pfarrer in Geier, nebst Schwestern, eine verheirathel an 
den Superint. M. Christoph lleymann in Meissen und wahrscheinlich Stammmul- 



4) Man vergönne dem Verfasser, des eignen Pamilieoglückos zu gedenken. 
%) Im Trauergedichi auf feinen Tod beissi es : »Der Eifer für das Wort dep wahMa Glau- 
benslehre war von den Vätern her auf deinen Geist gestammt « 



von Chr. Ad. I'o^schork. «)7 

ter des jüngst verstorbenen Superini. IIo\ nuinn in Dresden , eine andre Gattin 
des Fast. Barthel in Taura , eine dritte Gattin des Past. Utticke hei Leipzig. 
Viertes Glied : Christoph August Facilides , Pastor in Krdinannsdorf. Fünftes 
Glied: Friedr. Theophil Facilides, Diac. inThaiuna. (Leber die Familie Facilides 
s. Curios, Saxon. 1702, p. 63 u. 71.) Kin Sam. Gotlfr. Facilides \%ard 1754 
Magister. Dr. Victorin Gottfr. Facilides, geb. 1777 war Superint. in Ilochlitz und 
Oschatz und starb 4 8 SO. Kin Theolog Facilides studierte 1808 in Wittenberg und 
mehrere Facilides standen und stehen noch in iingeschnen juristischen Aenitern. 

Christoph Pescheck , ( Knkel des durch die Jesuiten zu Tode geipiülten 
Christoph Pescheck,) armer Musikus aus der Gegend von KünigingrUz, begrün- 
dete eine zahlreiche Gelehrtenfamilie. Krstes Glied: M. Christian Pescheck, Ma- 
themalikus am zittauer Gymnasio und in) vorigen Süculo der berühmteste Rechen- 
meister in Norddeulschland. Zweites Glied: M. Christian Friedrich Pescheck, 
P. Prim. in Zittau, Christian August Pescheck, Rechtsgelehrter in Zittau. Drittes 
Glied: M. Christian Adolph Pescheck L, P. Prim, in Zittau, Christian Gotthelf 
Benjamin Pescheck, Rechtsgelehrter und Rathsherr in Zittau, Dr. Christian Au- 
gust Pescheck, Stadtphvsikus in Zittau. Viertes Glied: Dr. IheoL Christ. Adolph 
Pescheck iL , Archidiaconus , Carl Theodor Pescheck , I . Landgerichtsactuar in 
Zittau, Dr. Friedr. Aug. Pescheck, Bezirksarzt in Zittau. Fünftes Glied : Ottokar 
Edmund Pescheck, Prediger an der Dreifaltigkeitskirche in Zittau , (lUstav Adolph 
Pescheck, 3. Landgerichtsrath in Lübau. Dr. Wilh. Ottobahi Pescheck, Militär- 
Oberarzt in Leipzig, Oltomar Wigand Pescheck, Cand. theol, und Lehrer an der 
Bürgerschule in Zittau, Gustav Oswald Pescheck, Apotheker in Pausa. 

Aus dem leipziger Kreise besprechen wir die Familie Nitzsch. Georg 
Nitzsch , von seinen Gütern in Böhmen exilirt , wendete sich nach Leissnig. 
Seine Nachkommen sind folgende : 1 . Glied : Dr. Friedrich Nitzsch, Professor in 
Giessen , Dr. .Moritz Nitzsch , S\ ndicus in Torgau , Christian .Nitzsch , Pastor in 
Dürrweilschen , Andreas Nitzsch, Bürgermeister in Bochlitz. i, Glied: N. .N. 
Nitzsch*). Christian Andreas Nitzsch , Pastor in Wülka bei Eilenburi;. (tottlob 
Benedict Nitzsch, Pastor in Lindenhain. 3. (ilied: Dr. Carl LudwigNitzM-h, Past. 
inBeucha, Stiftssu|>erintendent inZeiz und (icneralsuperintendent in \Vitlenl>erg. 
N. N. Bürgermstr. in Filenburg. Wolfgang (ioith»b .Nitzsch , Pastor in Papiitz bei 
Baruth. 4. Glied: .\ug. Theodor Nitzsch , Stadtschreiber in Dahme. Dr. Ludwig 
Nitzsch, ProL der Naturgeschichte in Halle. Dr. Carl Immanuel .Nitzsch, C(»n- 
sistorialrath in Berlin. Dr. Gregor Wilh. Nitzsch, ProL in Kiel und Leipzig. 

Von der grossen Kxulantenfamilie von Jungenfcls zu Zittau könnte eine un- 
endliche Verzweigung dargestellt werden. Da sie jedoch meist auf den Tix*htern 
beruhte und der Name nicht geblieben ist: so liegt weniger daran, lebrigens 
hat man bei Nennung von Kxulantenfamilien nicht lediglich an böhmische und 
dstreichsche zu denken. So ist z. B. die thtK)logische Familie Köi*hl\ in Sadisten 
eine solche aus der pfal/ischen Kxulantenzeit' . 

Wir wollten auch nicht blos an dit* grosse Zahl nfMt«T Üruohner und niMicr 

1 llior ist ciiii* I np»\Mo*»hcit. S iih«*r die Ki'.;ilic Nil/>ch <lt«* bto::raphischro llfitrain* lu 
den wcimaiNt'hen nctts hut eccUs. Uii. i 
J S. i'urwsa Sa.iontoi \16\. iU IT 

Prtchrrk. Ihr Uihm. Kxuliiilr'i. i 



98 I^ie böhmischen Exulanten in Sachsen 

Familien denken, sondern darauf einen grössern Werlh legen, dass diese üeber- 
gesiedelten neue Lebcnselemenie mit sich gebracht haben. Sachsen gewann ja 
viel gesinnungstücblige und gewissenhafte, wackre und geschickte Münner (wel- 
cher Umstand später bei der ErwUgung der geistigen und der gewerblichen Fol- 
gen näher erörtert werden soll ) und treue , entschlossne , auch kenntnissreiche 
Frauen, die, ohne diese Eigenschaften zu besitzen, gewiss nicht ausgewandert 
sein würden, imd Jungfrauen, welche die Mütter zum Theil recht ausgezeichneter 
Männer in Sachsen wurden. 

Es war ein kräftiger, blühender Menschenschlag ; denn die Exulanten er- 
reichten häufigst ein ungemein hohes Alter ^) , und auch solche sogar , die an 
Qualen , Unruhe und Sorge zehnmal so viel , als irgend jemand unter uns , ge- 
duldet hatten. Bei vielen geflüchteten Geistlichen haben wir, um das zu bewei- 
sen, geflissentlich schon oben mit angegeben, dass sie dennoch mehr als 80 Jahre 
erreicht haben. Ja 1754 starb zu Dresden der böhmische Gantor Matthäus Graf, 
der bei Empfang seines sächsischen Amtes schon 42 Jahre alt, dennoch 50 Jahre 
es noch verwaltete und erst mit 92 Jahren zur Ruhe gieng. 4 789 starb In Zittau 
M{itth. Morawek nach 67jähriger Ehe, selber 88, seine Gattin 82 Jahre alt. So 
Wenzel Tobiades, Diacon. zu St. Nicolai in Prag, dann Pfarrer in Leysersdorf in 
Schlesien, alt 90 Jahre und 66 Jahre im Amte. Ludmila Schmidt geb. Miizschesky 
in Zittau starb mit 90 Jahren und ist 04 Jahr Witwe gewesen. 

Was ausser dem ehifurchtgebielenden Anblick der ankommenden wtirdigen 
und doch so unglücklichen Männer besonders die Aufmerksamkeit auf sich zog, 
waren die blühenden , und so weit es die Umstände verstalteten , heitern und 
gesangslustigen czechischon Jungfrauen, die besonders in den gebildeten Ständen 
ein neues Element in die Jünglingswelt und in das Alltagsleben brachten, wie 
'Dorothea in Gölhe's Gedicht. Ohne selbst es in ihrem grossen Kummer und nach 
so schmerzlichen Zerreissungen frührer Ilerzensbande zu wollen und zu erwarten, 
wendete sich ihr trauriges Geschick zu neuem Lebensmuth in einem glücklichem 
Lande , wo weder Jesuiten sie geistlich , noch Bekehrungsdragoner leiblidi quäl- 
ten, und wo sie fröhliche Gattinnen und Hausmütter in neuen W^ohnungen wur- 
den ; so dass die meisten sich nicht wieder zurückgesehnt haben. Zeugnisse von 
so interessanten Ehebündnissen finden sich noch genügt), weil in jenem Zeitalter 
die Gewohnheit des Epicediendruckes herrschend war und daher die Schicksale 
der alten Familien nicht so verschollen sind, wie die Geschicke der heutigen 
Sterbenden, von denen in fünfzig Jahren fast niemand mehr etwas wissen wird. 
Auch alte Leichensteine reden , z. B. am Gymnasium zu Zittau lebt noch in der 
Inschrift: Anna Profelta , d. i. Anna, Tochter des aus Kamnitz in Böhmen ver- 
triebnen Pfarrers Profeit, welche das Herz des Gymnasiallehrers Elias Weise ge- 
wonnen hatte, der ein höchstausgezeichneter Schulmann gewesen ist. Diess 
Ehepaar hat dem Yaterlande den einst so berühmten Polyhistor Christian Weise 
gegeben , dessen Andenken auch jetzt noch nicht erloschen ist und der noch er- 



lj Wie heut noch in Böhmen häufigst vorkommt. S. Skizzen böhmischer CuHurbiider 
(Leipz. 1844) p. 40 f. 

2) S. viele Beispiele von Ileiraltien der E\ulantenmäüchen in der Geschichte der Gegen- 
reformation II, 461. 



.•- 



von Chr. Ad. Pescheck. 99 

wtthnt wird in allen Compendien deutscher Liiertiturgeschichte';. Wie \iel kann 
von seiner Bildung auch auf seine gebildete Mutter kommen ! — Ein Bürger aus 
Friedland, Jacob Hermann, brachte nach Reichennu eine hebenswertho Tochter 
mit. Sie verheirathete sich und ward Mutter des nngesehnen zittauer Btlr- 
germeisters Heinrich v. Heffter, der wenigstens noch in herrlichen Stiftungen 
fortlebt. — Zwei Töchter in Zittau exilirender Geistlicher heiratheten nach ein- 
ander den exiürten Pfarrer von Gitschin und Turnau, Wenzel Golli. 

Bei dieser Gelegenheit gedenken \%ir eines Tai:cs, wo eine Exulautenfamilie 
auf dem Gipfel neuen Segens und der Erfüllung ihres Gottvertrauens stand. Der 
vorbin genannte, ungemein verdiente und trefliiche Schuimann Elias Weise, 
dessen Vater nach Lichtenberg übergesiedelt war und dessen Bild man noch in 
Zittau mit Theilnahme betrachten kann, war endlich des Schulwesens müde. Es 
kam der Tag seiner feierlichen Emeritirung. Sein berühmter Sohn Christian, 
vorher Professor in Weissenfeis und schon als Schriftsteller sehr gefeiert , war 
bereits Rector des Gymnasiums geworden und beide hatten die Freude , dass er 
die Emeritirungsrede halten konnte. Auch trat ein kleiner Knabe als Sprecher 
auf, und dieser war ein Enkel des Emeritirten , Söhnchen des Gymnasiallehrers 
Vogel. Und um die Freude noch mehr zu erhöhen , war an gleichem Tage auch 
die Taufe einer Enkelin. Wer gönnte nun nicht jenem Greise die schöne Erfül- 
lung des Spruches : »Wohl dem, der Freude an seihen Rindern erlebt!« Man 
findet auch Beispiele von Exulantehtöchtern, die recht wissenschaftlich waren*;. 

Neuer Anbau. 

(Nene Vorstädte, Stadtchen, Dörfer, Kirchen. ) 

Neue Vorstädte. 

In Dresden war den Exulanten eigner Anbau und zwar auf dem sogenannten 
tSandet, zwischen Neustadt -Dresden und der dresdner Haide erlaubt. Dieser 
einst neue Anbau gehört nun mit zur sogenannten Antonstadt , wo noch die 
iböhmische Gasse« bekannt ist, deren Gebüude wohl seit jener Zeit meist ver- 
schönert oder durch andre ersetzt worden sein werden. Zur Ehre gereicht es 
ihnen, dass sie schon 1622 eine böhmische Schule hauten. Nach der Vermehrung 
Ihrer Zahl durch die von Pirna 1632 nach Dresden Gezognen verschafften sie <650 
ihrem Prediger auch eine Amtswohnung. 

In Zittau waren die Verhaltnisse ähnlich. Da viele Einsicht genug hatten, 
sich nicht mit thörichten Hoffnungen möglicher Heimkehr ins Vaterland zu schmei- 
cheln , und sie sich freuten , bleiben zu dürfen in einer ganz lutherischen St^idt, 
wollten sie eignen Anbau wagen und erlangten Anweisung auf Raum hinter 
der südlichen Vorst;idt, vor dem von jeher schon so genannten böhmischen Thore. 
Hier war in alter Zeit, als die Städter no<h Kühe sich hielt<«n, die »Viehweide«, 



i S. Otto i otMrUiusiUer Scbriftttellerleiikon undGrossers rita Weisti, »o^ie reiche .Nach- 
weboDgen über ihn und seine KTo»sen Verdienste id Pe^cbecks Geschichte von Zittau 4. 55S f. 
Lausitzer Magazin iSii, 370 (T. 

S, z B. Btisabeth Dolaiiül^a, sUinnirod von Kosman<ts in ROhineD S Otto't oberi. Scbrifl- 
Atellertex. i, «r .^u«aQna Adami. Gaftenref. II. SC, 



1 00 Die böhmischen Exulanten in Sachsen 

welcher Name noch immer im Munde des Volkes ist. Es waren östlich unfern 
der Neisse und Mandau, vor der Ziegelscheune und der alten Papiermühle, wüste 
Plätze, zum Theil sumpfiger Art. Hier wurden Häuser erbaut und Gemüse- and 
Obstgärten angelegt, und man würde noch weit mehr gebaut haben, wenn nicht 
nach "1732 eine grosse Anzahl Exulanten, denen es nicht gefiel, nach Berlin wie- 
der ausgewandert wären. Gegenwärtig hat diese sogenannt« äussere Vorstadt 
ziemlich gute Gebäude, von denen viele auf Nachkommen der ersten Böhmen 
vererbt sein mögen ; nur dass nun schon lange dort kein böhmischer Laut mehr 
vernommen wird ; weil wer noch etwas böhmisch reden kann , davon blos bei 
Reisen nach den czechischen Kreisen Böhmens, zum Vieh- und Federhandel, 
Gebrauch macht. Die Bewohner dieser Vorstadt sind Gärtner, Zimmerleute, 
Maurer, Fuhrleute, Handelsleute, Tagarbeiter. Es waren Exulanten niedrer Stände 
gewesen, die sich da angesiedelt hatten. 

Neue Städtchen. 

Johanngeorgenstadt, des sächsischen Erzgebirges jüngste Stadt, bewahrt in 
ihrer Benennung den Namen des Stifters, des Kurfürsten Johann Georg 11. , der 
sie 1654 durch in Böhmen geächtete und geflüchtete Exulanten, insbesondre 
Bergleute aus (den sonst sächsischen, von Kurfürst Moritz an den König Ferdi- 
nand abgetretnen Städtcheti ')) Platten, Gottesgabe, Bleistadt, Aberdamm u. s. f. 
begründen liess^). Am 23. Febr. ^] 1653 und am 1. Mai 1654 Hess er den Platz 
am Fastenberge den Uebersiedelnden unentgeltlich (nach Bitte vom 42. Febr. 
1654), nebst dem erforderlichen Bauholze, auf Fürbitte des Oberhof predigers 
Weller und des Baths Burghardt, anweisen. Nach Absteckung am 1. Mai 1654 
ward am 10. d. M. das erste Haus, und am 16. Mai 1655 die Kirche begründet. 
Zuvor wurde Gottesdienst auf dem Hammerwerke AVittingsthai gehalten. Es 
waren an hundert (zu allererst nur 39) in der Nacht einst, nebst ihrer beweg- 
lichen Habe, hergeflüchtete Exulantenfamilien da , und auch manche andre sie- 
delten sich mit an. Wo jetzt der Markt ist, waren an 2000 Bäume zu filllen. 
Freilich sind die ersten Wohnhäuser gar gering und armselig gewesen. Stadt- 
privilegien erhielt der Ort vom Kurfürsten unter dem 21. Nov. 1656, Im JoU 
1654 waren 40 Häuser ziemlich vollendet, 1659: 150. 1669 ward ein Ratbhaus 
(nachdem ein Richteramt schon seit 1654 eingesetzt war) erbaut und nach 
zehn Jahren waren schon an 2000 Bewohner der neuen Stadt in reger Thätigkeit 
und zwar besonders Bergmannsarbeit ^). Immer noch mehre Exulanten kamen 
1671 und 1679. 



i] S. Grelschels Gesch. von Sachsen, I, 447. 

2; Dr. Franke's Gründungsgeschichte von Johanngeorgenstadt, Schneeberg 4881. Die 
BitLschrifleii und die Antworten s. das. p. 56 ff. Webers Ehrensäule von Jobanngeorgeosltdt, 
Predijil von Weber über Eiod. 20, 2—6. Zwickau 1756. Quart. 

3. An diesem Taj;e bcgieng man 1754 imd 1854 ein Jubiläum, s. Cur. Saxo». 4784, 171, 
und bcL;ründcte die eine Armenschule in ersterem Jahre. 

4; Herings Gesch. des sächs. Hochlandes, H, 380. Cur. Saxon. 1757. EngelschalU Be- 
schreibung der Bergstadt, 1723. Schiffners Sachsen, 303. Knauths altzellische ChroDik, 7, 
183. Grctschels Gesch von Sachsen, II, 338. Ucbcrhaupt s. »Acta die von Platten w^gge* 
wichnen Exulanten und die Johanngeorgenstadt am Fastenberge betreffende«, im Archive des 



von Chr. Ad. Pescheck. |01 

Zur Erläuterung des Anbaues von Jolianngeorgenstadt sei noch Folgendes 
hemerkl. Als der KurfUrsl Johann Friedrich von Sachsen 1533 dem Herrn von 
Tettau die Herrschaft Schwarzenberg abgekauft und des Zinnbergbaues wegen 
die beiden Bergst^dtchen Platten und Gottesgabe hatte begrtlnden lassen , war 
evangelischer Gottesdienst in denselben eingerichtet. Allein als unter Kurfürst 
Moritz dieselben an Böhmen abgetreten werden mussten*), konnten bald die 
Sorgen wegen Religionsdruck beginnen. Nur hoffte man, hier in der Wildniss 
und so nahe bei Sachsen werde man weniger nach ihnen fragen*). Doch schon 
4624 ward der evangelische Geistliche Kilian Bebentrost, (den der Kurftirst am 
25. Sept. 1628 nach Klingenthal einlud, und der 1650 nach Schneeberg exilirte, 
wo er 1651 starb) nicht erlebend der andern plattner Exulanten Anbau , aus 
Platten vertrieben, ebenso Johann Jahn') , der eingesetzt worden war, als ein- 
mal die sächsischen Waffen in Böhmen respectirt wurden. Nach seiner Ent- 
fernung, nach 1635, und nachdem er abermals 1640 eine Zeitlang dort gewe* 
sen , war manchmal protestantischer Gottesdienst in der jugler Glashütte , auf 
sächsischem Boden, besonders durch einen Geistlichen aus Eibenstock, M. Ste- 
phan Stepner. 

Die böhmischen Bergstüdte flehten einmal über das andre den Kurfürsten 
von Sachsen um Intercession beim Kaiser an. i. Dec. 16i8. 2\. Apr. 1649. 
M. u. 27. Oot. 1649. 28. Febr. 1650. 28 Sept. 1650. 23. Oct. 1652. 9. Dec. 
1653. So auch im October 1649 intercedirte das Oberconsistorium (Fr. v. Metsch, 
Aeg. Strauch, Dr. Weller, Dr. Koppel). Der Kurfürst aber hat gar oftmals beim 
Kaiser intercedirt , immer aber nur mit Gewinn einigen Aufschubs und einiger 
Schonung, am 29. Oct. 1643, 21. Mllrz 1650. 4. Nov. 1650 (mit besondem Re- 
commandationsbriefen von Secr. Berlich und Alexander Datzier) mit trostlosen 
Ergebnissen; dann endlich hiess es, dass man sich solcher Suppliken enthal- 
ten .solle*). 

Der erste Schulmeister war Joh. Georgi, 1665 auch ein Diaconus. Der erste 
Pastor war Pol. Weher. Die Kirche ward 1651 , das Schulhaus 1666 vollendet. 
Mehrere süchsische Beamtete machten sich sehr verdient um die Exulanten , der 
Oberhofpred. Dr. Weller, ein Hauptberather Joh. GtK)rgs, der Oberforst m. st r. 
von Carlowitz, der Hauptmann Veit Dietrich Wagner in Schwarzenberg, »>ein 



K<toigt. Gerichts zu JohanngeorgenMadt , und weil mehrere im geheimen Staa(Mrchi\e zu 
Dresden. Werners Khrensäule, Zwickau 16S5. Privilegien der neuen Stadt s. bei Franke p 
•t ff. Heckeis Gesch. von Bischofswerde, 1H6. 

4 Herings sächsisches Hochland, 4, S58. 

S; Wegen der Verfolgung in Platten s. die vorhin No. 4 angeführten Ada, die von Platten weg- 
gewichnen l^xulanten elc betreffend. 

3) Sein Lehen steht in den Curios Saxom. t758. 37. ■> f. Gretschelt Geschichte \on Sach- 
MO, i, 447. 

4) S. die reichen Nachrichten in den Kiulantenaeten des sirhs. geheimen Staatsarchlva, 
Nr. 77i1. Rl. 4. fi 8. i1. 17 Viel mitgetheilt ist in Dr. Frankes Gninduogageschichte voo Jo* 
hanngeorgenstadt. 48. il, iv. 37, 54. 55. ~ Nur in singuUren Fallen hatte Verwendung etwas 
geholfen z. B. wegen Ausliefening einigen Erbgutes für Kinzetne, oder wegen Ertaubolaa ein- 
mal nach Böhmen reisen zu dürfen 



i| Oi Die böhmischen Exulanten in Sachsen ^ 

lieber Erbarmer armer Exulanten« und die Schösser Person, auch Job. Rach- 
hals, im Zeitalter 1650 — 1660*). 

Seit "1 652 suchten acht- , dann neun und dreissig (nämlich 4 Handelsleute, 
6 Fuhrleute, 8 Köhler, 2 Glasmacher, 2 Bücker, 2 Zimmerleute u. s. f.) und 
dann mehrere böhmische Familien (bis Ferdinands 111. Edict vom 4 4. Febr. 4645 
das Auslaufen über die Gränze [daheim aber auch den Besitz evangelischer Pre- 
digtbücher] verbot) aus Platten, Gotlesgabe und andern Orten (z. B. Ehrhard 
Sonntag, Blechmoister aus Witligsthal) beim sächsischen Landesherm an , sich 
am Faslenberg bei Platten ansiedeln zu dürfen , wo bereits ein paar Waldhäus- 
lein gestanden und 4651 und 52 ein paar Plattner sich schon angebaut hatten. 
So namentlich der Richter Gregor Köhler. Da der Religionszwang immer gewalt- 
samer wurde, mussten hundert standhafte Familien im Winter 4654 als geachtete 
Flüchtlinge, von der Stadt und von den Unenlschlossnen scheiden*). Man zog 
aus mit Zittern und wagte einiges Vieh und andre Habe mitzunehmen. Ein Theil 
zog zu den Vorangegangnen am Fastenberge, der andre zu der schon genannten 
juglcr Glashütte, bei der sich etliche Waldbäuser und KöhlcrhUttcn befand^i, 
in denen manchmal wohl 40 Leute einstweilen vor der Kälte Schutz suchen 
mussten. 

Man harrte des Frühlings und der Genehmigung des Kurfürsten Job. Georg II. 
Die Zahl der llebersiedelnden , auch aus Joachimsthal, Gottesgabe, Gräslilz, 
Neudeck, Aberdamm, Bernichen u. s. f. ward immer grösser. 

Erneuernd das Andenken wackrer Protestanten jener schweren Zeit nennen 
wir den nachmaligen Bürgermeister von Johanngeorgenstadt, Oehlschlögel , der 
daselbst noch im Bilde zii schauen sein soll. Von Platten war auch der Kaufmann 
Kilian Epperlein, der seine heimische gute Lage 4 663, mit seiner Gattin Elisabeth 
Ziener, aufopferte, aber in Johanngeorgenstadt, um dessen Erbauung er sich sehr 
thUtig verdient gemacht hatte, Rathsherr und Stadlrichter wurde. Er starb 
4 668*). Wenigstens 4 757 lebten noch Nachkommen von ihm. Es kam auch der 
Richter von Platten, Gregor Küber; ebenso die Familie Meissner, von welcher 
die oberlausitzische Prediger-Familie Meissner abstammt. 

Uebrigens zogen auch solche dahin, die nicht eben Exulanten waren. 

Neusaiza , eine meissner Stadt , hart an der oberlausitzer und böhmischen 
Gränze gelegen , in einer ohnehin schon häuserreichen Gegend, mit etwa 4000 
Einwohnern , verdankt ihren Ursprung übersiedelnden Exulanten aus Böhmen 
und Mahren und Ungarn. Den Namen bekam sie von dem Wohllhäter, der sie 
erbauen liess, nämlich von Christoph Friedrich von Saiza, kurfürstl. Rathe und 
Landesältosten , auf Niederspremberg , und seiner Gemahlin Katharina geb. von 
Salza. Stadtgerechligkeil erhielt der Ort nach Zusagen des Kurfürsten von Sach- 



1J S. Exul Act. im geheim. Staatsarchiv 7721, Bl. 4. 6. 8. 

2) Herings Hochland 1, 381. — 

In Johanngeorf^enstadl starb noch 4 739 eine der ersten Bewohnerinneu, welche 4SJahr 
ttiter als die Sladl war, Anna Maria Teller, jedoch nicht Exulantin. S. Cur. Sax 4 734, p. 64. 
Höchst merkwürdig ist auch, dass sie. als sie mit 98 Jahren starb, 4 59 Nacbkotnnten er- 
lebt halle 

3, S. Cur. Saxon, 4 757. 130 IT.» und sein Leben in Diaconus Meissners gedruckter Lei- 
chenprcdigl auf ihn. 



von Chr. Ad. Pescheck. 103 

sen , am \i, Jan. 1670, nach Recess vom 25. Aug. 1674 Parochialrerhl , oino 
Kirche aber 1679, durch Hülfe von Gaben aus Sachsen, Lübeck, Bremen, Däne- 
mark und Schweden. Da die meisten Anbauer Czechen waren, so wurde böh- 
nn'sche Sonnlagsfeier veranstaltet , und der erste Prediger war ein sehr raerk- 
wUrdiger Mann, Stephan Pilarik*) , gebürtig aus Oczorna bei Nousohl in Ungarn. 
Sein Leben giebt uns ein Bild des unruhigen, aber doch beglückten Exulanlen- 
lebens^). Unter mehrern damals aus Ungarn nach Zittau geflüchteten Geistlichen 
(Horaczek, Maswitz, Kalinky, Cracoli u. a.^ zeichnete sich der genannte aus, der 
1673 ankam, hier theils seine Gönnerin, die in Zittau unvergesslirhe GrUfm von 
Hohenlohe wiederfand , theils seine nachkommende Gattin wiederempfieng und 
nebst seinen Söhnen') Jeremias, Esaias und Gabriel viel Achtung und Wohlthal 
fand. Bereits war er an mehrern Orten in Ungarn (Illawa, Oczowa, Felsö-Stra- 
goma, Teplilz, St. Andreas, Trentschin, Bezkow und Wartenberg, aber immer 
wieder von den Katholiken vertrieben) Prediger , auch Hofprediger beim Grafen 
von illeshazy gewesen, und musste nun mit der kleinen Stelle in Neusalz vorlieb 
nehmen 1674 — 1693. In letzterm Jahre starb er und zwar in dem hohen Alter 
von 84 Jahren. — Von einer tiefbetrüblen Exulanlenwilwe, Anna Hadikius, hat 
man noch einen rührenden Brief*) aus iXeusalz. — Pilarik folgte Nik. GUnzel, 
ascetischer Schriftsteller, und im 18. Jahrh. M. M. Niederwerfer, C. G. Richter 
und der in Zittau (wo er schöne Stiftungen machte) verstorbene Joh. Kle>ch, 
ein Sohn des um die böhmischen Protestanten hochverdienten Bücherhdndlers 
Kleych. Mit der Zeit germanisirten sich die böhmischen Familien und der büli- 
mische Gottesdienst gieng ein, ebenso wie in Pirna, Dresden und Zittau. 

Seit 1736 nandich ward, da nur noch drei Böhmen da waren, nicht mehr 
böhmisch gepredigt , und man liess endlich auch die Bedingung fallen , dass der 
Pfarrer böhmisch können und wenigstens die Anzugspredigt böhmisch halten 
müsse. Diejenigen Exulanten aus deutschen Orten giengen in das nahe Sprem- 
berg in die Kirche. 

Herrnbut gehört, als nicht schon im 17. Secu/o entstanden und nicht haupt- 
sächlich von böhmischen sondern meist von mährischen Exulanten erbaut, ei- 
gentlich nicht in den Bereich der Preisfrage: doch soll ihm eine Beilage gewid- 
met sein*). 



i) Jungmanns böhm. Liter. Gesch. i61. S68. Sors Piiarikiana 4680. IS. 

S) Dietmanns sächsische Prieslerschafl I, 4 54. Otto't ok>erl. Schriflstellerlex. II. 805 
Erhards schlesische PreshyteroioKie II, i. 184. Seine merkwürdigen Schicksale schildert er 
iD der Schrift. Turcicotartarica crudeUtas, Bud. 4 684. Sein Bild hat man im Kupferstich. Kiner 
•einer Söhne Stephan Pilarik jun. war zweimal Pfarrer in Ungarn, daxwischen in Schlesien, 
lebte 1689 in Dresden , ward Substitut bemi Vater und 1698 Pfarrer in Kiein-Rohrsdorf. Er ist 
auch Herausgeber eines Katechismus. 

M. Joh Gfr. Pilarlk, geb. 1705. ward 17i6 Conrector und 1781 Recior in Lubben . 1181 
Diacon. in Wittenberg und 1737 Superint. in Hain Lnstreilig ist der jetzige Superint. Pilaiik 
Id Biederitz auch ein Nachkomme. 

8, Sie nennen sich deseriae Panntmiae /liii . stspra ommem airmilaiem ad «liptm rtäucU. 
Sein Enkel war der Superini Pilarik in Grossenhain und sein Nachkomme der Burgermeitter 
Pilahk in Ruhland 

4, Gegenreformation. II. 491. 

3 S. Beilage XMI. 



f 04 Die'^böhmischen Exulanten in Sachsen 

Ebenso wird über die Auswandrerstadtchen Niesky und Goidentraum , die 
sonst auch sächsisch waren, eine Nachricht dort gegeben*). 

Neue Dörfer. 

Im südlichen Erzgebirge und im obern meissner Kreise sind die Dörfer und 
Dörfchen, welche böhmischen üebersiedelungen ihren Ursprung zu verdanken 
haben, in der That zahlreich, und sie verdienen zusammengestellt zu werden. 

Da die Bergarbeiter zu Zinnwald bei Geising durchaus wieder katholisch 
werden sollten und man , nach langer Nachsicht, seit 1728 das besonders völlig 
erzwingen wollie, war ihre Zuflucht der kleine siichsische Antheil von Zinnwald, 
und es kam ein neuer, Georgenfeld benannter, Wohnort zu Stande, wozu man 
zum Theil etwas von den Häusern, Fenslern, TbUren, Oefcn u. a. mitnehmen 
konnte. Altgeorgenfeld ward 1671 und Neugeorgen feld 1728, beide von Exulan- 
ten begründet, für welche im ganzen Lande Collecten gesammejt wurden. 800 
wanderten aus und errichteten 25 Hiluser zu Neugeorgenfeld, und wo , im säch- 
sischen Antheile von Zinnwald, andre sich bei Fürslenwalde, freilich mit sehr 
beschwerlichem Ackerbau , ansüssig machten , entstand der Name Gottgetreu. 
Die Exulanten zu Georgenfeld und Gottgetreu sollen besonders religiöse Leute 
gewesen sein. Zum Andenken an die Uebersiedelung jener wackern, gottes- 
fürchtigen und arbeitsamen Bergleute ward 1828 ein Jubelfest gefeiert*). 

Neuschönberg verdankt seinen Ursprung besonders den aus Katharinenherg 
bei Dux in Böhmen verscheuchten Protestanten'). Es liegt an den waldigen 
Ufern der Flöhe und zerfallt in Ober- , Nieder- und Klein-Neuschönberg. Acht 
Familienväter haben 1651 den Besitzer von Pfaffrode, Dürnthal und Kriebstein, 
den Exulantenwohlthäler und Ober-Berghauplmann Caspar von Scbönberg ge- 
beten, am rechten Ufer der Flöhe, gegenüber der SeigerhUtte, sich anzusiedeln. 
Es ward erlaubt und der Boden gerodet und geebnet, und 28 Hausväter brach- 
ten hier in sieben Jahren ein freundliches Dorf mit Gärten zu Stande. Es bekam 
den Namen Obcr-Neu-Schöuberg und hielt sich anfangs zur Kirche in Olbernhau, 
bis es 1695 eine eigne Parochie ward. Ein eigner Pfarrer ward 1695 möglich. 
1669 kamen neue Auswanderer aus der waldsleinschen Herrschaft Dux. Gleich- 
zeitig entstand auch Nieder-Neuschönberg , worüber Hering*) Folgendes berich- 
ten kann: »Mehrere Bürger von Katharinenherg in Böhmen halten sich, um ihr 
Vorhaben der Auswanderung geheim zu hallen, an einen Tischler in Olbernhau, 
Georg Schmatz, gewendet, welcher auf seinen Namen mit dem Hrn. v. Schönberg 

4) S. Beilage XVIl. 

2) S. Lindnu's Rundgemälde der Gegend um Dresden 424 ff. Kirchengalerie IV, 26. Pe- 
schecks Gegen ref. II. 576. Schumanns Lexikon von Sachsen, XIII, 607. XVIII, 4053. Abge- 
hildet ist es in der Kirchengalerie IV, 20. 

3) S Herings Gesch. des sächs. Hochlandes, ^ 387 ff. Sachs. K. Galerie XII, 75, 205. 
Vehso's Höfe von Sachsen III, 466. Limmers Geschichte von Meissen (4830) 453 ff. 4SI. 

4) Herings Geschichte des sächs. Hochlandes 4, 390. Die Schrift: Beschreibung des zu 
Obemeuschönberg am 25. Aug. 4854 pcfelerlen Jubelfestes der Begründung, vom Pfarrer Gu- 
slnv Starke, nennt die ersten Ansiedler: Georg Kaulfuss, Mich. Otto, Georg Schmatz, Georg 
Döhnel, Hans Klemm, Samuel Schmatz, Matth. Marlin, Lorenz Frank, dem Namen nach keine 
Czechcn Daselbst liest man auch Schönbergs Lehnurkunde d d. Pfaffrode, Weihnachten 4654. 



von Cbr. Ad. Pescheck. 405 

über Ablassung eines vvUsten Platzes unterbandelte und ihn, mit der Erlaubniss 
sieben Häuser darauf erbauen zu dürfen, für 254 fl. und einen jährlichen Erb- 
zins von 8gr. für jedes Haus, nebst 8 Frohntagen und demSpinfien eines Schockes 
Garn, erhielt. Auch wurden für die ersten 5 Jahre alle Leistungen erlassen. 
Sofort begann der Anbau und es wanderten die in Böhmen Bedrängten ein , de- 
nen bald mehrere Familien folgten. Diesem zweiten Dorfe wurde von dem 
wohlthätigen Gerichtsherrn unter landesherrlicher Bestätigung zugela.s.sen , aller- 
lei Handwerk zu. treiben , wodurch der Ort sich ganz besonders hob. u Fast 
gleichzeitig entstand im olbernhauer Thale das Dorf Klein-Neu-Schönberg, 1657. 
Es ward zwar solches nicht von Exulanten erbaut, doch siedelten sich mehrere 
derselben dann an. Die ersten Häuser sind freilich sehr anspruchlose Htltten 
gewesen. 

In der freiberger Ephorie entstand jetzt auch der Ort Deutsch-Neudorf'), 
in bisheriger Wildniss, wo nur 1647 an dem Gränzbach Schweinitz ein Hochofen 
angelegt war. Da Hessen sich 1657, nächst den schon bestehenden drei Hütten, 
auch evangelische Emigranten aus Böhmen nieder, die sich nun zur Kirche des 
Bergfleckens SeilTen halten konnten. Da die Zahl derselben grösser ward, be- 
gannen sie eine eigne Gemeinde zu bilden und errichteten am 8. Febr. 1 660 ein 
eignes Gerichtsbuch. Noch weiss man die Namen des Exulanten , der den ersten 
Richter machte, nämlich Georg Wilnar von Sukidol, dessen Gattin eine Exulantin 
von Brandau war. 1669 ward der Platz des ehemaligen Hochofens ihr Begräb- 
nissplatz, 1696 ward eine Kirche (als Filial von Neuhausen) erlaubt und 17.'ii 
wirklich erbaut. Der Name Deutsch-Neudorf soll der Gegensatz sein zu Böhmisch- 
Neudorf bei Katharinenberg. Das dort liegende Dörfchen Brüderwiese scheint 
durch seinen Njimen ebenfalls auf böhmischen Ursprung zu deuten, l'nweit 
Deutsch neudorf ist auch das hochliegende Exulantendorf Neuwernsdorf). 

Der Flecken Karlsfeld im Amte Schwarzenbeq? vergrösserte sich auch durch 
böhmische Auswanderer, so dass 1684 auch eine Kirche begründet werden 
konnte'). 

Als damals entstandnc Dörflein in jenen Gegenden werden auch Einsiedel, 
Deutsch-Catharinenberg und Holzhau genannt. 

In einer andern Ilauptgegend von Emigrantenniederlassungen , in der süd- 
lichsten Oberlausitz um Zittau haben ebenfalls übersiedelnde Böhmen auf An- 
legung und Vergrössening von Dörfern grossen Einfluss gehabt. Dass in den 
Dörfern um Zittau seit 200 Jahren die Bevölkerung so gross geworden und in 
einigen über iOOO pesiiegen, deshalb auch schon seit länger als 100 Jahren Ver- 
grösserung oder gänzlicher Neubau der Kirchen (weshalb in dieser Gegend alte 
Kirchlein höchst selten sind ; nöthig gewonlen ist , mag unstreitig mit eine Folge 
der Uebersiedeluniien aus den Gegenden von Bumburg und \on Friedland sein. 

.Nahe hei Bumburg liegt das der Stadt Zittau gehörige gros.se Dorf Allg«'rs- 
dorf *, . Diess, einst schon I ;'2Ä genannte Dorf (Gerhardsdorf , war im Hussilen- 

< S. Curinxn S :mn 173«, K,S (f 
i Hierin- 111. ir, l ^73 
3; (.iiittner 46i. 

4 llantiluuli «Irr lio^i IjjcIjIi» \».ii Zi'l.'ii». l.i"*.'. ( arp/ox« IClitrutniipcl dci I u-;.sil/ I. 
il5 {)Uer\ Kir<*h<»ni:aleric 109 



•106 I^ie böhmischen Exulanten in Sachsen 

kriege 1 4S9 gänzlich verwüstet worden und 2 Jahrlmnderlc hindurch wüste ge- 
bh'eben. Dass nun 1665 Herstellung möglich ward um »wie vor Alters ein neues 
Dörfel wieder aufzubauen«, ist Werk von verscheuchten Exulanten, hauptsach- 
lich mahrischen. Nümiich, wo Wald gewachsen, Hess der Besitzer Franz Eusebius 
Graf V. Pölting Bäume fällen und daraus Wohnungen zimmern und sie im J. 1657 
eingeladnen mährischen Exulanten für 52 bis 70 Thir. , auch blosse Baustellen 
um 6 ThIr. ab. Da der gersdorfer Wald zur Lausitz gehörte und die Gegenrefor- 
mation hier nicht herkommen durfte : so nahmen die Exulanten den Vorschlag an 
und der Landvoigt von Callenberg genehmigte deren Annahme. Sie wurden zum 
22. Sept. 1660 vors Oberamt nach Bautzen beschieden, da voriger Vorschlag vom 
10. Oct. 1658 nicht genug Erfolg gehabt haben mochte. Man bot ein Häuschen 
und etliche Schill. Ackers, erst in 12 Jahren zu bezahlen und setzte nur 12 Ho- 
fetage. Und doch fand sich wenig Vertrauen^). Ein andrer Theil des wüsten 
Raumes, wo sonst Gersdorf gewesen , gehörte der Stadt Zittau seit 1590 (von 
den Herren von Schleinitz erkauft) , ward zu Hausstellen 1 662 auch an Exulan- 
ten wohlfeil verkauft und Altgersdorf benannt. 

Walddorf bei Löbau entstand nach 1660 dadurch, dass ein durch einen 
Sturm verwüsteter Waldraum zu Anlegung von Häusern bestimmt wurde. Unter 
den Anbauern waren auch viele, wenn auch nicht böhmische, so doch mährische 
Exulanten, die sich anfangs zur kottmarsdorfer Kirche hielten, aber 1708 an 
einer eignen Theil haben konnten^). 

Bei Weigsdorf, unweit Seidenberg und Friedland, siedelten sich viele fried- 
länder Exulanten an und es entstanden durch sie die Dörfchen Marxdorf, ein 
zweites Neugersdorf ') und Neuminkwitz. 

Bei einem Antheil von Strawalde ist auch die Sage, dass es um 1625, nadi- 
dem eine Pest den Ort entvölkert, aus Böhmen neue Bewohner gewonnen habe, 
welche wohl damalige Exulanten gewesen sein mögen*). 

Das Dörfchen Schönbrunn bei Grosshennersdorf ist ebenfalls eine Exulanten- 
niederlassung. Die Herrschaft, Ilenr. Soph. v. Gersdorf, nahm schon 16JB4 und 
25 solche gütig auf. Es ist da bei 14 Häusern geblieben, zu denen meist auch 
etwas Feld gehört. Während daneben die mährischen Exulanten Hermhul zur 
BlUthe brachten, gieng es mit den böhmischen hier zu Schönbrunn minder ^Ock- 
lich. Sie zogen nach Berlin, wie oben bereits berichtet worden ist*). 

Bei Gebhardsdorf, in jenen Zeiten auch sächsisch, weiss man ebenfalls, dass 
Neu- und Obergebhardsdorf durch böhmische Ansiedler erbaut und durch schle- 
sische Exulanten vermehrt worden ist. 

Volkersdorf aber, wo vor 1653 nur eine Mühle auf einer zu Schwerta einem 
gewissen Volkart gehörigen \Viese stand, ward von schlesischen Emigranten er- 

i] Einige Actenstückc darüber s. Beilage XVIII. Dies ist Neugersdorf , welches jetzt dem 
Pursten von Licbtenstein und nach Altgersdorf in die Kirche gehört. 

2 S. Lindemulh in der obcrl. Kirchengalerie 66. 

3) .Nicht zu verwechseln mit Neugersdorf bei Meffersdorf, das auch von Exulanteo, jedoch 
von schlesischen, erbaut ist, die auch die Bevölkerung von Meffersdorf sehr vemnebrteo, 
um 4660. 

4; S. Gerdesseu in der oberlaus. Kirchengalerie, 264. 
5^ Oberl. Kirchengalerie, (von Bourquin,) iin. 



von Chr. Ad. Pescheck. |07 

baul und bekam, da 44 Häuser waren, auch eine Kirche 1668, die der Diaconus 
von Meflersdorf erst als Filial besorgte, nachdem erst der aus Seidorf in Schlesien 
vertriebne P. Seibt das Amt verwaltet hatte'). 

Auf die Bastei bei Hohenstein flüchteten sich pirnasche Exulanten, nach der 
Misshandlung durch die Schweden , machten den Platz auf eine kurze Zeit be- 
wohnbar und nannten die Stätte Neurathen. 

Neue Kirchen. 

In Dresden lieh man den böhmischen Exulanten die Begräbnisskirche aul 
der Johannisgasse vordem böhmischen Thore, welche bereits seil 1519 stand. 
Baufällig geworden, ward sie -1794 hauptsächlich für die böhmische Gemeinde 
neu aufgebaut, nachdem die Exulanten einstweilen in der Waisenkirche (Jottes- 
dienst hielten. Da in neuern Zeiten die böhmischen Prediger auch deutsch 
predigten , wurde die Kirche auch von deutschen Dresdnern sehr besucht 
(4749 — 1838). 

In Zittau durften nach langem Bitten die Exulanten in einem Nebengebäude 
der Klosterkirche einen grossen Saal im ziemlich verborgen gelegnen Erdgeschoss 
unter der Stadtbibliothek, seit 1690 zu einer Kirche machen. Man that das mög- 
lichste , um den Ort einzurichten , auch von Seiten wohlthätiger Zittauer , und 
verschönerte sie 1794 mit einem neuen Altar. Seit 1833 ist sie nicht mehr zu 
freien Kanzelvorträgen gebraucht und benutzt, seit 1850 aber cassirt. Auch diese 
ward zuweilen von deutschen Bürgern sehr besucht*). 

Die obengenannten Exulanlenstädtchen Johanngeorgenstadt und Neusaiza 
gelangten auch zu Kirchen. Dort hielten sie anfänglich ihre Gottesdienste auf dem 
Hammerwerke Wittichsthal, bis unter grossen Anstrengungen und bedeutenden 
Aufopferungen der Bau der Kirche, zu dem man am 16. Mai 16*35 den Grund 
gelegt, zu Stande kam, nachdem schon früher 25. Oct. 1628 der Kurfürst er- 
laubt hatte, allenfalls an die Gränze, auf sächsischem Boden ein Kirchlein zu er- 
bauen. Ausser einem Pastor ward 1665 auch ein Diaconus angestellt'), so \%ie 
ein Schullehrer und 1688 und 89 ein zweiler und dritter Lehrer. Die Kirche 
ward vollendet 1651, ein Schulhaus 1666; der erste Pastor war Pohcarp Weber 
von Schwarzenberg, der erste Schulmeister Joh. G(*orgi. In Neusaiza musste 
man natürlich zuerst den Gottesdienst in einem Privathaus<» (am Markte) halten*). 
Eine Kirche für die kleine Gemeinde kam mit Hilfe fremder Wohllhaten aus 
Sachsen, Schweden, Bremen, Lül>eck u. s. w. zu Stande, nachdem zu deren 
Bau die verwitwete Frau Anna Kathar. von Salza die Erlaubniss vom Landes- 
herm (vom 10. Aug. 1674 > erwirkt hatte. Der Bau begann nach Ostcrti 1675 
und endete 1678, und am J. Febr. 1679 kam es zur Einweihung*). 1695 — 1703 



i S. laus MiiKazin 1T6H, i30. 4833. 48i. Muitere ol>orl. Reform -GcHch. 780 

i s. ausfuhriiohe Beschreibung in Moraweks xillauer KiulaotenKmchichte, 41 (T ()t>erl 
Kirchenpnlcrie i94 fT. G<*!^hictitc \oii Zittau. 4. U9 f. 

3* S. die üt>cn oiigeftihrten >i hrifteri ul>er ileii Ort. teber ileii Kirrheiil>au » atwltihrl 
Franke s (irumlungs^esch. v. J-deorKtMinUidt is (T 

k) Gerkcni» (ieschirhle \on Slolpen, ivs 

y Die Kin\\rihung«re<1e von Supennt Kunark von Biscli«>fs^trrde iftl noch %urlMiideii 



\ 08 I)>^ böbmi«chen Exulanten in Sachsen 

aber zur Erbauung eines Pfarrhauses. Seit jener Zeit ist die Kirche immer ver- 
bessert worden, besonders 1770 durch P. A. von Schönberg. 

Das vorhingenannte AU- und Neugersdorf bei Zittau, grossentheils von Exu* 
lauten erbaut und bewohnt seit 4657 und 1662, empfieng, nachdem es sich an 
die benachbarten Kirchen zu Eibau und Oberleutersdorf 40 Jahre gehalten, seit 
4 667 wieder eine Kirche , nachdem die allererste, nach 4346 erbaut gewesene, 
von den Hussiten , nebst dem ganzen Dorfe, so verwüstet war, dass Bäume in 
der Ruine gewachsen waren. Es ward die Bevölkerung so gross, dass 4734 eine 
noch grössere, ungemein umfangreiche, errichtet werden musste, welche jedoch 
erst 1851 einen Thurm erhielt*). 

Bodencultur. 

Die Thätigkeit fleissiger Uebersiodler , upter denen auch viele arbeitsame 
Bauer- und Gartenarbeiterfamilien waren, hat gar manche Gegend Sachsens, die 
noch wüst und uncultivirt war, in fruchtbares Land zu Getreide-, Garten -und 
Obstbau verwandelt. Die Umgebungen der neuen Wohnungen verwandelten sich 
unter ihren Händen in GetreideOuren, Nutzgärten und auch Lustgartenbeete. So war 
es in den Vorstädten von Dresden und Zittau, so in Johanngeorgenstadt und Nensalxa 
— wie später zu Herrnhut undNiesky und in allen den obengenannten Dörfern, wo 
Exulanten sich hatten ansiedeln dürfen. Aber freilich waren die Auswanderer 
die Fruchtbarkeit des saazer und des leitmeritzer Kreises, die herrlichsten Ge- 
trcidegefilde , die üppigsten Obstgärten und die lieblichen Hopfen- und Rebeo- 
pflanzungen gewohnt, und kamen nun, namentlich im Obererzgebirge, an Orte, 
wo das Getreide nur kümmerlich gedeiht und kein edles Obst wachsen , noch 
weniger eine Traube reifen kann. Desto mehr haben wir ihre Resignation und 
ihren neuen mühsamen Fleiss zu bewundern , aber auch an die Seufzer zu den- 
ken, mit denen sie der aufgeizebnen Herrlichkeit sich erinnerten, und die Stand- 
haftigkeit , mit der sie jene Entbehrungen ertrugen. 0, wie oft mögen sie ihren 
Kindern von der böhmischen Fruchtbarkeit viel erzählt haben ! 

Weinbau mag wohl um Dresden durch Exulanten von Leitmeritz und Md- 
nick, als erfahrnen Winzern, gefördert und verbessert worden sein; nachdem 
frühere Versuche immer nicht recht gelungen waren*). Denn als 4 646 der Kur- 
fürst Jac. LöfTlern aus Stuttgart zur Unterweisung seiner Winzer hatte kommen 
lassen , folgten diese nicht gebührend und Hessen 4 620 das Gelege wieder ein- 
gehn. Ja, man rottete in der Hoflössnitz^) die bisherigen Pflanzungen aus und 
wählte die würtemberger Methode. 4 648 haben die Exulanten zu Neustadt-Dres- 
den versucht, vor dem budissiner Thore, an der bischoffswerder Strasse Reben 
zu bauen. Es hat aber, gewiss ohne Schuld der melnicker Winzer, solcher Sand 
dem Weinbau nicht zugesagt; dennoch ist zu vermuthen, dass Rathschläge von 
Exulanten aus dem böhmischen Weinlande Gutes gewirkt haben mögen. 



1 Unter süchsischem Schirme wurden auch die Gotteshäuser zu OertmtnDsdorf ond 
Carlsdorf errichtet, von denen wir aber, da sie jetzt nicht mehr zu Sachsen gebOreo, nur in 
einer Beilage (XIX.) sprechen. 

i Hasche's Geschichte von Dresden 111, 4 26. 4 34. 

3) Auch gegenwärtig ist der Hofgärtner im boflössnitzer Weinberg ein Czeche, Tancbek 



von Chr. Ad. Pescbeck. 409 

Dass Hopfenbau von den Exulanten des leilineritzer Kreises versucht wor- 
den, ist \tohl zu vermuthen, da manche sich daheim sehr damit beschiiftigt hat- 
ten und der Anbau in den damals das Brauen so gewallig treibenden Städten 
willkommen geheissen werden musste. In Zittau wurden Hopfenpflanzungen 
südlich in Vorsladlgürten angelegt und obre Geschosse von Häusern zum Hopfen- 
trocknen eingerichtet; aber gegenwärtig ist solcher Anbau wieder verschwunden. 
Auch nach Wehrsdorf kam Hopfencullur, unstreitig durch Exulanten. 

Geschicklichkeil im Gartenbau, besonders in Ansehung der KUchengewächse, 
brachten besonders die Exulanten aus Königingrüz mit, wo diese Galtung Gar- 
tenbau sehr blühte. Da jetzt d.idurch sich Zittau auszeichnet, und die ganze 
Gegend, selbst die benachbarten böhmischen und preussischen , auch entfernte 
Städte versorgt : so ist wohl zu vermuthen, dass an Anlegung der vielen Küchen- 
gärten um die Stadt die Exulanten viel Antheil haben. Kommend mit nur ar- 
beitsamer Hand, wurden sie Pachtgürtner in Zittau s Vorstädten. So in Dresden, 
wo im Kirchenbuche unzählige Zochradnik, d. i. Gärtner genannt werden. 

Bergbau. 

Erfahrne , arbeitsame Bergleute hat das Erzgebirge allerdings gewonnen, 
namentlich an den aus den böhmischen Bergstädtchen Platten, Gottesgabe, Jo- 
achimstbal und wohl auch Kuttenberg und Pressnitz übergesiedelten Bergarbei- 
tern, welche den Bergbau auf Silber, Eisen, Zinn, Vitriol undSchwefel verstanden. 
Die nach längerer Schonung solcher zur Erhaltung des Bergbaues und nach Für- 
sprache um Duldung*) doch endlich kommende Religionsbedrückung') und die Ver- 
günstigung der sächsischen Landesherren, bei deren einem sie am 26. Jan. 1 651 be- 
sonders um Bergbauarbeit in Sachsen baten, lockten sie über die Gränze, wo sie 
bekanntlich Johanngeorgenstadt erbauten und der Freiheit theilhaftig wurden, 
welche die Landesherren den Bergstädten zugesichert hatten'). Man konnte in 
Sachsen erfahrne B<Tgherren trefflich brauchen. So z. B. empfahlen sich Wolf- 
gang Holzet von Sternstein und Joh. Freystein , die bisher ansehnliche Aemter 
in Joachimsthal Ix^kleidet hatten, so dass jener ein schneeberger Zehndner, letz- 
terer auch Kobaldinspector ward. Auch er zeichnete sich, wie die meisten Exu- 
lanten, durch sehr langes Leben aus, indem er 83 Jahr erreichte. 

Gewerbthätigkeit. 

Solche ist in vieler Hinsicht durch die Ankömmlinge (unter denen sich auch 
viele geschickte Handwerker befanden) vortheilhaft und für die aufnehmenden 
Städte segensreich gefordert worden, in der OI)erlausitx die Weberei, im Erzge- 
birge und Voigtlande die heut noch bestehende Fertigung gewisser andrer Ge- 
genstände. Für Böhmen war es grosser Verlust, dass soviel Gowerbfleiss in Lein- 
wcben*i und Tuch macherei, in Blecharbeit, Blaufarbenwerk und Verfertigung 
musikalischer Instrumente sich nach Sachsen zog. was selbst der l>crühmte Sla- 



I) Petchecks Gegenreformalion II, il8 IT. 

i) Man woHle , wenn Me niclil binnen U Tagen ktlholi$ch wurden, aach mit Biecution 
durch Kcuer und Schwert s^io heimsuchen. S. Frnnke s Joh -(ieorgentt. St. 
3 Herin};» Gettchichte des sAchn. Hochlandü I, 114. 



i(\Q Die böhmischen Exulanten in Sachsen 

wata ausdrücklich bedauert*). Webererin Linnen und Wolle blühte zwar sdion 
zuvor, vorzüglich in Zittau, aber die so gar grosse (jetzt nur allzugrosse) Zahl 
der Weber auf den Dörfern an der böhmischen Grttnze bei Zittau, mag doeb 
wohl eine Folge der Einwanderung sein. Bestimmter wissen wir es von der 
Tuchmacherei, die namentlich in Zittau, Bernstadt und Seidenberg nun weit mehr 
als in andern Städten blühte, da die übergesiedelten Tuchmacher von Friedland 
und Reichenberg ^) vortheilhafte Kundschaft mitbrachten, die nach den Stockun- 
gen des dreissigjährigen Krieges sehr erwünscht sein musste. In Zittau erschien 
im Jahre 1651 eine Anzahl von 50 reichenberger Tuchmacherfamilien, die sich 
unterzeichnet haben als » 50 arme der Religion halber vertriebne Personen, sammt 
Weib und Kinderna, für deren Aufnahme der Stadt allerdings ihr Lohn ward. 
Vorher hatten sie unterm 2. Juni 1 651 den Kurfürsten gebeten, nach Zittau ziehn 
zu dürfen und am \2, Juli gaben sie ihre Namen beim oberlausitzer Landvoigt, 
der jedoch Ansiedelung nahe an der Gränze widerrieth, an, z. B. Joachim Möller, 
Jonas Junge , Matthäus Niederle , Matthäus Prade. Mehrere Namen solcher findet 
man theils auf Leichensteinen in Zittau, theils im Tuchmachermeisterbuch'). 
Auf jenen liest man z. B. die Namen von heut noch lebenden Tuchmacherfamilioi 
z. B. Pabst, Seidemann von Friedland. Im Meisterbuche steht noch daslnnung^- 
decret über ihre Annahme vom 9. Mai 1650. Sie sollten jeder 2 Thir. zahlen 
und ihre Weiber und Kinder durch Gabe eines Viertels Bier einkaufen. Diese 
hiessen Möller, Knobloch, Tedel, Böttner, Kratzer, Horke, Kirchhof, HoflTmann, 
Junge, Gärtner, Zacharias, Lehmann , Pfeiffer u. a. So geschah es auch am 24. 
Juli 1651. Da kamen die Meister Rumpier, Paul Möller, drei Scholze, Knoblocfa, 
Schröter, Grüner, Hoffmann, Junge, Gärtner, Niederle, Ernst, £hrlich,^bermann, 
Wenzel, Prediger, Scheller, Kleinmass, Pilz, Prade, welche ebenso ihre FamilieD 
zusammen mit 4 Vierteln Bier einkaufen mussten. Mitgebrachte böhmische Ao- 
tenstücke hat man leider jüngst vernichtet. Der Absatz gieng damals vorzOgikh 
nach Würtemberg und Elsass. Fernerer Tuchhandel nach Böhmen wollte dort 
nicht geduldet werden. Die böhmischen Tuchmacher wollten nicht leiden , dass 
zum Königreich »nicht mehr gehörende Meister, sonderlich unkatholische«, auf 
ihre Märkte kämen und ellenweis verkauften , laut Beschwerde vom 26. Aug. 
1651 . Unterm 19. Nov. 1652 bat man aus Zittau den Kurfürsten um Intercession. 
Sie klagen bitterlich , dass sie in böhmische Städte nicht handeln dürften ( be- 
sonders nicht ellenweis ) , ja sich bei Gefahr schweren Gefängnisses in Böhmen 
nicht dürften blicken lassen, dass man sogar auch nun eingebome zittauer Mei- 
ster nicht wolle handeln lassen, was doch selbst Juden dürften. In der Bittschrift 
nennen sie sich : exulirende , aus Reichenberg gewichne Tuchmacher , jetzt Mit- 
bürger in Zittau, »gewichen wegen des allein seligmachenden Wortes Gottes und 
der erkannten ungeänderten augsburgischen Gonfession , wegen wahren Gottes- 
dienstes hart gedrängt und bekümmert, doch erlangt habend in Zittau herzliche 



i] Ludwig, Germania princeps, 302. 

2) Nemelhy's Schrift über Friedland, 72. Carpzov, Fasti ZiUav. IV, 169. Czöniigi Ge- 
schichte von Reichenberg 69. Doch war der ersle Tuchmacher ReicbeDbergs ürban Hofnutna 
1 579 selbst von Seidenberg dahin gekommen 4 633 waren sie ansehnlicher. Rohns Chrooik 
von Friedl. u. Reichenb. 19, 4 fT. 

3) Geschichte von Zittau, II» 82 ff. I, 296. 



von Chr. Ad. Pescheck. 4 \ i 

Trost und Besänftigung der betrübten Gemüther«. Da bat nun der Kurfürst den 
Kaiser , » es möge doch der Unterschied der Reh'gion das Band der Commercien 
nicht aufheben«. Ferdinand rescribirte aus Regertsburg am 20. April und 27. 
Dec. 1653 , er wolle Erlaubniss geben , sofern diese Tuchmacher »sich der Reli- 
gion lialber unilrgerlich verhielten«. Uebrigens, sagt er, wUren die Emigrirten 
nicht zu betrachten als von der Lnterthünigkeit entbunden , sondern sie seien 
wirklich anzuhalten als Flüchtlinge und mUssten dann von ihm ihren Herrschaf- 
ten zurückgestellt werden. — 

Auch in Bernstadt machten übergesiedelte Tuchmacher das Gewerbe blü- 
hender durch ihre Handelsverbindungen mit Leipzig und Naumburg. 

Zu Seidenberg (damals sachsisch) musste, als in einer kleinen Stadt, die 
Uebersiedelung von 120 Familien aus Friedland 1652 sehr merklich wer- 
den*). Unter ihnen sind viele Tuchmacher gewesen, die das Gewerbe sehr 
gefördert haben. Schon 1624 — 26 waren viele gekommen, jedoch nicht mit 
dem Gedanken, hier zu bleiben. Immer mehrere böhmische Bürger kamen mit 
dem Exulantenstabe nach, besonders 1640 (wo sie über 20 Hüuser in Folge des 
Krieges herrenlos fanden, also gewiss wohlfeil erhalten konnten) und in den fol- 
genden Jahren 1650 und 51 nach dem Abzug der Schweden. Das hatte auch, 
nebst der Einpfarrung von Mostrichen , das nun seinen evangelischen Pfarrer in 
Wiese verloren hatte, die Folge, dass in Seidenberg nun ein zweiter Geistlicher 
angestellt werden musste. 

Die Arbeit mit Verfertigung musikalischer Instrumente von Holz und Mes- 
sing, nebst Saiten, welche zu Klingenthal blüht, ist auch durch böhmische Gei- 
genmacher, welche, nebst Bergleuten und Waldarbeitern, als Exulanten ankamen, 
begründet worden. Die Fabrikation von Geigen , Violinbögen , Resonanzböden, 
Harfen, Orgeln, Klavieren, Fortepianos und Guitarren ward endlich immer um- 
fangreicher und verbreitete sich auch nach Marktneukirchen , Schöneck , Adorf, 
Erlbach und Zwota und es ziehen Händler damit durch Europa , ja bis Afrika 
und Amerika*). Gegenwartig treiben in der klingenthaler Gegend 10000 Perso- 
nen diese Arbeit, die neuerdings auch von der Regierung sehr gefördert wird. 
Ja auch Förderung von Musik und Gesang mag von Ankömmlingen aus dem mu- 
sikalischen Böhmen mitgeschehen sein. 

Die grossartigen Biechlöffelfabriken zu Beierfeld bei Eiterlein und die Blau- 
farbenwerke in der Gegend von Bockau sollen auch Exulantenwerk sein ( ehe 
sich diese Arbeit einst im Kriege nach Schlesien und in der Theurung nach Böh- 
men verpflanzte). 

Beförderung des Handels durch die Exulanten war insofern möglich, dass die 
Ankommenden neue Gonnexionen mitbrachten z. B. Tuchhandel, wie bereits bei 
Erwähnung der Tuchmacherei angegeben ist; ferner zum Viehhandel und Bettfe- 
d^rhandel aus den czechischen Gegenden, den immer zittauer Ansiedler, der dorti- 
gen Sprache mächtig , am besten vermitteln konnten. Dass der Exulantenort 
Herrnhut, freilich spater, viel Handel vermitteln konnte, mag beiläufig auch 
mit erwähnt sein. 



1) Nemethy's Friedlaod 72. 

i< Cngelhardts Vaterlaodskuode, 1815, 176. 



142 Dio böhmischen Exulanten in Sachsen 

Etwas sehr eigentbUmliches und zwar für Zittau in gewerblicher, für Böh- 
men in religiöser Hinsicht wichtiges, ist der um 1 720 durch den Exulanten Eleych, 
aus Luzan bei Lcitomischl , betriebne höhmische Bücherhandel, der der zittauer 
Druckerei, wie später der laubaner (bei Scharf, unter Anleitung des zittauer Exu- 
lantenpredigers Waesserich) und früher schon der pirnaer, viel Arbeit und Ver- 
dienst gab. Bekanntlich hatten in Böhmen die Jesuiten alle protestantischen Er- 
bauiingsbücher vernichtet, und doch war es zur geistigen Nahrung für die heim- 
lichen Protestanten, zumal da die im 16. Seculo zu Jungbunzlau gedruckten 
Erbauungsbücher der Brüdergemeinde nur ganz selten waren, so dringend Döthig, 
fur neue zu sorgen. Wer hätte dafür sorgen können als ein czechiscber Böhme 
ausser Böhmen (wo an Druckerlaubniss nicht zu denken war) , ein Vaterlands- 
freund, ein religiöser Mann? Und ein solcher, für Böhmen, auch Schlesien, 
Oestreich und Ungarn unendlichen Segen stiftender, Mann, der das Gefährliche 
auch wagte, fand sich indem unvergesslichen Wenzel Kleych, gebürtig aus Luzan 
in der Herrschaft Leitomischl 1678, nachdem schon 100 Jahre früher in Pirna 
ein andrer thätiger Exulant, der viel genannte Martini, für einige böhmische 
Drucke zu sorgen unternommen hatte. Kleych war ein wohlmeinender und ihü- 
tiger Landmann, der wegen Lesung evangelischer BUcher (die unendlich streng 
verboten und aufs härteste bestraft ward*)) , verfolgt, ein grosses Bauergut und 
alle Habe verlassend, mit seinem Weibe, Katharina geb. Fickeisen, und seinen 
Töchtern , die sie als Kinder auf dem Bücken trugen , und mit 20 Thir. nach 
Zittau sich rettete; wo er anfangs mit Handarbeit (Spinnerei und Pachtgartenbau] 
sich nährte. Zu Büchervermittclung veranlassten ihn evangelische Geistliche in 
Ungarn ; er aber wagte sie und hielt ein verborgnes Lager beim Prediger in 
Teschen und schafite Nachts ganze Transporte von evangelischen Büchern nach 
Ungarn; ja er liess selbst böhmische BUcher abdrucken^) und zwar bei den thtt- 
tigen zittauer Buchdruckern Hartmann und Stremel , und ist auf dem Titel als 
Herausgeber genannt. Den Anfang machte er vor allen Dingen mit dem nun, 
nach den immer fortgesetzten Bücherexecutionen ') , so selten gewordnen Neuen 
Testament in czechiscber Sprache , mit Vorbericht und Einleitung von Christian 
Pescheck , der auch für die Kinder sorgte und in dessen noch vorhandner Cor- 
respondenz mit ungarischen Geistlichen Kleychs oft gedacht wird, und der die 
langhansische Postille böhmisch herausgab, auch Katechismen , augsburgischer 
Gonfession. Stremel druckte des exilirten Geistlichen Jacobäi Gebete, des zittauer 
Geistlichen Moteschizky Busspredigten, ja auch ein Gesangbuch, Katechismen 
und sogar die Agende^). Er erlangte sogar ein kaiserliches Decret, womach er 
auf dem Kirchhofe zu Teschen seinen Handel treiben durfte. Nachdem Kleych 
(zuletzt auch Gartenbesitzer in Zittau und Besitzer von 400 Büchern) auf einer Reise 
in Ungarn 1737 zu Nezpai mit 60 Jahren gestorben war, wurde seine verdienst- 
liche Thätigkcit durch Martin Horak fortgesetzt. Derselbe war aus Ghlab in der 

1) Act. hist. eccl. XVH, 236. 239. 749. 

2) Knaulhs Geschichte der oberlaus. Buchdrockereien, 75 — 78. 

3) S. Holyks anschauliche Erz&hlung, im lausitzer Magazin 1837, 14 f. Gegenreformatioa 
ir, t03 ff. 

4) S. Christian Peschecks Verzeichniss der böhmischen Drucke, in Knauths Amioi, iypogr, 
Lusat. 75 ff. Aber auf den Titeln wagte man weder Zittau noch Kleych lu nennen. 



von Chr. Ad. Pescheck. f f3 

Gegend von Cznslau ^ katholisch und Wirthschaflsschreiber gewesen , seit 4753 
evangelischer Bürger in Zittau , erst VictualienhUndler, dann seit 1768 BUcher- 
htfndler. Er verschaffte den Böhmen besonders die zu Hall^(wie in unserer Zeit 
zu Berlin) gedruckten böhmischen Bibeln und bediente sich der laubaner Officin. 
Von manchen Büchlein konnte er starke Auflnpon wagen, wohl an 6000 Exem* 
plare. Noch halt es heilig, wer in Böhmen ein solches Buch besitzt. Nichts ward 
beliebter als seine Spaletschky, d. i. Klotzet, ganz kleine TaschengebetbUchlein, 
nicht viel grösser als ein QuudratzoII, wovon schon die erste Auflage 2000 stark war. 
Zehn Jahre lang trieb llorak diesen gefahrlichen Handel und trug nebst Kleych 
ungemein viel zur stillen Erhaltung des Protestantismus in Böhmen bei*). Er 
lebte bis 1798. Unter einer Vorrede solcher zittauer Btlcher ist auch eine Czechin 
Namens Badanko genannt. Auch der böhmische Schullehrer in Zittau Johann 
Ausch\\ itschka trieb um 1758 Handel mit evangelischen Büchern in Böhmen. 
Die Verdienste zittauer Manner uni Erhaltung des evangelischen Glaubens in 
Böhmen und anderen kaiserlichen Staaten waren also nicht gering; aber es war 
auch schon wegen der durch Exulanten geförderten Gevverbthatigkeit in Zittau 
und Lauban dieser Umstand zu berichten. Da freilich die Vernichtung evangeli- 
scher Bücher ein Hauptaugenmerk der Jesuiten war: so war dieser Handel höchst 
inisslich und gefährlich, und man weiss, dass z. B. der Schullehrer Martin Ko- 
pezky aus Wessely bei KönigingrUz, der manchmal nach Zittau kam, ja 1725 mit 
Weib und Kind dahin gezogen war , solche kleychsche Bücher zu kaufen , den 
Jesuiten welche zur Verbrennung überlassen musste, ja, dass man, um seinen 
Zorn an dem Burggrafen von Gitschin, der dem Kopezky Bücher aufgehoben hatte, 
auszulassen und ein abschreckendes Beispiel zu statuiren , jenem ein Grab auf 
dem Gottesacker versagen wollte, Kopezky aber mit Kerker und Geld bestraft 
ward , wahrend Verrathern heimlicher protestantischer Bücher zehn Gulden Be- 
lohnung ofTerirt wurden, wodurch freilich erklärlich wird, warum jene geheimen 
Protestanten ihre Bücher manchmal — einem bösen Kettenhunde zur Aufbe- 
wahrung unter seine Hütte übergeben oder im Keller im Sande verscharren 
mussten. Wie wohl musste es daher den Uebergesiedelten thun, dass sie ihre 
Bücher nicht zu verstecken brauchten und nicht mit Angst nur lesen konnten, ja 
ihnen selbst die Buchdruckereien zu Gebote standen'). Uebrigens wurden auch 
zu Halle und Berlin manchmal böhmische Drucke geleistet. 

In Anschlag sind auch die guten Beispiele der Exulanten zu bringen. Sie 
mussten fleissig arbeiten. .Man denke z. H. an die Frauen und Töchter aller der 



I) OUosoherl. Schririslellcrlex. i. v. ßerger 111, 6M. II, Ü7S. Morawekt Exulanten in 
Zittau 4 01 (T. — Die Duhnien empfiengen nach und nach mei»t in halle gedruckte t>ber> 
Setzungen der ascetischon Werke von Arndt, Spener, Francke, Rambach, Bogazky. Leber Ver- 
folgung dieses Bücherhandels s. Act.hisi. eccl. III, 7ü8. Auch der bohni. SchuUehrer in Zilta« 
Job. Auscbwitzka trieb Handel mit evangel. Büchern nach Böhmen um <759. 

i Der gelehrte Czochc Abi Dobrowsky sagt in einem «8i« von Prag nach Zittau ge- 
schriebnen Briefe ; »Liesse sich denn nicht eine kurze Nachricht ul>er die zu Zittau gedruckten 
böhmischen Bücher verfassen? Die meisten müssen sich doch in den Händen der Glieder der 
böhmischen Gemeinde daselbst Itofmden. hi einer (ie:*chichte der böhmischen Kmigranlen 
musüte auch die Druckerei einen .\rtikel ausmachen Welches i!»t wohl das erste zu Zittau (e- 
druckle böhmische Werk un<l welches das letzte?« 

Prsrheck, Dir buka. K&aUalra. H 



1 1 4 I)'® böbraiscben Exulanten in Sachsen 

Geistliclien, die nun brodlos waren. 0, wie fleissig mögen ihre Frauen, Töchler 
und Witwen in ihrer Bedürftigkeit gesponnen und genaht , wie willig Arbeiten 
übernommen haben.* Unmöglich können solche Beispiele bei den Einheimischen 
ohne beschämenden lüinQiiss geblieben sein , und wohl nicht minder bei den 
Mttnnern und Jünglingen. 

« 
2. Folgen für die geistige Cultur. 

Wenn Finsterlinge gute Köpfe aus den Ländern verbannten : so kamen solche 
Rräfle den andern Landen zu gute, wie die Geschichte oftmals gelehrt hat. So 
hat Böhmen damals seine besten Köpfe, auf Betrieb der Jesuiten, verlieren müs- 
sen ; denn eben die gescheutesten waren unkatholisch und neuem Lichte gefolgt. 
Die Jesuiten wünschten bekanntlich, die Nachwelt solle glauben, dass es vor ihrer 
Ankunft keine sehr gelehrten Männer in Böhmen gegeben habe; darum ward 
das Andenken der geächteten und geflüchteten trefflichen Gelehrten absichtlich 
mit Finsterniss und Vergessenheit bedeckt. Der vorurtheilsfreie Historiker Pelzel 
beklagt das sehr und hat ihr Andenken bekanntlich erneuert. Derselbe bat auch 
in seinen Lebensbeschreibungen böhmischer Gelehrter ausdrücklich folgendes 
gesagt: »Es ist nicht eines der geringsten Uebel, die die Spaltungen der Religion 
lind die Glaubensneuerungen in Böhmen angerichtet haben , dass so viele ge- 
lehrte und geschickte Männer ihr Vaterland auf ewig verliessen ; wodurch der 
Aufnahme der Wissenschaften kein geringer Abbruch geschehen ist.« Wenn nun 
die freiere Intelligenz fortan, in Folge der in Böhmen geübten Maassregeln , da- 
selbst fehlte: wo fand sie ihre Zuflucht? Zum Theil in Sachsen. Zwar sind, 
während der evangelische Bauern- und Bürgerstand in Dörfer und Städtchen, 
und Adelige in die ansehnlichem Städte übergesiedelt*], Gelehrte meist in grtfs- 
sre Ferne, nach Dänemark , Schweden , England und Holland geflohen ; so dass, 
wie Pelzel auch sehr bedauert*) , viele fortan verschollen sind , während er doch 
manchem ein biographisches Denkmal in seinen Lebensbeschreibungen böhmi- 
scher Gelehrten stiften konnte. Jedoch zog nach Sachsen eine bedeutende Zahl 
von Männern aus dem Gelehrtenstande, allerdings meist die am ehsten und 
schärfsten verfolgten Theologen, doch auch viele andre gelehrte Männer, wie die 
schon erwähnten nach Pirna gezognen Stransky und Troilus, wie die Aerxte 
Macasius und Borbonius, die nach Zwickau und Zittau kamen. 

Um die Menge der theologischen Gelehrten zu zeigen , lässt sich ein Induc- 
tionsbeweis führen, wenn man hier, schon um die Grösse des damaligen Elendes 
anschaulich zu machen , eine (mühsam zusammengebrachte) Sammlung von Na- 
men der vertriebnen Geistlichen mittheilt. Oder wollten wir sagen, es wtUrden 
wohl die Geistlichen jener Zeit gar sehr gelehrt nicht gewesen sein : so bedenke 
man nur, dass ja damals schon berühmte Gymnasia waren, wo jene Männer zum 
Theil studirt haben , da ja Böhmen damals nicht so abgeschlossen gewesen war, 
nämlich zu Goldberg, Zwickau, Zittau, Görlitz, Pforte und in Böhmen selbst das 



Ij tJeber die damalige Wissenschafllichkeit und hohe Bildung des böhmischen Adels s. 
eine wichtige Abhandlung von Adauctus Voigt, vor dem 2. Bande der Left>en8besclireibuiig 
böhmischer Gelehrter IV, 41 . 

2) Geschichte von Böhmen II, 197. Lebensbeschreibung böhm. Gelehrter 111» 467. 



von Chr. Ad. Pesclieck. ^^5 

schöne protestantische rosenbergische Gymnasium illustre zu Sobieslaw im be- 
chiner Kreise*} , und das Bildungsinstitut der Brüdergemeinde zu Koschumberg 
im chrudimcr Kreise, und zuletzt auch dns lutherische Gvnmasium bei der Sal- 
vatorkirche in Prag selbst , so wie in Jungbunzlau, in Schlackenwald, und die 
evangelische Schule inPrerau in MUhren. FUr die Gelehrsamkeit jener Geistlichen 
zeugt auch die (dann unter Böhmens Geistlichen ganz verschwundene) Schrifl- 
slellerei. Freilich müssen wir bekennen, dass ihre Gelehrsamkeit minder wissen- 
schaftlich als polemisch war; allein das lag im Geiste und in der iNothwendigkeit 
der Zeit und Umstünde. Merkwürdig ist, dass von jener Zeit der böhmische AI- 
terthumsforscher Wocel sagt : auch die Ritter seien damals halbe Theologen ge- 
wesen^). Aber was zeugt für die Geistlichen dann in Sachsen? Ihren vorzüg- 
lichen Werth kann man wohl nicht besser beweisen, als wenn man in grosser 
Anzahl Beispiele anführt von Geistlichen, die man vielen sächsischen vorzog in- 
dem man sie bald mit hohen Stellungen betraute. Sie wurden Pastores primarii 
in den Städten und Superintendenten , und kamen auf die einträglichsten Stel- 
len'), auch als Hofpredifzer. 

Von der Intelligenz der Leute aus dem Bauernstande geben noch mehrere 
Papiere aus dem Zeitalter 1650 Zeugniss. Die schriftlichen Nachlässe, welche in 
den Exulantenfdinilien Peschek und Morawek noch heilig aufbewahrt werden, 
zeigen, dass jene Bauern 1600 — 1700 gewandter mit der Feder waren als die 
süchsischen um 1800. Auch Palacky*) sagt: »Die religiösen Schutzschriften der 
Brüder, meist von ungelehrten Laien verfasst, geben unerwartete Aufschlüsse 
über die Masse von kirchenhistorischen und andern Kenntnissen, die damals un- 
ter dem gemeinen Volke in Böhmen und Mahren verbreitet waren. Die böhmi- 
schen Brüder verschmähten, bei all' ihrer frommen Einfalt, den Anstrich einer 
feinen humanistischen Bildung nicht.« Auch durch die exilirten Frauen mag die 
Intelligenz bei sächsischen Frauen gemehrt worden sein. Wir haben keinen 
Maassstab die Cultur beider gegeneinander abzumessen ; aber es ist sogleich 
vorauszusetzen, dass die Bekanntschaft mit fremden Frauen die Einseitigkeit ge- 
mindert , zu vielem Nachdenken über das Unglück der Fremden geführt und so 
manche Tochter Sachsens irgend etwas gelernt hat, was ohne die Fremden nicht 
gelernt worden wäre. Wir dürfen voraussetzen , dass die religionsbesländigen 
Frauen aus Böhmen durch ihre Glaubenstreue, ihre eheliche Anhünglichkeit und 
ihre Standhafligkeit im Entbehren und Dulden nachdenkungswUrdige Beispiele 
Sachsens jungen Töchtern aufgestellt haben. Etwas, das wir von den böhmischen 
Protestantinnen gew iss wissen , ist ihre reiche Religionskenntniss und ihre Ver- 
trautheit mit der Bibel, die eben im Bibelverbot ihre Wurzel hatte. Diese Bibel- 
festigkeit war sogar 1451 dem päbstlichen Legaten in Böhmen Aeneas Sylvias 
(nachmals Pabst Pius IL) aufgefallen: daher er bekennen muss, dass in Italien 
die Priester kaum Einmal das neue Testament durchläsen, bei den llussiten aber 
kaum eine gemeine Frau wace , welche nicht ülier alt- und neiiteslanientliche 



4) S. Pescheckt Gof^eoreformation l, 119. 

i) Wocels bOhrai»cbe AliertbUmer. 4 84. 

Zi S. BeiltKe .XX 

4 In den Jahrbüchern des bohmitchen Muneums, 1194, llefl 1 

8 



\^Q Die böhmischen Exulanten in Sachsen 

Angelegenheiten Rechenschaft geben könne'). So weiss man auch die Anecdote 
von dem trefflichen höhmischen Historiker Balbinus, der als Jesuit auch Predigten 
zu halten hatte und irrthUmlich einen biblischen Spruch falsch citirte. Da ist 
eine Hussitin aufgestanden und hat sich zu sagen erkühnt: »Nein, Herr Pater, 
der Spruch steht nicht da, wo ihr sogt, wohl aber etc.« So war auch bei den 
Wiklefiten das Bibelwort bei Mannern und Frauen mehr bekannt und besser 
verstanden als von hohen Klerikern. 

Die Menge geflüchteter Gelehrten hatte auch Kinfluss auf die studirenden 
Jünglinge^]. Da jene eigentlich mUssig waren, suchten sie Gelegenheit ihre Kennt- 
nisse Jünglingen mitzulheilen. Die Connexion ist zu beweisen durch sogenannte 
Stammbücher damaliger Jünglinge. So befindet sich in Zittau in der Ratbsbi- 
bliolhek das Stammbuch eines Georg Reingast, der endlich 1686 als emeritirter 
Stadtrichter starb. Jenes Buch trügt die Jahrzahl 16^3, ist also eben aus der 
Zeit, da jene Gelehrten nach Zittau flüchteten. Darin ßndet man folgende in dieser 
Abhandlung oft genannte unglückliche MUnner wie den Consistorialadministrator 
aus Prag, den bekannten Georg Dicastus. Die nämliche Hand, welche die Krö- 
nung des Winterkönigs vollzogen hat, schrieb die Bibelstelle i Tim. 2, < — 3 
ein, und darunter: Georg Dicastus , olim administrator consistorii Prayensis et 
Pastor Cathedralis ecclesiacy quae vocatur Thain^ in veter i urbe y jum praescriptus 
exuly 18. Oct. <624 manu sua scripsit optimae indolis et praeclarae spei juveni 
Georgio Reingast y amico carissimo. Ferner ist eingezeichnet: Jonas Scuitetus, 
verhi divini minister quondam Hirschbergae in Bojemia jum e.r\tl y 8. Aug, 1630. 
In diesem Buche flndet man auch das bezügliche Distichon : 

Non eilt aeteimum quod nos premit vndique fatum, 
Dextra Dei in melius wertere cuncta potest. 

Unterschrieben ist: Christophorus Lichtnerus Crazovia BohemuSy untehac 
Nimesensis ecclesiasteSy jam vero consecraneus. Amoris et memoriae ergo scrihebat 
Zittaviaey 22. Febr. e\ eXJLlo LJberablt Me De Ts, d. i. 1629. 

In Johann Hartigs zittauer Stammbuche flndet man auch den oftgenannten 
Dr. Matlh. Borbonius von Borbenheim, med. Dr. Pragae , d. 46. Apr. 4624. 
Eingeschrieben hat er das medicinische Wort des Celsus : Is multos curat , et/i 
mtdii fidunl. 

Jene getrosten Hoffnungen des Christ. Lichtner giengen an diesem Manne 
herrlich in Erfüllung ; er bekam nämlich neue Aemter und ward endlich P. Prim. 
in Görlitz, wo in der Sacrislei der Hauptkirche sein Bildniss zu sehen ist. 

Man flndet den Beweis, wie die exilirten Gelehrten in Sachsen sich der 
studierenden Jünglinge angenommen haben, in noch mehrern Stammbüchern 
jener Zeit. Schon 4 622 schrieb der genannte wichtige Flüchtling Georg Dicastus 
von Mirzkowa in das im zittauer AltertbUmermuseo beflndliche Stammbuch des 
Jünglings Melchior Exner mit den Worten : Novit Dominus viam justorum sich 
ein , empfahl die Leetüre des Briefes Pauli an die Römer und unterzeichnete sich 



1 ) Pudeat Italiae tncerdotes , quot ne semel quidetn novam legem eonsiat legisse. Apud TaUh' 
ritas vix mtUierculam invenies , quae in novo testamento et veteri retpondere nesciat. Perßäum 
genus iUud hominum hoc solum boni habet, quod literas amat. 

ij Z B. ÜülanskN S Schröters Exulanlengeschichle 21. 



:«« 



von Chr. Ad. Pes»check. -H 7 

oltm administratov consistorn Pnujensis , jnm miserrimus exul. In demselben 
Stanimbuchc stehn , an einem Tage, den 4. Jan. tG^3 eingezeichnet die oft ge- 
nannten prager deutschen Diaconen M. Fabian Natus und Siegmund Schererz, 
eben jetzt als Exulanten in Leipzig lebend. Ersti^rer schrieb ein : in spe et si- 
lentio , in fide et virtute , und unterzeichnete sich hactenm ecclesiae Salvatoris in 
veteri regia Pragn minister et pro tempore exul Christi. Scliererz aber schrieb : 
nee spe nee metUy nee favore nee odio^ und unterschrieb sich nur ecciesiastes Pia- 
gensis. Als exiiles Christi stchn auch da : Johann Kninsky , olim minister verhi 
Dei in Bohemia^ 16*^5, so: Ainbrosius Pacovinus mit den bedeutenden Worten : 
afflictis requies et affligentibus ira ! Quando ? royas , Christus quando redibit^ ertt. 
Auch wird in diesem Stammbuch der sehr namhafte Böhme Abraham Bock ge- 
funden. Und der nachmals berühmte Professor Aug. Buchner in Wittenberg 
nennt in dem Stanmibuche des Exulanten M. Georg Jacobäus, der dann böhmi- 
scher Prediger in Dresden ward , diesen seinen spiritualis pater benevolus und 
spricht von schuldigster Dankbarkeit, 1629*). Ueber das Stammbuch des Past. 
Wangenheim s. oben die Nachricht von Altenberg, wo die eignen rUhpenden 
Verse des Wenzel von Stampach stehen. In dem reingastischen Stammbuche zu 
Zittau steht : Jonas ScultetuSj verbi dirini minister quondam Hirschbergue in Bo- 
jemia^ jam exul <630. 

Erkennt man aus alledem den vielen lehrreichen l'mgang der exilirten (le- 
lebrten mit den studierenden Jünglingen in Sachsen, so lässt sich daraus auch 
schliessen, dass sie in den llciusern der Aeltern jener Jünglinge gern gesehen und 
willkommen geheissen worden sind und ihnen manche Annehmlichkeit und 
mancher Trost in ihrem bittern Exil geworden ist. 

Wenn wir bei den standhaften Protestanten, welche die Auswanderung 
vorzogen , einen tüchtigen Charakter voraussetzen dürfen und sie für nachdenk- 
liche und goltesfürchtige Vater und Mütter erkennen müssen , und also ihre Ue- 
bersiedelung nach Sachsen als einen Segen für unser Land betrachten wollen : 
so fragt sich: haben solche Familien wirklich für Sachsen Gewinn auch durch 
ihre Nachkommen gebracht? und es bietet sich da, bei Untersuchung der Sache, 
das überraschende Resultat dar, dass Exulantensöhne sich vor andern ausge- 
zeichnet , ja dass die fleissigsten , besten Schriftsteller derjenigen Provinz , dahin 
die meisten Exulanten gekommen sind (nHmlich die Oberlausitz) , im Zeitalter 
der Exilirung Exulantensöhne gewesen sind , was jetzt durch Erinnerung an 
Weise, Ilofmann und Keimann, an Peschek . Knauth und liübner bewiesen 
werden soll. 

(ieorg Weise war als Exulant nach Lichtenberg bei Zittau gekommen , wo 
der geflüchtete Pfarrer von Weisskirchen, Paul Hartmann, auch seine Zuflucht 
hatte. Weise hatte einen Sohn Elias, 1609 vermuthlich in Böhmen geboren. 
Von llartmann etwas vorgebildet, studierte er nicht allein auf dem (lymnasiuoi 
zu Zittau, sondern ward dritter Lehrer an dieser Anstalt und wirkte mit so viel 
Geschick und Liebe , dass er zu den vortrefflichsten Schulmännem seiner Zeit 



«, S Curiota Sodom. «760 |». kO. 



^|g Die böliniiscben Exulanten in Sachsen 

gehörte*). Und was bat er für einen eignen Sohn geleistet! Das ist jener be- 
rühmte Exulantenenkel M. Christian Weise, der erst Professor in Weissenfels 
war, dann Reclor des Gymnasiums zu Zittau, während sein Vater Tertiiis war, 
dessen rührende Emeritirungsfeier schon oben erwähnt ist. Weise war ein höchst 
gewandter, feiner Mann, galt als Polyhistor, war einer der fruchtbarsten Schrift- 
steller und wird in den Werken über Geschichte der deutschen Poesie noch im- 
mer nicht übergangen ; besonders wird seiner in den Geschichten der deutschen 
dramatischen Dichtkunst gedacht. Merkwürdig ist, dass seine Dramata (beson- 
ders zu den zu seiner Zeit höchst beliebten Schulkomödien ) , die nun bereits 
vergessen waren , jetzt von Lileratoren eifrigst gesucht werden , und dass viel 
über Weise geschrieben wird. Es blühte zu seiner Zeit das Gymnasium sehr, 
weil damals die protestantischen Schlesier es besuchten. Sein Briefwechsel mit 
dein böhmischen Historiker Balbinus ist gedruckt. Schon sein Wirken allein ist 
ein Dank der Böhmen für Exulantenaufnahme ^). 

Sein Nachfolger, M. Gottfried Hofmann, einer der wohlmeinendsten und 
treulichsten Pädagogen, sein Schüler, war auch ein Exul.mtensohn , zwar nicht 
ein böhmischer, sondern ein schlesischer, aus Plagwitz bei Löwenberg, eines 
Bauern Sohn. Er war ein Mann von dem ausgezeichnetsten pädagogischen Talent, 
ein ungemein fleissiger Schriftsteller und vom liebenswerthesten Charakter. 
Kirchenlieder von ihm und Weise ertönen noch von Zeit zu Zeit in der zittauer 
Hauptkirche, wo ihre Gräber sind. Und was wurden die Exulantenenkel? Hof- 
mann muss seine Söhne trefHich erzogen haben , denn Christian Gottfried ward 
K. preussischer Geheimeralh, erster Professor der Rechte zu Frankfurt, war ein 
sehr thätiger Schriftsteller und wird noch oft als Herausgeber der Scriptores rf- 
rum Lusaticarum genannt. Christian Gottlicb ward Bürgermeister in Zittau und 
Johann Wilhelm sächsischer Hofrath (schon ehe er 29 Jahr alt war) und Professor 
der Rechte zu Wittenberg, bekam auch Rufe nachUpsala und Utrecht. Gottfried 
Hofmanns Tochter aber w^ar eine gute Portraitmalerin ') . 

Ein unvergessl icher Exulantensohn war auch der ziltauer Rector M. Chr. 
Keimann, noch vor Weise und Hofmann. Auch unter ihm war das Gymnasium 
blühend, er war auch gekrönter Dichter (dessen Lorbeerkranz auch noch vor- 
banden ist) und man singt noch Lieder von ihm. Sein Vater war ein aus Pankraz 
in Böhmen vertriebner Geistlicher, der dann eine Zeitlang zu Ullersdorf amtirte. 

Einer der tüchtigsten und einst berühmtesten Lehrer des zittauer Gymna- 
siums war in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts M. Christian Pescheck, 
vielleicht als Kind aus Böhmen mitgebracht, oder auch in Zittau geboren, wo 
seine glaubenstreuen Aeltern , aus der königingräzer Gegend exilirt, sich in Ar- 
muth von Pachtgärtnerei nährten. Er wagte dennoch zu studieren, ward nicht 
allein Lehrer am Gymnasium zu Zittau, besonders als Mathematicus , sondern 
erwarb sich auch als Schriftsteller den Namen des besten Rechnenmeisters. Er 
hat alle mathematischen Wissenschaften in seinen Schriften populär dargestellt, 



1) Ottos oberlaus. Scbriflstellerlex. III, 490. Sein Bildnis« in der zittauer Bibliothek leigt 
aucb die Kraft dieses Mannes. 

«} Oilo's Scbriflstellerlex. lil, 481—487. Palm, über Chriil. Welse, Breslau, 4854. 
3, S alle diese llofmann in Otto's Lexikon i. v. 



von Chr. Ad Pescheck. |49 

seine RechnenhUchcr erlangten weil und breit in Norddeu Ischland allgemeinen 
Credit, waren vor hundert Jahren die Orakel aller Schulmeister, erlebten zahl- 
reiche Auflagen und sind erst seit wenigen Jahren vergessen worden. Er war 
einer der gelehrtesten Czechen und der thüligste und beliebteste Schulmann, der 
seinem böhmischen Namen Ehre machte und zahlreiche Mitglieder des Gelehr- 
tenstandes zu seinen Nachkommen hat. Er niachle sich auch bei Herausgabe des 
Eittauer böhmischen Gesan}:bilbhs , von 894 Liedern verdient, 17<0*). Man ist 
in neuen Zeiten auf diesen Czechensohn auch in Böhmen aufmerksam geworden. 
In einer Zeilschrift des gelehrten Dr. Kaiina steht ein Aufsalz : Ein armer böh- 
mischer Knabe wird einer der nützlichsten Lehrer von halb Deutschland , ein 
Jahrhundert hindurch'). Auch hielt der eben genannte Gelehrte einst in einer 
Sitzung der königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Prag eine Vorlesung 
über Christian Peschecks Verdienste und schloss sie mit der Aeuserung, dass 
Böhmen auf diesen Mann stolz sein könne. 

Johann HUbner, in der ersten llHlfte des vorigen Jahrhunderts, ein sehr 
«angesehner Schriftsteller, Rector in Hamburg, war aus TUrchau bei Zittau, wo 
sein Grossvaler als böhmischer Exulant eingewandert, sein Vater aber Erbrichter 
war. Er verstand die Wissenschaften zu popularisiren und lieferte die allbe- 
kannten »zweimal 5^ biblische Geschichten«, die so viel Anklang fanden , dass 
sie hundert Jahre lang immer wieder neu aufgelegt wurden , ja, dass selbst ganz 
neue Bearbeitungen der biblischen (leschichte mit des alten Hühners Namen ih- 
ren Titel schmücken zu müssen glaubten*). Er ist auch Dichter des berühmten 
Liedes: »Denket doch ihr Menschenkinder« etc., sowie Erfinder der Conver- 
sationslexika. 

Ein andrer Mann , dessen Name zwar ausser der Lausitz nicht bekannt ist, 
aber von den Kennern der Specialgeschichte sehr verehrt wird, ist Christian 
Knauth, ein Enkel böhmischer Exulanten, die sich erst nach Zittau, dann nach 
Görlitz gewendet hallen. Er ward Pfarrer zu Friedersdorf bei Görlitz und wid- 
mete seine vom Amte übrige Zeit der vaterlJIndischen Geschichte, oh^ gleichen. 
Es ist kein Verhüllniss der Vergangenheit , das er nicht historisch erörtert hlilie, 
als ein wahres Genie des Forschens, Nachdenkens, Ordnens und Anwenden». 
Zahlreiche Monographieen aus der oberlausitzer Specialgeschichte sind gedruckt, 
einzeln und in Zeitschriften , und die Masse der ungedruckten ist in vielen Bän- 
den in Görlitz aufbewahrt und eine köstliche Fundgrube der besonnensten histo- 



1} Bei dieser Gelegenheit kann der grosse Liederreichthum der evangel. Böhmen erwihnt 
werden. Diese Lieder sind Iheils gani alte von den sogenannten böhmischen Brüdern, iheils 
mittlere von Tranosky u a. Exulanten, iheils neue aus dem 4 8. See. ZaHalle liesorgte Sargaoek 
ein böhmisches Gesangbuch von 1800 Nummern. Ks soll aber an 5000 Liedergeben, deren 
manche aus dem Deutschen übersetzt sind. Die von den bohm. Brüdern gegebne Psalmen- 
ttberseliung, herausgegeben von Adam von Weleslawina lu Prag 4611, überall in Gebraudi. 
ist auch darin, auch Anweisung zum Liedergebrauch für den (wagen Mangel an böhm. Predigt 
ao häufigen) HausgoUesdiensl. Es erschien 4 737 und ward besondert für die berliner Ge- 
meinde bestimmt. Auch in die Lausitz wurden Exemplare geschenkt, lieber den g r o aaen Wtrtli 
jener alten Brüderlieder s. Bunsens evangel. Gesangbuch 8S4. 

S) Kahnes BelehrungsblaU für Böhmen 4 8 44. 147 ff. 

2] 8. Ottos oberl Schhflatellerlei II, 4»4 ff 



i|20 Die böhmischen Exulanten in Sachsen 

rischen Forschung ; denn Knaulh gieng als kritischer Geschichtsforscher seiner 

Zeil voran*). 

So haben also die armen Exulanten treflliche Elemente mit nach Sachsen 
gebracht und in ihren Nachkommen die freudige Aufnahme vergolten*). 

Besonders waren die exilirten Gelehrten der lateinischen Verskunst rottchtig 
und machten davon oft Gebrauch. Gar mancher Erguss von Schmerz und Trost 
hat sich erhalten, z. B. ein Glückwunsch zum Geburtstage eines gewissen Paul 
Winkler, worin es heisst : 

»Salve, ler felix, qui tot pro dogmale Christi 

Passus es in patrio vulnera dura solo. 
Exulis exilio sequens vestigia Christi 

Arctam hanc qui monstrat solus ad aslra viaro. 
Hie bene scis, quod nostra peregrinalio vila, 

In coelo patria est, vita beata, quies«. 

und ein Exulant, Kuttnauer, singt (um 1625) : 

En vetus ad metam perductus labitur annus * 

Et novus ad cursum surgit in axe suum. 
Hie, qua nos iterum vexavit mole nialorum 

Quis numeris valeat dinumerare suis? 
Crevit'Romani furor et truculentia Papae 

Calcantis verae religionis opes. 
Pestis, anhela fames, saevi violentia belli 

Innuniera in variis damua dedere locis. 
Et non finis adhuc? Herum num meta malorum? 

Ah non ! Diversum res satis ipsa probat. 
Gliseunt aerumnae, stabili curruntque tenore, 

Nee quae pellat eas ulla medela patet. 

Nicht messen lUsst sich der Einfluss des Kommens und Daseins der Exulan- 
ten auf die GemUther der Aufnehmenden. Auch abgesehn von der Masse der 
Intelligenz, durch welche Sachsen bereichert ward, muss der Eindruck dessen, 
was man sah und hörte, ein lebhafter und segensreicher gewesen sein. 

Wer den Schatz der Beligionsfreiheit in Sachsen seither nun gedankenlos 
mitgenossen hatte, der lernte erst nun, bei den Erzählungen der Ausgewanderten 
von den unsilglichen Quälereien der Jesuiten und der Bekehrungsdragoner, wie 
gross das Glück sei, im evangelischen Sachsen zu leben, und die Fürsien Fried- 
rieh den Weisen und Johann den Beständigen , die so wacker die FTeformatioD 
beschützten, erst recht verehren. Wie, wenn Gleichgiltige den frohen Eifer im 
Besuch der Kirchen , die Sehnsucht nach rechter Feier des heiligen Abendmahles 



4j Otto's oberlaus. Sehriflst. il, 285—302. Ausrührlichen Bericht über die knaatb- 
sehen Manuseripte s. laus. Mag. 4 849, S 4 68—4 86. 

2j Gleichen Segen brachten die aus Frankreich nach Aufhebung des Edietes von Naoles 
(1685} ausgewanderten intelligenten Protestanten in die Provinz Brandenburg. Darob jenes 
Flüchten bekam Berlin die trefflichen Männer Lacroze, Ancillon , Forroey, des Vigooles, Pel- 
loutier, und in neuester Zeit sind Nachkommen jener Exulanten Mtfnner wie Friedr. An- 
cillon , Michelet, la Motte Fouqu^ und die Humboldte, letztere von Mutterseite. S. das wich- 
tige Werk: Hisloire des Hefugi^s protestants de France, p. Charl. Weiss. Par. 485«. 



von Chr. Ad. Pescbeck. 4^1 

und das fleissige Bibellesen sahen : konnte das wohl ohne beschämenden Ein- 
druck sein? Musste ihnen nicht das reiche religiöse Wissen und die Kenntniss 
der evangelischen Unterscheidungslehren selbst unter Volk und Frauen mehr 
£rnst erwecken? Gewiss muss das zahlreiche und bemerkbare Dasein einer 
grossen Anzahl so charakterfester, die Religion über alles hochstellender MUnner 
und die Treue der Frauen bis ins Hxil bewahrt , vielen zum Nachdenken und 
zur Aufmunterung und ihr Gottvertrauen zur Nachahmung gedient haben. Ge- 
denken wir hier neben den böhmischen Exulanten des I 7. Jahrhunderts zugleich 
auch an die mahrischen von \12'i und an die Verpflanzung der Brüdergemeinde 
nach Sachsen : so ist ja auch in dieser Beziehung ein unermesslicher Einfluss 
auf die GemUther anzuerkennen *j. 

Es mögen auch die Erfahrungen über die liUrte der Rümlinge, die durch 
angesehner Exulanten beredten Mund in höhern Kreisen Sachsens und Schwe- 
dens bekannt wurden , nicht wenig dazu beigetragen haben , den Ernst pro- 
testantischer Ftlrslen zu starken , die nun beim westphcllischen Friedensschluss 
desto starker für Religionsfreiheit kämpften. Insofern könnte man auch von po- 
litischen Folgen jener Einwanderungen sprechen. 

Da unter den nach Sachsen geflüchteten Geistlichen bekanntlich sehr viel 
ausgezeichnete und tüchtige Miinner gewesen sind : so konnte auch dieser Um- 
stand nicht ohne Segen bleiben. Manche predigten zu\n eilen an ihren Zufluchts- 
orten. Dass aber gute Redner unter ihnen gewesen sein müssen, zeigen ihre 
Wahlen zu Pfarrämtern in Sachsen, besonders die schon bewiesnen Superinten- 
dentenslellen. Waren sie lediglich gelehrte Manner gewesen, so hatte das Volk nicht 
in hohe Stellen sie gewünscht. Es war ja inmier gut, wenn ausser einem langge- 
wohnten Prediger manchmal neue Stimmen auftraten, zumal wie damals gewiss 
mit einiger Fremdartigkeit, weil da neues Leben im Kirchenbesuch rege wird. 

Endlich darf nicht mit Stillschweigen übergangen werden, dass wir wissen- 
schaflliche Manner unter den Exulanten auch heute noch als Beförderer der 
Wissenschaften durch ihren Nachlass in Werken, die jetzt noch Merkwürdigkei- 
len unserer Bibliotheken sind, und deren Erwähnung den IJleratoren ein Dienst 
sein wird, dankbar zu ehren haben. Wir müssen darunter zuerst ein Paar 
wichtige Codices nennen , welche der gelehrte exilirte bunzlauer Pfarrer Joh. 
Fleischmann, der I62i herkam und den Exulanten auf seiner Stube zu predigen 
begann, und dann Pfarrer in Reichenau bei Zittau war, der Rathsbibliothek in 
Zittau am 16. Dec. 16^0 übersandt hat, was uns heute noch als ein Zeugniss für 
die Wissenschaftlichkeit damaliger Geistlicher in Böhmen dienen kann. Der eine 
Codex ist eine aus dem I i. Seculo stammende griechische Handschrift des neuen 
Testaments von 775 Blattern, wobei auch liw historischen Bücher des alten Te- 
stamentes und des Josephiis Tractat über die Maccabaer sind. Dieser (]ode\ i.st 
keinesvNef:s ungenutzt geblieben. Der berühmte Herausgeber einer kriliNchen 
Ausgabe des N. TeMamentes Wittenberg I8l:i) Profes.sor Matthai in Wittenberg, 
bekam ihn 1801 geliehen und theilte die aufgefundnen Varianten der g(*lehrten 
Welt mit, und die alttestamentlichen in der oxforder Au.^galM» von Bub. Holmes, 



I, Wie auch zu Nürnher): dit» liitilariteii .\fi(lro im Glauben «»tarkten . ». Aulte«» Anzeicvr 
IS55, No 8 u. 9. 



1 22 I^i® böhmischen Exulanlen in Sachsen 

welcher urtheilte , dass dieser Codex (ibereinstimirie mit einem Exemplar in der 
Garmeliterbibliothek zu Ferrara. Ein zweitef^ griechischer Codex von 386 Blättern 
von Fleischmann (am 15. Dec. 1620 Uhersandt) enthält 22 Dialogen. des Plato. 
Beschrieben ist derselbe vom Dir. Rudolph in Zittau in den Commentationibus 
societatis phUologicae Lipsiensis III, 121 ff., wo auch die Varianten von Piatons 
Eulhyphron abgedruckt stehen*). Benutzt ist der Codex von Leopold BOckeri in 
seinen Eclogis Piatonis ^ Ups. 1827. Ferner ein handschriftlicher isidorus His- 
palensis aus dem Kloster Braunau in Böhmen'). 

Eine historische Kostbarkeit, welche Exulanten nach Zittau gebrach^, ist 
der wichtige Majestätsbrief') von 1609, vom Kaiser Rudolph II. den Protestanten 
verliehn, und zwar ein Origin<nl. Das Hauptexemplar hat Ferdinand H. zwar 
vernichtet, aber es ist das zweite Exemplar von Prag-Neustadt, ebenfalls von 
Rudolph eigenhändig^) unterzeichnet, auf Pergament sauber geschrieben. Welcher 
Kenner jener Zeit würde nicht dies Document mit Ernst und Gefühl in die Hand 
nehmen? Wie es hieher gekommen, lässt sich erklären, seit man nun weiss, 
dass der Vorstand des prager utraquistischen Consistoriums, der bereits genannte 
Georg Dikastus , ( der , obwohl seine Hand dann den Winterkönig gekrönt hat, 
doch wunderbar mit dem Leben davon gekommen ist) nach Zittau geflüchtet ist, 
da geweilt und sein Grab gefunden hat (1629). Die Urkunde ist, ausser vom 
Kaiser, nur von dem bekannten Grafen v. Michna , nicht aber wie das erste 
Exemplar auch von Adam von Sternberg, unterzeichnet. 

Mit alten Urkunden fand man auf dem dresdner Rath hause 1817 eine grosse 
Kiste, die von den Exulanten da deponirt worden sein muss'^). Sie ward dem 
böhmischen Prediger Stephan übergeben am Reformationsjubiläum 1817, und es 
muss gewünscht werden , dass sie noch in Dresden sei und aufgefunden werde. 
Ihr Inhalt wUrde höchst wichtig gefunden werden. Eben daselbst befand sich 
das merkwürdige oben p. 31 u. 33 erwähnte pirna'sche Exulantenbuch mit 
den Wappen. In Bautzen findet sich der schon erwähnte hussitische Codex. 
In Exulantenhänden in Zittau war das kostbarste Buch ein Prachtexemplar der 
böhmischen Brüderbibel , das aber sehr geheim gehalten ward. Nach dem Tode 
des letzten Besitzers ward es nach Prag an*s böhm. Museum verkauft und als 
diejenige Bibel erkannt , welche 1619 die böhmischen Brüder dem König Fried- 
rich übergeben haben. Bei seiner Flucht mag 'es der ofterwähnte Dikastus ge- 
rettet und nach Zittau geQUchtet haben. Es ist bezeichnet mit F. /?. (Fridericus 
Hex) 1619. 

Wichtig ist auch in der zittauer Rathsbibliothek ein böhmisches Manuscript, 
von des ehemaligen bunzlauer Geistlichen Krocinowsky Hand , enthaltend eine 
böhmische Uebersetzung eines lateinischen Tractates über den gegenwäriigeD 



1} S. Kneschke Gesch. der Bibl in Zittau 13 f. 

S) Das. 4 33. 

3) Peschecks Gegenreformation 1, t68 — M\ n. Borotts Annterkungeo zu seiner deattchen 
Uebersetzung dieses böhmischen Majestätsbriefes. 

4] Der Geschichtsforscher Gindely bezweifelte jedoch die Eigenhändigkeit 

5) Hasche's Dresden im 19. Jahrhundert, 152. 



von Chr. Ad. Pescheck. |93 

(d. i. damaligen) Zustand der evangelischen Kirchengemeinden in Böhmen *). In 
der nämHcben Bibliothek ist auch in gedruckten Büchern viel Nachlass von Exu- 
lanten^ z. B. des genannten Krocinowsky, der seinen Namen eingeschrieben hat. 
Diese Bücher, stark gebraucht und mit vielen unterstrichnen Stellen, erinnern 
rührend an das Thun der Vertriebnen. Ausser der Büchersanmilung der 
GrUfin von Hohcnlohe kam dahin ein Bücherpeschcnk , welches 1653 mehrere 
Flüchtlinge höhrer Stände niedeigelegt hnben , und viele lateinische (394) und 
böhmische (89) Werke von dem gelehrten prager Prediger, dem nach Zittau ge- 
flobnen Paul Cruppius (dessen Tochter oder Gattin Anna auch eingeschrieben 
steht in einem jener Bücher), und eine kleine böhmische Bibliothek, meist asce- 
tiscben Inhalts. Daneben auch ein alter czechischerKulenspiegel, ein czechisches 
Manuscript aus Kuttenberg, dann eine böhmische Ausgabe der Apologie der böh- 
mischen Stände 1618, mit 154 Beilagen, \^ährend die deutsche Ausgabe von 
1619 deren nur 135 hat; eine sehr schöne Edition des czechischen neuen Testa- 
mentes, 1564, in gross Octav, mehrere Ueberselzungen deutscher theologischer 
Werke, z. B. Polykarp Leysers (böhmischer) Katechismus, 1606. Apologie der 
ai^burgischen Confession böhmisch , so Karls goldne Bulle und Luthers Ver- 
mahnung iln die Deutschen. — Wrbenshf, Harmonia evangelica 1614 u. Synopsis 
1601. Cruppius' und Krocino\vüky\s Denkschriften auf den oftgenannten Martini, 
gegen den sich letztrer nennt : collegn in laeta curia (d. i. an der Teinkirche in 
Frag). Ein böhmisches Buch von 1636 , dessen Titel mit dem Worte Ohrana an- 
fingt. — Ferner: Postylla swate poneti Mistra Jo. Hus, 1564 in Folio, mit bunt 
ausgemalten evangelischen Bildern. Ein Foliomanuscript: Pnpezhy wietniiky 
d. i. päbstlicher Wetterhahn. — Handschriftliche böhmische Predigten. Ein 
Manuscnpt erinnert an die, auch unter den Exulanten übliche, Verfolgung an- 
geblicher Galvinisten. Der des Galvinismus verdächtige Johann Thaddäus hatte 
in Zittau ein conciliatorium bihlicum herausgegeben. Nun besitzt die Bibliothek 
ein Manuscript, das jenem Werke eine Anzahl Irrthünrer nachzuweisen sucht. — 
Ein schriftliches Denkmal ist deshalb merkwürdig, weil es zeigt, dass doch auch 
den Exulanten (in Pirna) manchmal ein froher Tag beschieden gewesen ist. Als 
der exilirte Prediger Zach. Herm. Netolizky, gewesner Pfarrer in Plan, Hochzeit 
machte mit Anna, Witwe von Wenzel Jaksch, gratulirte ihm Tob. Bausrbkenius. 
In der saubersten und mehr als SOOjähriges Alter durchaus nicht verrathenden 
Handschrift ist hier noch vorhanden : Anacreon iotmus idemque christianus^ mit 
der Beischrift: Xetolizku nuptiae adhuc in exilio^ sed non sine singufan Dei attai- 
lio feliciter celehratae 1637. — Ferner ein böhmisches Martvniic^ilim . mit Holz - 
schnitten , worin llus und llieron\mus den Beschluss machen. Dieses Exemplar 
isl, wie der berühmte czechischo Forscher Dobrowsky sagt, deshalb wichtig, 
weil eben jener llus noch nicht herausgerissen, wie in den in Böhmen gebliebnen 
Exemplnren geschehn. — Femer ein merkwürdiges Exemplar des seltnen Brü- 
dergesangbuchs \on 1539, worin eine zornige Hand manch© zu c«lvinis<*h lau- 
tende Stellen in Modern von Mich. Weiss ausgestrichen hat. — Dann ein l>öhnii- 



I] nicftc czechischen MtnusrH|ite In Zittau wurden «S5€ von dem bOhnii»'*hen llittunker 
Gindel> zu »einen Werken über die bohm Bruder u. tlraqoiMen bestttit. 



1 24 Die böhmischen Exulanten io Sachsen 

sches neues Testament auf Pergament in Octav gesehrieben und eine Agenda 
von Leippe, 1529, auch alte Ausgaben hussischer Schriften, und eine lateinische 
Handschrift in Quart : chronica causam Taborensium continens. Aus dieser Bü- 
chersammlung ist auch von dem berühmtesten Exulanten, dem grossen Arnos 
Comenius , ein Exemplar seiner Disciplina fratrum , das wegen folgenden Uoi- 
standes merkwürdig ist. Als der Graf von Zinzendorf zu Berthelsdorf Exulanten 
aufnehmen und die Einrichtungen einer Brudergemeinde regeln wollte , nahm er 
4 727 seine Zuflucht zu dieser Bibliothek, um die Ansichten und Ordnungen der 
böhmischen und mährischen Brüder kennen zu lernen und schöpfte aus dem ihm 
vom Bürgermeister Stoll erlaubten und dargeliehnen Comenius die hermhutische 
Einrichtung, wie eine besondre Inschrift in diesem Exemplar dankbar bekennt. — 
Auch schwedische und ungarische BUcher sind da. — Ein grosses botanisches 
Werk, oder Herbarium, mit Abbildungen, in gross Folio, von Matthiola und 
Joach. Gamerarius jun., böhmisch von Huber, herausgegeben von Adam von 
Weleslawina, unter Protection der bekannten Herren Peter von Rosenberg und 
Adam von Neuhaus, mit vielen Abbildungen , Prag, 1594. — Ein böhmischer 
Eusebius und Lactantius. — Geschichte Böhmens unter Ferdinand. — Apologie 
der böhmischen Stände. — Privilegia bohemica, Mscrpt. — Gespräch von den 
Sachen , die in Böhmen vorgegangen. — Budowa's Antialcoran. — Pacta Bohe- 
morum, Mscrpt. — Postilla polonica. — Geschichte der Verfolgung der böhmi- 
schen Kirche, Zittau 4756. — Wrbensky (von Deutschbrod] ExposiHo Bibliorum^ 
in Folio, mit einer hexametrischen Vorrede des bei den pima^schen Exulanten 
genannten Nie. Troilus. 

Historia bidowska , Prag 4 592 , Fol. , von Weleslawina herausgegeben und 
der Stadt Königingraz dedicirt, aus der Bibliothek des zittauer böhmischen Pre- 
digers Wässerich. Calendarium hisloricum j böhmisch, herausgegeben von We- 
leslawina ^). Ein Folioband böhmischer Predigten von einer alten Hand. Pelrar- 
ca's Remedia utriusque fortunae^ als über festivus, ins böhmische übersetzt, ohne 
Jahrzahl, mit dem Namen des oft genannten Cruppius, zu Turnau 4645, mit 
Randschriften, viel gebraucht, und viele Stellen unterstrichen. 

Ein Psalmbuch mit alten Musiknoten, Fol., Prag, bei Karl v. Karlsbei^, 
464 8, in böhmischen gereimten Versen. Hinten wird man überrascht durch viele 
hineingeschriebne Namen , die eben aus der Verfolgungsgeschichte sehr bekannt 
sind, wie Dr. Borbonius, Tobias StefTek, Schulthys, Val. Kochan, Simon Wokacz, 
Andr. Kozauer, Heinr. Kozel u. dgl. 

Der historiShe Werth dieses Exemplars war bisher nicht erkannt. Jüngst 
erst entdeckte man hinten mehrere hineingeschriebene Namen und zwar mehre- 
rer der bei der grossen prager Hinrichtung 4 624 enthaupteten czeebischen Pa- 
trioten und fand bei genauer Prüfung dieser czechischen Bemerkungen , die bis- 
her Niemand verstanden hat , dass es dasjenige Exemplar dieser schönen Psalm- 
ausgabe ist , welches die Gefangenen im prager Rath hause in den Wochen vor 
ihrer Hinrichtung mehrmals durchgesungen haben, und das einem derselben 



4} Das Bild dieses hochverdienten Verlegers ist in Pelzels Werke über die böhmiscbeo 
Gelehrten zu schauen . 



von Chr. Ail. Pescheck. 



4i5 



angehört hat^). Dieser ist Simon Wokacz gewesen, Rathsherr in Neustadt und 
Hauptmann der Besatzung, nach des Pulegius Zeugniss') ein Mann von erha- 
benem Geiste, sehr gewandt in amtlichen Geschäften, der sieben und zwanzigste 
unter den an jenem BiuUage hingerichteten Czechen, der, ehe er hat enden 
dürfen , die Köpfe von drei und zwanzig Leidensgenossen hat fallen hören. Er 
hat sich das herrliche Buch sogleich neu angeschaflTt gehabt, denn auf dem Le- 
derbande ist die Jahrzahl 1618 eingeprägt, in der Mitte aber auf beiden Sei- 
ten sein Wappen (Lilien, Rosen und Adler), mit der Umschrift Simeon Wokacz 
% chyssoz Spizperykxi, Die Geschichte lehrt uns, dass Psalmgesang der Trost je- 
ner Gefangenen war, und es ist auch dieses Psniinbuch so eingerichtet , dass, 
wenn Einer es h£llt, das umstehende Sängerchor bequem mit darauf schauen 
kann, weil nur die obern Hälften der Seiten mit dem Text und den Noten be- 
druckt sind. Dieses zittauer Exemplar (in der kurzen Zeit von 1618 — 1621 schon 
sehr durch Gebrauch abgenutzt) hat hinten folgende von Wokacz selbst hinein- 
geschriebne Nachrichten, die mit dem 15. März beginnen, also mit dem 23. T<ige 
ihrer Gefangenschaft. Wokacz selbst ward V« Jahr darauf mit hingerichtet , von 
dessen Ende wir aber deshalb nicht so viel wissen , wie von mehrern andern 
nach den genauen Berichten der sie zum Tode bereitenden Prediger Rosacius 
und Wrbensky^), weil sein Geistlicher Adam Clemens von St. Wenzel uns keinen 
Bericht hinterlassen hat. W^as Wokacz sich (böhmisch) hineingeschrieben, ist 
folgendes: »Im Jahre 1621 , Montags die Woche nach Oculi, 15. März, fiengen 
wir an, die Psalmen zu singen*), im Geftlngniss des Rathh.mses auf der Neustadt. 
Nun folgen zehn Namen, meist' begüterter Bürger: Elias Rosin, Matthias Borbo- 
nius. Tob. Steffek , Joh. Srhulthes, Val. Kochan , Luc. Korban , Simon Wokacz, 
Georg Rzeczizky, Andreas Kotzauer, Johann Kamor>t. Als wir den 6. P.«:alm ge- 
sungen, ist dazu gekommen Jos. Swohla. (Unter diesen sind einige, die dann 
das Leben geschenkt bekamen, nämlich Borbonius, Rosin, Korban undKamoryt. 



\, Dasselbe ist fast noch interessanter zu sehen als das im prager Museum befindliche 
Hinrichtungsschwert. 

S} Gegenreformation, \, 475 

8} Gegenreformation, 4, 4iO ff. 

4) Denn in der Vorrede sagt ihnen Simon Strebe! von Neustadt^ Frag: A/flictUM variis for- 
tmma« coiibus odas Hos cantes : omnis carmiM moeror abii. Es verdient auch des einen dieser 
genannten Unglücklichen , Dr. Borbonius, Gedicht auf diese schone Psalmenausgabe der Auf- 
bewahrung. 

Es lautet : 



C'anora pcalti« barbyto«. 
Per quAm Del triumphat o«, 
Qua« itrtmitii« frrrrtitibus 
IVi \ac«Tit Uudibu«. 

Coiitctnta »rclu (>o«tm« 
Kt rlau»a roertt anfuU«, 
l't denuo ror »uaTibiu 
Momtiim foTrrrt cAntibu« . 

Ilnc (»rarcutit IKrua tua 
Mirabtil« rlrro«ntia. 
Trirucht illam per tno« 
Vrliit |««U»t. rUDCtis, Virt*«. 



Noatri« ul in boemicit 
Quaer«! locum jam pulpitt«. 
nUelia haac frta aedp« 
Chri«toqtte fratM eoncip« ! 

Olebr« nomea illiua 
(^urvum toi per taUua 
Aevi, refer, emntM^ doce 
Kt mente ioU »uaripe. 

Qood at deevnter efrru, 
Krurtua bocMM colUfrria, 
Viu« modenukr fratuke, 
Vita« futora« flon**. — 



1 ^G ^'® bölimiscben Exulanten in Sachsen 

Die drei ersten wurden zu lebenslänglicher Gefangenschait und der vierte zu 
einjähriger Landesverweisung verurtheilt. Von jenen hat Borbonius*), jener aus- 
gezeichnete Arzt und Besitzer eines herrlichen Hauses in Prag, durch die Flucht 
sich retten können. Er ist nach Zittau gekommen und wahrscheinlich hat eben 
er jenes merkwürdige Psalmbuch dahin gerettet.) Dann heisst es weiter: «Tob. 
Steffek, Joh. Schulthys und Val. Kochan sind den 29. Mai aufs prager Schloss 
abgeholt worden. Wir andern aber haben die Psalmen zur Ehre Gottes bis Don- 
nerstag nach Ostern, 15. April, gesungen. Im nämlichen Jahr , Freitags nach 
Ostern, den 16. April, fiengen wir von neuem an zu singen. Den 13. Mai zu Ende 
gesungen. Rosin, Borbonius, Korban, Wokacz, Rzeczizky, Kozauer, Kamoryt, 
Swehla. Desselben Jahrs 1621 fiengen wir von neuem an zu singen, den 14. Mai 
(dieselben 8 Namen). Zu uns sind Sonnabends nach dem liimmelfahrtsfest, den 
22. Mai beim Singen des 73. Psalms ins Gef^ngniss gekommen: Gasp. Uslar, 
Heinr. Kopel, Mich. Witmann«. ( Kopel war Senator der Neustadt , ständischer 
Cassendirector, ein um Prag sehr verdienter Mann. Witmann war auch neustäd- 
ter Senator, Hauptmann der Leibgarde, ein Mann von durchdringendem Ver- 
stände , allbekannt durch seinen Eifer für Recht und Gerechtigkeit , doch ohne 
Maass zu halten. Uslar sollte gehenkt werden, blieb aber noch verschont. 
Kopel, Kozauer, Reziczky und Witmann wurden vor Wokacz hingerichtet. 
Swehla bekam denStaupbesen^).) »Und haben wir solche zu Ende gesungen den 
8. Juni, und der Geistliche Hr. Matig, bei St. Veit angestellt gewesen, in der 
Neustadt, kam ins Gef^ngniss den 7. Juni. Desselben Jahres fiengen wir zum 
viertcnmal die Psalmen zu singen an, am 9. Juni, nUmlich Rosin, Borbonius, 
Uslar, Kopel, Korban, Wokacz, Rzeczizky, Witmann, Kozauer, Kamoryt, Swehla 
und den 12. Juni haben wir weiter gesungen«. 

Also aus diesem Psalmbuche sangen sie den am 20. Juni vom Schloss her- 
unter ins Rathhaus gebrachten adeligen Gefangnen entgegen und sangen in der 
Nacht vor der grossen, am blutigen 2t. Juni 1621 stattgefundenen, Hinrichtung 
Psalm 86, bes. 14 — 17, Ps. 44, bes. 18—27. Noch ist zu bemerken, dass jener 
gelehrte Arzt Dr. Borbonius (Leibarzt dreier Kaiser) schon bei der Herausgabe 
mit thätig war und jene lateinischen Verse mit hineindrucken liess, die daneben 
auch böhmisch stehn. O wie oft mag dieser Gelehrte dann im fernen Nordosten ') 
und in Umgebungen , die in jeder Hinsicht anders waren , zurückgedacht haben 
an jene Psalmengesänge im angstvollen Kerker von Prag, und in Tbom bedauert, 
dass Niemand mit einstimmte in die lieben czechischen Töne, die ihm gewiss, 
auch wenn er das Psalmbuch in Zittau vergessen , auch ohne Schrift im Herzen 
gewohnt haben. — 

Ferner sind aufzuführen ein Band böhmische (calvinistische) Schriften Aa- 
%axj setrwani wolengik Bozych Pruba rozdilnich etc, und treffliche calvinische 
Gedichte vonKuttnauer an Specinger, 1630. — Wohl auch durch einen Exulanten 



4; S über diesen merkwürdigen MannGegenrefonn., 4, 477. Gesch. v. Zittau, I, tft. A- 
stor. persec. %Si tf, Hormayrs Tascbenbach, 4886, 282. 

2j Gegenreformation, i, 458 ff. 

s; Man findet dort eine Spur von ibm bei einem Gutachten über das ekstatische Frialeüi 
Poniatowska. S. Tenzeis monatliche Unterredungen, 1798, 4 34. 



von Chr. Ad. Pescheck. 427 

mitf^ebracht ist auf der zittauer Ralhsbibliothek ein Manuscript : Preces et la- 
crymae hominis afflictissimi ab amicis derelicti , tentationibus maximis ob fidem ac 
religionem evangelicam in carcere obruti 1630. Auf dem Einband, mit den Buch- 
staben N D A D, Ein historischer Inhalt ist nicht; sondern es ist ganz aus Psalm 
worlen zusammengesetzt. Dies beweist aufs neue, wie die Bibel der Exulanten 
Trost und ihnen aufs genauste bekannt war. 

Ein dickes Manuscript enlhall Kratka sprawa orozdilnich w swele nabolent- 
wich^)j d.i. »kurze Nachrichten von den verschiednen in der Welt vorkommen- 
den Religionen a , die so eingetheilt sind : die griechische oder morgenliündische 
Kirche, die lateinische oder abendicindische , die assyrische oder maurische, die 
nestorianische, die armenische, die hussilische, die lutherische, die calvinische 
oder zwinglische, die vviedertüuferische und viele andre, 1629. 

Merkwürdig ist des bekannten allen prager evangelischen Geistlichen Helw. 
Garth Colloquium Pragense de missa, gedruckt zu Willenberg 1618, und Bericht 
über den Hergang, gedr. zu Freiberg. Er war zu einem colloquium gefordert 
von den Jesuiten. Es erschien der deutsche Prediger, Jesuit Paler v. Kolowrat, 
mit ihm P. Zanini , am 9/19. Juni 1618. Jener setzte sich sogleich obenan 
und viel Zuhörer drängten sich. In Garths Beschreibung stehn folgende merk- 
würdige Zeugen , von der lutherischen Seite: Joh. Jessenins^), damals Rector 
der Acadcmie, Leander Rnppel (der 1621 mit hingerichtet ward), Georg Hauen- 
schild , Stephan Ilgen (Actuar), Dr. Mich. Schörkel, M. Fabian Nathus (Diaconus 
ander Salvatorkirche) , Wilh. Nigrinus, Matth. Fflugbeil (Cand. der Medicin), 
Hans Wolf Weller (Handelsmann), Gabriel Leopold von Znaym. 

Von einem der merkwUrdigslen Flüchtlinge , der leider von Sachsen (nach 
Peterswalde, unter Bedeckung von 100 Mann) ausgeliefert 1621 zu Prag beim 
grossen Blutgericht mit hingerichtet wurde, Joachim Andreas Graf von Schlik'), 
befindet sich in der zittauer Ralhsbibliothek eine merkwürdige Reliquie, nämlich 
sein Stammbuch , das er als Student in Jena gehabt und dessen Inschriften sehr 
ehrenvoll für ihn sind. Da der später und zu allerlelzt Eingeschriebne ein einst 
berühmter zittauer Arzt, Dr. Ernnenius ist, mag es bei diesem endlich liegen 
geblieben sein. Nach Auffindung und Erkennung dieser merkwürdigen Reliquie 
ist eine Copie davon an die Sammlungen der prager Gesellschaft der Wissen- 
schaften vor einigen Jahren eingesendet worden'). 

Eine Tafel mit der czechischen Litanei aus dem ersten Betsaale der Exulanten 
in Zittau wird noch im dasigen Alterthümermuseum aufljewahrt. 

Die Sammlungen des voigllUndischen Allerthumsvereins zu Hohenleuben 
besitzen ein gewiss wohl von böhmischen Exulanten stammendes Cantionale, 
dahin gesendet von Dr. Adler aus der Kirche von Hundhaupten bei Gera. Es hat 



1) In neuester Zeit wurde der Werlh dieser böhm. Bücher von dorn Prof. und Schriftsteller 
Gindely aus Oiraütz sehr anerkannt. Er bedurfte sie sehr dringend zu einem neuen Werke über 
die böhmischen Brüder und Utraquisten. 

S) S. über diesen wichtigen Mann Pelzeis böhm. Gelehrte, 4, 400 ff. und Über seine grau- 
same Hinrichtung Gegenreformation, 4, 450 ff. 

3) Schlik \^'ar ein geistvoller, sehr wackrer Mann. 4 594 hatte er in Dresden an einem 
Verzeichniss der kurfürstlichen Bibliothek mitgearbeitet. (S. Clodius Nachrichten von dieser 
Bibliothek p. Sä) und in der Künigswtthl für Johann Georg von Sachsen gestimmt. 



i{ 28 ^^^ böhmischen Exulanten in Sachsen 

die Jahrzahl von i 602 , isl jedoch wohl selbst ^Iter. Auf einem Schilde darin ist 
das Bild eines Geistlichen, Martin (Martini?) im Priesterrock, eine Bibel in der 

Hand*). 

In N. Oertmannsdorf (jetzt preussisch) ward um 4 797 ein merkwürdiges 

czechisches Pergamentmanuscript, bei dem Exulantenabkömmling Simon, vom 

Dr. CA. Slöltzer entdeckt. 

Besonders werthvoll war in der von gersdorf- weicheschen Bibliothek (im 
gersdorfischen Gesliftshause in Budissin ) eine hussitische Handschrift aus dem 
45. Jahrb. , in gross Folio auf Jungferpergament (4 56Vt Bogen) geschrieben. Die 
Orthographie ist entweder ganz alte, ungeregelte, oder vielleicht auch neue 
reformirende , mit einigen bunten Anfangsbuchstaben. Angebrachte Namen 
mögen die Namen von Besitzern sein, nätnlich von Rozemberg, Bohdanowsky, 
Ridrupsky, Tribinillus. Auswendig steht auch die Jahrzahl 4686, so dass, 
wenn der Codex von Exulanten gebracht sein soll , er von spätem herrOhren 
möchte. Er enthält trefHiche ( meist dogmatische , polemische und ascelische) 
Sachen vonHus. Die erste Abtheiiung vom Glauben, von den Geboten und dem Ge- 
bet; die zweite von kirchlichen Irrthtlmem, die dritte ist eine Homilienpostille. 
Man hatte einige Gründe anzunehmen , dass das Werk von der eignen Hand des 
Hus sei; doch die Auctorität der dawider zeugenden böhmischen Geschichts- 
forscher Dobrowsky und Palacky vernichtet jene Vermuthung*). Schon 4 826 war 
der 1806 noch vorhanden gewesene Codex nicht mehr zu finden. Möge er doch 
irgend wo wieder an den Tag kommen ! In Budissin ist auch ein merkwürdiges 
Manuscript, die Klage der böhmischen Krone gegen Siegmund von 4 428, einst 
von Karl von Karlsbcrg dem neustadt- prager Bürgermeister Elias Rozyn geschenkt 
4598, auch einst von Adam Hradek einem Bruder gegeben r>non ad colludendum 
sed ad discetiduma; dabei steht der Vers: »fn redü a superis Hus. Quid^ si forte 
redibü Ziska, suus vindex? Perfida Roma, cave! Dort giebt es auch eine Hand- 
schrift des trefflichen altböhmischen Dichters Thom. v. Stitny. 

In der v. nostitz-jankendorfschen Bibliothek zu Oppach ist auch ein grosses 
böhmisches Manuscript noch vorhanden , gewidmet dem Bürgermeister Wenzel 
Rostelezky zu Heschlka, 4 64 von seinem Sohn oder Stiefsohn zum Neujahrs- 
geschenk. Es ist eine Sammlung der mannichfaltigsten Sachen, theologisch (cal- 
vinistisch) und historisch , vieles polemisch , und gleichzeitige Nachrichten aus 
dem Zeitalter 4 64 2. Unstreitig mag er durch Exulanten in die Lausitz gekom- 
men sein. 

In Pirna hat M. Zaake, der das Elend des 30jährigen Krieges in Pirna 4731 
beschrieben hat, 3 Manuscripte von gelehrten Böhmen besessen, w*elche vielleicht 
noch in Pirna unbenutzt liegen. Noch vorhanden ist daselbst von Wenzel Nosydk) 
aus Leitmeritz ein Werk, enthaltend Memoiren über die Gleichzeit und tlber leit- 



4) S. darüber ein Gutachten des gelehrten Böhmen Dr. Kaiina v. Jätheosteio zu Prag, io 
der Sammlung der voigtländischen Alterthumsgesellschaft zu Hohenleubeo. 

2) S. Borolt, in der laus. Monatschr. 1806, 4, H8 ff. u. 4 84, viele Fragmeota daraus. Den 
t. Codex hat auch Borott 4 797 untersucht und einen Bericht darüber aufgesetzt. Wie die eigne 
Hand des Hus war, Ist dem Verfasser nicht unbekannt, dem Hr. Ritter Uanka im prtger MQseo 
ein Facsimile geschenkt hat. 



von Chr. Ad. IVscheck. |§9 

meriizer Gerichlsan^elegen heilen , dessen Inhiilt einst einem llisloriker von l.cil- 
merilz unentbehrlich sein wird. 

Zu Freiberg befindet sieh in der Schulbibliolliek ein hislorisclies Manuscript 
xur Geschichte der Hussilen und ihres Heerführers Ziska, auch über König Sieg- 
munds Zeitalter, vielleicbl gehörig zu der zu Freiberg von Paul Skala von Zhor 
niedergeschriebenen Kirchcngeschichte, iWc sich nun zu Dux befindet^), aus <2 
grossen Banden besieht, vom dritten auf Böhmen kommt und bis 1G2i reicht. 

Auch zu Leipzig sollen Bücher aus Exulantenhänden sein. 

Wichtige Actenstücke als Familienarchiv der exilirlen berühmten Familie 
V. Duba befinden sich aus dem Nachlass des ^'ilh. v. Duba zu Ilohnstein in 
Dresden und sollen da der königlichen Bibliothek zu Theil werden , obwohl auch 
böhmische Gelehrt« sie haben für s prager Museum kaufen wollen. 

Es deuten auch mehrere Abendmahlskelche in Sachsen darauf hin, dass sie, 
als besonders tbeure Kleinode, durch Exulnntenhünde nach Sachsen gerettet 
worden sind; z. B. zu Dresden in der genannten Kiste, zu Kemnitz bei Bern- 
Stadt mit einer hussitischen Inschrift^', auch zu Oppach (von IGlOj und vielleicht 
auch zu Grossschönau ; ein Crucifix zu Beiersdorf. 

Auf Leichensteinen findet man von Exulanten noch Inschriften, Wappen 
und Symbole, z. B. auf dem Gottesacker zu Hainewalde, an der herrschaftlichen 
Gruft der bereits oben erv\llhnte Stein der .\delsfamilie von d. Oelsnilz, in 
Kemnitz bei Bernsladt der von Dewin e\ilirten von Tuppau, in Zittau das Monu- 
ment des Pfarrers Keiner von Birkstein , mit dem auf Denksteinen für Geistliche 
gewöhnlichen Kelche. 

Wir schliessen mit einijzen Versen aus einem Dankliede der Exulanten, 

von 1737. 

»>Kin Volk, das sonst im finstern soss 

Mit Irrthuin ganz umpoben : 
Das finiiet hier nun sein Geloss 

l'nd kann in Freilieit leben. 
Das Wort, das ihm sonst ward verwehrt, 

Wird ihm nun frei und rein gelehrt 
Durch Zeugen dieser <inade. 

Hierzu hat unsres Gottes Hand 
Des Königs Herz geneigel, 

Dass er dem Volk in seinem Land 
So viele Huld erzeiget. 

Es kann nach Druck und vieler Pein 
An See! und Leib versorget sein 

Aus unverdienter Gnade.« 

So haben wir nun ihr Andenken aus langer Vergessenheit wieder erweckt 
und rufen ihnen herzlich nach : 

lluvete^ pine (Uiiifuie. 

4) Palacky's Würdigung der böhmischen Geschichtsschreiber. Vorrede, XVL 

t Die Inschrift dieses Kelches nennt Kntj Girjtk , d i wohl König Georg von Podlehrad. 



I*««rlirrli, Die Ukm. RkbUmIM. 



Beilagen 



» * 



• fl» 



tJm 



Beilage I. zu S. 9. 

Katastrophe einer einst hohen Exulantenfaroilie, von Duba. 

Die Familie Berka von der Duba , deren Fortpflanzer in der Haiiptkirche zu Zittau 
rubt, ist iirsprünglicb ein deutscbes, tbüringiscbes Geschlecbt gewesen und in Böhmen 
im H. Jahrhunderte naturalisirt worden. Sie besass endlich eine weite, weite Land- 
Schaft, um Friedland, Reichenberg, Grarenstein, Zittau, Hoyerswerda, Tollensteln, 
Schluckenau, Rumburg, Heinspach, Wildenslein, Hohnslein» Lohmen als deutsche 
Lehne; als böhmische Lehne nber Leippa, Daube, Koslelez, Bresen mit Scharfenstein, 
Kamnilz, Ronow u. a. , die auf Neu - Perslein hatten Chisch , Teukomiz, Hirschberg, 
llauska, Bezdiez, Widim u. n. 

Seit 1439 galten sie als gemlissigte Hussiten oder Utraquislen und bekannten sich 
zu den i prager Artikeln. Ales Berka von der Duba und Leippa, Herr zu Neuperslein, 
Weisswasser und Hühnerwasser, und sein gleichnamiger Sohn reiseten im Gefolge Fer- 
dinands L mit auf den augsburger Reichstag und wohnten da (1530) mancher Ver- 
handlung bei, wo sie Luthers Sache kennen lernten, in Folge dessen sie sich von Wit- 
tenberg Geistliche ausbaten für ihre SiSdIe Weisswasser und Hühnerwasser. 

Georg Berka , aus dem Hause Neuperstein , hatte zur ersten Gemahlin Katharina, 
eine Tochter Herzogs Heinrich HL von Münsterberg, Oels und Bemsladt und der Mar- 
garetha, Prinzessin von Meklenburg. War auch diese Ehe kinderlos : so ward er doch 
Vater aus der zweiten . mit Katharina Nechern , Tochter Seifrieds von Nechern , und 
zwar von einem Sohne , Adam Berka von der Duba. (Aus d^r dritten Ehe mit Barbara 
von Schönberg-Teplilz aus Meissen haUe er einen Sohn Adam Gottfried, geb. 7. Au- 
gust 1604, gest. vor I6i8, welcher sich Ferdinand II. unterwarf und katholisch, dann 
Landeshauptmann von Glalz durch den Erzherzog Leopold ward und ohne mSniilichc 
Erben starb. Dessen jüngerer Brud<T war Hans Georg, geb. zu Perslein 1606, gest. lu 
Gross-Ellgut in Schlesien, welcher evangelisch blieb. In der Jugend kam er mit seinem 
Hofmeister Christian Just an den dresdner Hof, I6S5 aber in dSnische Dienste, 1617 
in kaiserliche, als Obristlieutenant bei der Cavallerie ; auch ward er LandesSltester von 
Schweidnitz und Jauer. Güter erheirathete er sich und hatte nur eine Tochter , Anna 
Maria, verheir.ilhet an Caspar von Reibnitz. Eine Tochter des Georg Berka und der 
Barbara von Schönberg hiess auch Anna Marin. Diese ward katholisch, heiratheta einen 
Grafen von Rozdrazow und starb 1670 zu Wien.) 

Jener Adam, Sohn von Georg und Barbara, hatte Neuperstein und starb nach dem 
bewegtesten Leben, als Oberster in schwedischen Diensten, an seinen Wunden am 
SS. Oct. 1641, nur 39 Jahr alt, zwar hier nahe seinem Vaterlande, doch eiiliri und ist 
in der zittaner Johanniskirche begraben. Er war gebildet bei seinen Verwandten 
Heinrich von Waldstein und dem bekannten unruhigen Heinr. Matthias von Thurn. 
Dieser brachte ihn in den Dienst des Winterkönigs, der ihn. an seinem KrÖnungstage, 
15. Oct. 1619, zum Cornet der englischen Leibwache machte. In dessen Diensten hat 
er auch bis zu dessen Tode 1682 ausgeharrt. In der Schlacht am weissen Berge bat 



/|34 ^^^ böhmischen Exulaoten in Sachsen 

er mitgekSmpfti, an der Seite von Bernhard Thurn, Heinrich Schlick, Bubna, Raupowa 
u. a. jungen Helden. Er überkam die Schlacht, v/ar mit beim Rückzug nach Prag, mit 
dem Reste des böhmischen Heeres und der engh'schen Reiterei und musafe fluchten 
mit seinen Verwandten, dem prager Obersiburggrafen Bohuslaw von Berka, dem Staats- 
rath Wenzel Berka u. andern mit dem Winterkönig fliehenden , gedeckt von 300 eng- 
lischen Reitern , und zwar nach Breslau , Berlin und Heidelberg. In Mannheim ward er 
zum Hauptmann ernannt und cmpfieng die Kunde von seiner förmlichen Acbtaer- 
klärung. Er hatte Krankheitshalber vor dem prager Statthalter Karl von Lichtenaletn 
sich nicht stellen können. Nun war er verbannt, ehrlos und seiner Güter beraabt. Im 
Jahre 1627 folgte er einer Einladung seines Vetters Grobus von Nechem, friedlSndi- 
sehen Hauptmanns zu Sagan , um dessen Güt^r bei Sagan , als Erbtbeiie tod seiner 
Mutler, zu übernehmen. In Bunzlau angekommen ward er aiier verrathen, erkannt und 
vom bunzlauer Magistrate als einer der namhaftesten Rebellen gefangen genommen und 
in Glogau eingekerkert. Die Untersuchungscommission (Karl Hannibal Burggraf von 
Dohna, Landeshauptmann von Oppersdorf, Fiscal David Wachsmann und der Fater 
superior Franz Nerlich ) verurlheilte ihn zum Tode. Aber es ward Vollziehung auf Für- 
bitte seines Vetters, des Landeshauptmanns zu Sagan, beim P. Nerlich aufgeschoben. 
Endlich milderte der Kaiser das Urtheil. Er bekam das Leben geschenkl, % seiner 
Güter , jedoch auch Landesverweisung. Nach wenig Tagen ver Hess er das Schloss za 
Glogau , machte in Böhmen Ordnung mit seiner Habe und gieng zu Friedrich tod der 
Pfalz zurück, und zwar in die Niederlande. Zu Haag heirathete er am 6. Mai I€t8 
Barbara Freiin von Ruppa (Raupoma), geb. zu Prag 1640, gest. 4655 su Landshut 
Aus dieser Ehe entsprossen folgende Kinder: Adam Berka, gest. als Kind su Wolfen* 
büttel, Christian und Barbara, Zwillinge, geb. 1630. Dieser Christian (von Doba, so 
nannten sie sich jetzt) starb den 16. August 4 665 zu Wohia bei Löbau« ehelos, 'an der 
Pest, und Barbara als Kind. Ferner: Abraham Duba, Magdalena, geb. and gest. .4 634. 
Adam Gottfried, geb. zu Krippen 4 639. Dieser gieng 4 659 nach Dpaala uod alarb 
4 66 4 zu London. Der Vater dieser Kinder, Adam, gieng 4 632, nach des Winlerlitelgs 
Tode, in schwedische Dienste und ward 4 632 — 36 Rittmeister und bis 46ii Obnsl- 
iieulenant in Banners Heer. 4 644 zog er mit der schwedischen Armee nach BÖhnen 
und Lausitz und half Görlitz entsetzen. Da bekam er (4 644) seine Todeswonda und 
ward nach Zittau begraben. 

Sein Stammhalter war der genannte Sohn Abraham , geb. zu Frankfurt a/M. 4 631, 
gest. zu WohIa bei LÖbau 4 676, welches Gut seine Mutter denen von Gersdorf abge- 
kauft hatte. Erst besass er's mit seinen Geschwistern, doch seit 4 664 allein, ttod nach 
Wohla's Abbrennung khulle es Joachim Ernst von Ziegler. Abrahams Ehegallin war 
Ulrike Kinsky von Chinitz und Teitau, geb. im Exil zu Haag, 4 630, gest. sa WoUa 
schon 4 660. Aus dieser Ehe wurden geboren Gottfried Abraham zu Rudelsdorf io 
Schlesien, 4 654, der 4676 des Vaters Gut bekam, Jacob. Ulrike, Christian, geb. 46(^0 
zu WohIa, welcher Oberhofintendant Karls Xü. in Schweden ward, 4 697-* 474 4. 

Abrahams zweite Gattin war Dorothea von Oelsnitz, von KleinschweidnÜs« 466S. 
Kinder aus dieser Ehe : Adam Gottfried , Susanne Beatrix , Johann Georg , Anna , Wil- 
helm, Maria posihuma. 

Jener Jacob, geb. 4 653 zu WohIa, gest. 4 730, lernte aus Liebet au Margirelba 
Neslon in Campen die Schuhmacherei und hatte aus 2 Ehen 4 3 Kinder, voronter fol- 
gende: Gottlieb, Verwalter zu Hauenstein bei Marienberg. Johann August, Amaigamir- 
arbeiter zu Halsbrücke. Des letztem Söhne aber waren: Fr. August, geb. 4784, Mubl^ 
bauer. K. Wilhelm, Kohlenm'esser zu Halsbrücke. K. Gottlieb, gest. 4 834 in Aiaerika; 
ein Sohn von ihm ist ZiergSrtner in Leipzig. Jener Mühlbauer Fr. Augost Duba 
bat 2 Söhne : Karl Wilhelm , geb. 4 84 0, Expedient im Amte Hohnstein. Haue August, 
geb. 4 814, in Lungwitz. 

Der Hofrath Fr. Wilh. Duba in Hannover war vermothlich ein Sohn des Jacob 
Duba und einer geb. Moczinska. Joseph H. gewShrte ihm wieder den Adel, 4 777. 

Diese Familiennachrichten sind bei BrUnden 4 673, 4 694, 4 84 3, 4 886 gerettet 
worden. 



K 



von Chr. Ad. Pencheck. 43>) 

Nachkommen der Duba sind, nachdem der Inhaber derselben 1851 xa Hdhnstein 
verstorben, jetzt zu Grtinbayn, Eherlein, Kotilz, Halsbrucke, VoigCsdorr, Leipsig, Strie- 
sen. Manche haben die Glaubenslreue der VSler bedauert. Die Faroilienaclen , in wohl 
300 Bogen, kamen nach Wilhelms in Hohnstein Tode, zu Dresden in die Aoction und 
wurden, so sehr man auch in Böhmen sie fürs Museum in Prag zu gewinnen trachtete, 
von einem Geschichtsfreunde in Dresden erstanden , der sie der königlichen Bibliothek 
zugedacht hat'). 

Beilage II. zu S. 4 5. 
Angesehne Exulantenfamilien aus andern kaiserlichen Staaten nach 

Sachsen gekommen. 

Bei Nachweisung der Abstammung jetzt sächsischer Familien von Exulanten darf 
man nicht immer an böhmischen Ursprung denken; denn es waren ihres Glaubens 
wegen vertriebne Familien auch aus andern kaiserlichen Staaten nach Sachsen ge- 
kommen. Hier sind die Namen v. Racknitz , v. Zinzendorf , v. KheveohälJer, v. Win- 
discbgräz, v. Lamboy, v. Arnheim, v. HÖrtelsberg, v. Ehenheim zu nennen. 

Die Freiherren v. Racknitz, nach Erscheinung des Reslitutionsedicts von 1629 
sunSchst nach Nürnberg emigrirt und von da nach Sachsen gekommen, waren mehrere 
Generationen lang in hohem sächsischen HofUmtern und durch ihren Sinn und Ge- 
schmack für Kunst ausgezeichnet. Der Freiherr Gustav v. Racknitz war 1676 Hofmeister 
des Churfürsten. Sein Sohn Carl Gustav , aus Lockwitz , war Oberslallmeister des Kö- 
nigs August des Starken, Gallus Max aber Hofmarschall des Churfürsten Friedrich 
Christian und Mitglied der Academie der Arkadier zu Rom, unter dem Namen Lusalico. 
Er war ein SteyermUrker , früher Rath und Kammerherr beim Kaiser Ferdinand II. und 
starb 1678. Er gab auch ein zu seiner Zeit berühmtes Werk über Zimmer- und Hau- 
serdecoration heraus*). Jos ph Friedrich Freiherr v. Racknitz stand seit 1800 an der 
Spitze der Kunstangelegenheiten zu Dresden und war unter Friedrich August dem Ge- 
rechten erster Hofmarschall und Director der Capelle und deB Theaters •). Mit diesem 
Racknitz ist in Sachsen die Familie erloschen. Eine geb. Freiin v. Rackniti ist «6t9 
als GrHfin v. Promnitz zu Sorau verstorben^). 

Der Graf Georg Ludwig v. Zinzendorf und Pottendorf war auch der Religion we- 
gen aus Oestreich emigrirt , und zwar erst nach Nürnberg und Oberkirch und dann 
nach Sachsen. 166t ward die Familie vom Kaiser Leopold L gegrafl. Jener war 1688 
churfürstl. s9chs. Geheimeraih und sein berühmter Sohn Nicolaus Ludwig Graf v. Zin- 
zendorf ward der Leiter der Brüdergemeinde zu Hermhut. Otto Christian v. Zinzen- 
dorf war not Gouverneur von Dresden, wo er 1718 starb. Sein Werk ist dort der 
zinzendorfsche Garten*). 

Die ö#ireicber Exulanten Teuffel v. Gundersdorf kauften Hof bei Oschatz. Einer 
derselben starb 1699 als Geheimerath *). 

Matthias Gundakar Graf v. Herberslein , Geheimerath und Hofrichter zu Leipiig, 
ge6t. 1737, war auch ein Eiulantensohn. 

Auch kam ein Graf Gotlhard v. Tettenbach und aus Steyermark Johann Wilhelm 
Baron v. Stubenberg, ein gelehrter Mann, auch Kammerherr, 1654 verstorben. Sein 

4; Vergl. auch : Beitrige zur Geacbichta der Birken von der Duba. in Schäfer» Sackten- 
Chronik. 1853 Lieferung 4. 

S) S Gölze'9 Eiulantenregister, 491. 

S, S. GreUcbcIs Geschichte von Sachsen, 11, 196 o. Vehsei Geschichte der HOl» von 
Sachsen, IV, S4. 

k] S. Aufsess Aiterth.-Anzeiffer, 4 85S. Nr. 4 08. 

5/ S. Sachsens Kirchengalerie, Bphorie Oschatz, t4 f. und Bulau's getieiine Geschichten, 
Y. t8t ff. 

6; S. Gesch der Gegenreformation, It, S4i r. 



436 ^i® böhmischen Exulanten in Sachsen 

Urenkel Wilhelm August v. Slubenberg starb alsGeheimerath und Cabinetsminisler 1771. 
Der Östreicbsche evangel. Graf Johann Ehrenreich zu Geyersberg kam von Re- 
gensburg, wo sein Vater im Exil lebte, nach Dresden, war Oberhofmeister der Gemah- 
lin August des Starken und starb I7il. 

Die östreichscho Familie v. Uiesch ward in Sachsen 1776 baronisirt und 1792 
gegraft. 

Ocstrcichsche Exulanten waren mich die Familien GÖschel, HÖfer, Sattelberger, 
Hübel, Herharl, Freiesmutli, Berger, Haldner, Lichtenecker^). 

ZuBauzen waren die obersten Geistlichen, im 17^Jahrhunderle, Martin Gumprecht 
und Alichael Liefmann Exulanten aus Schlesien und Ungarn und erreichten , wie man 
so oft bei den Exulanten, trotz aller ihrer Sorge und Noth, findet, ein Alter von 80 
Jahre. Die sehr charakteristischen Bilder dieser Männer sind noch zu schauen. Eine 
ungarische Exulnntenfamilie sind in Sachsen auch die Ochernai. Andre, wie die Sira- 
phinus, Demiani, Chladny, sind schon bei Görlitz erwähnt worden. 

In Zittau lebte auch lange Zeit der oft genannte ungarische Exulant Michael Lany, 
den wir schon bei Leipzig erwähnten. Seine reiche lateinische Correspondenz mit an- 
dern ungarischen cxilirten Predigern, z. B. Kaiinka und Maswitz in Zittau, ist in der 
milichschcn Bibliothek zu Görlitz noch vorhanden und sehr gehaltreich. In Ungarn war 
die Verfolgung anders, als in Böhmen. Man vertrieb nur die Geistlichen und zu den 
Galeeren wurden blos die von ihnen verurtheilt, welche nicht eidlich versichern woll- 
ten, sich aller Amtshandlungen gänzlich zu enthalten. 



Beilage III. zu S. 23. 

Bei.spiol, Ihcils von der grossen Zahl, theils von der Mannichfaltigkeit 

der Heimat und des Standes der nach Sachsen übersiedelnden 

Exulanten. 

Nachfolgendes besteht aus Angaben in den Todtenregistem einer von den Exu- 
lanten ungemein zahlreich besuchten Stadt, nämlich Zittau. 

Da hierbei solche nicht vorkommen , welche nur vorübergehend daselbst waren, 
aber doch so viele genannt sind, die da geblieben: so kann man ermessen, wie sehr 
der Exulanten Dasein bemerkt werden mussfe. Die angegebenen Jahre sind nicht im- 
mer die Todesjahre der genannten Exulanten, sondern nur Jahre, wo sie, bei Familien- 
ereignissen, erwähnt wer^len']. Besässen wir ein Verzeichniss zum Thore hereinwan- 
dernder mannichfaltiger Exulanten : so würde solches ungefähr ebenso aussehen. 

Im Jahr t62i schon starb Johann Jacobitz, Bürgermeister von Friedland, zu Rad- 
gendorf bei Zittau und das Jahr darauf seine Tochter. 1628 der evangelische Pfarrer 
Assulini von Kuttenberg. Eine böhmische Frau von Czaslau. Im März verscliied Georg 
Dicastus, Administrator des evangelischen Consistoriums zu Prag (der die KHinung des 
Winterkönigs vollzogen hat). 1629 ein Töpfer aus Kratzau. Margarelha Gudemann, 
Bauerswitwe von Schwabitz, zu Olhersdorf. t630 Zacharias Lonzcr, Kücbler von Ga- 
bel. Heinrich Truhig, Schuhmacher von Rostialowilz. Matthias Crocinus, Pfarrer von 
Reichenau in Böhmen. Georg Zimmermann, Berghauer von Grotfau. 1631 Johann 
Frazi, Pfarrer von Hostromirz. Peter Crincius, Pfarrer von Jungbunzlau. Johann Hlubaczek, 
Fleischer von Rostialowilz. Martin Osterau«, Schncldergesell aus Prosswilz. Adam Pils, 
Kürschner aus Kuttenherg. Sebastian llirzans Tochter von Neu-Lissa. Hans Adler, 
Schneider. Matthäus Pusch, HolzhUndler von llolan, in Olbersdorf. Hans Prüfuss» 



4) Neben Laiiy's schriftstellerischen Arbeilen s Jungnianns Gesch. der böhm. Lilerttur. 

2 Ausserdem kommen in solchen Kirchenbüchern auch viele namenlos mit nur osht- 
fttimmten Angaben vor; z. B. »eine Magd aus Böhmen«, »ein Kind eines Exulanten«. Attch sM 
viele Natncn jetzt unieierlich. 



von Chr. Ad. Peschock. |37 

FuhrmoDti von Warteiiberg. Eine Schneidersfraa von Gitschiu. 1632 Justina Hofroann, 
Tuchmacborswitwe von Friedland. Anna Forsch, Tagarbeiterin von Grafenstein. Hans 
Prochaska, Schneider von Czasiau. Philipp Georg Himicenus, Pfarrer. Ein Bürgerssohn 
von Pischwilz. Wenzel Moller, Schuhmacher von Leippe. Katharina, Gattin des Con- 
sistorialassessors, Schriftstellers und Predigers Viclorin Wrbensky. Paul Mikan, Pfarrer 
von Daube. Paul Hermann , Fuhrmann von Pankratz. Friedrich Braun , Fleischer von 
Kratzau. Martin Gerber, Fuhrmann. Wenzel Zcdlitzes, Webers von Dobrawitz, Witwe. 
Jgfr. Anna Kitsche, Schuhmacherstochter von Holan. 1633 Helene, Witwe Michael 
Leubners, Pfarrers zu Wütige, und das Jahr drauf ihre Tochter Anna Maria. Zacharias 
Key mann, gewesner Pfarrer zu Pankraz (Vater des Liederdichters). Eine Dienerin ei- 
nes Slawata. Fr. Kozian, Witwe des smirsilzkischen Rentschreibers in Aicha. Jacob 
SchuUe, Bürgermeister von Grottau (sehr lange im Exil hier). Elisabeth Güntherin. 
Sibylla, Ehefrau des exilirten Pastors Fellmer. Theodor Crusius, Pfarrer von Pablowitz 
(nach zehnjährigem Exil). I63i Schneider Momilch von Allstadt-Prag und dann seine 
Witwe. Enoch Thürholzos Witwe von Leippa. Fr. %'on Wartenberg (geb. GrSfln von 
Mansfeld). 1635 Gastwirlh Georg Schabke von Kuttenberg. Fr. Maria Blektln von 
Aodishorn, geb. Mehl von StrÖlitz*). 

1636 David, Sohn des Pastors Thomas Kellner von Drum. Lidislaus Kladensky 
von Kladan (gest. bei dem M. Lichtner). 1637 Heinrich Rasch von Riesenburg. Zacha- 
rias Peters, Bürgermeister von Rumburg. Kürschner Salomo Pilz von Kuttenberg. Eli- 
sabeth, Witwe des Rector Kuttnauer zu Slan. Sabina, Gräfin Berka von Daube, Leippa 
und Nachot, Gemahlin eines Grafen von Waldstein auf Swatiz , standhaft evangelisch 
geblieben und in die Jolianniskirche begraben. 1638 ein Kind des exilirten Pfarrers 
Lanzmann. Matthäus Bergmann, Seifensieder von Gabel. Barthel Döring, Maurer von 
Friedland. Anna Hübner, Witwe von Reichenberg zu Eckardsberg. Witwe Georg 
Scholze*8 von Ringelshain zu Harthau. Maria geb. Rosersdorf, Witwe des Predigers 
Thaddens ^Thädel<. Jacob Krause, Hechelmacher von Rumburg. Auguste, Witwe des 
Pfarrers Wenzel Machauns (bei Thaddens). Georg Schabke's Witwe von Kuttenberg. 
4 639 die Tochter des Pfarrers von Bakow. Martin Wagner, Cantor von Kuttenberg. 
Ludmila Stieglitz von Prag-Neustadt. Wenzel Claudian. Samuel Martini*s, Präger Con- 
sistorialadministrators und endlich Exulantenpfarrers zu Pirna nachgelassenes Töchter- 
lein. Georg Raki, Bürger von Prag-Altstadt und Gegenhündler in der Mün^e, der im 
zittauer Väterhofe mit Rechenstunden sich nährte. Jgfr. Elisabeth, Tochter des Schnei- 
ders Hans Tumericht von der Prager Kleinseile. 1640 Anna, Witwe des Mathias 
Krincy, Pfr. in Slan. Veronika Kauzky, Bürgerin von Leitmerilz. Andreas Ullmann, 
Bäcker von Reichenberg. Christoph Neuhäuser, Bauer von Chrisdorf. Jgfr. Anna Suchy 
von Tabor. Ein Weber von Oschitz. Die Witwe des Neustadt-Prager Bürgermeisters 
Schaboglück. Johann Durra von Welnitz. Matthäus Tompich , Bäcker von Kratzau. 
4641 Michael Jüngling, Schulmeister. Hans Hauschka, Amtsschreiber der Herrschaft 
Dobrowitz. Daniel Dentulinus, Pfarrer von Laukow (lange hier). Daniel Rischke, Schü- 
ler von Melnik. Tobias Worschowsky, vornehmer Bürger von Neustadt -Prag (lange 
hier). Marie Heinke, Bauerswitwe von Warnsdorf. Albrecht Rabenhaupt von Sucka. 
Heinrich Gallus von Neustadt -Prag. 4 6iS Jacob Kaplan, Bürger ebendaher. Jacob 
Suck. Felix Kalezky. Nicolaus \on Lutezensky. Jacob Krizowsky, Bürger von der 
Kleinseilc zu Prag. Jgfr. Hachelberger, Weberstochter von Reichenberg. Wenzel R»- 
benhau|>t >on Suka. Barbara, Frau de»; exilirten Pfarrers Fellmer. Frl. Katharina, 
Materna \on Kwatnil/ und deren Schwester. Salome, Gattin des Karl Pfefferkorn von 
Ottobach (:im t^ Juli beide in ein Grab). Marie, Gattin des Thomas Kellner, Pastors 
in Oschit/. Lorenz Stiebe. Bürger und Advocal zu Prag- Altstadt flange im zittauer 
ExilK Hans Ludwig Zize, Bürger und Kutscher von Prag. Hans Wurzbaum, Hut-* 
schmücker von Pra?j. Johann Spatenka . Pfarrer von Podiebrad 'lange Exul,. Georg 
Laiikisch, Koch lange hierV Martha, Frau des Exulanten Heinrich Gallas von Prag 
Igest, als Wöchnerin; 4 6 45, und des Buchfuhrers Hans Salmut von Prag Witwe (lange 

4 Sie ist durch Le(:ate onvergetklich. S Handbuch der Gescb v. Zittau H, t6S a. 177 






1 38 Die böbmiscbeo Bxulanleo in Sachsen 

hier). Viclorin Adami, Pfarrer zu St. Adalberi in Prag (lange hier). Veronica Piaezky 
von Prag. Marcus Sirada, Pfefferl^ücbler von Leippa (iB Jahr hier). Ursula HSnisch, 
Hebamme von Warlenberg. Anna Pilz von Reichenberg (Wöchnerin). Felix Kobalezky 
von Beano. 1647 Kunigunde von Slusky, Witwe (lange hier). Sebastian lleisaiiera 
Witwe von Grottau. Fr. Eva Mosdromirsky von Riesenburg. Hans Kottewitz, Schnei- 
der. Matthias Rrocinowsky, Pfarrer von Reichenau bei Friedland (lange). Karl 
Gestrcibsky von Riesenburg (lange). 1648 Simon Richter, Schlosser von Leitmeritz. 
Simon Justus, Bürger von Neusladl-Prag, Viertelshauptmann in Zittau. Jgfr. Margaretha 
Tohalsky von Tohalitz. Thomas Kellner, Pfarrer von Druhm (auch diese vier lange hier), 
und sein Sechs wochenkind bald darauf. Fr. Anna Reich wald von Kratzau. Tobiaa 
Kohaul, Messerschmidt (in Verdacht des Calvinismus, daher es schwer hielt, ein ehr- 
liches BegrSbniss zu erlangen). Georg Benisch. Riemer von Laun. 1649 Johann Lieb- 
nisky, vornehmer Bürger von Neustadt*Prag (lange). Veit Schiebel. Dorothea Grun- 
wald von Johannisthai. Joseph Schreibers von Sclireiberthai Witwe aus Kotlenberg. 
1650 Anna, Witwe des Pastors und Seniors Winkler (2S Jahr hier im Exil, mith'n seit 
der grossen Verfolgung 28). Hans Damme, Schneider von Prag. MatIhSus Przibis- 
lawsky. Ludmila Libnilzky, Johann Libni(zky*s, KSrnmerlings bei der Laodtafel, Ehe- 
gattin nebst Tochter. Methusalem Ehrlich , Tuchmacher von Reichenberg. Marianne, 
Schueiderswitwe von Pisek (im S4. Jahre des Exils). Anna Bartsch von Liboebowitz. 
Michael Johne , GSrtner von Wetzwalde. Jgfr. Dorothea Gewitzky , Bauerstochler von 
Pablowitz. Christoph Liebiscli in Hartbau. Matthäus Wobisch , Müller von Merxdorf. 
Christoph Schreier von Göhrsdorf bei Grottau zu Harthau. Ein aller böhmiacher 
Schulmeister. Paul Winkler, Pastor und Senior im chrudimer Decanat. Andreaa Kult- 
ier, Pfarrer in Morgenstern (er war lange in Zittau und ward endlich achwediacher 
Feldprediger und Assessor beim schwedischen Kriegseonsistorio zu Scbweinftirtb). 
Paul Dinter, Schuhmacher von BÖhmiscIibrod. 

Wir brechen hier ab, bemerken aber hierbei, dass nun, von 1650 ao, die Zahl 
der Exulanlentodesfälle sich nach den neuen Vertreibungen jener Jahre bedetileod 
mehrt ; so dass kaum ein Blatt in jenen Todtenregistern ist , wo nicht wenigatena ein 
Exulant genannt wttre; ja 1653 sind an dreissig und 1664 an vierzig gestorben ; selbst 
nach 1700 immer jährlich wenigstens zehn, ja 1706 wohl vierzig. Wenn nun dabei 
steht: Exulant, so ist das nicht immer so zu verstehen, dass diese Person ans Böh- 
men •ausgewandert sei, sondern nur, dass sie von solchen stamme und zur Exulanlen- 
gemeinde gehöre. Die Exulanten späterer Zeit gehören sSimmtlich oiedero SlSo- 
den an, unter welchen mehrere von obigen Namen heute noch blühen. 



Beilage IV. zu S. 25. 

Landesberrliehe Rescripte wegen der Aufnahme von Exulanlen 

in Sachsen. 

Dem Durchlauchtigsten Hochgebomen Fürsten und Herrn , Herrn Johafein 
George, Herzogen zu Sachsen, Gülich, Cleve und Berg, des belligen Hämi- 
schen Reichs Erzmarschallen und Churfursten etc. unserm gnldigsten Chor- 
fürsten und Herrn. 

Durchlauchtigster Hochgeborner Cburfurst. Ew. Cburfiirstl. Dorchbocht sind imaer 
unterthSnigste, gehorsamste, demüthigste Dienste und Seufzer zu deorallbaniiherxifao 
Gott um dero langes Leben, besUlndige Gesundheit, glückselige, friedliche Regienuig, 
und alles Churfürsll. Wohlergeheu jeder Zeit! 

Gnädigster Herr I 

Dass Ew. Churfürstl. Durchlaucht gnadigst geruhet, uns vertriebne, veriasane Leole 
nicht allein vor vielen Jahren , und von Zeit unsers böhmischen Exilii in Dero Landen 



von Chr. Ad. Pesoheck. 139 

aofzunebmen , zu Herbergen , zu dulden und in gnädigsten Schulz zu haben , sondern 
auch Anfangs zu Pirna in einer besondern Kirche, und ferner nach der jämmerlichen 
schwedischen Direption , allhier in Dero Churfürstl. Residenz und Haupivestung durch 
-Cttnen reinen evangei. lutherischen Prediger des heil. Gottesdienstes in böhmischer 
Sprache zu Hüif und Trost derer, die der hochloblichen deutschen Sprache nicht 
kundig privatim und in Häusern geniessen zu lassen , rühmen wir schuldigst in aller- 
unterthSnigster gehorsamster demüthigster Dankbarkeit, nicht zweifelnde, sondern auf 
das gewisseste hoffend, und zum herzlichsten wünschende, dass Ew. Churfürstl. Durch- 
laucht Jesus Christus, der gerechte, in dem wir alle leben, weben und sind, dessen 
Namen wir alle bekennen und durch Kraft seines Bluts seelig zu werden verhoflen, 
welcher alle gute Werk reichlich zu belohnen , und mit ewiger Freude zu ersetzen 
versprochen , solcher uns erzeigter hoher Gnade wegen mildiglich ersetzen , mit Land 
und Leuten vor allen Unfall, und sonderlich vor dergleichen Verfolgung behüten , be-^ 
voraus aber mit so viel Tausend ftlillion mehr Seegen und Wohlthaten beseeligen wolle, 
als wir Seufzer und Gebete um gnädige Rettung aus nnserm langwierigen Elende diese 
lange Zeit über zu Gott ausgeschüttet, vergossen und noch vergiessen. 

Demnach es aber des allweisen Gottes Wohlgefallen, dass er jüngsthin dieses un- 
sers zerstreuten Häufleins treuen Hirten und Seelsorger M. Matthiam Georginem, wel- 
chen Ew. Churfürstl. Durchlaucht vor Jahren zu dem Ende uns gnädigst constituiret, 
und conßrmiret , durch den zeitlichen Tod weggerissen , und uns äusserst am Leibe 
verarmte und betrübte Leute auch in den innerlichen geistlichen Hunger des wahren 
gepredigten göttlichen Worts in unserer Sprache zu setzen angefangen 

Als haben wir billig unterlhänigstes Bedenken in Ansehung der bisher zur Gnüge 
uns erzeigten hohen Churfürstl. Gnade, vor die ausser unserm elenden Gebete wir die 
geringste wirkliche Dankbarkeit nicht aufbringen können, Ew. Churfürstl. Durchlaucht 
mehr zu schonen, als mit unsern obschon genothdrengten Suppliciren zu behelligen. 

Demnach aber, und dieweil wir durch des lieben gerechten und barmherzigen 
Gottes unsträfliches Verbängniss unser langwieriges Elend noch ferner baven müssen, 
auch durch göttlichen Beistand lieber länger bauen wollen , als unser und der unsrigen 
Seel in Gefahr in irriger Lehr stecken , gleichwohl neben dem leiblichen Hunger und 
Armuth , so uns ausgezehrte vertriebne Leute aufs schwerste befallen , dem Seelen- 
hunger, und Mangel des schallenden gepredigten Wortes Gottes, dessen wir, und der 
heiligen Absolution in unser Muttersprache, die wir der löblichen deutschen Sprache 
unfähig und unerfahren seyn , ohne Gefahr unser Seelen Seeligkeit nicht entraten kön- 
nen, durch einen reinen evangei. lulher. böhmischen Prediger herzlich gern begegnet 
wissen wollen, auch der unterthänigslen demüthigsten Hoffnung leben, Ew. Chucf. 
Durchl., als ein hohes Haupt, und grossmächliger, eifriger Palron der bedrängten 
evangei. luther. Kirche werde noch ferner gnädigstes Churfürstl. Mitleiden gegen uns 
betrübte trostlose und bekümmerte Leute zu tragen , und uns mit einem andern evan- 
gei. luther. böhmischen reinen Prediger zu bedenken gnädigst geruhen 

Als gelanget demnach an Ew. Churf. Durchlaucht unser unlerthänigstes , demü- 
thigsles höchstes Flehen und Suppliciren , Sie geruhen in Erwegung unsers langwieri- 
gen, unvermeidlichen hülflosen Elends, und grossen Seelen-Noth gnädigst zu verwilli- 
gen , dass uns wenigen böhmischen Exulanten , die wir der lobl. deutschen Sprache 
unkundig sind ausser der Stadt in der Kirche zu St. Johannis das^ reine Wort Gottes 
lauter geprediget, die heilige Absolution als hochnöthig bei so grosser Anfechtung in 
bÖhnii.scher Sprache, und die heiligen Sacramente, vermöge Ew. Churf. Durchl. Kir- 
chen-Ordnung durch einen richtigen reinen lutherischen böhmischen Prediger, als M. 
Johann Hertwicium den Ew. Churf. Durchl. vor diesen bereits nach Pirna uns gnädigst 
constituiret und conßrmiret haben ; demselben wir soviel unser höchstes Armuth und 
Elend leidet Unterhalt zu machen erböthig seyn, adminlslriret und gereichet werde. 

Solches, wie es an ihm selbst ein löbliches hohes Fürsten und Christen Werk, in 
heiliger Schrift gegründet, und unser einiges 7?e/iu^tum in unsern grossen leiblichen 
und geistlichen Anfechtungen , contra praesentissimum impendentis desperationis prae- 
dpitium sein mag: also wird es auch der allerhöchste in Gnaden anschon, Ew. Churf. 



\iO Die bübmiscben Exulanten in Sachsen 

Durchl. hohe Person, Churf. löbl. Haus, Stand und Land, Leben und Tod seegneo, 
vom Feind erretten, und vor allem Uebel schützen, allermassen ihm deroselben Wohl- 
ergehen mit demülhigsten Seufzern zu befehlen , und nach Sussersten unseitn Vermö- 
gen zu suchen wir unterthänigst schuldig verbleiben. Zu Ew. Cborf. DurcbL hdMD 
Gnaden Schutz und gnUdiger Resolution uns gehorsamst befehlende. 

Datum 23. August 4 649. 

Ew. Churf. Durchl. 

unterthUnigste demütbigste sSmmtliche der deotschen SpfMbe 
unerfahrene böhmische allhier wohnende Exübnteo. 



Beilage V. zu S. 51 . 

Resolution. 

Dem würdigen und Hochgelehrten , unsern lieben , andächtigen und getreoeo 
Herrn Aegidio Sträuchen, der h. Schrift Doctori, unsers Ober-Consist.-Assessori , auch 
Pfarrern und Superintendenti, sowohl dem Käthe zu Dresden. 

Von Gottes Gnaden Johann Georg , Herzog zu Sachsen , Jülich , Cleve und Berg, 
Churf. etc. 

Würdiger, Hochgelehrter, Andächtiger und Liebegetreuer. 

Bei uns haben der ersten ungeSnderlen Augspurgischen Confession verwandte 
böhmische Exulanten unterthSnigst und wehmüthigst gebeten, dass wir zur Verrieb- 
tung ihres Gottesdienstes in ihrer Muttersprache eine Kirche in der Vorstadt alibier ih- 
nen gnädigst vergönnen möchten. 

Nun wir dann nicht gemeinet Jemand den Weg zur Seligkeit, noch die dazu dien- 
lichen Mittel zu verwehren, sondern vielmehr die Ehre Gottes, und dessen allein selig 
machendes Wort Uussersten Vermögen nach zu fördern. Als ist uns nicht zuwieder, 
dass unser Ober-Consistorii Gutbefinden nach erwUhnten Exulanten zur Fortsetzung 
ihres Gottesdienstes in ihrer Muttersprache die Kirche zu St. Johannis auf dem Gottes- 
acker vor dem pimaischen Thore allhier, denen Leichenbegängnissen ohne Nacbtheil 
eingeräumet, darinnen Sonntags und Mittwochs früh zu gewöhnlicher Zeit geprediget, 
Sonntags wann Communicanten vorhanden, das heil. Abendmahl mit denen dieses 
Orts üblichen Ceremonien, Freitags aber allein die Betstunde gehalten, und dabei die 
Litaney gesungen, auch sonsten nach allen Predigten die in unsern Kirchen gewöhnücheo 
Gebete abgelesen werden. Wie es zu fernem Gnaden Ihrem Pi^dicanten zu dessen 
zwei- oder dreijähriger Besoldung zweihundert Thaler, von einer namhaften Strafe, 
sobald dieselbe einkommen wird , über dasjenige , so ibme die Exulanten wdcheDtKch 
versprochen haben, zu diesem mal deputiret, in Künftigen aber, ohne unserm Zathun, 
es geschehe dann ferner aus Gnaden, von den Exulanten selber abgestattet und aufge- 
bracht werden sollen. 

Welclies Alles ihr ihnen in unserm Namen also anmelden , daneben aber ihr, der 
Superintendens, fleissige und genaue Aufsicht haben werdet, damit nicht Calvinisten 
oder andre Secten sich mit einmischen, sondern ein reiner, unverdächtiger, qoalificir* 
1er und hierzu absonderlich vereideter Lutherischer Prediger gebrauchet, auch alle 
Unordnung und Aergerniss vermieden werde. Daran geschieht unsre Meinoog. 

Datum Dresden am 15. Mai Ao. 1650. 

Friedrich llezsch. 
G. Eis Ol d, Prot. 



von Chr. Ad. Pescbeck. 4 4f 



Revers. 



Denen Wohl Ehrenvesteti Gross und Vor Achtbaren, Fürsichtigen, VVohlgelabrten, 
Hoch und Wohlweisen Herrn Bürgermeister ttnd Rath der Churf. Residenz und Haupt 
Vesiung Dresdeq , Unsern Grossgünstigsten Hocligeehrten Herrn und Hochwerthen Pa- 
tronen. 

Wohl Ehren veste, Gross und Vor Achtbare, Fürsichtige, Hoch und Wohl weise, 
besonders Grossgünstigste Hochgeehrte Herrn und Hochwerthen Patronen. Es erinnern 
sich dieselben grossgünstig freundlich , welcher Gestallt von t I . Martii dieses Jahres 
E. B. und W. W. Rath uns ein Notul eines Recesses , betreffend die Kirche zu St. Jo- 
lliinnis vorm Pirnischen Thore alihier zugeschickt und begehret , dass wir uns des 
Ewerdtii Religionis halber in unsrer böhmischen Muttersprache , so Ihro Churf. Durchl. 
io gedachter Kirche uns bereits im verflossenen 1 650. Jahre, den Leichenbegängnissen 
ohne Nachtheil zu treiben gnädigst nachgelassen, vor uns, wie auch anstatt und mit Vor- 
auswissen der ganzen zu diesem Exercitio gehörigen Gemeine , verschreiben möchten, 
dass diese Concession dem juri patronatus ganz unnachtheilig bleiben, von uns vor 
eine pur lautere Gutwilligkeit erkannt , und sie von unsern und dieser Kirche Patron 
QOd Collatores jederzeit geachtet werden sollen. 

Nun haben wir, wie gern wir auch gewollt, doch wegen Abwesenheit Vieler, und 
zwar vornehmsten Glieder dieser Gemeine zu keiner Communication hievor gelangen 
können, und daher unsre Erklärung von Tage zu Tage verschieben müssen, leben auch 
der guten Hoffnung, Ew. werden solchen Verzug nicht ungleich vermerken. 

Wenn aber E. E. Rath sein Begehren nochmals gegen uns wiederholet, und wir 
bei uns nicht befinden , dass unser Bestellung sich so weit erstrecken solle , oder dass 
beydes ohne I^ro Churfürstlich absonderlichen Befehl, so uns diese unumschränkte 
Gnade erwiesen, als auch ohne einhellige Bewilligung des ganzen Häufleins mit dergl. 
Revers die Gemeine und uns wir einlassen können etc. etc. 

Dresden am M. Juli Ao. I65i. 



Beilage VI. zu S. 25. 

Dem Durchlauchtigsten Hochgebornen Fürsten und Herrn Herrn Johann Georgen, 
Herzogen zu Sachsen, Gülich, Cleve vnd Berg, des Heil. Rom. Reichs ErzmarschaJIen 
vnd Churfürsten , Landtgraffen in Düringen , Marggraffen zu Meissen , Ober vnd Nieder 
Lausitz, Burggraffen zu Magdeburgk, Graffen zu der Marck vnd Ravensburgk, Herrn zu 
Ravenstein, Vnsern gnädigsten Churfürsten vnd Herrn etc. 

Durchlauchtigster, Hochgeborner Churfürst etc. Ew. Churf. Durchl. sind vnsere 
vuterthänigste Diensten gehorsambste vnd demüthigste säufzer zu GÖttHcher Barmher- 
zigkeit, vrob dero Churf. langes leben , beständige Gesundheit Glück vnd friedliche Re- 
gierung , sambt allen zeitlichen vnd ewigen Wohlergehen , iederzeit zuvor Gnädigster 
Herr. Wie die ganze Welt dem Grund Güthigen Gott manniges Lob mit Mund vnd 
Herzen ohn aufhören zu thun schuldig ist , das Er die Evangelische Seligmachende 
Wahrheit , vor mehr alss Hundert drey vnd dreisig Jahren mitten auss der Päbstlichen 
Abgötterei, in dero Landen, wiederumb anfangs lassen herfürwachsen grünen vnd blü- 
hen , dass (larauss gleich ganze Schaaren Evangelischer rechter Lehrer vnd Christen 
entstanden vnd genommen worden. Dergleichen Ruhm kein einziger Potentaten vnd 
Herrn, inner vnd ausser der Christenheit, Sondern bloss vnd allein Ew. Churf. Durchl. 
Hochlöbliches Hauss mit fug vnd recht bissher geführet vnd erhalten. 

Alss sind auch wir Arme Vertrieben« Leuthe absonderiich obligiret mit vntertbä- 
nigsten Dank zu erkennen, vnd verbleiben vnlerthänigst , gehorsamhst auch demöttigsl 
iederzeit danckbahr, das Ew. Churf. Durchl. über die Andern hohen Churf. schaU vnd 
Schimiss wolthaton noch jüngst nun in dieser Churf. Residenz vnd Haubl Vestungs 



# 



14^ Die böbmiscbeo Exulanten in Sachsen 

Stadt unss eines reinen Evangelischen Lutherischen Predigers in Vnser Böhmischen 
Muttersprache privatim zu gebrauchen gnädigst geruhen wollen. 

Wie wir aber nun keineswegs solche hohe Churf. Gnade zu demertreo vermdgeo, 
vnd Ew. Churf. Durchl. biliicher verschonen, alss weiter vmb ampliaüon vnd vermeb- 
rang derselben vnterthSnigst anfliehen solten , Alss können wir doch nicht vorüber, 
deroselben VnterthSnigst erkennen zu geben, dass vns zu Christlicher Obung des Got- 
tesdienstes viel bequemer vorfallen möchte, eine Kirche vnd weitem Raum, als wir ihn 
itzo im Wrschesowitzischen Hause durch Ew. Churf. Durchl. GnSdIgste Bewilligung 
geniessen, zu erlangen, vnd damit gnSdigst versehen zu werden. 

Wann dann zu Ew Churf. Durchl. alss mSchligem , der aliein SeeligmacheDdeu 
vngeenderten Augspurgischen Confession Nutricio vnd Defensori wir dess vnterthinig- 
sten Gehorsambsten demüthigsten vertrawens leben , das in ansehung vnser grossen 
leiblichen vnd Geistlichen nolh zu gewinn vnd Erhaltung vieler Seelen , die siim sonst 
dess Seelen Hungers nicht erholen können , dieselbe auch hierinnen vns goldigst an- 
sehen , vnd bedencken werden. Alss gelanget an dieselbe vnser Ynterthinigst gehor- 
sambst vnd demüttigstes Suppliciren, Sie geruhen ihre Hohe Churf. Gnade gegen ynes 
nach dero Landkündigen Clemenz vnd müldigkeit, zu erweitem, vnd zu behnlT vnd 
fortstellung des Evangelischen Exercitii in vnser Muttersprache vns gpSdigst eine Kirche 
etwan in der Vorstadt nach dero Churf. belieben zu Vergönnen vnd elnreomen zu 
lassen, darinnen die Predigt göttliches Worts anzuhören, vnd der Heyl. Sacramenlen 
nach Ew. Churf. Durchlaucht. HochlÖbl. Kirchenordnung zu pflegen. 

Solches wie es an ihm selbst ein löbliches hohes Fürsten vnd Cbristenwergk, der 
Heyl. Schrift gemäss ist, gereichend sowohl zu Ew. Churf. Durchl. Vnsterblichen Ruhm 
vnd Glorie, als zu abhelfung vnser grossen Leiblichen vnd Geistlichen anfechtuog, 
vnd zu Trost vnsers langwüriegen elendss. Alss wird es auch der allerhöchste in 
gnaden ansehen Ew. Churf. Durchl. hohe Persohn Churf. HochlÖbl. Hauss, Stand vnd 
Land leben vnd Todt gnädig Seegnen , von Feinden erretten , vnd vor allen Qbel gielcfa 
David, Salomon , Hiskiae vnd Josuae geschehen schützen , allermassen vmb dttroselben 
Churf. Wohlergehen mit demüttigsten säufzem zu verbitten, vnd nach Sosersteo vnsero 
vermögen zu verschulden , wir vnterthänigst gehorsambst Pflichtschuldigil verbleiben 
Zu Ew. Churf. Durchl. femern hohen Gnadenschutz vnd GnSdigen resolution vns ge- 
horsambst empfelende. 

Dressden den 29. Martij 1650. 

Ew. Churf. Durchl. 

Vuterthänigste Gehorsambste demüttigste SSmbtUdia der ange- 
enderten Augspurgischen Confession Verwanle BQhmiecbe 

allhier wohnende Exulanten. 

Eine Anzahl ähnlicher Rescripte, betreffend die Aufnahme von Exulanten aus den 
böhmischen BergstSdten , sind im geheimen Staatsarchive zu Dresden anter der Num- 
mer 7721 zu finden und viele derselben abgedrackt in Franke*s GrQndongugeachicfate 
von Johann Georgenstadt, Beilagen. Viele Verhandlungen darüber s. auch im dresdner 
Ratbsarchiv, im Ephoralarchiv und im Archiv des Cultroinisteriums. 

Rescripte dieser Art sind auch abgedruckt in Brückners BeitrSgen zur Gescbicbte 
der Exulanten im Queisskreise der Oberlausitz, im laus. Mag. t8S7, 68 ff. 



voa Chr. A<1. Pescheck. | 4;j 

Beilage Vn. zo S. 33. 

Bitte der böhmischen Eiculanten za Pirna an den Chorfiirsl von Sachsen 
Johann Georg um freie Aasübung des Gottesdienstes in Pirna. 

Dem durchlauchtigsten I Hochgebomen Fürsten und Herrn Johanni Georgio, Her- 
zogen zu Sachsen elc. etc. / 

Ew. Churfurstl. Durchlauchtigkeit wünschen wir von dem allmSchtigen Gott lang- 
wierige beständige Leibesgesundheit, glückliche und friedliche Regierung, und alles 
Wohlergelien. 

Bs wird Ew. Churfurstl. Durchl. sonder Zweifels, wie es den wettkundig ist, 
grtidigst bewusst sein, was Ursache wir evangelischen Einwohner des Königreichs 
Mheimeo , weilen wir uns zur katholischen Religion nicht bequemen , und dieselbe 
annehmen können, durch gewisse Decreta aus gedachtem Königreich abgeschaffet wor- 
den» das geliebte Vaterland verlassen, wie auch unser beste Haab und Gatter schmerz- 
lich verlassen, also wegeA Rekenntniss göttlicher Wahrheit das betrübte Exilium bauen 
müssen. Da wir denn aus sonderbarer Schickung Gottes des allmSchtigen uns biehero 
in die Stadt Pirna begeben , daselbst unter Ew. Churf. Durchl. Schutz auf deroselben 
gnldigsten Refehl von Einem Ehrsamen und Wob) weisen Rath auf und angenommen 
worden , bis dato verblieben ; auch der demüthigen , gehorsamen Zuversicht leben Ew. 
Churf. Durchlauchtigkeit uns unter dero Schutz ferner gnädigst verbleiben lassen wer- 
den, für welches dann zu förderst Gott dem allmächtigen, dann auch Ew. Churf. Durchl. 
wir von Grund unsres Herzens demüthig danken, auf Zeit unsers Lebens danken 
wollen. 

Ew. Churf. Durchlaucht, können aber wir in gehorsamer Demutb zu berichten 
nicht umgehen , wie dass die meisten unter uns pur lauter Röhmen sein , so durchaus 
die deutsche Sprache nicht verstehen und dahero, wie .sehnlich sie es auch wünschen, 
dar Predigt des göttlichen Wortes nicht bei wohnen können , welches sie herzlich und 
schmerzlich beklagen , dass sie also des edelsten Kleinodes und Seelenschatzes priviret 
sein müssen. 

Gelanget demnach an Ew. Churf. DurchL unser in Demuth gehorsamstes Ritten 
und Flehen , Sie geruhen solches Elend zu beherzigen , die grosse Gnade zu erweisen 
und den Gottesdienst in unsrer Muttersprache (Massen solches in den königlichen Pra- 
ger Städten der löblichen deutschen Nation vor diesem auch vergönnet worden) zu 
Oben , und die Predigt anzuhören , in der Stadt Pirna bey St. Nicias uns gnädigst ver- 
•tatten , und bey deroselben Hoch und Ehrwürdigen Ober Consistorio zu Dresden die 
gnädige Verordnung zu thun, dass hierzu der Ehrwürdige M. Samuel Martinius, dessen 
Leben und guter Wandel uns ziemlich bewussl , der auch in der löblichen Universität 
und Consistorio zu Wittenberg wohlbekannt, möge confirmirt werden Hieran werden 
Ew. Churi. Durchl. deroselben einen unsterblichen Nahmen und ewiges Lob ma- 
chen etc. Datum Pirna den 12. Januarii Ao. 1628 unterschr. 

in Demuth gehorsamste 
Aus dem Königreich Röhmen wegen der Religion AusgetchaAe, 
und bis dato zu Pirna verbleibende Pertonen. 



* 
* 



4 44 L)ie böhmischen Exulanten in Sachsen 

Beilage VIII. zu S. 33. 

ChurfUrstliche BevvilliguDg des ExerciHi Religionis in Pirna , den 

Exulirten Böhmen. 

Dem würdigen, unsern lieben andächtigen und getreuen M. Daniel Reichard, 
Pfarrer und Superintendent, auch dem Rathe zu Pirna. 

In GoUes Gnaden Jobannes Georg Herzog zu Sachsen etc. 

Würdiger, Lieber, Andächtiger und Getreuer. Welcher gestallt wir von denen bei 
Euch sich aufhaltenden Bpbmischen Exulanten , die der deutschen Sprache unkandig 
und unerfahren , um Verstattung der freien Uebung unserer wahren selig machenden 
Religion in böhmischer Spräche uptertbänigst angelanget worden , das ist Euch uover- 
borgen. Wie wir uns bisliero gegen solche um unser Religion Willen vertriebene Leute 
gnädigst und mitleidig erwiesen ; also haben wir nichts unterlassen Ihr itziges unter- 
thäniges Suchen in reife Berathschlagung zu nehmen , und endlich uns dabin gnädigst 
resolviret, aus besondern Gnaden zum Anfang auf ein Jahr lang Ihnen, den bertihrleo 
evangelischen Böhmen das Exercitium unserer wahren seelig machenden Religion In 
böhmischer Sprache zu erlauben: jedoch also und dergestalt, dass diejenigen, so zu 
Ihren Predigern und Seelsorgern siezo berufen gemeinet sind, vor derVocaliou anbero 
an unser Ober Consistorium prUsentirt, alda sie, ob sie richtig in der Lehre, ob sie auf 
reinen evangelischen Universitäten studIret, ob sie gute Zeugnisse ihres Lebens Wan- 
delns und Amts fürzulegen haben genau nachgeforscbet , und wann solches erfolget, 
alsdann zu Leistung des gewöhnlichen Religion Eides, Unterschreibung des Coocordien 
Buches angehalten, auch dabey Ihnen andere, so unser wahren selig machenden Reli- 
gion nicht zugethan, noch sich darzu zu bekennen gemeint sind, einschleichen wollten, 
dieselben abzuweisen, und Euch, den Superintendenten anzuzeigen ernstlich vermah- 
net werden. 

Dass solche Priester vor Antretung ihres Amtes , und so lange sie solchea Hihreo 
Euch zu beichten , und in Eurer Gemeine das heilige Abendmahl Öffentlich zu em- 
pfangen, 

unserm Ober Consistorio und der Superiutendentur zu Pirna sich zu unter- 
werfen, 

in den Kirchen Ceremonien , Ehesachen , und mit Austheilung der HochwGrdigen 
Sacramcnten, Ablesung der Beichte, und gemeinem Gebeth, Copulationen und aonslen, 
allerdings nach dieser Landesart publicirtcn Agenden und Kirchen Ordnungen es zu 
halten, und keine Neuerung für sich einzuführen ; 

Die Predigten auf dem Sonntag und Donnerstag, wie auch auf die einfallenden 
Feste , so bey Euch sonsten gefeyert werden in der Kirche zu St. Nicolai früh um 

5 Uhr bis auf 7 Uhr, ingleichen Nachmittag in den hohen Festen um die Zeit, da Euer 
Gottesdienst entweder schon verrichtet ist, oder zeitlich vorher, dessen Ihr eudi dann 
mit ihnen zu vergleichen habet , anzustellen schuldig sein sollen ; mit angeheRer Ver- 
wahrung, wofern wir einige Unrichtigkeit, oder ärgerliches Beginnen in der Lehr, 
Ceremonien, oder sonsten erfahren werden, daaa alsdann wir andre Anordnung zu 
thun, und nach Befmdung diese Concession aufzuheben uns vorbehalten haben wollen. 
Begeren hierauf gnädigst, Ihr wollet einen Ausschuss der böhmischen Supplicanlen für 
Euch fordern, diese unsere Resolution ihnen unseumtlicli notificiren, und weU in un- 
serm Ober Consistorio allhier M. Samuel Martinius tüchtig erkannt, Er auch den Reli- 
gions Eyd mit aufgereckten Fingern geleistet, und noch diese Woche öffentlich in der 
Hauptkircho bey euch communiciren sich erklärt , Ihme verslatten , dass er auf itzige 
herbeynahende Ostern besagtermassen das böhmische Exercitium anheben möge. Ihr 
aber , der Superintendens , werdet Achtung zu geben wissen , damit wieder unser ge- 
messene Verwilligung nichts fürgenommen werde, oder da etwas fürgienge, unverzüg- 
lich bey Lehrern und Zuhörern glimpfliche und bescheidentliche Erinnerung und Wei- 
tung thun, auch auf den Nothfall bey unserm Ober Consistorio Euch Bescheids, und 



von dir. Ad. Pcscheck. | 45 

fernerer Anordnung erholen. An diesen allem gesrhi<»l unser gefälliger Wille und 
Meinung. Datum Dresden am 7. April 4 628. 

,, Post Scri plum.** 

„Welcher gestallt auch bey unserm Ober Consislorio die böhmischen Exulanten 
bitten , dass M. Samucli Martinio sein Vater Petrus Martinius in Ausspendung des hei- 
ligen Abendmahls bisweilen helfen , und wann der Sohn krank ist, der Vater an seiner 
Stall predigen möge, dass habt Ihr, der Superintendens aus der Beilage zu befinden. 
Wofern Euch nun wissend, dass erwehnter Petrus Martinius in der Lehre richtig, und 
seiner Person halber kein Mangel oder Bedenken , so sind wir gnädigst zufrieden , dass 
in Nothfall, und wann der Communicanten über 50 sind mehr gemeldter Petrus Mar- 
tinius seinem Sohn helfen, Inngleichen, wenn Samuel Martinius krank wHre, der Vater 
die Predigten für ihn verrichten möge. Ausser solchen Füllen aber soll allein M. Sa- 
muel Martinius den Gottesdienst bestellen, und Er nicht befugt seyn die Canzel für sich 
einem andern zu übertragen. Hieran ge.schiet unsere gefällige Meinung. Datum vspr.'* 

Man vergleiche damit die Bittschriften der Exulanten von Platten , abgedruckt in 
D. Franke's Gründungsgosch. von .loh. Georgenstadt, 36 u. f. 



Beilage IX. zu S. Ol. 

Zug nach dorn dtunafs cUich sürhsischen Witlonl)erc:. 

Wittenberg zu erwühnon , liegt nicht in unserer Preisaufgabe; doch, da die An- 
kunft verbannter Gelehrter daselbst noch als eine Aufnahme in Sachsen galt : so mag 
CS nicht ganz mit Stillschweigen übergangen werden. Die theologische Facultlit erliess. 
mit Zustimmung des Churliirslen , eine besondere Vermahnung zur Treue an die Pro- 
lestanten Böhmens, von D. Ballh. .Meissner xorfassl, 16? 5, die lateinisch, deutsch 
und böhmisch gednickt ward. Johann Domasli/ky von Pisek , P. zu St. Aegitlii in Alt- 
stadt-Prag, (loh nach Wittenberg und fand dort bald sein Grab. In diese ehrwürdige 
Lutherstadt wandten sich lutherische Theologen, um dort für ihre Treue und Auf- 
opferung Anerkennung, rnterstützung 'welche auch DUnemarks König dahin sandle) 
und weitre Empfehlung l)ei glücklichern Glaubensbrüdern zu finden. Einige der- 
selben sind mit Namen zu nennen niöglicli. Von den 1621 aus Prag selbsl \ertriebnen 
lutherischen Geistlichen N\en<lete sich Johann llertwiz, (163 1 eine kurze Zeit, wah- 
rend der süchsisthen W^iirenlierrs( hart Prediger /u St. Stephan und Apollinaris in 
Prag gewesen) der wohl auch ein Zeuge der grossen Execution auf dem allsta<ller 
Ringe zu I»rag -ewesen war, nat h Willenberg, lebte dort !0 Jahre, bekam die Pfarrei 
Dabron bei Wiücnberg un<l ward endlich Exulantenprediger zu Dresilen. 1637 leble 
der gelehrle Joli. Iladdik als Evulant zu Wittenberg. Nach Wittenberg kam auch Da- 
niel Jesen>k\ *). Der bei Pirna erwähnte ausgezeichnete (jei>tliche Samuel Martini weilte 
in der Lulherstadt zwei Jahre und hatte das Unglück, seine Frau im Wochenbette, mit 
Zurürkl.issung von 3 kleinen Kindern, zu verlieren, deren seine auch exilirtenSchw ieger- 
ältern si( li annahmen. Nachdem er als llolmeister «ler jungen iMihmischcn Freiherren 
Kaplirz xon Sniowiz Holland, Frankreich und England gesehii , ward er 16iH böli- 
miscInT Fxiiiaiiteiipreiliger in Pirna. Wittenberg suchte auch ein uns werlher und 
wichtiger .Mann auf, der M-hon genannte Georg HoUk, dem wir uuMhäl/barc Nach- 
richten iihvr die damaligen Zustände Böhmens verdanken, aut h aus iler Zeit, wo er 
noch unter den J(*suilen gewt*sen war. Er war naiidiih als Knabe %t>n den JeMjilen 
weggenonnnen worden , bei ihnen erzogen und auch Zeuge ihres Verfallet gewesen. 



i l el»^r llertwix und Jesensk>'s Verdirmae • Junginann» U>Um laleralufKesch f. r. 



I 46 Di® böhroisohen Exulanten in Sachsen 

lia( sich <iber cndlicli loszumachen gewusst und ist über Zittau (wo er unfreundhch 
behandelt wurde*]) nach Wittenberg und dann nach Schweden, namentlich nach 
Upsala gegangen. Ohne diesen Mann würden wir vieles nicht wissen und es tragen 
seine Berichte ganz das Gepräge der Wahrheit. Man kann denken, mit welchem Inter- 
esse die Witienberger Professoren seine Erzählungen mögen angehört haben , die nun 
auch uns in seinen ins Schwedische übersetzten Schriften über die spätere Zeit der 
Gegenreformation (,, blutige Thräncn des Böhmerlandes" und ,,päbstliche Geissei"], 
durch deren Verkauf er sich nähren musste, vorliegen, jedoch sehr selten sind. Die 
eine ist dem zittauer Magistrate dedicirt. Er hatte sich die Achtung der namhaftesten 
Theologen, Calov, Carpzov, Meissner u. a. erworben^]. Auch ungarische Bxulaoten 
suchten sehnlich Wittenberg auf, z. B. aus der kremnitzer Gegend die Familie 
Chladny, deren Name dann in Wittenberg unter Professoren und Gelehrten blühte. 
Auch kamen später dahin die ungarischen oxilirten Jünglinge Jesajas, Jeremias und 
Gabriel Pilarik^ Dan. Kcrmann, Georg Lany u. a. Johann Habermann aus Eger, seit 
4 564 Pfarrer in Talkenau gewesen, kam schon bei früherer Verfolgung nach Willen- 
berg, ward dann Superintendent in Zeitz und Verfasser eines berühmten Andachls- 
buches , auch eines hebräischen Lexikons und einer hebräischen Grammatik. Aach 
ward er zu Wittenberg Dr. der Theologie und hat daselbst und in Jena theologlscbe 
Vorlesungen halten können. Er starb 1590. Hierbei erwähnen wir auch Casp. Grimm, 
seit 1616 Pastor bei Egcr in Böhmen gewesen und exilirt, der dann Zuflucht gefunden 
als Pfarrer in Thorhausen und Windischleuba bei Altenburg. 



Beilage X. zu S. ()5. 
Landesherrliches Hescripl wegen Exulanlenanrnahiue in der Lausilz. 

Johannes George, Churfürst etc. 

Vester, Lieber Getreuer, wier werden von denen der Religion halben voo Rei- 
cbenbergk vndt benachbarten orthen aus der Crohn BÖheimb entwichenen Handt- 
werkern, vmb autTnehmung vndt schütz in Vnsern Landen zu wohnen, auch sich 
würklich niederzulassen, derogestalt unterthenigst angelanget, wie der ionschloss 
meldet. Wie Wier nun nicht gemeinet, diesen armen leüthen, wenn sie sonsteu ehr- 
lich vndt bloss vmb der Religion, nicht aber etwa anderer Verwirkung willen , (wor- 
aufl" denn sonderlich vndt mit fleiss acht zu haben sein will,] aussgewichen » das 
Vnter Kommen in Vnsern Landen zu uerweigern. Also lassen wier geschehen» vndt seindt 
gnädigst Zufrieden, das beydes Sie vndt andere, so sich diesfalls ferner angeben 
möchten , zur Zittaw , auch andern orthen Vnsers MarggratRhumbs Oberlausitz aufl : 
vndt eingenommen, Vndt ihnen allda wesentlich zu wohnen verstattet werde, jedoch, 
das Sie nicht allzunahe an der Grenze, auch nicht allzu Viel an einen orth beysammen 
Verbleiben, vndt sich im Vbrigen der schuldigen gebühr bezeigen. 

Vndt begehren hiermit gnedigst, Ihr wollet dessen sowohl diese als andere der- 
gleichen Exulanten autT ihr ansuchen bescheiden, auch der auflnehmung halben bey 
iedesorths Vuierer Obrigkeit, wo es nüthigk, gebührende Verordnung IbuD, Daran 
geschieht p. Vndt etc. 

Datum Dressden am 14. Marlij Anno 1650. 
An den Land Voigt in Ober- Lausitz. 



1) S. Morawek, 4S4. 

i) Letzterer mdchte folgende Verse auf ihn ;den sie reverendus et clariuimu» oenneo) : 
MiruluT foecunäa suos Bohemia campos Et capit e facili gaudia rara solo. Sed dolet tngenuo» prtKul 
kinc migrasse colonos , Quos domibus rabies e.vpulU ipsa suis. ExpUcat haec Bolyk , querüurque. 
gtmitgue doletque , Et repttit patriae tristia fala suae. ExuUs hie Über est; quem tetTa boMtmkü 
dudum Expuit : hunc foveas , lector amire , sinu I 



von Chr. Ad. Pescbeck. 4 47 

E X l r n c t 

Aus der Cliurfürstlichcn Resolution für den LandVoigl in Oberlansitz de 
dato Dressden am I. Aprilis Ao. 4GoO. 

So Viel dann die aus der IlerrschafR Reichenbergk vndl Friedlandt der Religion 
halben entwichenen Vnlerlhanen betrifft, Lassen Uiro Churf. Durchl. es derohalben 
bey Ihrem iüngsten an den LandlVoigt vom 4 3. Martij ergangenen beuehlich, das die^ 
selben vndl andere dergleichen Exulanten, wenn Sic sonsten ehrlich vndl bloss vmb 
der Religion, nicht aber etwa anderer Verwirkung willen cmigriren, zur Zittaw auch 
andern orthen Ihres MarggratRhumbs Oberlausitz auff: vndl eingenommen werden 
sollen, nochmals bewenden, Vndl solches dahero vmb so viel mehr, weill die im 
Königreich Böheimb publicirte Reformalions-Patenta zwischen den Freyen vndl Vnter- 
tbanen Keinen Vnterscheidl machen, sondern einen sowohl als den andern, wenn er 
sich zur Catholischen Religion nicht bequemen will , aussgebotten wirdl. Hat demnach 
Er LandlVoigt solchen Ihrer Churfürstl. Durchl. beuehlich gemess, den Rath zur Zillaw, 
sowohl die Gräfliche Gallassische Wittib auff ihr suchen zu bcantwortten. 



Johannes George, Churftirst. 

Vestcr, Lieber Getreuer, Wier werden abermals von denen der Religion halben 
von Reichenbergk entwichenen Handlwerkern vndl andern Personen vmb auflfneh- 
mnng vndl schütz in Vnsern Landen zu wohnen, auch sich wirklich niederzulassen, 
derogestalt vnterlhenigst nngelanget, wie der Innschluss mil mehrern besagt. 

Nun erinnern Wier Vns zu rücke, was Wier desswogen vor einem Jahre vnlerm 
dato den fi. Martij vndl 1. Aprilis an Euch für anordnuiig ergehen lassen, welche 
wier auch hieher wiederholet haben wollen, Mit dem fernem anhange, das Ihr bey 
dem Rnthe zur Zittaw, oder wo diese vndl andere Exulanten sich niederzulassen ver- 
meinen, solche Verfügung machet, damit bei Dero auffnehmung zum Bürgerrechte 
oder in die ZüntRe vndt Innungen mit ihnen nicht nach dem rigor ihrer Statuten vndl 
darinnen verordneten hohen geldtanlagen, sondern in Betrachtung Sie umb des standl- 
hafRen bekenttnüs , des einmahl erkantten vndt allein seeligmachenden wortt Goltes 
willen, das ihrige verlassen, vndt mit den rücken ansehen müssen, in Christlichen mit- 
leiden vndt bescheidentiich der billigkeit nach verfahren werde. 

Daran geschieht Vnsere meinung, Vndt Wier seindt Euch mit gnaden wohl ge- 
wogen. Datum Dressden am 7. Junij Ao. 1651. 

An LandlVoigt in Oherlanssitz etc. 



Beilage XI. zu S. Si. 

AuFnalimc in nur damals J^achsischen Stadien. 

Görlitz gehörte im Exulantenzeitnlter auch zu Sachsen; es mag daher hier mil 
nebenbei erwlihnl werden. Besonders 165t ward Görlitz sehr von den Exulanlen. 
namentlich aus Friedland, besucht, von wo" 8t evangelische Familien übersiedelten; 
und von 173 2 weiss man, dass Görlitz gegen den Zug böhmischer Exulanten von 
Grosshenner«dorf tuuU Berlin zuvorkommend mildlhlitig sich bewies. Schon 1616 war 
ein D. juris, Joh. Philipp von Friedland, zu Görlitz, vcrmuthlich auch ein Exulant. 
Früher noch, schon <6Si, kamen mehrere aus Böhmen exiÜrie Geistliche bittend 
nach Görlitz und bekamen aus dem Kirchenärar ein Almosen. Man ertiehl das aus 
allen Rechnungen von der llanptkirche ir.H. Gregorius Gaudalln, Wenzel Callas, 
Joh. Zadolsky , Joh. Stribrsky bekamen Jeder 36 Kreuzer; Melchior Homel von Oschits 
18 Kr.; Marl. Fischer. gewe.«ener Pfarrer von Wildsohitz , Dan. Ambrolös uod Job. 



I 4g Die böhmischen Exulanten in Sachsen 

Kiniky 36 Kr.; Casp. Zcdlilz von llünerwasscr und Mallh. Crocinus {auch Croci- 
novsky (genannt) czcchischer Schriflsleller von lleichcnau, I6?5 Thomas Becker 
ti Kr.; am 4 4. Juni Heinrich Kihan , Ulrich und Wilhelm Pannier am 15. Juli 26 Kr.; 
M. Fabian Gippan von Brandeis, Christoph llanekamp von Lenschitz am 12. August 
36 Kr., desgl. Andr. Kind*). Im 15. Bande der knauthischen Sammlungen werden 
noch mehrere solche Unglückliche, nach den görlilzer Kirchenbüchern, genannt, 
nUmlich Elias Bosloczky , gewesener Pfarrer von Rosdialowiz (y 1667), ja auch einige, 
die schon am Ende des 16. Jahrhunderts ihre Zuflucht nach Görlitz nahmen, wie 1588 
M. Andreas Mildner , gewesener Pfarrer von Friedland , Franz Frenzel von Friedland, 
Pfarrer von Wiesa 1599. Georg Kaik oder Raki von Prag-Altstadt, Gegenhiindler in der 
Münze, empficng, ehe er in Zittau Rechenmeister wurde, 3 Jahre lang viel Freund- 
schaft und Unterstützung zu Görlitz, um 1638. Man denke aber nicht blos.s an diese 
M'anner selbst, sondern auch an die Noih ihrer (zuvor vielleicht so glücklichen) Fa- 
milien, ihrer Weiber und Kinder. Auch in Görlitz lebten solche in nicht geringer Zahl 
in bitterer Armuth. Noch finden in den Todtenbüchcrn sich ihre Namen. 1655 starb 
Anna, Witwe des Pasl. Johann Kamelius von Arnsdorf bei Friedland. 1672 Katha- 
rina, Witwe des Past. Wenzel KSmmIcr von Einsiedel. 1 67 4 Elisabeth, Witwe des 
genannten Rostoczky, mit ihrer Tochter Ludmilla. Wird derselbe genannt: alter 
Bischof aus Böhmen: so muss er wohl den böhmischen Brüdern angehört haben. 
1655 starb Maria, Witwe des Rectors Christoph LÖchel von Friedland. 1684 starb 
Carona, Tochter des Schullehrers Heinrich Schubert von Friedland. Auch in den 
Trauregistern jener Zeit finden sich solche Spuren, z. B. Anna, Tochter di*s Pfariei-s 
Georg Lange von Grottau, hcirathete I6i9 den David Steinis. Dorothea, Tochter des 
Pfarrers von Kladen , hoirathete 1667 den Tuchknappen Winzer, die vorhingenannte 
Ludmilla den Tuchmacher Tschanter 1658. Auch Kinder flüchtete man nach Görlitz. 
z. B. des wegen des Glaubens eingekerkerten Stadtrichters Wantsch in Friedland 
Enkel^). Zu spiitern böhmischen Exulanten von 17 20 gehört der zu Görlitz ver- 
storbene Rudolph Ferdinand von Sylverslein , der noch in seinen herrlichen Stiftungen 
so wohlthätig fortlebt zu Görlitz und zu Leipzig^). 

Zu Görlitz mussten die Exulanten sehr bemerklich werden, weil auch so viele 
aus andern LUndern ankamen, besonders aus Schlesien und Ungarn. Unter jenen war 
der durch sein trauriges Ende bekannte Tobias Aleutner, bis 1624 Pfarrer in Leob- 
schitz gewesen , dann in Friedersdorf bei Görlitz *) , so auch der gelehrte David 
Vechner, 1629 in Bcuthen exilirt , Herausgeber einer guten Geographie, 1639, und 
Mitarbeiter an den vortreinichen Werken des Comenius, dann Rector in Görlitz, ja 
auch Past. prim. daselbst'^). 

Ausser den böhmischen und schlesischen kamen nach Görlitz auch Exulanten 
aus Mähren, z. B. die dann in dieser Stadt blühende Familie Straphinus, und aus Un- 
garn sehr viele, z. B. die Brestovin, Demiani, aus deren, zunächst nach Hoyerswerda 
verpflanzten, Stamme sich in neuster Zeit ein SprÖssling, der viel gefeierte Bürger- 
meister Demiani , so sehr verdient gemacht hat. Es kam aus Ungarn auch der Consi- 
storialprotonotar M. Chaldiowsky von Felsowa, der Pastor Gregor Chladny \on Kreoi- 
nitz*), 167 4 Exulant, 1695 Pfarrer zu Hauswalde. Mitgebracht hat er einen Sohn. 
D. Martin Chladenius, dann Superintendent in Jessen und Professor und Probst zu 
Wittenberg 17 10. Seine Familie blühte fort. Sein Sohn war D. Johann Chladenius, 



1/ Laus. MagHzin 1850, 235. 

2) Gotze's Exulantenrc(!istcr 221. 

a; Ottos Oherlaus. Schrinstellerloxikon 5. t. , und Laus. Mag. 1833. 163 (T. Hans Silber 
von Silberstoin hatte in Rühmen die (iiiter Smidar, Zirez. Domaslowitz und Trzepnowes an 
Waldstein Air 24,000 fl »gelangt;. 

*( Olto's Lexikon $. v. 

5; Kbcndaselhitt. 

6. Ncuiuanns (leschlclttc von Güilitz, 439. Kr schrieb sich 1C79, \\o er sein Invenlarium 
lemphrum herau^ftah. .,nufir f.rul quinquennalis." 



von Chr. Ad. I'escbeck. 1 49 

Professor und Scliriflslcller in Erlangen und ein Nachkomme war der berühmte 
Naturforscher D. Cliladny*). Fast. prim. ward in Görlitz der «627 in Niems exilirte 
M. Christoph Lichlner aus Kratzau , der dann sein erstes Unterkommen in Zodel ge- 
funden hatte. Wie glückhch musste er sich in GöHitz fühlen^). 

In Lauban bekam der aus Schlesien vertriebene Caspar Breslowin, ein Ungar, ein 
Amt. Laubanist wahrscheinlich hei den ers\en Auswanderungen um «624 und 28 
wenig berührt worden, vielleicht weil dort Kloslerleute und katholische Geistliche 
waren^ aber bei der spUtern grossen Auswanderung aus dem FriedlSndischen sind 
3;^ evangelische Familien dahingezogen und nach 1666 auch mehrere schlesische Exu- 
lanten gekommen^). Besonders zahlreich die aus Leobschilz exilirlcn Evangelischen. 
Ebendaselbst war ein schlesischor Exulant Caspar Exner von Görisseifen, der «659 
Pastor in Tzschirna und dann in Deutschossig ward. 

In Geibsdorf bei Lauban befand sich die Exulantenfamilie Wiedemann, und es 
war daselbst «689 der stolbergische Sup. Hofprediger Consistorialrath Mich. Wiede- 
mann geboren. 

In die Niederlausitz gelangte die Familie von Misitschak, und beim Zuge der 
grosshennersdorfer Exulanten nach Berlin war z. B. Guben, Sorau und Drebkau gegen 
sie sehr wohlthätig. 

Nach Forsta und Pforten zog sich «6ü6 Joh. Albrecht Krinezky von Ronow, bei 
seiner Heirath mit der Gräfni Elisabeth von Biberstein auf Forsta in der Niederlausitz; 
und nach Lieberose die Famrlie von Tzschirnhaus, von Grafenstein. 

Nach Luckau kam der Theolog Melchior Gerlach, von Brins bei Gabel exilirt, und 
nach Sorau kam als grädicher promnitzischer Burggraf Albert Crantz, aus einem ähn- 
lichen Amte zu Lischkowitz exilirt. 

Zu Cotbus wäre beinahe eine böhmische Colonie entstanden. Da hielten sich 
«650 mehrere böhmische Familien auf und der später berlinische Exulantenprediger 
Andr. Macher lebte dort eine Zeitlang^). Auch ist Sorau und Lieberose zu nennen. 



Beilage \n. zu S. S:u 

Desgleichen in solchen Stadtchen und Dürfern. 

Solche lausitzer Städtchen, welche jetzt nicht mehr sUchsisch sind, aber damals 
als Zufluchtsorte in Sachsen galten, sind Marklissa, Seidenberg, Hoyerswerda und 
Muscau , die wir doch nicht ganz mit Stillschweigen übergehen können , wenn sie 
gleich jetzt preussisch sind. 

Von Seidenberg, dessen Geschichte der historische Pfarrer KIoss in Leuba einst 
geleistet hat, und wo Herr von Nostitz ein Beschützer der Exulanten ward, haben wir 
einige Nachricht'^), die auch hier Einschaltung verdient. 

,, Es konnte bei jener ReligionsverUnderung natürlich nicht anders erfolgen, als 
dass die Leute, welche nicht die römisch-katholische Religion annehmen wollten, 
haufenweise aus Böhmen flüchten mussten. Von diesen kamen ihrer auch eine sehr 
grosse Menge nach Seidenberg, um allda die freie Religionsübung zu geniessen. Die 



«) Viel mehroro solcher Unglücklichen aus Ungarn nennt Neumann ebendas. 438, und 
Knauth in seinen historischen Sammlungen in der Bibl. der Gesellsch. der Wissenschaften zu 
Görlitz , Band XV. 

2) Seine Würdigkeil verkündet seine Grabschrift. S. Singularia Lwat XXI, 664. 

3) S. Leben des Rcctor HofTmann , 9. 

4; Ueber dessen Werth s. Acta hist. ecd. XVH, 966. 

5) Kloss, Gesch. von Seidenberg, «56. Ucl)cr die «20 Exulanten, die von Friedland 
kamen, s. Nemetliv's Gesch. von Friedland, 7i. 



^ 5Q Die bühaiischen Exulanten in Sachsen 

erslen von ihnen kamen schon in den Jahren ißii — 4 626 an, die jedoch noch immer 
die Hoffnung hallen , sie würden nach Böhmen zurückdürfen. Die folgende Zeit lehrte 
ein andres ; denn sie durften nicht aliein an ihren Ort nicht wieder zanick , sondern 
sie sahen auch, wie ihnen, von Jahr zu Jahr, mehrere von ihren Bnidem, mit dem 
Exulantenstabe in ihrer Hand, nachkamen. Besonders kamen ihrer in dem Jahre 4 640 
and in den folgenden Jahren sehr viele wieder an; und ein gleiches geschehe nach 
dem Abzüge der Schweden in den Jahren 4 650 und 51. In diesem letzten Jahre 
kamen vornehmlich sehr viele Exilirende von Adel hierher. Unter diesen war damals 
auch Albert Möler von Straupilz*). Von den Pfarrern, die hierher ihre Zuflucht ge- 
nommen, sind der Pfarrer zu Ullersdorf, Jacob Riedel und die Pfarrer zu Wicsa, Jo- 
hann Majus und Matth. Schoiler bekannt. Noch mehr flüchteten die gemeinen Leute 
hierher; und es bekam dadurch das Städtlein einen sehr grossen Zuwachs. (Und zwar 
von nicht weniger als HO Familien.) Unter den Familien, die von solchen Exulanten 
abstammen , ist vor andern die siebersche zu merken , deren Stammvater als Exu- 
lant von Reichenberg hergekommen , und die sich nachmals sehr ausgebreitet bat. 
Desgleichen rühren auch von solchen Exulanten die Döringc, die Semder, die Neu- 
decke, die Piadecke, die Pradelte und viele andere mehr her^). Lehrer in Seidenberg 
war einst der aus Oschitz verjagte Cantor Josua Schmidichen/' 

Von genanntem P. Riedel ist noch zu bemerken, dass er dann einmal 1636, da 
die Schweden Friedland inne hatten , Pastor und Inspector ( — natürlich eine kurze 
Freude—) dort war. Er starb 1674 erst. Von adeligen Exulanten lebte Peter von 
Miloto hier, Albert Molcr von Straupitz, wie schon erwähnt, Job. Heinrich von 
Borau- Kessel (1650) mit 6 kleinen Kindern. 

Nach Marklissa. gelangten bei der grossen friedlUndischen Verfolgung*) 40 Exu- 
lanten. Hier ward Hennig Arndt, der Pfarrer in Grottau und Krnlzau gewesen, 4624 
Geistlicher. Sein gleichnamiger Sohn, als Knabe mit exilirt, ward 4 66S Archidiaconus- 
in Marklissa, dann Pastor in Reibnitz in Schlesien, wo er aber vertrieben ward, darauf 
9 Jahre ohne Amt in Gebhardsdorf, aber ein sogenannter Buschprediger. Des 
älteren Arndts Stiefsohn, David Vietze, auch als Kind aus Kratzau exilirt, ward 1662 
Pfarrer in Marklissa. Er gab die Schrift heraus: Die gedrückte, aber nicht unterdrückte 
Wahrheit der reinen evang. Kirche, gegen den polemischen Dechant Augustin Pfalz zu 
Friedland, 1660. 

Hoyerswerda und Muscau lagen den Exulanten zwar ferner ; aber auch dahin ge- 
langten manche. An den hier zuerst genannten Ort kamen aus Siebenbürgen die De- 
miani, welche dann in neuer Zeit der Stadt GörKtz jenen ausgezeichneten bereits 
erwähnten Bürgermeister Demiani leisteten, von dem nun dort der Demianiplatz seinen 
Namen hat. Nach Muscau kam der Exulant Barth. Grohmann, Sohn eines gleich- 
namigen Raihsherrn aus Georgenthal. Die Familie blieb in der Lausitz und es ward 
dessen Sohn Michael Grohmann 1711 Sladtrichter in Zittau. 

Im Dorfo Horka war 1627 — 35 M. Ballh. Ludwig als Pfarrer angestellt, «och ein 
Exulant. 

Friecicrsdorf bei Görlitz nahm, laut Knothe's Geschichte dieses Dorfs, auch 
Exulanten auf. 

In Ballmannsdorf lebte als Besitzer der Exulant Theodor Klug von Scbarfeneck, 
und in 

Mittel -Linda dessen Vater, Bernhard Klug von Scbarfeneck, reformirter Coo* 
fession. Als Pfarrer hatte man den Exulanten Paul Hanicäus, der zuvor in Reichenberg 
amtirt hatte. 



1) S. eine merkwürdige Nachricht in den ,, fortgesetzten Sammlangen von Altem und 
Neuem", 1733, 656. 

2j S. Müllers oberl. Reform. Gesch. 788 ff. und Bühr in der oberlaus. Kirebeogalerie, 134. 
Einige Nachrichten darüber sind im grttfl. einsiedeltcben Archive za Reihersdorf m finden. 

8) S. Nemethy's Gescb. von Friedland 7J. 



von Chr. A. Peschock. |5t 

Zodcl nahm ücii 4 627 aus Niines vertriebenen Pfarrer Christoph Lichtner auf, 
der sogar endUch Pastor Primarius zu Görlitz ward , wo noch sem Bild zu schauen ist. 
Kuhna bei Görlitz ist auch eine Zuflucht für böhmische Exulanten geworden. 
In Srhönbrunn siedelte sich die Familie Koz, unter dem Namen Kirsche, an. 



Beilage XIII. zu S. 86. 
Der Zug^ clei* Exulanten aus dei* Lausitz nach Berlin'). 

Viele, die in der Oberlausitz Zuflucht gefunden hatten, aber sich nicht mehr hier 
gefielen, wanderten, freilich ungehindert, 473 i weiter. Ihr Ziel war Berlin, und da 
sie einmal unsre Theilnahme gewonnen , müsst^n wir wohl auch ihren weitem Schick- 
salen theilnehmend folgen. Nach dem Rathe des Theoloi^en Steinmetz und dem Vor- 
gange der salzburger Emigranten richteten sie ihr Augenmerk auf die preussischen 
Lande, namentlich auf die Mark Brandenburg, wo sie hotnen. gottesdienstiichc Gin- 
richtungen lediglich nach ihrer Weise und nach ihren Wünschen einrichten zu 
können. Die in Grosshennersdorf nicht mehr zufriedenen Exulanten zogen, vereinigt 
mit mehrern aus Gerlachsheim und 250 solchen aus Zittau, die mehr calvinisch und 
hcrrnhulisch als lutherisch gesinnt und meist ohnehin noch unansüssig waren, aus der 
Oberlausitz hinweg und der obengenannte Prediger Liberda sollte zu Berlin ihr Geist- 
licher werden. Eine von ihm zum Kcinig nach Potsdam geführte Deputation von 8 
MHnnem nahm derselbe (Friedrich Wilhelm I.) ebenso gütig auf , wie die sal/burger 
Emigranten. Aber der Ilinzni: begann, zu \oreilig. am 10. Sept. t73i und wollte den 
schon im hingelanulen Brüdern nachfolgen. Sie zogen, an 500 K(">pfe stark , mit 
2 Wagen und i'\ Schubkarren aus und wanderten Paarweise in Procession. Auf der 
Reise fanden sie viel Theilnahme und Krc|ni(knng tlnrch Lebensmittel und andre Ge- 
schenke, namentlich zu (iörlitz. Aber bald kamen sie auch in Verlegenheit und Sorge 
und es fand sich Elend genug zu ertragen. Sie fanden nUmlich zu Cotbus Gegenbe- 
fehle von Berlin ; denn sie kamen , bevor es mit der Erlaubniss völlig in Ordnung war. 
Doch zu Spremberg, Calau, Drebkan \uu\ Lübben widerfuhren ihnen menschenfreund- 
liche Wohllhaten*). Noch liegen auf den Rathhruisern zu Görlitz und Lübben schrift- 
liche Bekenntnisse ihres evangelischen Glaubens, welche man freilich von diesen 
Böhmen erfordert hat. Viele kehrten um , aber viele gelangten wirklich nach Berhn, 
einer Angabe nach 2000, nach andern 500 in 4 70 Familien, liier gab es anfänglich 
nicht geringe Noth; denn es fehlte, nachdem die (icschenke aufgehört hatten, an Ver- 
dienst und Brot, ebenso an Wohnung, so dass aus der ZusammendrUngung so vieler 
Familien Ungemach und Krankheit vielOiltig entstand. Doch verwendete man sich zu 
ihrem Besten z. B. in Augsburg, wo ihnen der Senior Crlsperger Wohlthalen verschaflie. 
Der König lernte endlich sie schützen , unlerslül/le sie sehr freigebig mit Geld , gab 
jeder Familie 30 Thir. und dem Kinzelen je f> Thlr. zusammen i i37 und GOOO Thir., auch 
6000 Thir. Vorschuss . auch 38 Baustellen, zur Erxveiterung der Stadl, in derWilhelws- 
strasse und lies«? ihnen in der Friedrich.sslra^se eine eigne Kirche erbauen, die man Beth- 
lehem*;kirchr nannte, zum Andenken an die B«*thlehemskirche in Prag, bei welcher 
Johann Uns Prediger gewesen war. Am *t. N«»v. «735 ward der Grund gelegt, am 
ii. Ort. fT3«) (l(>r Knopf .lufgesetzt initl am Sonntage Jubilate die Weihung vollzogen 
Von Namen der berliner Exulanten , die sogleich den r/echi<rhen Trsprung zeigen, 
lassen sit h \om Jahre 4 7.% 2 / B. folgende nennen: Kope/k\ . Jinek . Mose«, Kupka, 
Zlateck. C/erny , Uuzirka , SpatM'hek , Swobmia. Tetochleb zu ilenisch : ScMninerbroli. 
Als Dirertor der böhmischen Colnnic galt der Geheimerath mhi llrrcdd 



t Zur Erklärung euier l»uhnu}ichen (femrindr uml hiitiiiii^cher Kmnilirnnanieii daseihsl. 
f. .*i SovaaftnhtMt rrrl III. 714 ff 



f .!jf Die böhmischen Exulanten in Sachsen 

Ein Enkel des berühmtesten Mitgliedes der Brüdergemeinde , des hoch verdieoteD 
Arnos Comenius (von dem in der Thurmknopfinschrifl von 4 736*) gesagt wird, dass 
er seil 16ü0 fürs Vaterland, jenseit der böhmischen Berge, nun habe beten und an 
den darin noch verborgenen Saamen des Evangeliums nun habe denken können), 
der berliner Frediger Daniel Ernst Jablonsky, nahm ihrer in geistlichen Angelegenbeilen 
sich an. Doch waren sie die ersten Jahre ohne einen eignen Geistlichen, bis der ge- 
nannte Liberda ihnen nachkommen und in der Muttersprache predigen konnte. Der- 
selbe war, der Anstiftung von Unruhen in Böhmen und Sachsen beschuldigt, nach 
einer schlesischen Reise, 473 i zu Grosshennersdorf festgenommen , auf königlichen 
Befehl nach dem Königstein und dann auf einige Jahre ins Zuchthaus nach Waldbeiro 
gebracht worden, von wo er aber endlich 4 737 mit dem Stockknecbte nach Bertin 
entkommen ist. Als Lehrer der böhmischen Jugend wirkte 4 734 — 38 der schon bei 
Dresden genannte Georg Petermann. 4 742 am 9. Aug. war der geistreiche und leb- 
hafte Liberda gestorben. Als Prediger wirkte auch Andreas Macher'), der polnisch 
konnte , daher leicht höhmisch lernte. Er vollzog unter Assislen? von Augustin Schulz 
und Pelermann die Weihung der Kirche und ward später Prediger in Teltow. Er 
meinte, Inspector aller der bald zu nennenden böhmischen Colonien dort zu sein'). 
Ihm folgte 1743 Paul Pinzger und als böhmischer Successor Daniel Pakosla. Weitere 
Prediger waren der reformirte, auch als Schriftsteller thätige , Eisner, in den damaligen 
Gcmeindestreitigkeilen viel genannt^), dann Serbus (auch Servus genannt), der Rix- 
dorf mit besorgte, ferner der ums Missionswesen hochverdiente Jänickc, (den der Ver- 
fasser dieser Schrift noch persönlich gekannt hat) der Lehrer des berühmten chinesi- 
schen Missionars GützlatT, dann Gossner und Rückert. Um 1750 war die böhmische 
Colonie 500 Köpfe stark. Manche hatten sich mit den Deutschen vereinigt, manche sich 
den Herrnhutern angeschlossen. Solche kamen 1740 nach Berlin, brachten mehrere 
böhmische Colonisten zum Bekenntniss der mUhrischen Brüder und hielten Gottes- 
dienste in zinzendorfischer Weise, in einem Rondel der Wilhelmsstrasse. Viele liessen 
sich auch auf die reformirte Seite ziehen , um so leichter, da sie, die einfachen Weisen 
der alten böhmischen Brüder gewohnt , in der Lausitz nur ungern lutherische Einrich- 
tungen angenommen gehabt hatten, und es sind da zwischen den Geistlichen deshalb 
lange Streitigkeiten geführt worden^). Sie haben auch böhmische Literatur zu Berlin 
gehabt, wo, wie auch in Halle, so manches Böhmische gedruckt ward , namentlich 
ein reichhaltiges böhmisches Gesangbuch 1753. 

Ja, auch ausser Berlin entstanden kleine böhmische Colonien, namentlich in 
Ricksdorf unweit Berlin und in Nowawes bei Potsdam, an der Havel, auch böhmisch 
Neudorf genannt^). Dort wohnten lutherische Czechen und es ward die Kirche, deren 
Geistliche böhmisch kennen mussten, z. B. Wenzel Letochleb, 1753 von dem luthe- 
rischen Prediger Macher geweiht. Doch aber waren auch einige deutsche Colonisten 
dabei. Die Ricksdorfer waren herrnhutisch gesinnt, aber wieder geschieden in Freuode 



4) Abgedr. in d. Actis hiat. eccl. 11, 505. 

i; S. Crantz Brüderhistorie 519. Jungmann a. a. 0. 330. lieber einen Prediger Jelioek s. 
Crantz 628. 

3) üeher ihn s. Nova acta hist. eccl. \U, 808. 883. Acta XVH, 963. 

4; Eisners Leben das. XVil, 303, wo auch S. 952 Widerlegungen Eisners zu Boden sind. 
Uobers. Schriften s. Jungmann a. a. 0. 298. 

5) S. Nota acta hist. eccl. 111, 755 bis 843. ,, Umständlicher Bericht von dem Zustande der 
böhmischen Gemeinden in Berlin und Schlesien" in Act. hist. eccl. XVII, 268 ff. „Bericht von 
den Lehrern und dem Gottesdienste der böhmischen Emigranten zu Berlin 1782 — 4 762" in 
den Nora Act. hist. eccl. IV, 347 ff. Ueber Nowawes s. Act. hist. eccl. XVIII, 980. Nova Ad. 111, 
794. 799. lel)ers. s. Acta XVII, 966. Crögers Gesch. der Brüderkirche, Gnadau 4 85i. Crantz, 
Brüderhistorie 209. Eisners Fusstapfon der göttl. Vorsehung bei den Emigranten zu Berlin, 
475t und mit Nachtr.i^en 4752. Nova Acta III, 755. 

6) Ein Gedicht als AuIkii)^ zu der am 6. Mai 4753 {gehaltenen Einweihungspredigt der 
Kirche zu Nowawes von Macher s. in Acta hist. eccl. XVII, 982 ff., auch hei Installation des 
P. Servus zu Kicksdoi f. Der erste zählt alle diese Colonien auf. Ueber Macher seihet s. 992. 



von Chr. Ad. Feschcck. {53 

der lulherisclicn und der reformirtcii Kirclie. Letztere halten sich zur berliner böhmi- 
schen Kirche. Ausser Ricksdorf bildeten sich auch 3 andere buhmische Colonicn, 
iiUmlich böhmisch Schönberg (damals 6 reformirle und i lutherische Familien), wo 
der König hatte llüuschen bauen lassen. Grüne Linde bei KÖpenik, zur Kirche in 
Berlin und Köpenik sich haltend. Friedrichshayn mit lutherischen und reformirten Be- 
wohnern , 17 51. Auch in Köpenik selbst wollten sich .'»0 reformirte böhmische Fami- 
lien ansiedeln. Sie wurden aber, weil .sie einen besondern Prediger begehrten, abge- 
wiesen. Die Hicksdorfer stammten namentlich aus llermam'tz , Czeimeny, Landskron, 
Leitomischl. Da es manchmal an Geistlichen, die böhmisch konnten, fehlte: so haben 
manchmal auch Nichttheologen in die geistlichen Geschäfte eingegrilfen , z. B. Wy- 
dialek, Pixa, Patnik, Rochliczek *). 

Bei dieser ErwUhnung der Berührung der Exulanten mit Berlin ist auch der 
Probst und Schriftsteller daselbst, Joh. Pet. Süssmilch, als Exulanten -Nachkomme 
zu erwähnen. Ein Elias Süssmiich, aus der Erbrichterei zu Tollenslein bei Uumburg, 
tloh aus der lleimath, ward Soldat, dann Herr auf Zahlendorf. Dessen Sohn Elias, ein 
Getreideh'andler, war der Vater des zuersigenannten. 

liier ist auch an die böhmischen Colonien in Schlesien zu gedenken, aus der 
Zeil t7il; namentlich Hussinez bei Strehlen. Dahin zogen sich über 30 Familien, 
welche sich zuvor grossentheils in Münsteiberg aufgehalten hatten, uo sie in Armuth 
waren, doch ihre Gottesdienste im Kathhause und spUter in einem Privathause halten 
durften. Da bei Strehlen zwei Vorwerke (für I tüOO Thlr. feil wurden und sie durch 
Colleclen und in Holland etwas erlangt halten , bauten sie sich an und hielten ihre 
Gottesdienste in einer verfallnen Kirche bei Strehlen. Ihr erster Geistlicher war 1753 
Wenzel Blanizky, ein gewe.sener Alönch , dann lutheri.sch und später reformiit^'. Zu 
letztgenannter (Konfession hat)en aurli diese Exulanten sich bekannt. Eine zweite 
solche Colonie ist Friedrichstabor 'bei Wartenberg an der polnischen Gränze von 7o 
Familien. Ihre Begrüfuler waren anfänglich zerstreut in Schlesien z. B. in Milantschin 
und Geschitz , bei den Grafen von lieichenbach und von Henkel. Sie sehnten sich 
bei>anHnen und vor Katholicismus und Leibeigenschaft sicher zu sein. Da gab der 
König von Preussen jenen Familien einen Platz auf einer ausgebraiuiten Heide. Auch 
empfiongen sie Bauholz und Collectengelder. Daneben entstand auch das Dörfchen 
Ziska , ebenfalls mit einem historisch bedeutsamen Namen. Pfarrer der Böhmen zu 
Tabor ward Paul Bogislaw Kalusky , ein Pole , der den Gottesdienst in der Pfarrwoh- 
iiung hielt. Ebenso entstand eine neue Colonie bei Oppeln, mit dem Namen Fried- 
nch.«igräz' . 

Ja auch fern entstand eine Böhmencolonie , nUmlich in der Grafschaft Barby, 
Wcspanc ^ , gemeinhin NA'espa genannt, mit lutherischer Confe^sion. 

Bei den Geistlichen der ins Brandenburgische gekonnnenen böhmischen Colo- 
nien war oft viel Streit, ob sie als lutherisch oder reformiit gelten sollten. S. viele 
AufsUl/e in den Weimarscheii Art. hist. e<rl. XML und .Voris .1 r/i.« III, und die eis- 
nersche Srhrifl, mit dein Titel: . Fusstapfen der göttlichen Vor.Nehung in der Führung 
der Emigranten in Berlin", I7 5i. 

Berliner veifasslen das hist(»risclie Manuscript : Uislorm o nskiry iztwke, mit 
vielen Nachrichten über die böhmi.schen Colonien zu Dresden. Zittau, NeusaIza, 
Gebliardstlorf, benutzt von Crantz in seiner Brüdergeschichle. Ein Exulanlennach- 
komme wiid wohl aiieh der jetzige Pfarrer Kropaczek in Nahhausen bei Berlin sein. 
Ein böhiiiix lies (ie.sangbuch für die Berliner erschien zu Halle 17:17. 



4) Act hist. eal XVII. 95V .Vota Acta, III. 83i 
i .*^. Act'i htst fcii. \VII. 955 

a Ait'i hist «•<(•/ XMI. 37« IT. iH IL 95«. 970. Svt Act III. 7i:» 

V! Joli«iiii) M(»|ler , Pantiif daM'll»»t um lf»7ri, vi^.ir fiuher Jo«>iiil . .tuth l><>hitii»ilier Pro 
ili^er III /itt.iu 



154 Die böhmischen Exulanten in Sachsen 



Beilage XIV. zu S. 91 . 

In Acten zu Löbau gefundne Familien -Namen böhmischer Exulanten in 

Dörfern der südlichen Oberlausilz. 

Aus Kiimburg: Fr. RÖbmer, BüUner, mit Weib und i Kindern, aus Oderwilz. 
Adam Möller, Zimmermann, mit Weih und i Kindern, in Zittau. Hans Trietzscbel mit 
Weib und 1 Kindern, zu N. Hennersdorf. Christoph Sieber, Leinweber, Justioa 
Auemannin mit 3 Kindern, Georg Spielmann, Leinweber, die alte TÖpferin. 
Summa 23. 

Aus Georgenthal : Hans Tieze , Bäcker, mit Weib und 3 Kindern. Elias HoffmanD, 
Fleischhacker, mit Weib und einem Kind. Christina Rachalin, Anna Weigellin niil I 
Kind. Uatthes Michel , Bierbrauer, mit Weib und i Kindern. Andr. Schiffher, BScker, 
mit Weib und 9 Kindern. Adam Paul, Leinweber, mit Weib und 3 Kindern. Anna 
Marie Weidlichin. Eva Grobmannin und 5 Kinder. Joachim Rüdiger, mit Weib und 
5 Kindern — alle diese in GrossschÖnau. Adam Gampe, Leinweber, mit Weib und 
3 Kindern. Balthasar Möller, Schneider, mit Weib und I Kind. Hans Heyne, Schneider, 
mit Weib und 3 Kindern. Georg Böhme, Arzt, mit Weib und 5 Kindern. Hans Schu- 
bert, Arzt, mit Weib und i Kindern. Christoph Pitzschmann, Leinweber, mit Weib 
und 3 Kindern. Jeremias Rumburger, Leinweber, mit Weib und 3 Kindern. Michael 
Möller, Jacob Tietze, BScker, mit der Frau, Georg Möller, Kramer, mit Weib und t 
Kindern, Barthel Albrecht. Diese alle nach N. Hennersdorf. Zach. Gölte! , mit Weib 
und i Kindern, nach Schönau bei Bernstadt. Peter Sieber, mit Weib und S Kindern 
nach Bertsdorf, Christoph Wüttich, nach Dresden. Justina Forkin nach Zittau. Summa 
von Georgen Ihal 107. 

Aus Niedergrund: Christoph Birnbaum, Bauer, mit Weib und 3 HSgden. Chri- 
stoph Gesel, mit Weib und 2 Kindern, ein Gärtner. Paul May, Gärtner, mit Weib und 
8 Kindern. Christoph Bfey', Häusler, mit Weib und t Kind. Peter Schurze , Bauer, 
mit Weib und I Magd. Georg Wilhelm, mit Weib, i Kindern und t Magd. Diese nach 
Waltersdorf. Georg Christoph mit Weib und 6 Kindern, Andreas Möller, GSrIner, 
mit Weib und I Kind. Anna Rudolßn mit 5 Kindern, Anna Matthes, FrÖhlichs Tochter, 
in GrossschÖnau, Hans Palme, mit Weib und 9 Kindern, Jacob Tietze, mit Weib und 
t Kind, Nicol Tieze, mit Weib und 3 Kindern. Thomas Tieze, mit Weib und 1 Kind. 
Christoph Menss. Diese in Oderwitz. Jacob Tieze, Bauer, mit Weib und i Kinder». 
In HÖrnitz. Georg Grohmann, Gärtner, mit Weib und i Kindern, zu N. Hennersdorf, 
MaUh. Pöfitz, mit Weih und S Kindern in Bertsdorf. Summa 85. 

Von Obergrund: Martin Eichler, mit Weib und I Kind. Martin Tieze, Bauer, mit 
Weib und 3 Kindern. Mich. Zabel mit der Frau, Georg Tieze, Häusler, mit Weib und 
3 Kindern. Georg Möldner, Häusler, nebst Weib und 5 Kindern. Christoph MÖldner, 
mit seiner Frau. Zacharias MÖldner, Häusler, mit Weib und I Kind. Jacob Stolle, 
Häusler, mit seiner Frau. Sibylla NÖldner, mit 2 Kindern, in N. Hennersdorf. Chri- 
stoph May, Bauer, mit Weib und 2 Kindern , in Oderwitz. Dorothea Tieze, mit 3 Kin- 
dern, in GrossschÖnau. Summa i3. 

Von Tollenstein : Adam Egers Witwe mit 3 Kindern zu Waltersdorf. Sanniia i. 

Von Schönhorn : Adam Pezelt, Richter, mit Weib und 5 Kindern, nach Neustadt 
ausgewandert. Summa 7. 

Von Oberhcnnersdorf: Thomas Kuntzsche, Bauer, mit Weib und 5 Kindern. 
Christoph Franze's Witwe mit 3 Kindern. Jacob Michal, Bauer, mit Weib und 3 Kin- 
dern. Georg Röscher mit Weib und t Kindern. Georg Tieze mit Weib und S Kindern. 
Eva Roscherin, zu N. Hennersdorf, Adam Franzc mit Weib und ) Kindern zu Ldbau. 
Summa 33. 

Von Warnsdorf. Christoph Vollbricht , Richter, mit Weib und 3 Kindern. Martin 
Jacob, Bauer, mit Weib und 3 Kindern. Franz Herzig, Bauer, mit Weib und 1 Kind. 



voD Chr. Ad. Pescheck. \ 55 

Cbrisloph Hger, Dauer, mit Weib und I Kind. Hans Franze, Bauer, mit Weib und 7 
Rindern. Michael Zabel, Bauer, mit seiner Frau. Peter Röscher, mit Weib und 
3 Kindern. Michael Goldbrichel, mit Weib und 3 Kindern. Hans Melzer, Gärtner, mit 
Weib und 3 Kindern. Christoph Pielzschmann , Gärtner, mit Weib und t Kindern. 
Mich. Dlissler, Gärtner, mit Weib und 2 Kindern. Christoph Wehntig, mit seiner Frau. 
Jonas Gelicl , GUrtner, mit Weib und i Kindern. Georg Hayer, Gärtner, mit Weib und 
i Kindern. Christoph Grohmann, Gärtner, mit Weib und t Kindern. Gregor Michel, 
Bauer, mit Weib und I Kind. Balzer Neumann, Vogt, mit Weib und 3 Kindern, 
ßalzcr L.-iiicrQianM , Glaser, mit Weib und 3 Kindern. Balzer Seidemann, Glaser, mit 
Weil) und i Kindern. Hans Reinisch , Häusler, njit seiner Frau. Christoph Franze's 
Witfrau niil 3 Kindern. Georg Sieber, mit Weib und i Kindern. Tobias Hofmann, 
Häusler, mit Weib und i Kindern. Hans Kiehnel, Häusler, mit Weib und I Kind. 
Christoph Bergers, Häuslers, Witfrau, mit i Kindern. Christoph Kittel, Häusler, mit 
Weib und 3 Kindern. Hans Jäckels, Häuslers, Frau, mit i Kindern. Christoph Desseler, 
mit Weib und i Kindern. Hans Sieber, Häusler, mit seiner Frau. Nie. Grosse's, Gärt- 
ners, Frau, mit i Kindern. Jacob Thiele, mit Weib und I Kinde. Christoph Groh- 
mann, mit Weib und t Kinde; Hans Wentigs, Hans Siebers und Martin Linke's Frauen 
mit 2 Kindern. Christoph Grohmanns, Mattiies Fröhlichs und Gabriel Reinischs Frauen 
mit I Kind. Die Lehn-Dorothea. Diese alle zu GrossschÖnau. Georg Nitsche, Bauer, 
mit Weib und 2 Kindern, Hans Werner, Bauer, mit Weib und 3 Kindern, Sibylla 
Schuster, mit 1 Tochter, zu Bertsdorf. Adam Sieber, Gärtner, mit Weib und 2 Kin- 
dern, Jonas Eva, Jonas Maria, in Zittau. Adam Gleite, Bauer, mit Weib und 3 Kindern. 
Hans Oelssner, mit Weib und 3 Kindern. In Oderwitz. 

Peter Paul, Bauer, mit Weib und 2 Kindern. Georg Möller, Bauer, mit Weib und 
5 Kindern. Balzer Salmer, mit Woib und 5 Kindern. Matthes Sicher, Bauer, mit Weib 
und 3 Kindern. Georg Wentig, (Gärtner, mit Weib und i Kindern. Christoph Wentig, 
Gärtner, mit seiner Frau, in N. Hennersdorf. Blartin Goiibrich , Häusler, mit Weib und 
I Kind. Geprg Kiehnels , eines Hausj^enossen, Witwe mit t Kindern. Marie Arlothin 
(Weise). Hans Röscher, Bauer, mit Weib und 3 Kindern. Christoph Mey, Bauer, mit 
seiner Frau, 2 Kindern und der Mutler. Jar. Thomas, Häusler, mit Weib und 2 Kin- 
dern. Georg Michels Witwe, Mich. Mey's Witwe mit I Kind. Alle diese in Lawalde. 

Christoph Arloth, Bauer, mit Weih und I Kind. In Bischdorf. Jacob Meintzschel, 
Gärtner, mit Weib und I Kind. Hans Bel^'cr, Bauer, mit Weib und I Kind. Marlin 
Donix, Häusler, mit Weih und 3 Kindern. Dorothea Engelmann, in Haynewalde. 
Christoph Arilolh , Gärtner, mit I Kind zu Cunnersdorf. Georg Wober, Häusler, mit 
seiner Frau und I Kind. In die Gegend von Marienstern. Peter Röscher mit Weib und 
3 Kindern. Jacob Engelmanii nnt Weib und 5 Kindern. Zu Haynewalde. Summa 277. 

Von Nieder -Elirenberg. Michael Reitzsch, Bauer, mit Weih und i Kindern, zu 
Ebersharh. Hans Wünsche, Häusler, mit Weib und 3 Kindern. Zu Eibau. Summa H. 
Hiuplsnnmia .SOG. 

Dann auch Cliristopii Mai, Georg und Adam, aus Ohergrund, nach Lohau. Witwe 
Vieze von Rumburg , ebendort. Hans Lumppe , von SchÖoborn um h Bciersdorf. Balzer 
Lauerinann \on Warnsdorf, mit Weib und Kind nach Lobau , Adam Franze und Tlio- 
mas Tioze , von Hennersdorf ebendahin. 

Ans dieser .«peciellen Mitlheilung ist zu ersehen, theils wie merklich die Zahl der 
Aus- und Einwanderer war, theils da.ss viel Angesessne und Begüterte unter den 
Cebersiedcln«ien w aren , Iheil« dass w enig Spuren von Theilung der Eheleute vor- 
kommen , theils dass die.^e Böhmen ein kinderreiches Volk waren, mit grossem Ein- 
fluss auf d.is Wachsen tier Bevölkerung in Sachsen. 

Es fol^t dann in jenem löbauer Actenstück ein Verzeichniss der von mehrern 
.,Entwichiirn" zurückgelassnen Schulden, an die Herrschaft, an die Kirche und an 
Privatpors(»npn , die bei vielen mir einige Groschen, bei manchen jedoch %iele Thaler 
betragen. Sie wurden officiell an den Landvoigt gemeldet. Es wini zugleich von den 
böhmischen Obrigkeiten gerügt, dass doch solche Entwichno mit Hand und Mund ver- 
sprochen gehabt haben , ihrer Herrschaft nicht nnimi zu werden , dM»9 %it auch andre 



1 56 I)ie böhmischen Exulanten in Sachsen 

verführt, dass manche ihre Bürgen in grossen Geldschaden gebracht und mehrere bei 
Verlassung ihrer Häuser grosser Gemeinheilen sich schuldig gemacht haben, auch 
dass bei dieser Gelegenheil Entführungen vorgekommen sind, sowie Handelsparthie- 
rerei. Auch waren viele Dienstgesinde nach Sachsen entlaufen, 1653 laut jenen Acten 
im löbauer Ralhsarchiv, wo die Beschwerden der böhmischen Herrschaften noch auf- 
bewahrt sind, an welche manche Exulanten ausgeliefert werden sollten, z. B. eine 
Schrift vom friedländcr Hauptmann , vom 26. Jul. 1666. Am 6. Dec. 4 675 erbat auch 
der zu Lüben in Schlesien vertriebene Archidiaconus Christian Ruthart eine E\ilstStte 
beim Rathe zu LÖbau. 



Beilage XV. zu S. 92. 

Exulanten in der Dörfergruppe im Queisskreise , sudösllich in der 

Oberlausilz. 

Dieser in der Exulantenzeit sächsische Landstrich ist in der Exulantensache von 
grosser Bedeutung, und eben darüber haben uns eifrige Specialgeschichtsforscher voll- 
ständige Nachpichten hinterlassen^). Hier nur so viel. Es war in spätrer Exulantep- 
zeit, unter Kurfürst Joh. Georg 11. und dem Gutsbesitzer Wilhelm Ludwig von Uecht- 
ritz, dass Exulanten zu Gebhardsdorf, besonders von den Männern Slowak, VVitek und 
Richter in ihrem Glauben bestärkt, zahlreich ankamen^). Da die czechischen unter 
ihnen doch auch Gottesdienst in ihrer Mutlersprache wünschten , geschah solches 
im Sommer unter BUuoicn , wo wenigstens ein Vorsänger sie Lieder anstimmen Hess. 
Doch sie erlangten auch den Mitgebrauch der Kirche, und durch Christoph von Uecht- 
ritz die Erlaubniss eines böhmischen Geistlichen, um 1676. Um so mehrere kamen 
(da in Gerlachsheim und Henncrsdorf böhmischer Gottesdienst noch fehlte) und das 
Dorf vergröäserle sich bedeutend durch diese üebersiedelungen. Hir Prediger ward ein 
vertriebener Ungar, Mich. Lany (aus einer allen ungarischen Predigerfamilie), bisher 
längere Zeil in Zittau, einst Prediger, nicht Pfarrer, in Wobow. Er war aus Skalitz, 
kam 1675 nach Gebhurdsdorf und gieng nach 4 5 Jahren wieder nach Ungarn, ward 
Reclor in KarpfTen und sollte dann die bekannte, so vielen ungarischen Geistlichen da- 
mals zuerkannte Galeerenslrafe mit erdulden, war aber so glücklich zu entkommen. 
Erbat 1682 ein böhmisches Gebetbuch herausgegeben und ist nicht zu verwechseln mit 
dem Ungar Georg Lany zu Leipzig, t675 — 1700, dessen ßriefweclisel mit ungari- 
schen Exulanten in 3 Bänden in der görlitzer Rathsbibliolhek beßndlich ist und 
historisch sehr benutzt werden könnte. Ihm folgte Künzel (Herausgeber eines böh- 
mischen Gebetbuches für das weibliche Geschlecht unter dem Titel: Spiegel der Gott- 
seligkeit), Richter und Petermann, der dann in Dresden lange wirkte. SpSter predigte 
der Katachet auf böhmisch. Tlierauf hatten sie nur Vorleser, deren letzter, Smotcha, 
179 2! starb. Neue Exulanten vom Jahr iliO schickten sich nicht recht in die Um- 
stände, giengen zur Sonnlagsfeier nach Niederwiesa, Gerlachsheim, Berthelsdorf, Gross- 
hennersdorf (wo der Prediger Liberda solche, die zu Gebhardsdorf vom Abendmahl 
ausgeschlossen worden, annahm, worüber auch 17 28 Ludwig Manasse von Oechtritz 
Beschwerde führte) und Horrnhut, und hielten Conventikel , wo Laien predigten, weil 
sie n)it den Vorträgen ihres Predigers nicht zufrieden waren. Da dies nicht geduldet 
ward, zogen 60 weg. 1767 waren noch tl Böhmen da, denen der deutsche Prediger 



1; S. ^enü^endc Nacliricht von Frielzsche, im lausilzer Magazin 1792, 8 ff. Hier erinnern 
wir auch an die Grünzkircben auflausitzer Grun<le für schlesische Evangelische, 8. Worbs 
a. a. 0. 120. Kopezky , in den Actis hist. eccles XXII. 714 ff. N. Acta III, 780. 

2j Berits Kirchenwegnahine in Schlesien 120. 



von Chr. Ad. Peschcck. 457 

Weimer das heil. Abendmahl mit höhmischen Worten reichte. 1791 hörten rehgiöse 
Versammlungen in böhmischer Sprache ganz auf und es mögen diese Exulanten mit 
den Deutschen verschmolzen sein. 

Gerlachsheim'). Nicht nur nach Gross -Ilcnnersdorf, sondern mehr noch nach 
Gcriachsheim fanden sich viele evangelische Auswanderer, Nachkommen der Brüder, 
ein; besonders aus der Gegend von Landskron und Lcitomischl. Es entstand eine 
bölnnischo Gemeinde, unter ihrem Lehrer Augustin Schulz von Breslau. Allein {l'.\:\ 
kamen über 'iO Emigranten aus lleruianitz, mit Verlassung von flab und Gut, unter 
Gefahr und Mühsal , übers Hiesengebirge , z. B. Georg Pakosta , mit einstweiliger Zu- 
rücklassung einer schwangern Frau. Sie kam ins GeHingniss, wo sie eine Tochter 
gebar. Dioso ward nebst einem sechsjlihrigen Sohne ihr genommen und in eine ka- 
tholische Familie, sie selbst aber ins Spital gothan. Von da entkam sie, ohne die 
Kinder, nach Gerlachsheim. Jan Gilek , der zur Abholung seines Bruders zuKickgieng, 
wurde entdeckt und zwei Jahre in Haft gehalten , darauf zum Festungsbau verurtheill. 
Bei Gelegenheit eines Brandes , wo er zum Löschen angestellt war, entkam er und 
gelangte glücklich wieder nach Schlesien. Sie nührten sich kümmerlich von Spinnen 
und Weben, freuten sich aber von Herzen de« freien Kirchganges und genossen durch 
Aug, Schulz eine sehr treue Seeleupdege. Dieser theilte ihre Armuth und widmete 
ihnen seine ganze Kraft und Sorgfalt. Er theilte sie nach Stand, Alter und Geschlecht, 
wie nach ihrer Innern BeschalTenlieit in grössere und kleinere Gesellschaften. Unter 
diesen herrschte ein grosser Ernst. AIhnählig fand die Gemeinde, die t7.'J6 etwa .100 
Seelen zlihlte, werkihälige Theilnahme von vielen christlichen Freunden. Sie bekam 
auch Zuwachs von 7i Personen, besonders aus Deutsch -Roth wasser oder Czermeney 
bei Leitomischl, unter denen die alte Brüderkirche im Herzen fortgelebt hatte. Aber 
ihre Herrschaft , Fürst Lichtenstein , beklagte sich in Wien , und von da kam Be- 
schwerde nach Dresden über Verlockung von rnterlhanen aus Böhmen und Aufnahme 
in der I^ausilz. In Herrniiut wurde Nachforschung angestellt, aber vergeblich. Ehe sie 
aber in Gerhichsheim stattfand, hatte Schulz Kunde erhalten und sich nach Cotbus 
gewendet. Die neuangekunimenen Böhmen folgten ihm. Bald wurden auch Glieder der 
bisherigen Gemeinde von ihrer Herrschaft genölhigot, ebenso dürftig als sie aus Böh- 
men gekommen, t7.n im Februar, 400 an der Zahl, in tiefem Schnee, ihrem Lehrer 
nachzufolgen. Sie litten vor ufid auf dieser Heise viel Ungemach, erfuhren aber auch 
Gottes Hilfe. In Cotbus fanden sie noch ?(M) Landsleuto, die von Gr. Hennersdorf 
alhnUhlig sich dahin gefunden hatten. Beide Gesellschaften begaben sich nach Berlin 
und die Gerliichsheimer bauten sich in Kixdorf an. Leider fehlte es nicht an Uneinig- 
keit unter den neu angekommenen Bi)hmen und ihren bereits \1M in Berlin arige- 
kouunenen Landsleuten, welche t7'i7 eine Kirche erhalten hallen. Auch ihre Lehrer, 
namentlich Liberda, wussten den Frieden nicht zu erhallen. In Gerlachsheim nalmi 
man auch nach den KrieK'sverwüslunfien Anbauer aus Uückersdorf und Bern.sdorf gern 
auf. Schulmeister war \6M ein Exulant, Paul Friedrich. An Pastor Bergmann hallen 
sie aurh einen Böhmen, denn er war aus Lcitmeritz. sowie iler Schullehrer Hyde- 
wald aus Getiri^^enthal. Viele geriachsheimer Exulanten ^aren aus Bern.sdorf und 
Rückerxlof f. 

Unwril (ierlach.sheim entstand das Exulantendorf Carlsdorf' , dessen Werden in 
der zsveileii Abtheilung geschildert i^i. Die Zahl der Ankönmdingo soll nt\ tOO be- 
tragen h.ibeii , die jedoch nicht alle genug Zutrauen verdienten. Sie hielten sich zur 
Beichte nach Gerlachsheim und ihr unordinirteri Prediger Augustin Schulz '1 machte 



1 .•^. «.rnu'opi «icsch. der Bruderkirehc. (inadau IH3i. Crantz Brudarhintone, 10 J, 107 ff. 
Simlers hinturi!»chc l rkundcii . 111. Hm (T ^niit Urkunden, auch »peciellen . ut>er Auk Schulx . 

i KaiitTers (ieschichte >un (ierlachsheiin . 4M (f. Bruckneni Bcilrigc fur (fe«<rbicbta der 
Exulanten iti d(*r otK^r-Lauüit/ im laii«titzer Mii^'^zui IHiT. 6(1 (T. t76H. iH mit Irkuoden. 
auch mit ««penollfn NachnchUMi iiher den AuKuslin Schulz \li»rr» \itCB und .Netiea aiu dem 
Reicht' (iolles Nr i«, 81 IT 

3 Ottos o^erl Schriaslellerle\ikon. 111. «3« 



4 58 l)i® böhmischen Exulanten in Sachsen 

den Dolmetscher. Schulz war zwar ein excentrischer Mann, aber geliebt. Der Wegzug 
der carlsdorfcr Exulanten war geheim gehalten worden und man fand einst froh das 
ganze Dörrchen menschenleer^). Da er sich nach Berlin wendete, wo er ordioirter 
Prediger ward , ihm viele nach Ricksdorf nachzogen , andre sich aber ao die ziltauer 
Exulantengemeinde anschlössen und manche mit den Brüdergemeindeort Niesky be- 
gründen halfen, löste sich diese böhmische Gemeinde, die hier viel Wohlthaten 
empfangen hatte, auf, aber zum Andenken steht noch ihre Capelle da. 

Küpper empfleng einen Exulanten als Pastor, nSmlich Melcb. Neumann, als Dia- 
Conus in Reichenberg exilirt, 1624 bis 4 657. 

Nieder-Oertmannsdorf war auch die Stätte einer böhmischen Colonie. Der Pfarrer 
für Nieder-Oerlmannsdorf, zu Marklissa, Arndt, welcher Pfarrer in Grottau und Rralzaa 
gewesen, und Vietze, der am letztgenannten Ort geboren war, konnten böhmisch mit 
ihnen sprechen. Da diese nicht mehr lebten , errichteten sie ein besonderes Bethaus, 
1683, zu böhm. Vorlesen, Gesängen und Kalechisntionen, und bildeten eine Liturgie 
nach der marklissaischen Weise. Vorleser und Sänger waren mehrere Glieder aus der 
Familie Zeiske, Johann, Wenzel, Jacob, Matthäus, Georg, Gottfried. Bei solcbeD 
Gottesdiensten ward das zittauer böhmische Gesangbuch gebraucht. Mao liess sie ge- 
währen , weil sie nicht so unruhige Kopfe , wie die zu Carlsdorf waren. Diese Gottes- 
dienste hörten auf, als, wie jüngst in Zittau, der letzte Vorleser gestorben war. 1797 
ward das Bethaus abgetragen, und böhmisch verstanden nur noch etwa 10 Leute'). 
Dort war z. B. die Exulantenfamilie Simon. 

Schadewalde bei Marklissa nahm auch Exulanten auf und man kennt noch die 
Familien Pfeiffer, Xylander und Mädler (von Reichenberg). Ein einmal Heimkommen- 
der ward bald verrathen , gefangen , aber von einem Kinde befreit. 

Wiesa würden wir auch zu nennen haben als einen Zufluchtsort, wenn die Kom- 
menden nicht schlesischo Exulanten gewesen wären. 

Endlich mag nicht unbemerkt bleiben, dass schon nach 15i0, als Ferdinand L 
soviel Unkatholische aus Böhmen verbannte, auch viele von diesen ins Meissniscbe 
und in die Ober-Lausitz gezogen sind^). 

Dürfen wir zum Schluss noch andre Zufluchtsstätten für böhmische Exulanten 
angeben, so nennen wir Königsberg, Thorn, Danzig, Braunschweig, besonders auch 
die Reichsstädte Nürnberg, Augsburg, Magdeburg, Regensburg, Hamburg, Bremen; 
Baireuth und die Pfalz '^), mit der besondem Bemerkung, dass der berühmte Borbonios, 
der in Zittau nicht blieb, nach Thorn eine grosse Zahl von den zittauer Exulanten 
hin wegführte '^), und vom Fürsten von Radzivil einen von den Croaten verwüsteten 
Ort einbekam. Viele Böhmen zogen auch ins Fürstenthum Liegnitz, laut der dasigen 
Kirchenbücher , empGengen auch zu Adelsdorf einen eigenen böhmischen Pfarrer. 

Nach Nürnberg kam als Knabe der nachmals berühmte Dichter Siegmand von 
Birken, aus Winterstein bei Eger, und der einst berühmte Orientalist Crinesios ans 
Schlackenwalde; auch der Historiker Theobald, ebendaher. , 

Bekannt genug ist aber auch grosse Verfolgung in Ungarn. Man sehe auch ein 
Originalmanuscript in der zittauer Stadtbibliothek, mit der Ueberschrift: TVmmi Iffr- 
mannorum exilia, und die bekannten Geschichten des Odontius und Lany. 



4) S. Ruhlandls Taschenbuch für die Lausitz, 4 854 , 89. 

2] S. ausführliche Nachricht von Brückner im laus. Magazin 1826, 500 ff. u. a. Borott in 
der laus. Monatsschrift, 4 797, 663 ff. und über die Verhältnisse von Greiffenberg und Nieder- 
wiese weitläufige Darstellung in Nov, Act. hist. eccL X, 230, 248 und über sogenannte GrSnz- 
kirchen auch Worbs Geschichte von Sagan, 890 ff. 

8] Riegers Geschichte der böhmischen Brüder, Heft 11, p. 2t. 84. Senffli ttolpener 
Kirchengeschichte , 207. Dresdner Theologen sandten ihre Trostbriefe , auch llelanchthoo, 
4 561 , zu Strassburg gedruckt. 

4) Gesch. der Gegenref. II, 560 ff. 

5) Gesch. von Zittau, I, 293. 



von Chr. Ad. Pescheck. 4 59 

Ausser Deutschland nennen wir als Länder, dahin Begüterte und Gelehrte sich 
wendeten, Dänemark, Schweden. Kngland und Holland, Polen und Ungarn^), wo 
'prolestantische Grafen sie schützten. 



Beilage XVI. m S. 94. 

Czechische Exulanlcnnainen zu Dresden. 

Folgende meist czechische Namen entnehmen wir alten Traubüchem zu Dresdej) 
(4 690 — 1750), wo so oft das PrUdical vorkommt: Exulant, rzeshj. 

Blanik, Beranek, Bcnesch, Betlizky, Breychow, Beiizar, Beraunsky, Beraunutky, 
Baliar, Bernatc , Bohaka , Bazand, Brzynka, Bczkowsky , ßlaha , Batowecz, Barkai, 
Bradacz, Bonda, Baschtar. 

Czerwenka, Czekana, Czekanow, Chadinow, Czcrni. 

Dietzow, Dwaraukow, Dorschak. 

Felix. 

Geblar, Grossowsky, Gelinek, Gallus, Gallow, Gabriel, Horak, Hedikius, Hlawacz, 
Honky, llorby, llalbus, Hamlizky, Hedinow, IJanalczkow , Haberta, Horaczek, Hajek^;, 
Häuser, Uule. 

Janaussck , Janaurek , Jachim, Jandlik, Jandik , Jungmann. 

Kaufiler, Kunizky , Klobaczek , Kraupow, Krzmanow, Karkow, Krzmar, Kopy, 
Kolarz , Kralezkow, Kubasch, Kurzkow, Kralowsky, Krizkow, Krakow, Kolarow, 
Kywizlow, Kaubecz, Kanka, Kossalow, Kralicky, Kossinow, Kfinezky, Kalliwoda, 
Kubssy , Kolauska , Kokanccz, Kozman, Kraulikow, Kowarz, Knothi, Kalikow, Raras, 
Kanek, Kenek , Kral, Krupky , Kcppelt. 

Lynck, Lorenz, Lilika, Lansoi. 

Mnik, Machaczek, Mctelak , Melelikow, Martinow, Mataussek , Htadonecz, Maless, 
Malkow, Matuska, Mylius, Mrkow , Minarsky, Meixner. 

Nemeczck , Nimerkow , Ncmoky , Naky, Nedeli , Nowak , Nadenik , Neirow. 

Paulow, Pinkardow, Pospissil, Praczck , Plach, Pclentarius, Parlik, Passe, Pelras- 
kow , Pelruzalkow, Panelka , Polakassow, Parosizky, Prochaska, Poiarsky, Petrak, 
Püschel, Patzig, Podrazky, Plamek. 

Roll^), Ruschowsky ^), Kaussow. Rakonizky, Rikoss, Rozankow, Raban, Rosko- 
wicz, Ribar, Riedl. 

Sumsky, Tipkow, Slawaczek, Sdrzibinek, Swoboda, Stahow« Ssortek, Swihowsky, 
Schorlkow, Sanek, Smolka. Sentelakow, Swoinow, Smirsky, Smetana, Slawezka. 
Swetossow , Schauflerow, Stehule, Stanek, Sommer, Ssortkow, Ssendy, Spazier, 
Skwor, SedliKzek , Schilf iböhmi.sch: Rakor , Ssimaczek , Ssoda, Scliimpak, Ssewazka, 
Schiinaczck , Spewaczek «deutsch: Sänger). 

Tachowjiky, Tynia , Tossek , Toskow. Treslak , Towek, Tuka. Vorreidl. 

Wodukow, Wachowsky, Wazmodow, Wokarka, Woäozek, Winarizky, Wdo%%ez. 
Wolassow, Wimpal. Wolypka, VVizelezkow. VVinapoli, Wodiczka, Wissapol^ky, 
Wanek, Wodrubow, Wlahowsky, Wodukow, Wazmodow, Wokarka, Worliczek. 

Zawsky. Ziskow, Zeniann, Zesch , Zaworka. 



4; Historia p^rsecuticmum , 433. 

%) Tobias Hojek und Tob. Seidel waren 4651 die Collecteof ammler für die böhmische 
Gemeinde in Dresden, m der Ob^rlausitz. Ihre Spur findet sich noch In aUen Kirchenrecb- 
nungen der Oherlautiti z B. in Friedertdorf an der Ijindükrone. 

3) (leor^ Roll und Alexander Dagler machten sich 1S30 als Kirrhenviler in Dresden tahr 
venlient. 

4) Dieser und Sieschka waren I6S3 aiilonsirte Collerlanten in den ReichtaUdlen ; ao^ie 
Albrecht orcU Ki!»leben u. s f 



460 Die bühmischen KxulaDton in Sachsen 

Im Jahr 1650 kommen bei einer Gemeindeversammlung folgende Namen vor: 
Ssig, Swatkowsky, PfefTerkorn, Prznik, Worsdromirsky , Zateczky, Rarban, Mleynsky, 
DSgler, Smulney, Sspilzer, Lunatius^ Slawata, Ogür, Weyssperger ^ Rumpal, Rolly/ 
Chirkowsky, Haugwilz, Parmana. 

Man kann leicht denken, wie im täglichen Verkehr alle diese fremdartigen Namen^ 
nebst fremdarligen Sitten zu Dresden aufgefallen sein mögen. 

Wohl noch mehrere Namen müssen in den Todtenregistern der Kreuz-, Frauen-, 
Neust'adler und besonders der Johannivkirche zu finden sein. Diese Bücher aber sind 
so umfangreich, dass man die Zusammensuchung von Exulantennamen Niemand zu- 
muthen konnte. Gesetzt auch , wir wüssten tausend Namen , so wäre das doch immer 
nur Yso der Exulanten. 



In den Kirchenbüchern von Zittau^) finden sich z. B. folgende czechische Exu- 
lantennamen : 

Bornezky, Borschek, Bcnesky, Biirian, Buschek , Bartauschky, Buranka. 

Czcrnowicz, Chrudimsky, Czermak, Cbudy, Czerwenky, Czemohorzky (Schwar- 
zenberg). 

Duroa, Dohalsky, Dlask, Delka, Dworschak, Dolezal. 

Erban. 

Gewizky, Gislola , Gellasch, Giwuska. 

Hlubaczek, Urzan , llauschka, Horak (Berger), Hossek, Huschek, Haschek, HasbiK 
Ilolank, llortlik, Hluschizka. 

Jacobitz, Jandur, Jandeschka. 

Kozian, Kladensky, Kauzky, Krzowsky, Kaplan, Kalezky, Rohalsky, Kohaut 
(Hahn), Kadelsky, Kaudelky, Kowaczky, Kochely, Kedasch, Kudasch, Kocbal, Ka- 
mizky, Kaudek, Kulhanek, Kornicz, Kirschusky, Kirschely, Rirschowsky, Kracek, 
Klinek. 

Litlezensky, Libnizky, Liboschek, Lusizky, Liboschky, Lucischar. 

Milaczck, Mattauschek, Milarschky, Metelik , Morawek , Masur, Maruschka, Mo- 
letschkv, Mochanskv, Matoweskv. 

Nosazal, Nowaczky, Namkadil, Nadenik, Negedly, Najemnik. 

Prochaska, Pisezky, Przibislawsky, Papasch, Poduska, Portsky, Patenin, Padelsky, 
Podelsky, Pabek, Pospüsil, Puhancy , Peutag, Praseky, Pizek. 

Raky (Krebs), Roslawsky, Rambuba. Suchi, Spalenka, Strada, Sasatky, Schusek, 
Swoboda, Salepin, Semhura, Sorsek, Schcbek, Swatinck, Stransky, Schischky , Seda, 
Schikala, Sulda, Schafranek, Samasky, Schemkora , Sobodka. 

Thoreschek, Tzesley. 

Woschowsky, Wostromirsky, Woditschka, Wirstal, Wettasch, Wertschizky, 
Wydra, Wettawa, Wanischka, Wirausky, Wanischek, Wissobolsky. 

Zeman, Zuschkv. 

Die Namen aus deutschen Kreisen sind gewöhnliche, wie Grosser, Hase, Reil, 
Weise, Mitmann, Hörn, Adler, Voit, Krause, Müller, Scholze, Mildner, Engler etc. 

Die czechischen aber sind fast alle verschwunden , was allerdings rälbselhaR ist. 
Uebersetzung der Namen ist nur eine der Ursachen gewesen (z. B. Czapek in Störchel, 
Spaleczky in Klötzel). Es zeigen jene ansehnlichen Namenreihen, dass wirklieb viel 
fremde Elemente in die sächsische Bevölkerung gekommen sind. 

Ein alphabelisches Register der noch bekannten, nach Sachsen gekommenen, 
Exulanten licssc sich , wenn es verlangt würde , geben. Doch es ist eine besondere 
Zusammenstellung nicht von nöthen ; da wir die Leser auf die oben reichlich milge- 
thcillen Nachrichten von Dresden, Pirna, Zittau und andern Städten und Dörfern, wo 
die Unglücklichen als angekommen genannt werden , nur verweisen dürfen. 

i) Es sind diese Namen aus Todtenre<:istern von 4624 —4 709 und aus Traoregistem von 
<643 — 4 659 zu erlangen f?ewesen. 



von Chr. Ad. Pesclieck. \q\ 

In Bezug auf die erwähnten dresdner Kirchenbücher berichten wir noch folgen- 
des: Fn den von Oeltrich und Michaelis 1709 u. 1714 herausgegebnen Verzeich- 
nissen der Gmbmälcr in der Sophien - und Frauenkirche haben wir noch das Anden- 
ken folgender Exulanten aufgefunden: Johann Georg Graf von Kinsk\ aus TepHtz 163:< 
und kleine Geschwister. Johann Freiherr von Habart. böhmischer Exulant I63i und 
Joachims von Kabarl (wohl des nämlichen Witwe 1664. Diese ruhen in der Sophien- 
kirche, deren Bücher 1617 beginnen. In und an der Frauenkirche liegen aber fol- 
gende: Jfr. Ludomilla von Andrizk\ , Exulantin, 60 Jahr all. mit Wappen. Jfr. 
Bohumila Mischkin von Slunitz, ,,in ihrem E\ilio'% 63 Jahr alt. Wenzel Luczan von 
Luftenstein, Kind des Johann Luczan von Luftcnstein, der zu Prag bei der böhmischen 
Hofcanzlei angestellt war. Judith von Wisocky. Katharina Polyxena von Dohna geb. 
Wodierazky von llruschowa, 1643 im Exil gestorben. i3 Jahr alt. Anna Polyxena Ko- 
plirz von Sulowitz, verehelichte von Salhausen , 16i3 jung gestorben, wie auch ein 
Rind, nachdem schon 1649 ihr Gemahl, Wolf von Salhausen auf Leippa und Bürgstein 
gestorben war. 1648 u. 1661 verstarben Zdislaw, Ruth von Dirnsdorf und seine Ge- 
mahlin Sibylla Judith geb. Pielipesky von Chi.sch und Egeberg. 1652 verstarb der 
Pfarrer M. Johann Lucius, zuvor in Z.schachwitz in Böhmen gewesen, zulelzl als 
Diaconus an der Kreuzkirche zu Dresden. 

Andre Namen haben sich lebend erhalten durch Fortpflanzung und Verbreitung 
der Familien z. B. von Honow, Nehrhof \on Holderberg'), Facilides. Martini, 
Leonhardi u. a. 

Ein Exulant war auch der Vicehofcapellmeister Johann Georg Trautmann, 
gest. 165'). 

Wohl noch mehrere Namen müssten in den TodlenroJ:i^lern der Kreuzkirche, der 
Frau<»nkirche, der neustiidter und besonders der Johanniskiiche zu linden sein; es be- 
ginnen jedoch die Kirchenbücher der Kreuzkirche erüt mit dem Jahr 1700 und bei 
der Frauenkirche 1710; bei der neusfadler Kirche schon ir»9:), doch czecliischc 
Namen sollen dort nicht bemerklich sein. 

Die Exulantennamen von Pirna (czechische und deutsche) sind in den Todtenre- 
gistern jener Stadt, in den Jahren 1645 — 38, etwa folgende: Schilenzky, Habermehl, 
Kernig. Ilennig, Fleischer, Langenberger , Ziatezky , Max. König, Bretschneidcr. 
Cliiusewilz, Oliva , Lorenz, Hulla. Kirchner, Schubert, Czarhata, Suchanek, Rose, 
Wagner. Sangerska , Hoclihliuser . Schwellich, Jeremias, Sobel, Seravsk\ . Strauch, 
Bellwik. Liebenauer. Mittag, Pion, Ostrowitz, Weissmann . Miessner, Archatrisky, 
Slawok, Krawezkv . Dersowskv, Nerodan, Wowor. Meier. Sworitz, Tlnin, Kalpa. 
Hausmann, Lobe, Lowenik . Heringowa, Korawik, John, Ko.ss, Kamarik . Ruth, Per- 
zina, Vilas, Kubachl, Borke, Negerlein, Fischer. Wallwas. Koranda. Demmnich, 
Ulanka. Gotlowy , Gebenizk> , Gol^ky . Borkner . Wild, Medloch . Nowella, Nozka. 
Becker, Horsch , Kessler. Poleczka. Zimmermann. Hermann. Zeltowitz, Liebenizky, 
Stephan. Cölestin. Diese alle waren grösstentheils aus Prag und Leiimcritz. 

Die Namen mehrerer Landleute aus dem nicht c/echischen) leiimcrilzcr Krei«» 
siehe in der XIV. Beilage. 

liier sind auch Nauicn von Exulanten aus Platten biMZufügen, die aber nicht 
ciechisch sind. Wcigpl , Preussler, Wild, Meissner. Kpperlein, Horbach . Schürer, 
Frank. Hoth. PoppiMibt»rKcr, Pernl, Röber. Gessner, Häuser. Taschner. Helmig. 
Bauer. Ludewig. Hänner. Fladerer, Hammerdörfer . Ullmann , Schlegel . Heinz . Rup- 
pelt, Haime. Pohler. Markert. Hofmann. Krauss. Uibel, Demuth . Georg. Friedrich. 
Harzer. Schmidt. Köhler. Richterin. 



1) Xend <iesch dt*r Gegenrefurm L Si8 



P r « r h r r k , Dw bSka. F.xalMl« 



H 



(5$ Die höhinischon Kxulanlen in Sacli^^eii 

Beilage XVII. zu S. !03. 
Anbauung auch iniilnisc^her und sclilesisclier Exulanten in der 

Oberlausitz. 

Nicht ganz mit Stillschweigen können wir die lausitzischen Brüdergemeindeorle 
Herrnhiit , Niesky und Kleinwelka übergehen. Zwarr gehören sie eigentlich nicht in 
den Bereich unserer Preisfrage ; theils weil die Ansiedelungen nicht schon ins 17. 
Jahrhundert fallen, theils aber auch, weil sie ihren Ursprung' mehr (reformirten').' 
Mähren, als Böhmen verdanken. Jedoch sind sie nicht ganz mit Stillschweigen zu 
übergehen, Iheils weil jene mährischen Brüder (die Neusser aus Schien, die Nitsch- 
manne aus Zuuchtcnthal und andre, aus Fulnek [wo neuer Bckehruugseifer um 
t7t0 durch Verhör, Drohunf^'cn, Confiscationcn und Gefangenschaften die Brüder 
sehr zu drücken anficng] , SchÖnau , Senflleben , Seitendorf und Kunewald) doch aus 
Böhmen ihren allen Ursprung, auch in Böhmen (namentlich in Landskron und 
Leitomischl) noch geheime Genossen hatten ; theils weil der Begründer von Herrnhut, 
der unvergessliche Christian David (als Zimmermann zu Görlitz^) arbeitend und da 
von dem eifrigen Geisilichen Melchior Schäfer gestärkt) eigentlich ein geborner Böhme 
gewesen ist, durch welchen der Verkehr zwischen Fulnek und Berthelsdorf, auf 
dessen Gebiet llerrnhut entstand, vermitlell worden ist; theils endlich weil der 
Stifter der Herrnhuter-Unilät , der Graf Nicolaus Ludwig von Zinzendorf') selbst einer 
Exulanlenfamilic angehörte, denn er ist ein Enkel gewesen von einem Grossvater, der 
wegen seines Glaubens Oeslreich verlassen und sich zunächst nach Franlien über- 
gesiedelt hatte. Die in die Lausitz gekommenen vier Brüder baten bei der herrschaft- 
lichen Familie zu Grosshennersdorf bei Zittau um Aufnahme^) und Erlaubniss zu 
einem Anbau und zwar auf dem Grund und Boden des Hittergutes Bertbelsdorf, dahin 
ihnen die Herrschaft den M. Christian Gottfried Marche, zur Auswahl, wobei auch der 
calvinische Haushofmeister Heitz mitwirkte, mitgab. Er wählte dazu die sogenannte 
Herrnhutung, d. i. den herrschafliichen Viehhutungsplatz am Hutberge, in dessen NSlie 
der schon genannte Christian David (dem auch Neusser bauen half) am t7. Juni t7?t 
den ersten Baum föllte, wo nun ein Erinnerungsdenkmal steht*). Von dem religiösen 
und geistvollen Grafen von Zinzendorf geordnet (nachdem er zuvor über die alte Bru- 
derkirche aus Schriften, in Ziltau erborgt, sich unterrichtet hatte), gestalteten alle 
Verhältnisse sich nach und nach günstig , da die Colonisten sich zur augsburgischen 
Confession zu bekennen anfiengen , und in vieler Hinsicht sehr nachahmongswerth. 



i) So nannte man sie, weil ihre Abendmahlsansicht nicht lutherisch sondern der refor- 
mirten ähnlich war. — Carpzovs Religionsuntersiichung der mährischen Brüder, 498. Bü- 
dinger Sammhinjzcn II, H2. 

2; Dort besitzt man noch viele Actenstücke über Aufnahme der Brüder, ehe Herrn- 
hut existirte. 

3) S. über diese Zinzendorffsche Familie sächsische Kircbengalerie , Ephorie Oschaiz 
p. 71 f. 

k) S. Hammcrdorfers Beiträge zur Kenntniss von Sachsen, 4. 77— 86, über Aufnahme 
mährischer Brüder in Sachsen Grelschels Gesch. von Sachsen 8. II, 594. HI, 88. 

5) Specielle Geschichte des Anbaues selbst s. in Korscheits Gesch von Herrnhut (4851) 
7 ff. Sachs. Kirchengalerie VII, 66 ff. Leber die Emeucrunj! der alten Brüderunit«! und die 
Verfassung der herrnhuter Brüdergemeinde s. bes die gleichzeitigen Nova acta hisiariae 
eccles. 1,819 ff. 976 ff. Die lateinische Geschichte der Brüdergemeinde von Herrnbul, in 
diesen alleren Aciis XIII, 55i ff Spangenhergs Nachricht von der Verfassung der Brüder- 
Uniläl, in Walchs neuster RHigionsgesch. III, 44 —74., auch bes. 4744, 4784, 478«. Span- 
genberg idea fidei fratrum 1779, auch böhmisch von Junike, 4 788. Dessen Leben Zinzendorfs 
4 77i. Gedenktage der neuen Bruderkirche, 4 ff. (über David p. 2 ff. und Welmarsche Acta, 
XIII. 576 ff. Crö^iers Geschichte der erneuerten Brüderkirche, Gnadau 4858. Frobbergers 
Briefe über Herrnhut 4796. Crantz Brüderhistorie, 477«. Schriften von Lynar, LoreU, 
Flitt u. a. 



von Chr. Aü. Pescheck. 1^3 

Ein sächsisches Schiilzdecrct erlangten sie 17 49. Welchen Eiufluss dieses Exulanten- 
Etablissement, welche Folgen diese Ansiedelung für so viele andere Weltgegenden 
gehabt, und wie nett dieser Brüderanbau sich gestaltet hat, ist allzubekaunt, als dass 
es weitrer Worte und Nachweisungen bedürfte. Herrlich war erfüllt, was der ge- 
lehrteste und ehrwürdigste der böhmischen Brüder, Anios Conieiiius^j , prophezeit 
bat: ,,Gott kann seitier Gemeinde neues und grÖshcres Wachsthum geben'' ^j. Sehr 
wichtig und merkwürdig i^t das Urthcil , das über den grossen, oft \ erkannten und 
verfolgten Zinzendorf einer der gefeiertsten Theologen unsrer Zeil ausspricht: ,,Er hat 
die erste kirchengeschichtliche li'alfle seines Jahrhunderts mit den Früchten und Gaben 
seines Wortes und Berufes so reichlich ausgestattet, dass die andere unter dem Inter- 
regnum der Verstandesreligion davon zehren konnte''^). Ebenso bemerkenswerth ist 
das Urtheil , das der Historiker Leo in seiner Universalgeschichte ausspricht: ,,Als die 
theologische Wissenschaft den Tempel des Herrn zu untergraben anfieng: trug Zinzen- 
dorf, grösstentheils von armen und einfachen Menschen unterstützt, den Altar mit 
dessen Heiligthümern, und unter ihnen auch den Kiss des Tempels, dass er einst wieder 
sich erheben könne, in ein Gezelt, das auf festem Boden stai.d, um sie zu retten für 
die ganze protestantische Welt.'' Die Verbindung der Herrnhuter mit den Brüdern zu 
Lissa in Polen ist jedoch \lii unterbrochen worden; doch hat in neuern Zeiten 
Herrnhut wichtige Brüdermanuscripte von dort erlangt, die nicht eher recht gewür- 
digt und benutzt wurden, als bis der gelehrte Böhme Anton Gindel) 1855 sie 
kennen gelernt hatte. 

Die Vergrösserung des Ortes Kleinwelka bei Bautzen entstand ebenfalls durch mit 
der Brüdergemeinde verbundne Fremde seit 1756 und sind daselbst auch Wenden 
angesiedelt^,. 

Auf ehemals sHchsischem Boden liegt auch der Brüdergemeiiideort Niesky b#»i 
Görlitz. Derselbe ist von alten Städtchen ebenso verschieden wie Herrnhul , und von 
diesem wieder dadurch , dass jenes mMhrischen , dieses aber böhmisrhen Gliedeni der 
Brüdergemeinde seinen Ursprung zu verdanken hat. Herwandernde, zuvor zur berliner 
Gemeinde gehörende M'anner, auch solche, die von Carlsdorf hergekommen, bekamen 
niS AnsiedelungsplUlze auf dem Rittergute Trebus, zwischen Görlitz und llusrau, 
durch einen Herrn von Gersdorf. Der JJiger Swoboda (selbst ein Böhme) und der hau- 
kundige Raschke besorgten die Niederlassung. Es gelang endlich Fruchlbarmacbung 
des Bodens, Gewerbe und Handel*). 

Goldentraum . ein lausitzer Städtchen an der schlesischen Grunze i>t ebenfallf 
von Exulanten erbaut, namentlich von schlesischen, schwenkfeldisch gesinnten Fa- 
milien. Den Anlass gab ein 1650 dort in der Waldung angelegtes Bergwerk. 168t 
ward unter günstigen Bedingungen von der Grundherrschaft der Bau erlaubt. In jener 
(Jegend entstanden überhaupt durch böhmische und schlesische Einwanderer auch 



1' Die neue Hrilder^eIIlelnde hall den C.oinciiius noch ^ar sehr in Ehren .^rlione Portrail» 
von r.omonniH, /nizendorf. David u. a. hochverdienten Mannorn l>etrachtet man mit Ver- 
ehrun;; im herriihntcr ArchivHaale , sowie ihre Lithographien. Das Werk Kurze DarMellung 
derGcüchit'hto der allen holiinisrh-oiuhnscheii nruderkirche. mit 1)«%. Ruckf^icht auf dasl.rbeit 
der Bischöfe lloin, Au^nsta Klobaucjnik) und ComrniuK , M^nrdigt ihn .^ RS -- IM . nachdem 
zuvor dir rirundiinu der RrndeninitAt und Bruderkirche, ihie weitre Geschichte his 17.17 . ihr 
Verhaltni*>H zu dm deutschen Reformatoren und ihre \rrtn*ihung nach l*olen und l*reusiteii 
iK'spnxMien ^^ordeii ist. l'ehcr die l^rophezeiung de« C.umenius s. Vorrede lum t». Buche 
von I aMUii«i (ii'>« h drr Hrudor .Sie ist leider noch niclil vollMandig Ke<lrui'kl. 

i l oImt das Warhsthiim « Gench der (iepenreform. II. 50t (T. 

1 D Nil/sch in der Schrift (eher dir kirchl Bedeutun:; der Brudeniem . Berlin tUSI. 

^ S Oaiitz. BniderhiHtorie 4 7<l 60N 

5) l ntcr d«Mi mil der Hruden^emeindr in Verhindung Mehenden K\uioidencnloDien 
nennen wir auch norhtiiuU N'owa^e« hei INttMiam und Welpen hei Barh) . ^o Jac. KHedr 
Muller Pretli^er \%ard, der 4670 in /ittati hohm Vorle«ier |;emeM»n mar Andre mtbrisohe 
Bruder machten I7.'{n eine NiederlaMiin»; lu Oldeido im Dänischen, unter einem M Walh- 
linKer S. Artn Ai«l evtl XIX. i3». XXV, 35. 



151 i>ie böbmischen Exulanten in Sachsen 

mehrere Dörfchen, nameDlIich Ilagendorf, Schulzendorf, Goldbach, Karlsberg. Da 
solche neue Anlagen damals etwas Gemeines waren, so haben Gleichzeitige unter- 
lassen, uns Bericht darüber zu hinterlassen. Ha^endorf entstand 1660'). 



Beilage XVIIL zu S. 106. 
Rescri|)te wegen dos Anbaues zu Gersdotf. 

Ich , Gottlob Ehrenreich von GerssdorfT, auflf Kauppa , Churf. Durch!, zir Sachsen 
Rath vnd Amblshauptmnnn zn Budissin etc. Gebe euch denen Herrschaflten hiesiges 
Marggrafflhumbs Ober Lausitz , vnter welchen sich die auss der Herrschaflt Rummburg 
entwichne vndt anitzo beßndliche Vnterthanen aufhalten, nebst beyfiigung des von 
dem Wohlgebornen Herrn, Herrn Franz Eusebio, des Heil. Rom. Reichs Grafen von 
PÖtting, Freyherrn in Oberfaickenstein, Herrn auf Grosskirchheimb, Rumburg, Wams- 
dortr, Nieder LeütersdorfT vndt Miltschin der Rom. Kay: auch zu Hungam vnd 
BÖhaimb König! : Aiay : Rath , wircklicher Cammerer , Vice Canzlern im Königreich 
BÖhaimb vnd Erb Burggrafen zu Lienz etc. beym Churf. S9chss. Ober Ambt allhier 
eingeschickten Reverses hiermitt zu vernehmen, Was gestallt wohlgedachter Herr 
GrafT abermahls umb wiederabfolgung seiner oberwehnten Vnterthapen sambt den 
ihrigen, ansuchen vnd bitten thuet, Wann deme obwohlgedachten Herrn Grafen be- 
melte Vnterthanen , indem derselbe sie vornehmlich der religion halber genugsam zu 
versichern , vndt ihnen in einem vndt andern , absonderlich zu erbauung ihrer HSuser 
in GerssdorfT satsamen Vorschuss zu reichen , auch sonst alle gnade zu thun sich er- 
höhten . nuhmehr nicht länger vorzuenthalten seyn wollen : 

Alss ist im Namen, vndt auf erfolgte Verordnung des Herrn Land Voigts Sr. 
Gnad. vnd von deroselhen mihr aufgetragenen Ober Ambtsverwaltung halben hiermitt 
mein Befehl an euch , denen vnter euch befmdiichen vndt aus obbemelter Herrschafll 
entwichenen Vnterthanen in ernst aufzuerlegen , Das Sie sich zu obbesaglem Herrn 
Grafen als ihrer ordentlichen Herrschafft vndt Obrigkeit ohn einigen aufenthalt vnd 
säumniss vnweigerlich wiederümb wenden, gegen selbigen treu vnd gehorsamb wie 
vor alters sich bezeigen vnd in verbleibung dessen, auch auf hochgedachtes Herrn 
Grafens ferners anhalten, zu schSrfferer vnd ausdrücklicher Verordnung kein ursacb 
geben sollen , Wie dann Ihr die Herrschafften indessen solche Vnterlhanen , damiti Sie 
nicht abhanden kommen mochten, nebst den Ihrigen anzuhalten wissen werden. 
Vnd bin Euch zu freundlicher willfahrung wohlgeneigt. 

Geben auf dem Churf. Sächss. Schloss zii Budissin den 16. October Ao: 1658. 
(L. S.) GoUlob Ehrenreich von GerssdorfT. 

Ii\hihirl zu LÖbau den iO. Octobr. 1658. 

Joh. Gottlob Ehrenreicb von Gerssdorff auff Kauppa, Churfl. Durcbl. zu Sachsen etc. 
Rath vndt AmptsHauptmann zu Budissin etc. Gebe euch denen Edlen, Ehrenvesten 
und andern nachverzeirhneten Herrschaflten , unter welchen sich die auss der Herr- 
schafR Rummburgk entwichene Vnterthanen aufhalten sollen, durch beigeflte Abscbrifll 
zu vernehmen. Was gestalt bey Ihrer Churfl. Durchl. zu Sachssen, Behemien, Ratbe 
des Marggraflthumbs Ober Lausitz , VollmUchtigen Land - Voigt und Obrislen , Sr. 
Gnaden der Hauptmann zu Rumhurg Johann George Otto, ansuchung getbao , euch 
anzubefehlen, dass ihr euch der nachverzeichneten, und unter euch sich befindlichen 



i) Laus. Magazin, 4 8i9, ioO. 4 813, 48i. 

l>ber Niesky s. Crantz, Brüderbistorie 394. 609. 



von Chr. Ad. Peficbeck 465 

Vnfertbanen alsobald nach Vorlesung dieses Patents versichern vndt dieselben nicht 
von abhanden kommen lassen sollet. 

Wenn dann Hocbgedachte Sr. Gnad. seinem petito deferiret und mir die Sache 
commidiret : Also ist im nahmen vnd verordnen ohhochgedachlcr Sr. Gnad. auch von 
dero mir aufgetragenen Ober AmbLsverwallung halben , hiermitt mein Befehl an euch, 
das ihr euch der unter euch befindtlichen vnd nacher Rumburg gehöriger Unter- 
thanen aissbaldt versichert und selbige nicht von abhanden kommen lasset, oder wid- 
rigesfalls ihr dafifr stehen , vndt gebührende antwortt geben sollet. 

Wollte Ich Euch nicht verhalten, Und bin Euch zu freundlicher willfahrung 
wohlgeneigt. Geben aufm Churf. Sachs. Schloss zu Budissin den 85. Septembrs. 
Anno 1660. 

(L. S.) Gottlob Ehrenreich von GerssdorflT. 

Churfürstl. Durchl. zu Sachsen 

Hochansehnlicher Geheimer Rath, des MarggratTlhumbs Ober Lausitz 
VollmSchtigter LandVoigt und Obrister. 

nocliwohlgeborner Freyherr, Gnlidiger Herr. 

Hw. Gnad. ist sonder Zweiflei von denen Herren Commi<sarien heut früe referirl 
vnd vorgetragen worden, Wasgestalt anstat vnd im nahmen meines gnttdigen Grafens 
vndt llerrns ich mich endlich dahin erkläret habe, dass wann die li Personen von 
denen entwichenen Rumburgischen Untcrthanen, derer Specification ich gestern in 
meinem gehorsambstcn Memorial bey geleget, mit einem Handschlag sich in meines 
gnUdigon Grafens und Herrens auf Ober Lausitzer Territorio neuerbauten Dorf Gerss- 
dortr geliorsanilich einzufinden, vndt daselbst hüussliche nahrung anzunehmen geloben 
vndt fernerer aiisflücliten sich nicht gebrauchen würden , sie annoch ein halbes Jahr 
frist haben, binnen welcher sie ihre vnter anderer HerrscIiafTt angenommene Wohnung 
vndt Nahrung mitt guter weil ininittelst vcrkautTen vndt zu gelde machen können, 
nach diesem aber erst , vndt also mit ihrer bequemen gelegenheit , die in genannten 
Gerssdortr angewiesenen Häuser beziehen sollen. 

Wiewohl ich mich nun, in Betrachtung, das diese meine erklarung hoflentlich 
billich, vnd zu abschneidung aller derer von besagten Unterthanen bissher gebrauchten 
beheifl*en vndt nichtigen entschuldigungen gerichtet, keines andern versehen . also das 
berührte ii Personen , welche doch Selbsten , indem sie an ihre stelle andere >orge- 
schlagen, hierdurch des orts genügsame bequemligkeit vnd nahrung erkennet, den 
Handschlag von sich gehen und die stat meines gnSdigen Graffens vnd Herrns zuge- 
lassene frist vielmehr dankhnriich erkennen vnd annehmen würden, zumahlen ich 
mich noch dazu erholhen , wenn nach beziehung des orts einer oder ander wegen 
alters . annuths dder jimlerer erheblichen »Sachen sich daselbst nicht wohl erhallen 
oder ernehren könle . hey nieineni giicidigen Grafl'en vnd Hern), welcher ohne dis pr 
genei^e denen nollileydenden Leuten zu heKTen , auf ihr demütiges suppliciren es da- 
hin soviel an mir ist zu vermitteln, dass Sie ihre losslassung gegen einem leydiichen, 
oder «^on«^tei) ihr nolttirfliges auskommen allda erlangen \nd bekommen mögen. 

So h;ihe Ich doch iiuf alle diese Zugeniüthführungen, und dass über das einer 
vnd der ander sell)«*len ^'eslehen müssen . wie gar schlecht vnd kümmerlich er sich 
vnter andern llerrsrhatn zu Hauss behelflen vnd an dem Rocken spinnen muss, Hinn- 
gegen er an diesem ort eine weit bessre gelegenheit mit anweisung eines eignen 
HauseU und ellieh schfTI. Ackers in It Jahren erst der gnXdigen Herrschafft zu be- 
zahlen, mit \errirlilung nur 6 tage HoflTedienste durch das ganze Jahr, vnd andre he- 
quemlichkeit . innhalts voriger eingegebnen specification zu gewarten , so viel nicht 
erhalten können. tUs berürle Unterthanen an der Zahl tt den Handschlag von sieh 
gegeben hetlen . Werts\\egen dann E>%. Gnaden auch dar^ur anstat meines gnSdigen 
Grafens vnd llerrns ich gar hohen Dank sage, sie auf dem Churf. Schlos in Arrest 
nehmen . und /u be/"i;{ung gebührenden gehorsams hex diener Be^chaffenlieil gefXng- 



{ ^5 ^>® böbmiscben Exalanten in Sachsen 

lieben aDhallen lassen. Will auch noch ferner gehorsamlich gebethen haben Ew. Gnad. 
sie nicht eher als bis Sie durch einen gewissen Handschlagk ihre YnterlhSnige Bin- 
findung in das neuerbaute Dorff Gerssdorff wircklichen angelobet, des Arreste er- 
lassen wolle. 

So viel aber die übrigen entwichenen Unterthanen, zu dero notlUirftigen be- 
wohn- vnd vnterhaltung noch mehr räum vndt hSuser an obbeniemten orth Gerss- 
dorff gemachet , vnd verfertiget worden, anreichet, so seind dieselben nicht allein ohne 
befehl wieder nacher hauss vnd unter ihre vorige frembde Herrschaffl zurükgekehri, 
sondern daneben ihnen erschienene Beystände vnd Advocaten haben auch mitt vor- 
geben, dass sie kein Mandat oder Vollmacht dazue betten, vor dieselben nicht cavireo 
wollen, gleichwohl aber zu besorgen, dass wie sich diese 22 Personen ganz wieder- 
spUnstig erzeiget, diese auch einige ausfluchte suchen oder wohl gar enlgebeo 
dürften. 

Gelanget derowegen an Ew. Gnad. mein gehorsames bitten Sie geruhe die Ver- 
ordnung in gnaden zu thun , und an alle diejenigen Herrschafllen , worunter sich die 
übrigen Rumburgischen Unterlhanen laut bey den Actis befindlichen Specification auf- 
halten , vermittelst eines absonderlichen Patents befehl ergehen zu lassen , dass sie 
sich der unter ihnen wohnenden Rumburgischen Unterthanen alsobald nach Vorlesung 
dieses Patents bestermassen versichern vndt dieselben nicht von abhanden kommen 
lassen, Wiedrigenfalls sie darvorstehen, und gebürende antwortt geben sollen. 

Dieses wie es allerseits billich , auch bereits schon in meinem gestrigen Memorial 
unterm dato den 24. hujus darümb gebührende ansuchung geschehen. Also zweiflele 
ich nicht es werde meinem gnädigen Grafen und Herren, der es an nichts, was zu 
unterthänigsler erfüllung des Churf. gnädigsten Rescripts vndt willens erfordert 
worden, ermangeln lassen, umbdesto mehr deferiret werden, und hocbermelter 
mein gnädiger Graf vnd Herr wird es in angenehmer gegenbezeiguug hinnwiederumb 
zu verdienen, ihrae höchstens angelegen sein lassen. 

Datum Budissin den 25. Septembris Ao: 1660. 

Ew. Gnad. 

Gehorsambster Knecht 

Johann Georg Otto von Otterfeldt. 

Dem HochWohlgebornen Herrn Herrn Gurt Reinicken 
Freyherrn von Callenbergk, Herrn der Erbherrschafll Musskau 
auch auf Wettesingen und Weslheimb, Churf. Durchl. zu 
Sachssen hochansehnlichen Geheimen Rath des Marggrafilhums 
Ober Lausitz Vollmächtigen LandlVoigt und Obristen etc. 

Meinem gnädigen Herrn. 

Rec: am 25. Septembris Ao: 4 660. 



Beilage XIX. zu S. 108. 
Neue ExulaDten-Kirchen, die sächsisch waren, aber nicht 

mehr sind. 

Zu Oertniannsdorf war die Gemeinde in Marklissa eingepfarrt. Da aber zwei da- 
sige Prediger, welche böhmisch verstanden, nicht mehr lebten, baten die böhmischen 
Exulanten durch den Gutsherrn Georg Heinrich von Kaikreuth um die Erlaubnis« zu 
Erbauung eines Bethauses, 108?. Es ward im folgenden Jahre erbaut; aber, ohne 
Prediger, konnten sie freilicii nur böhmisch vorlesen hören, singen (aus dem zittauer 
böhmischen Gesangbuch) und katechisiren. 4 79 4 ward das Bethaus sogar erweitert, 
weil auch aus Ober-Oertmannsdorf, Marklissa und Holzkirch Leute kamen. 1779 



von Chr. Ad. Pescheck. 457 

giengen , da junge Leute des Deutschen mächtig geworden und nur noch 1 Personen 
böhmisch konnten, diese Gottesdienste ein. 1797 ward das Bethaus abgetragen und 
seine Stätte wird nicht mehr bemerkt*). 

Carlsdorf bei Geriachsheim erlangte , nach überwundenen Schwierigkeiten , auch 
endlich zun) Bau einer Capelle die Erlaubniss. Am 4 3. Juni 4 73 4 legte Karl Ferdinand 
von Gersdorf den Grund. Da sich spSter die Böhmen (mit Ausnahme einer einzigen 
Frau) zerstreuten und wieder auswanderten , begann das Bethaus leer zu stehen. 
Noch aber ist's vorhanden und man hört da jUhrlich einige deutsche Predigten '). 

Schulen wurden bei diesen Niederlassungen auch begründet, die aber nun alle 
deutsch geworden sind. 

Für Nichtexulanten entstanden in jenen bösen Jahren Gränzkirchen. Das ist so zu 
verstehen. Als in Schlesien an der öberlausitzer GrUnze den evangelischen Gemeinden, 
z. B. in GreitTenberg, die Kirchen weggenommen wurden, wanderten sie an den 
Sonntagsmorgen in benachbarte lausitzer Dörfer, wo nun um deren willen besondre 
Kirchen errichtet wurden , die man Gränzkirchen nannte , z. B. in Friedersdorf am 
Queiss*), Schöndorf bei Lauban, Niederwiese, Volkersdorf, Winzendorf, Dehms. 
Andre wurden erweitert desshalb , wie zu MetTersdorf bei Lauban, Gebhardsdorf, 
liaugsdorf. Solche sogenannte Gränzkirchen entstanden auch in der Nieder -Lausitz 
(Jeschkcndorf, Christianstadt, Gassen), im Crossenschen (Lippen, Drehnowj und im 
Züllichauschen ;Trebschcn, Saabor und im tschicharziger Walde). Da diese nicht 
zu unsren) Thema* gehören , verweisen wir bloss auf specielle Nachrichten ^j. 

An manchen Orten wurden zwar nicht eben für die Exulanten, sondern wegen 
der durch sie vergrösserten Gemeinden Kirchen zu Stande gebracht z. B. in Wehrs- 
dorf in der Oherlausitz. 



Beilage XX. zu S. 1 1 .">. 
Beweis der Tüchtigkeit aus Böhmen nach Sachsen verscheuchter 

Gelehrten *). 

Es zeugt für ihre Tüchtigkeil die baldige Anstellung, die sie in Sachsen als 
Pfarrer, ja viele von ihnen als Superintendenten und Professoren gefunden, und der 
Name, den sich nicht wenige als Schriftsteller gemacht haben. 

Kilian Hebentrost, als Pfarrer zu Platten in Böhmen >ertrieben, ward Bergpre- 
(li^er zu Annaherg und Daniel Kebentrost , Pfarrer in Liebschütz gewesen, erhielt das 
Predigtamt zu JÖhstadt. 

PeltM- Ailker, Geistlirlier aus Böhmen, wurde Pastor zu Schönfeld bei Dresden. 

Joiiaiiii Kirchner. Pfarrer zu llardit/ , wurde Pastor in liermannsdorf und der 
l)ii«irli\vii/er Pfarrer Johann Dresser ward Pastor zu Crinitz bei Oablenj. M. Georg 
Krolschinar , Pfarrer von Plalten, ward Oiaronus in Kirchberg und llarlin Lösi'her, 
Pfarrer von Srlilarkenwald , Pastor m Rabonstein. Der sesit/er Pfarrer .Michael llachl 
bekam das frankenherger Paslorat und Veit A^'rirola , Pastor >on Brix , das /u Maikt- 
neukirciien. 



4} Mi^chke's ric^chirhle von SchAtlewiilde , l^$ f. Brückner im laus Magaxin . tSiO, 
500 n*. Horoll in der \au% Monatsschrift 1797. 6A.1 (T. BnroU fand ni>eli dort dio melan- 
tricli'^ehe bohinisehe Hihrl, ein (iesan^huch. ein K\an^client>urli und yonleHchifk)'» Predigten. 

i s. il ol»rn RtiKefuhrten Schriften von der lehersiedeluiiit in die (»epend von <*erlach»- 
heiiii KaulTfi> (ieschichte Non Geriachsheim. *1 (f. 

3} I)ei*ielben solenne JuhilHa t7ft( s. Acht hut eccl. XMil. nSi 

4) Worhs im laus MaKa/in , Is33. VHi fT. lHi9. Sil. KaufTera nt>erlaus (ieschichte. IV, 
319 Miiliers oherlaus. Heforniation«^e<«chichte HOB Acta htit eccl WHl. HS 4 fT. 

5 trl»er die nun in andre l^nde ge/uKiien (ielehrlen überhaupt ». PelreU Geai'hichlc \uii 
Böhmen II. TTiT fT Edit III 



^68 ^^^ böhmischen Exulanten in Sachsen 

Michael Neidhardt , Pfarrer von Liebenstein , wurde Paslor in Brambach und Theo* 
pbilas Lehmann , Pfarrer von Wischnitz, vvtird als solcher zf Freiberg aDgesteliU 

Der niciasburger Pastor Valentin Witsche] erhiell das Diaconat zn Erbisdoff 
und Georg Martius, Pfarrer von Rlinghardt, das Pastoral in Beiersdorf ^). 

Daniel Fugmann , Pfarrer zu Asch , ward Pastor in Planitz und M. Johann R«p- 
huhn , der in Carlsbad fungirt hatte , Pastor zu Culmitzsch. 

Christoph Flachs, Pfarrer von Hostau, empGeng das leicbwolfrarosdorfer Pastoral. 

Der Pastor von Tetschen Georg Eger wurde Pfarrer in Crostau und Johann 
Roth , im neustädtler Pfarramte gewesen , Pastor in Sadisdorf. 

Johann Jahn, Pfarrer von Platten, kam als solcher nach Kurbitz und Johann 
Andrä , Pa^or von Cadan , gelangte in das Pfarramt zu Geyer. 

Andreas Morus , Pfarrer von Elbogen , wurde Pastor in Marktneukircben und 
Joachim Sextus, Pfarrer von Schlackenwerd , wurde Diaconus zu Zwickau. 

Johann Hertwitz , wohl der zu Prag selbst angestellt gewesene und nach Witten- 
berg geflüchtete Mann, ward Pastor in Dabrun. 

Martin Dohle bekam, nach seiner Absetzung in Böhmen , ein Pfarramt bei Torgau. 

Matthäus Schulze von Schluckenau, 1617 als Pfarrer von Georgswalde fortge- 
kommen, ward 1631 Pastor in Crostau, wagte bald sich wieder nach Schluckenau, 
musste wieder exiliren und ward 1633 Pastor in Sohland. 

Nicht wenige der aus Böhmen exilirten Geistlichen wurden in Sachsen mit 
höheren Aemtern betraut, was gewiss für ihre Würdigkeit und Tüchtigkeit spricht 
und zeigt, wie viel doch Böhmen verloren hat. 

M. Paul Matthesius, aus Joachimsthal (ein Sohn des berühmten Freundes Luthers 
Johann Matthesius, dessen wichtige Schrift über Luther noch jetzt eine neue Auflage 
erlebte und der eine sehr geschätzte Bergpostille verfasst hat), ward schon mit 29 
Jahren Superintendent zu Oschatz. 

Johann Hofstctter, Superintendent zu Eger, 1628 exilirl, empfieng die Ephorie 
zu Annaherg. 

Balthasar Marschner, von Schluckenau exilirt, ward nicht allein Pastor in Berga, 
sondern auch Inspector zu Lössnilz und Schlossprediger zu Hartenstein. 

Michael CÖlius, Pastor zu Bensen (doch schon tSIO — 1526) gewesen, ward 
Hofprediger des Grafen von Mansfeld zu Eislehen und einer der Sprecher bei Luthers 
Begräbniss. 

Christoph Lichtner, von Nimes 164 3 exilirt, wurde Pastor Primarius zu Görlitz. 

M. Samuel Fischer, als Pfarrer von Schlackenwalde exilirt, ward Superintendent 
zu Meissen und zu Oelsnitz, endlich Professor und Doctor der Theologie zu Jena. Dessen 
Bruder, M. Christoph Fischer, ward Generalsuperintendent in Celle und Schriftsteller. 
Ihr Geburtsort war Joachimsthal , wo auch der erstgenannte früher angestellt gewesen 
war. Es hat jene Stadt Joachimsthal dazumal nicht wenig Gelehrte geliefert, was ge— 
wiss ein Zeichen dort herrschend gewesener Intelligenz ist. 

Christoph Friedrich, ebenfalls aus Joachimsthal, ward Superintendent zu Planen, 
jedoch schon t56i. 

Albert Lytlich, aus Joachimsthal, ward Superintendent in Bischofswerda und 
Annaberg, schon 1580. 

Adam Hermann, ebenfalls ein Joachimsthaler, konnte die Ephorie Colditz 
empfangen. 

• Wolfgang Günther, der schon mehrmals genannte Pfarrer von Friediand, ward 
Inspector zu Spandau. 

Johann Habermann (Avenarius), Pfarrer von Falkenau , nach Wittenberg exilirt, 
ward dann Superintendent zu Zeitz und zu Plauen. 

Nicolaus Pohland, Pfarrer von Eger, ward Superintendent in Plauen and Doctor 
der Theologie. 

I> Daselbst waren dann 420 Jahre lan« Maitius im Pfarramte und mehrere andere ge- 
nannte biiiiJ Slaminvüler noch vorhandener Familien. 



von Chr. Ad. Pescheck. 409 

Caspar Zeuner , Pastor zu Komotau , bekam das wichtige Superinlendenlenamt zu 

Freiberg übertragen. 

In der Stadt Zittau waren, seit 1629, drei Pastores Primarii hintereinander Exu- 
lanten, Abraham Menzel, Erasmus Willich und Andreas Cober, jedoch nicht höb- 
mische, sondern schlesische. 

Friedrich DörfTel , Geistlicher zu Heida gewesen, ward Superintendent in Oelsniti. 

Christoph Schreiter, einst Rector zu Joachimsthal, dann Pfarrer in Cadan, starb 
t6.'{8 nls Superintendent in Würzen. Einer seiner Nachkommen war historischer 
Schriristeller im Erzgebirge. 

Der zu Leippa in Böhmen 161 t geborne Michael GotUieb Lehmann ward Pro- 
fessor der Poesie und der hebrüischen Literatur zu Frankfurt, dann Prediger zu St. 
Nicolai in Hamburg, mansfeldischer Hofprediger, Dechant zu Schraplau und endlich 
Pastor Primarius zu Zittau. 

Thomas Schaller, Superintendent in Meinungen, ist zuvor Hofprediger eines 
Schlosses in Böhmen gewesen. 

M. Nicoluus Panek, 1708 Superintendent in Dobrilugk und M. Heinrich Pladek, 
1693 als Pastor zu Wismar verstorben, waren auch aus Böhmen gekommen. 

D. Caspar Eberhard von Gottesgabe ward Generalsuperintondent in Wittenberg. 

Sie^mund %Schererz, Pastor zu St. Nicolai auf der Kleinseile zu Prag gewesen, 
ward Pastor in Lüneburg. 

Der Hofprediger Conrad Blatt in Dresden und der Superintendent Balthasar Ka- 
dem.inn in Pirna waren geborne Böhmen und zwar jener aus Tetschen. 



Was die aus dem Königreiche Böhmen verjagton Gelehrten für kenntnissreicbe 
und Ihätige Männer waren, davon zeugt auch ihr Wirken als Schriftsteller, zu einer 
Zeit, wo in der andern Confession gar wenig geleistet N\ard. 

Zacharias Theobald , von Schlackenwald , leistete ein berühmtes Werk über deu 
Ihissitenkrieg nnil Andreas Christoph Crincsius , der 16 24 als Geistlicher in Nürnberg 
vorslnrl), g;ib «»in syrisches Lexicoii, das erste in Deutschland, heraus. Leben, Ver- 
dienste und Abbildungen dieser beiden Gelehrten giebl der böhun'sche Literatur Pelzel 
in seinem trefilichen Werke über Böhmens alle Gelehrte. 

Paul Skala, von Horze , Exulant zu Freiberg, arbeitete eine grosse böhmische 
Kirchenf;osetnehte aus, deren Manuscript im gräll. waldsleinschen Schlosse zu Dux 
liegt. S. über ihn Pelzels Gesrhichle von Böhmen. H, 760. 

Paul Stransky, zu Pirna, lieferte ein liöhmisrhes Ge.schirhlsuerk. 

Wenzel Nosydio, ebendaselbst, verfasste Denkwürdigkeiten seiner Zeit. 

Georg Dikastus ist ein sehr fleissi^er czechisrher Sehriflslelh^r gewesen. S. Jung- 
maiins (Jesrliirhle der b()hniiselien Literatur, I6i, l.JO, 223 f. 33f. 

H.iN\«'l i\. i. (].illus) y..ilaiisk> , Pfarrer zu Leisehilz bei Kultenberg, schrieb vieL 

S. Jun^fh.ilMI , (iHM. 

Vietorin Wrbensky . einst Pfarrer zu Deutsrhbrod uml in IV.i};, war Verfasser 
vieler Seliiiften. S. Jungmann, 65 4. 

Veit J.ikseh ^.ib 16 47 das K.nitum sanrtnrum und eine Schrift über Matth. Si 
heraus. 

Die.*«e beiden zuletzt^enrirmten haben die so schweren Stunden \or der gio<seQ 
prager Fxeeution 1621 mit den unglücklichen (iefangenen zugebracht. 

Michac/.ek gab eine l)ötimische Schrift über das E\il heraus. 

Habennanns Avenaniis; ascetisrhe Schriften sind so werthvoll, dass ^le K^'g^n- 
wJirli^ nieder Norgesuclit und neu herau*igegel)en werden. 

Jand.i, l^farrer zu Pra^, f:ab heraus: Sieg der triumphirenden Kirche, und zu 
Bautzen lie«*'* or ein .Iru ptrtatt^ «Irucken. 

Der bereits erwühntc Vict(»nn Wrbensky gab auch eine biblische Synopsis, mit 
Vorrede von Troilus, schon 160 1 herau«« und 1614 eine H*trtnnnta rtarHjritca. 

Fat)er, l*farrer in Serowilz , ediile da» Werk Ltbertas rr/ie/iofiu hahttnira 



4 70 Di® böhmischen Exulanten in Sachsen von Chr. Ad. Pescheck. 

Siegmund Schererz leistete die Schriflen : Patientia sanctorum und Vale Fragense. 

Garth edirte : Theohgia Jesuitarum und Acta coUoquii Pragensis. 

Matthäus Crocinowsky (Crocinus) welcher Prediger in Jungbunzlau, Polna und 
Richnow gewesen ist und 1636 im Exil zu Zittau das Buch herausgab: Carceres 
Crociniani. 4 644 gab er die augsburgische Confession böhmisch heraus, auch eine 
Harmonia confessionis bohemicae augustanae. 4 634. 

Paul Cruppius, exilirter Prediger in Zittau, ist der Ueberselzer von Luthers Ka- 
techismus ins Böhmische. 

Fabian Natus (Nutusch, Nathusius) war Orientalist und gab eine hebrSische 
Grammatik heraus. 

Andreas Haberbeschel von Haberfeld war Verfasser mediciniscber Werke und 
einer historischen Schrift über den böhmischen Krieg. 

Paul Geschin von Bezdicz gab Dalimils böhmische Chronik heraus. 

Georg Holyk edirte : Blutige ThrUnen dos Böhmerlandes und Anderes. 

Troilus Hess, als Exulant in Pirna, drucken: Hypomnema diplotnatis ciementissime 
indulti per seienissimum electorem Saxoniae Bohemis Fimae exulantibus. 

Der exilirte Prediger Thaddens in Zittau gab eine Ethica christiana und ein \iel 
angefochtenes Werk: Conciliatorium biblicum, 4 648, heraus. Es war dem Raihe zu 
Zittau dedicirt und fand auf einer Seite so viel Beifall, dass noch 4743 eine neue 
Auflage erscheinen musste. Die Stadt Zittau nennt er einen Schlupfwinkel vor dem 
Anblicke des Verwüsters. 

Besonders genannt zu werden verdient der Exulant Georg Samuel DÖrflel, seit 
4 68 4 Superintendent in Weidn , der in der Geschichte der Astronomie sich einen 
Namen gemacht hat und von dem Kästner sagt, dass er, über Newton, mit Unrecht 
vergessen worden sei. Er war ein sehr verdienter Kometenforscher. Auch entdeckte 
er das nach ihm benannte Gebirge am südlichen Rande der Mondscheibe. 

Vielleicht sind manche jonec Werke nur in Handschriften da. Mehrere solche be- 
sitzt die Stadtbibliothek in Zittau. Die czechischen Schriften der Exulanten sind in 
Jungmanns trefflicher Geschichte der böhmischen Literatur gar wohl beachtet. Die 
meisten sind theologische und historische Schriften. 



iMiK-k \oii Hr('ilko|tr uihI HSrlrl in Leipzig. 



It 



4 





[ 3 2044 019 B14_367_^^[ 




This book ebould be retunmd U 
tlie lilbrary on or berora the last dat 
Bleiinped b«low. 

A flne of fiv» conta a day ib mcurr«' 
by reiaimng »t beyoud tbo apedfi« 
time. 

PleBse returo prompüy. 






^^^^^^^^^^^H^^^^^^^^